09. Woche

Weil ich immer am Freitagabend die Wochenmäander beende, beginnt die Blogwoche am Samstag, und am Samstag tanzte in Ottobrunn Milagros Mengíbar, sangen David Lagos sowie David Palomar und spielten Rafael Rodríguez sowie dessen Tochter Isa Rodríguez. Milagros Mengíbar, eine große Dame des Flamenco, tanzte höchst elegant mit der bata de cola. Es wurde recht schnell klar, warum die bata de cola bei Matilde Coral trapo, also (Putz)-Lappen, heißt: die Schleppe flog und mit ihr der Staub der letzten Bühnenwoche. Früher wurden die Schleppen heftig gestärkt. Heute sind sie mit einem Material gefüttert, das papel* oder tela para cancán heißt.  Was außerdem klar wurde: im Flamenco hat die Tänzerin das Sagen (Ich wusste das, ich habe das so gelernt, aber noch nie so deutlich gesehen wie bei Milagros Mengíbar). Im fin de fiesta tanzte Javier Barón ein pataíta, und ist nun mit fünfzig der Springteufel, der er mit dreißig nicht war. Die Kostüme der Señora waren prachtvoll. Das Oberteil des ersten bestand aus zwei großen, zusammengenähten Dreiecksschals, die sie wie einen Poncho trug. Das wirkt beim Tanzen dramatisch wie ein mantón, aber rutscht nicht dauernd von den Schultern.

Hinterher warte ich fast 40 min auf die S-Bahn und nehme mir wieder einmal vor, nicht ins Umland zu ziehen. Außerdem liegen da immer noch Schneehaufen und es ist beinahe klirrend kalt. Jedenfalls für meine Begriffe; die Bayern hingegen scheinen ja nachts im Kühlschrank zu schlafen und haben wahrscheinlich an Stelle einer Wanne ein Eisloch im Badezimmer. Schön ist aber der Raureif auf den Bäumen.

Die gute Landluft dringt im Vorfrühling bis ins Millionendorf, und nicht nur am Schlachthof, dessen Beinahe -Nachbarin ich bin. Jauche und Mist, Kuh und Schwein sind vier Gründe, warum es hier dann doch nicht zum Szeneviertel gereicht hat. In der U-Bahn höre ich, Giesing sei nun „das“ Szeneviertel, aber was weiß ich schon? Und intessiert mich das eigentlich?

Ein entfernter Bekannter schwingt plötzlich Nazi-Parolen. Ich frage, ob alles o.k. ist und bekomme eine rotzige Antwort. Ich frage – anders formuliert – noch einmal, aber die Antwort auf die zweite Frage ist auch nicht besser.

Nichts für ungut, aber wenn Leute verkünden, sie hätten Salat gegessen, dann muss ich immer an die „Gemiesfrau“ denken, die auf die Beschwerde einer Kundin über eine „Fleischbeilage“ in Form einer Raupe im Salat nur antwortete: Was hot denn des arm Wermsche anneres gesse als Salat! (Wenn das so ist, dann kann man das arme Würmchen ja getrost mitessen.) Das waren noch Zeiten, als im Salat noch Raupen überleben konnten.

Migranten, Migrantenkindern und  Migrantenenkeln stößt die Frage „wo kommst Du her?“ bisweilen übel auf. Hierzu zwei Texte: einmal Ferda Ataman und einmal Cigdem Toprak.

„Knowledge is currency“ sagt Joanne Harris in „Chocolat“ zu diesem Thema, und meint vermutlich, dass es in einer kleinen Gemeinschaft, deren Mitglieder durch vielfältige Beziehungen eng miteinander verbunden sind, von Bedeutung ist, wo Neuankömmlinge zu verorten sind und was man, entsprechend ihrer Position in der Gemeinschaft, von ihnen zu erwarten hat. Außerdem sind Neuankömmlinge immer ein willkommener Aufhänger für Konversation unterschiedlicher Art und Relevanz. Schön ist das nicht immer, aber menschlich allemal. Man sollte nun meinen, in einer sich als offen verstehenden Gesellschaft wie z.B. Deutschland wäre diese Währung nicht mehr erforderlich, aber sind wir nicht alle irgendwie noch Dorfkinder? Oder ist es so vielleicht besser?

