02. September 2018

TmM hat mir einen neuen Router geschickt. Der muss wohl funktionieren, denn das Internet geht. Nur leider kann ich immer noch nicht telefonieren. TmM hat aber schon mitgeteilt, die Störung sei behoben. Das ist doch nett von TmM.

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Ein Gespräch auf Twitter über Drogendealer. Ich habe mich ja als Kind und auch noch als Jugendliche unter Frankfurter Drogendealern und -konsumenten bewegt wie ein Fisch im Wasser. Die gingen ihren Geschäften nach, ich meinen. Gewalttätig wurde nie einer. Aber das war eine andere Stadt und andere Zeiten und ich, wie gesagt, war ein Kind. Vielleicht erlebt es jemand, der erwachsen ist, ein „alter weißer Mann“ in einer anderen Stadt, zu einer anderen Zeit tatsächlich anders. Ich hatte sicherlich Welpenschutz. Und dann denke ich, vielleicht kennt der Mann das doch alles nur vom Hörensagen.

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Auf dem Friedhof entdecke ich doch immer wieder Neues, heute äußerst missmutige Löwen. Ich fürchte jedoch, Sie und ich wären auch missmutig, trügen wir je eine Säule auf unseren Nacken, und müssten wir mit diesen Säulen auch noch einen Grabstein stützen.

 

 

01. September 2018

Um halb drei am Morgen wache ich auf. Es regnet noch immer, aber nicht einmal der Regen kann mich wieder in den Schlaf singen. Früh um fünf duftet die Straße, um halb sechs mischen sich schon wieder Abgase in den Regenduft, der noch nicht herbstlich ist. Wie denn auch, am ersten September?

Zur Feier des Tages Meersalzbutterbrot mit Aprikosenmarmelade, eine unvergleichliche Kombination aus süß und salzig. Danach Einkaufen, wobei ich fast von einer Luxuskarosse überfahren werde. So viel zum Thema „Großstadtradeln“. Nach dem Einkaufen lege ich mich wieder hin und schlafe fast bis mittags. Weitergelesen im empfohlenen Buch (siehe 31. August 2018). Suppe gekocht, ein bisschen getwittert.

Flamenco getanzt; die Farruca und die Tientos nehmen endlich Form an. Zu Hause dann in den WordPress-Reader geschaut und erfahren, dass Juna vom Blog Irgendwie Jüdisch unter die Autorinnen gegangen ist.

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Ich frage mich, wieso mir das Tagebuchbloggen zur Zeit ein Bedürfnis ist. Herr Buddenbohm hat vor einiger Zeit angeregt, dass wir wieder damit anfangen sollten. Tagebuchbloggen hat aber etwas von Selbstbespiegelung, mitunter sogar von Selbstbeweihräucherung, was mir eigentlich unangenehm ist, zumal in meinem Leben derzeit ja so gut wie nichts passiert. Arbeiten, essen, schlafen, ein bisschen lesen, ein bisschen tanzen. Manche Dinge, z.B. Fortschritte und Rückschläge beim Tanzen, möchte ich wenigstens in Stichpunkten festhalten. Das Blog ist anscheinend zur Zeit ein Sudelheft. Ich spare mir damit die Zettel, die dann doch verloren gehen, die unzähligen angefangenen und nie vollgeschriebenen Notizbücher zu den verschiedenen Themen meines Lebens. Das eine Notizbuch, das man gerade braucht, ist ja immer woanders, wohingegen das Blog stets zugänglich und immer problemlos zu finden ist. Außerdem nimmt das Blog keinen zusätzlichen Platz im Regal weg. Andererseits wird das Blog ja doch von einer Handvoll Leute gelesen, so dass ich – anders als in einem Tagebuch, das daheim im Regal verstaubt – nicht völlig offen und ehrlich schreiben kann. Ich bin ziemlich sicher, dass ich meine Leser_innen mitunter langweile. Aber Sie müssen hier ja nicht lesen.

 

Fundbüro geschlossen

Bis auf weiteres gibt es hier keine Fundsachen mehr. Ich weiß, viele von Ihnen kamen nur deshalb hierher; an den Samstagen waren die Zugriffszahlen immer erheblich höher als sonst. Sicher werde ich ab und zu Lesenswertes verlinken, aber nicht mehr regelmäßig und nicht  mehr geballt. Ich mag gerade nicht mehr. Genießen Sie den Herbst. Trinken Sie Tee oder heißen Kakao, backen Sie Kuchen oder stricken Sie sich etwas Warmes. Schauen Sie hinaus in den Regen und denken Sie an Ihre Lieben in der Ferne. Dazu sind Regentage da.

31. August 2018

Vor der Arbeit kaufte ich noch schnell ein Buch auf Empfehlung Dann bewegte ich mich bei strömendem Regen ins Büro, wo der Schirm lag. Da lag er gut und wurde zumindest nicht nass.  