Ich plädiere sehr für einen Mittelweg. Freundlich fragen, wenn echtes Interesse und vor allem ein konkreter Anlass vorhanden sind, aber nicht insistieren wie der ungehobelte Herr B. im Artikel von Frau Ataman. Und vielleicht vorher nachdenken, ob dem Gegenüber die Frage eventuell unangenehm sein könnte. Manchmal geht es uns vielleicht auch gar nichts an.

Gelesen: Carlos María Domínguez, Das Papierhaus

*Nein, Papier ist es nicht. Es heißt nur so.

08. Woche

Nicht hinausgegangen, den Sonnenschein zu fangen, aber trotzdem die ersten Schneeglöckchen, Winterlinge und – fern von den Alpen – Alpenveilchen gesehen. Nach München zurückgekehrt, stelle ich fest, dass mir neuerdings ein Katzelöcher folgt. Da hätte ich ja gleich dableiben können. (Willkommen!)

Der Pate wird 83, und so rufe ich ihn an. Ich werde eingeladen, ihn zu besuchen (eine Einladung, auf die ich übrigens schon länger gewartet habe).

Ich stolpere über immer mehr wunderbare Blogs (man muss doch einmal abseits der Kleinbloggersdorfer Elite, ach nein, „Elite“ schauen, da findet man Perlen über Perlen). Nur leider kann ich gar nicht so viel lesen, aber vielleicht fehlt Ihnen noch einer auf Ihrer Blogroll: der Landpfarrer ist sicher lesenswert.

Eine meiner nettesten Blognachbarinnen liest in Karlsruhe. Wenn Sie dann ohnehin in Karlsruhe sind, können Sie sich den Kaffee im Botanischen Garten anschauen.

In einer Mail an einen  britischen Großkunden befleißige ich mich ausgesuchter Höflichkeit. Es antwortet mir der sprichwörtliche Prolet. Kein „bitte“, kein „danke“, sogar die Anrede verkneift er sich in der Antwort, die er mir zukommen lässt. Meine Fragen hat er natürlich nicht beantwortet. Es gibt diese Momente, in denen* ich den Brexit kein bisschen bedauern würde. Mir machen meine oft rotzlöffeligen britischen Kunden ja immer Spaß: zu denen bin ich so höflich, dass man Eis splittern hört. Ein anderer (deutscher) Großkunde schenkt mir Marzipan. Leider wählt der Chef die AfD, aber mit Marzipan bin ich zu korrumpieren… (Lieber den Magen verrenken, als einem AfDler was schenken, oder?)

An den Treppen, wo es zur U-Bahn geht, sitzen die Bettlerinnen. In Schlafsäcke und Decken gehüllt, geblümte Schals oder Kopftücher, lächeln sie um ihr Leben. Wie, frage ich mich, kann man unter diesen Umständen noch den Mut zu einem derart strahlenden Lächeln aufbringen? Gegen Ende des Monats habe ich keine Euros mehr in den Manteltaschen, sondern nur noch 50ct-Stücke. Es sind so viele Bettler, wenn man jedem etwas geben will, bekommt der einzelne weniger.

Beim Tanzen fehlt mir nach wie vor die Inspiration.

Gelesen: Ursula Poznanski, Vanitas – Schwarz wie Erde

*Da stand vorher „indem“, und das war nun wirklich die Autokorrektur, Dunnerstock nochemol!

 

07. Woche

Die Woche beginnt, wie könnte es anders sein, mit Schlaflosigkeiten und Schlaflosgedanken. Der Frühling, der seit Tagen herbeigeschrieben wird und am Wochenende schon von ferne grüßte, hält irgendwo an der Landesgrenze und lässt dem Winter noch einmal den Vortritt, bevor er selbst eintrifft. Herr Ackerbau aber kennt alte märkische Rituale. Vielleicht sollte ich das auch einmal versuchen, zuvor sollte ich aber meine Socken stopfen.