Im Büro eingetroffen, erfuhr ich von einer Veränderung der Struktur des Einsatzplans, die zunächst einmal vorteilhaft erscheint. Der Flurfunk teilte mit, es gefalle den oberen Etagen nicht, dass meine Bürotür häufig geschlossen ist. Das ist sie, weil Teile des werten Kollegiums nicht mit dem Konzept „Zimmerlautstärke“ vertraut sind und ich mich infolgedessen selbst nicht mehr denken hören kann. Nicht mir gegenüber, aber doch so, dass ich es hören konnte, wurde moniert, dass die Gruppe der bürointern Ausgegrenzten, zu welcher ich sicher zu zählen bin, gestern auf dem Gang lachte, ohne dass der innere Zirkel wusste, worum es ging. Tja, so fühlt sich das an. Vor den Glasscheiben des Bürokäfigs rauschte der Regen. Sobald die zeitweilige Bürogenossin sich verabschiedet hatte, kippte ich das Fenster vor meinem Schreibtisch und genoss das Rauschen. Die firmeneigene Technik versagte bereits mittags. Leider war die firmeneigene IT-Abteilung schon kollektiv ins Wochenende entschwunden, so dass wir wie in der Branchen-Steinzeit mit Landkarte und Telefonbuch arbeiten durften. Da mir inzwischen in beruflicher Hinsicht fast alles egal ist, trug ich das mit mehr Fassung als gewöhnlich.  

Der Kalender des ehemaligen Kollegen, der nun Rentner ist, liegt immer noch herum und niemand will die imposanten Meeresportraits haben. Ich auch nicht, denn darauf erkenne ich keines meiner Meere wieder. Sie können mir sagen, dass das Meer immer gleich sei – auch ich habe das einmal behauptet – aber ich sage Ihnen, das ist gelogen. Die Ostsee schmeckt anders als das Mittelmeer und die Farbe des Ärmelkanals ist eine andere als die des Atlantiks vor Frankreich. 

Ich mag, wie Sie wissen, die Rosenblatts sehr. Sie haben wieder einmal einen klugen Text geschrieben.

 

 

29. August 2018

I.

Man sagte mir kürzlich, ich müsse auch meine nicht kommerziellen Rezensionen (siehe Schublade  „Bücher lesen“) als „Werbung“ kennzeichnen. Dazu habe ich keine Lust, deshalb ist die genannte Schublade  jetzt leider sehr leer und wird auch bis auf weiteres nicht mehr gefüllt. Aber was soll das werden, wenn ich hier nicht mehr über Bücher, Museen, Kino o.ä. schreiben kann, ohne dass man mich der Produktwerbung verdächtigt?

II.

TmM, über den ich bereits hier und hier schrieb, rief mich heute zum 2. Mal an, um zu erfahren, ob die Störung meines Festnetzanschlusses denn nun behoben sei. Wahrheitsgemäß verneinte ich dies und erwähnte auch gleich, dass der schon beim ersten Kontakt mit TmM versprochene neue Router noch nicht angekommen sei. Es stellte sich heraus, dass nicht einmal der Versand in Auftrag gegeben worden war. Der Herr Sachbearbeiter konnte sich von der Störung selbst überzeugen, denn ich hatte ihn extra vom gestörten Festnetzanschluss aus zurückgerufen. Ein Handy habe ich übrigens erst seit der vorigen Störung, denn mit einem IP-Anschluss von TmM braucht man anscheinend eine Ausweichmöglichkeit. Zumindest hat der Herr Sachbearbeiter dieses Mal nicht versucht, mir einen neuen Tarif anzudrehen und mir diesen mit 60 Freiminuten schmackhaft zu machen. (Ich habe eine Flatrate.)

III.

Herr Chef berief gestern eine Gruppenbesprechung wegen der unhaltbaren Zustände in der Abteilung ein. Am Tag zuvor hatte er mich noch niedergemacht und mir Unehrlichkeit, Nörgeln sowie mangelnde Belastbarkeit unterstellt. Gestern nun übernahm er meine Kritik nahezu vollständig und stängelte sich herum, als sei sie in seinem persönlichen Mistbeet gewachsen.

Vorgesetzte hassen mich übrigens, weil ich so gut wie nicht korrumpierbar bin, was eine Seltenheit in einer zutiefst korrupten Branche ist. (Also, zumindest ist noch kein Chef oder Kunde auf den Trick mit der Kiste Marzipan gekommen.)

IV.

Dann war da noch dieses Paar in der U-Bahn. Der Frau bin ich schon einige Male begegnet. Ihrem Aussehen nach muss sie aus dem Mittelmeerraum stammen. Sie wirkt immer ebenso erschöpft wie ich mich fühle. Heute war sie in Begleitung eines Mannes, eines todmüden, schweigsamen Malochers. Auch sie sprach auf dem ganzen Weg kein Wort, lächelte nur schwach, als sie mich sah. Als sie aussteigen mussten, nahm sie mit einer unendlich zärtlichen Geste seine Hand und geleitete ihn zur Tür.