Sprache verändert sich. Das merken Sie, wenn Sie Texte von vor hundert Jahren lesen. Erzwingen kann man da relativ wenig,  und vieles, was ich in den letzten Jahren gelesen habe, scheint mir nicht unbedingt praktikabel. Angela S. Hoppmann hat Ideen, und sie bloggt darüber. (Ob Sie nun die Ideen mögen oder nicht…)

Eigentlich hatte ich ab Februar wieder zwei Mal wöchentlich tanzen wollen, aber geschafft habe ich es nicht. Vielleicht, wenn der Frühling tatsächlich kommt. Mitte der Woche zeigt er sich in Form von Sonnenschein und kleinen rosa Knospen im Büroinnenhof. Am See, so liest man, liegt der Schnee noch hoch. Man sieht auch Fotos und friert in Gedanken. Die Büroheizung ist nun – da es Frühling wird – repariert und heizt den ganzen Tag, nicht nur morgens und am späteren Nachmittag jeweils ein Stündchen. Am Abend esse ich den ersten Krapfen des Jahres. Hierzulande backt man die Krapfen nicht zu Silvester, sondern zum Karneval, und deshalb gibt es eben erst jetzt welche.

[Manchmal schreibt man sich auf einem Blog Dinge von der Seele und löscht sie wieder, bevor man den Eintrag veröffentlicht. So auch hier. Aber erinnern will ich mich doch, deshalb dieser Platzhalter.]

Anderswo feiert man den Valentinstag, was ich mir stets und ohne große Mühe verkniffen habe. Ein netter Mensch sprach mir auf den Anrufbeantworter, ich ihm auch, wir beide wissen, was gemeint ist, und mehr Gedöns um Sankt Valentin brauche ich nicht. (Außer den eingangs abgebildeten Rosen. Für Dich, für die Vergangenheit. Eine Zukunft gibt es ja nicht, jedenfalls nicht so.)

Der Freitag sieht mich die Stadt verlassen. Die Schlaflosigkeit aber hat mich nicht verlassen. Nicht die Schlaflosigkeit und nicht die Müdigkeit.

Gelesen: Hannah Kent, Das Seelenhaus

(Falls Sie hier kommentieren wollen: nicht wundern, freigeschaltet wird erst wieder nach dem Wochenende.)

 

 

06. Woche

 Der Winter ist ein Maler und ein Schelm. Er tupft dicke Flocken auf einen fast weißen Himmel und malt den kahlen Bäumen weiße Blüten. Am Tag darauf zieht er eine strahlend blaue Leinwand auf und lässt davor Schnee und Eis wie Diamanten funkeln. Aber er schubst auch Schneebretter von den Dächern und verfehlt eine gewisse, zum Leichtsinn neigende Passantin nur knapp. Mal ist er grau und beißt in handschuhlose Finger, dann wieder zartrosa vom Sonnenaufgang. An solchen zartrosa Tagen lässt er sich schon mal vom Frühling ins Handwerk pfuschen, wobei der Frühling hierzulande ja eher zum langsamen Erwachen neigt. Ich kannte das anders und habe in diesen Landstrichen erst lernen müssen, dass nicht nur eine Schwalbe noch keinen Sommer sondern auch ein Schneeglöckchen noch keinen Frühling macht. Der Winter ist aber dieses Jahr nicht knickrig; besonders großzügig ist er mit der weißen Pracht. Er lässt die Sonne auf Bürofenster brennen, und ich denke mir, die müssten auch mal wieder geputzt werde. Hinter den trüben Scheiben warte ich auf Nachricht vom See.

Ich beende die Geschichte, wegen der der Risotto anbrannte und denke vage darüber nach, eine andere, die ich als Beitrag zu einer Anthologie eingereicht habe, wieder zurückzuziehen. Dann entscheide ich mich dagegen, denn vermutlich wird sie ohnehin und mit Fug und Recht nicht angenommen. Es hat schon seinen Grund, warum ich bloß Bloggerin bin und keine seriöse Autorin.

Auch denke ich über Blogs nach, über die subjektive und die objektive Wahrheit und auch darüber, was man besser für sich behalten hätte. Andere denken anders.