V.

Der geschätzte Blognachbar schreibt wieder. Zwar schreibt er über Fahrräder, und Fahrräder interessieren mich nicht die Bohne, aber er kann das so gut, dass ich es trotzdem lese.

 

Am See: Düstere Gedanken

Vor düsteren Gedanken an den See fliehen wollen hilft nichts, denn die Gedanken kommen mit. Der Wald kann sie nicht schlucken, das Wasser nicht wegwaschen, die Füchse sie nicht fressen. Außerdem sind im Wald Leute, und meine düsteren Gedanken und ich mögen keine Leute. Ich bin todmüde – das kommt davon, wenn man nachts nicht schläft. Unter diesen Umständen ändere ich meine Pläne und schlendere nur ein wenig am See herum. Erst am Bergfriedhof vorbei in Richtung Niemandsbichl, dann ein Bogen zwischen Viehweiden, wo der Spitzwegerich wächst und gedeiht, als sollte es nach diesem niemals wieder einen Sommer geben. Mehlschwalben sitzen auf Stromleitungen, dunkelbraun geflecktes Vieh erinnert mich an meinen Großvater, der eine seiner Lieblingskühe Katharina von Bora nannte; einen Bauwagen mit abenteuerlicher Bemalung verdächtige ich, Teil einer längst obsoleten Dorfdisco gewesen zu sein. Ein Wegweiser verweist auf einen Wanderweg, den mir ein Feuerwehrmann einmal empfohlen hatte, aber ich folge ihm nicht, denn ich habe die Wanderkarte nicht dabei und bin mir nicht sicher über die Entfernung. An der Neureuth haben sich dicke graue Wolken verhakt. Ich gehe nicht hinauf, denn ich befürchte einen Regenguss. Im Wald sind noch ein paar kleine, zuckersüße, nahezu blauschwarze Brombeeren übrig. Nur einen winzigen Schmetterling sehe ich, aber er ist zu schnell verschwunden, ich kann nicht sehen, was es für einer ist. Meinen Lieblingsaussichtspunkt lasse ich links oder vielmehr rechts liegen, denn dort sind – Sie haben es sicher erraten – Leute. Statt dessen schlendere ich weiter Richtung Tegernsee, aber weder auf dem Weg dahin noch im Ort selbst bekomme ich viel von meiner Umgebung mit. Neben dem Schild, das verbietet, Schutt oder Gartenabfälle abzuladen, prangt ein riesiger Haufen aus eben diesen. Auf dem Weg zu einer der Schiffsanlegestellen begegnen mir mehrfach  Pariser Schuhe an Bornheimer Füßen. Der See selbst ist heute aus türkisgrünem Milchglas. Auf dem Schiff, das mich an den Ausgangspunkt meiner missgelaunten Schlenderei bringt, unterhalte ich mich mit dem Kartenverkäufer über Trockenheit und Regen. Anscheinend ist die Landwirtschaft am See nicht allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen worden. Darüber bin ich froh, denn ich hänge an den seltsamen Leuten hier am See, von denen eine ganze Menge noch von der Landwirtschaft lebt. (Der Kartenverkäufer hat mir schließlich mit seiner Freundlichkeit die schlechte Laune vertrieben. So etwas können sie, da am See.)

 

 

Fundsachen 44 (die Twitter-Edition)

Ich bin ja sehr stolz, dass eine der Mütter des Grundgesetzes, und zwar ausgerechnet die, welche die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ins Grundgesetz brachte, wie ich selbst in Kassel geboren wurde. (via @SenorFuck auf Twitter)

Ein paar wahre Sätze zur Debattenkultur.  (via @stedtenh0pp1A auf Twitter)

Ein paar Gedanken zum Rechtspopulismus. (via @littlewisehen auf Twitter)

Rassismus im Beruf. Kann ich so bestätigen, rein durch Beobachtung meiner Kolleg_inn_en im derzeitigen Büro.  (via @habibitus auf Twitter)

Nicht via Twitter, aber extra für die dubiose Dame: Kirchenkunst. (Wo das herkommt, gibt es noch mehr davon, also leben Sie Ihre Obsession mit mir ruhig aus, Madame.)

Eigentlich hatte ich diese Fundsachen schon fertig, da kam Juna mit einem Text, den Sie unbedingt lesen sollten, auch wenn Sie sonst keinem Link hier folgen. Tuet auf die Pforten.

Auch nicht via Twitter: tanzen, als ob niemand zusähe. (Schöne, sehr persönliche Sevillana. Mir sind allerdings die Arme oben etwas „zu kurz“. Das ist der eine Punkt, wo ich vom traditionellen Flamenco abweiche. Ich habe kurze, dicke Arme, ich kann mir nicht leisten, sie nicht zu strecken.)