Den Twitter-Account stelle ich auf privat. An den sich ständig wiederholenden, freud- und fruchtlosen Diskussionen bin ich nicht mehr interessiert. Ich folge / mir folgen mehr als genug Leute –  ich weiß schon nicht mehr, wer wer ist. Ja, die Anzahl von 312 Followern ist lächerlich, aber eben doch schon zu viel für mich. Man unterhält sich ja tatsächlich nur mit wenigen, und ich bilde mir nicht ein, dass das, was ich twittere, irgendeine Wirkung auf irgendetwas oder irgendwen hat.

In die Blumenkästen werde ich Stinkelieserchen (Tagetes) pflanzen. Die blühen lange und die Bienen mögen sie auch. Es gibt anscheinend sogar essbare Arten. Die Tür quietscht wieder, nach all den Jahren. Quietschen ist ein seltsames Wort. Eigentlich müsste man es „Kwiiieeetschen“ schreiben.

Für Gedichte habe ich sonst nicht viel übrig, aber für dieses hier schon: In der Winternacht.

Im Zeitalter der Zugbindung kann man so kaum noch reisen, außer man möchte viel Geld ausgeben. Die Zeiten der Leichtfertigkeit sollen wohl vorbei sein, übrigens nicht nur beim Reisen. Oder wann haben Sie zum letzten Mal nicht auf ihre Sprache geachtet?

Ein Pfarrer, ein Zivi und Aids.

Frau Quercus kannte ich bisher nur durch ihre klugen Kommentare bei Herrn Ackerbau. Schauen Sie doch einmal hinein. Ich selbst habe leider schon wieder mehr auf meiner „Rolle“ als ich lesen kann.

Gelesen: Ursula Krechel, Shanghai fern von wo.

(Für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, jede Woche ein mir bis dahin unbekanntes Buch zu lesen. Die Bücher der letzten Wochen habe ich in den jeweiligen Wochenmäandern nachgetragen. Die Einträge sind nicht in jedem Fall Empfehlungen, denn manchmal erwischt man  auch Bücher, die man bei näherer Betrachtung lieber nicht gekauft hätte. Irgendwelche Fragen zu den Büchern? Gerne per Mail an geschichtenundmeer@t-online.de) 

 

 

Armut

Ein Mann um die Sechzig, weder abgerissen noch schmutzig, aber durchaus ärmlich gekleidet, nähert sich zwei Hipstern (sagt man noch Hipster?) in der U-Bahn. Höflich fragt er, ob er die Zeitung, die zwischen den beiden auf dem Boden liegt, aufheben dürfe. Es ist nicht die Bildzeitung, es ist eine Zeitung mit viel Text und wenigen Bildern. Die Hipster starren ihn an und geben ihm die Erlaubnis. (Sie hätten die Zeitung auch aufheben und ihm reichen können, aber vielleicht sitzen ja die Zacken in ihren Kronen sowieso schon locker. Vielleicht sind sie aber auch nur jung, dumm und ungehobelt wie so viele hierzulande.)

„Ob der die wirklich liest?“  „Kannst Du sehen, was der damit macht?“

Es gibt viele Leute, die sich keine Tageszeitung leisten können, möchte ich den beiden Hipstern sagen. Leute, denen es vielleicht früher einmal ebenso gut gegangen ist wie Ihnen oder mir. Aber ich sage nichts. Es nützt ja doch nichts.

Frau B und Fräulein A

Frau B, Mitte 50 und bis vor kurzem in einer Autobahnraststättenküche beschäftigt, ahnte nichts Böses, als sie die Küche des vage asiatischen Imbisslokals betrat. Fräulein A, vage asiatisch und irgendwo zwischen zwanzig und dreißig oder eher doch etwas darüber, ahnte sehr wohl Böses, als sie Frau B betrachtete, die  – vom Arbeitsamt gesandt – sich an diesem Tag um eine Stelle als Küchenhilfe bewerben sollte.

„Ich hoffe, Sie können wenigstens Reis kochen!“ zischte sie und deutete auf die dunkelste Ecke der Küche. „Natürlich!“ schnauzte Frau B und nahm ihren Arbeitsplatz in Augenschein. Was sie sah, gefiel ihr gar nicht: Küchengerätschaften, die sie nur vom Hörensagen kannte, Regale voller Gläser und Dosen, die auf eine Weise beschriftet waren, die sie verwirrte, und die noch dazu Dinge enthielten, die sie gar nicht kennen wollte. Und natürlich Fräulein A, die – klapperdürr und freudlos – auf keinen Fall eine fähige Köchin sein konnte. Unnötig zu sagen, dass Frau B den Reis absolut nicht zur Zufriedenheit von Fräulein A kochte. Ebenso unnötig wäre allerdings der Hinweis, dass Fräulein A mit ihrer Nörgelei sämtliche Küchenhilfen einschließlich einer schüchternen japanischen Studentin vertrieben hatte, wobei die ansonsten so schüchterne japanische Studentin zum Abschied eine Suppenkelle haarscharf am Ohr des Fräulein A vorbeisausen ließ. Auch schüchternen japanischen Studentinnen reißt irgendwann einmal der Geduldsfaden.

Einen einzigen Punkt gab es jedoch, in dem sich Frau B und Fräulein A einig waren: Sauberkeit und Ordnung. Beide betrachteten Präzision als unabdingbar für eine anständige Küche, und ohne Sauberkeit und Ordnung gab es keine Präzision. Frau B brachte eigenmächtig eine helle Lampe über ihrem Arbeitsplatz an. Fräulein A quittierte dies nur mit einer kaum hochgezogenen Augenbraue, denn sie wollte sich kein zweites Mal sagen lassen, dass man in ihrer Küche weder mit den Augen noch mit dem Hintern sehen könne. Fräulein A ließ Frau B die Schriftzeichen auf den Gläsern und Dosen mit den unabdingbaren Zutaten auswendig lernen. Um sicher zu gehen, dass Frau B sich nicht nur die Position der Behälter gemerkt hatte, mischte sie Gläser und Dosen mitunter neu, obwohl das natürlich etwas ist, was man in einer Küche besser nicht tut, denn Köchin und Küchenhilfe müssen blind ins Regal greifen  und sofort das richtige Gewürz in der Hand haben. Frau B hatte zwar Mühe, sich die laut Fräulein A einzig richtige Art des Reiskochens anzugewöhnen. Was sie aber fast sofort beherrschte, war die Verwendung der fremden Gewürze. Das wiederum war kein Wunder, denn Frau B stammte aus einer Gegend, in der Jahrhunderte zuvor zwei sehr unterschiedliche kulinarische Kulturen aufeinander getroffen waren. Aus diesem Zusammenstoß war eine gleichzeitig kräftige und raffinierte Küche entstanden, in deren Rezepten und Verfahren Frau B sich von Kindesbeinen an geübt hatte. Da Frau B Fräulein As Sprache und Schrift nicht kannte, wiederholte Fräulein A Zutaten und Rezepte immer wieder auf Deutsch, und Frau B tat gut daran, sich beides zu merken. In der Tat merkte sie sich diese Dinge so gut, dass sie Fräulein A vertreten konnte, als die wegen einer Operation mehrere Wochen ausfiel. Fräulein A hatte zwar insgeheim Albträume, denn Frau B war mitunter auf eine Art kreativ, die dem traditionsverbundenen Fräulein A gar nicht gefiel. Trotzdem waren, als Fräulein A wieder auf den Beinen war, sämtliche Stammgäste noch da. Dennoch unterband Fräulein A jegliche Freiheiten, die Frau B sich mit dem Menü herausgenommen hatte. Obwohl das Lokal nur vage asiatisch und sehr auf den Geschmack der einheimischen Bevölkerung ausgerichtet war, hatten Rindswürste dort nichts zu suchen, nicht einmal, wenn sie in hauchfeinen Streifen zu einer raffinierten Füllung verarbeitet worden waren. Nicht einmal, wenn es sich um die nachweislich besten Rindswürste des Landes handelte.

Herrn C hatten die Teigtaschen mit der Rindswurstfüllung geschmeckt. Aber Herr C war ohnehin ein Sonderfall. Jeden dritten Tag, außer am Wochenende, sah man ihn am zweiten Tisch am Fenster zur Straße sitzen. Das Fräulein A, das er seit Jahren ebenso innig wie hoffnungslos liebte, erlaubte ihm, die Bücher des Lokals zu führen, denn der klare Kopf, den sie in der Küche bewies, ließ sie angesichts einer Reihe von Zahlen im Stich. Auch Frau B wäre, was Zahlen betraf, alles andere als eine Hilfe gewesen. Eine von LKW-Fahrern aus aller Welt frequentierte Autobahnraststätte pleitegehen zu lassen, ist keine Kleinigkeit und konnte im Falle von Frau B nur mit einem völligen Mangel an mathematischem Verständnis erklärt werden. Herr C aber lebte für Zahlen, und deshalb betrachtete er die Aufgabe, die das Fräulein A ihm übertragen hatte, nicht als eine Aufgabe, sondern als Geschenk. Teil des Geschenks, und womöglich sogar der größere Teil, war natürlich das Lächeln, mit dem Fräulein A die auf Vordermann gebrachten Geschäftsbücher in Empfang nahm. Dieses Lächeln verwandelte das scharfzüngige Fräulein A in eine blühende Rose, jedenfalls in den Augen des Herrn C. Andere hätten die etwas schief stehenden Zähne des Fräuleins bemerkt, ihr leichtes Schielen oder die scharfen Falten um ihre Mundwinkel herum, aber für Herrn C waren ohnehin nur Primzahlen vollkommen. Auf dieser Welt war Fräulein A möglicherweise das lebende Wesen, das einer Primzahl am ähnlichsten war. Aber ach, die Primzahlen genügen sich selbst, wie auch das Fräulein A. Dachte das Fräulein A.

Herr C aber dachte anders. Herr C dachte, das Fräulein A gäbe eine gute Ehefrau und liebevolle Mutter ab. Er war wohl der einzige, der das dachte. Vielleicht ahnte Frau B auch so etwas, aber sie sagte es nicht. Das schroffe und scharfzüngige Fräulein A musste jedoch erst überzeugt werden, und sie hatte nicht die Absicht, dies geschehen zu lassen. Ich weiß nicht, ob es dem Fräulein A anfangs überhaupt bewusst war, dass Herr C um sie warb. Als er schließlich deutlicher wurde, lehnte sie rundheraus ab. Sie wollte nicht Frau C werden. Tatsächlich bestand sie auch mit über dreißig Jahren darauf, „Fräulein“ genannt zu werden. Der Begriff „Fräulein“ war die Fahne ihrer Unabhängigkeit, die sie stolz vor sich her trug. Frau B, obwohl gleichermaßen unverheiratet und unabhängig, fand das albern, aber auch das sagte sie nicht.

Kurz und gut, auch wenn ich mein verehrtes Publikum enttäusche: Fräulein A und Herr C heirateten nicht. Nie. Aber sie besuchten einander regelmäßig. Herr C sorgte dafür, dass die finanziellen und juristischen Verhältnisse des vage asiatischen Lokals etwaigen Anstürmen des Geschäftslebens gewachsen waren. Frau B investierte eine kleine Erbschaft, die ihr in jenen Jahren zufiel, und aus dem vage asiatischen Imbisslokal wurde ein gut geführtes chinesisches Restaurant, eines, das sogar von den chinesischen Familien des Ortes gerne aufgesucht wurde. Als Frau B das Rentenalter erreichte, war sie stille Teilhaberin. Herr C hängte ihr Foto – als Foto der „Chefin“ – im Gastraum auf. Das war Frau B zwar ein wenig peinlich, aber sie nahm es hin. Auch Fräulein A nahm es – klug, wie sie nun einmal war – hin. Die mütterlich wirkende Frau B war ein besseres Aushängeschild für das Restaurant als das primzahlartige Fräulein A, das war allen Beteiligten bewusst.

So lebten sie, das wollen wir doch hoffen, glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute. Aber die Geschichten, das muss man wissen, sind nie die ganze Wahrheit. Nicht einmal, wenn sie von viel besseren Menschen als mir erzählt werden. Oder zumindest von solchen, die sich dafür halten.