Geschichten und Meer

Die gnädige Frau wundert sich.


Hinterlasse einen Kommentar

52. Woche

Frohe Weihnachten sowie pan, amor y pesetas für die geneigte Leser_innenschaft.

Sollten Sie mit Ihren Plätzchen nicht ganz zufrieden sein: Mein Bruder nannte meine Bethmännchen auf die ihm eigene, charmante Art „Pannenmännchen“, und zwar noch bevor er eines probiert hatte. (O.k., in Ermangelung von Mandeln Walnüsse zur Verzierung der letzten Reihe auf dem Blech zu verwenden war wohl nicht die beste Idee.)

Christus wurde in Palacagüina geboren, und zwar als Sohn des Tagelöhners José und der Wäscherin María.

Eine Weihnachtsgeschichte. Und noch eine Weihnachtsgeschichte


3 Kommentare

51. Woche

Bitte lesen Sie das: über Abtreibung und das Verbot von „Werbung“.

Über den neuen Editor in WordPress schreibt meine tocaya bei den Netzialisten: Gutenberg  .

„Tocaya/o“ bezeichnet übrigens eine Person, die denselben Vornamen hat wie man selber, und ist – wie auch „prima/o hermana/o“ (Cousin/Cousine mütterlicherseits) – eines dieser spanischen Wörter, die ich unbedingt  ins Deutsche übernehmen möchte.

Aus gegebenem Anlass: Bethmännchen stellt man aus Marzipanmasse und Mandeln her. Aus sonst nichts. Falls Sie in Frankfurt wohnen: die Marzipanmasse vom Gewürzhaus S. ist die beste. Falls Sie nicht in Frankfurt wohnen, nehmen Sie die Lübecker Marzipanmasse. Sie können die Marzipanmasse selbst machen. (Sie können sich aber auch ein Klavier ans Bein binden und Polka tanzen.) Eigelb zum Bestreichen ist akzeptabel, aber schweinchenrosa Zuckerguss nicht. Ansonsten will ich mal nicht so sein und Ihnen den ultimativen Bethmännchentrick verraten: Vergessen Sie den Puderzucker beim Formen der Marzipankugeln. Stattdessen verreiben Sie ein paar Tropfen Rosenwasser auf den Handflächen. Dann klebt es nicht so. Paradoxerweise kleben aber die Mandeln an den mit Rosenwasserhänden geformten Kugeln besser. (Diesen Trick haben Sie nicht von mir. Wenn Sie mich verpfeifen, werde ich vermutlich unter wüsten Beschimpfungen aus der alten freien Reichsstadt gejagt.)

Für den einen oder die andere kann Weihnachten mit der Familie schwierig sein. Bevor Sie aber die Axt ansetzen und diesen Tipp beherzigen müssen

hilft vielleicht doch dieses (leicht unanständige) etwas andere Weihnachtslied.

Die letzten Jasminblüten auf dem Balkon sind nun erfroren. Herr P., der in einem ganz eigenen Elfenbeinturm zu leben scheint, pocht auf sein Recht auf Geschwindigkeitsrausch. Der Freund, der kein Freund ist, ist loyal. Das muss er sein, und auch dafür schätze ich ihn. Die Mutter des besten Ex der Welt hat mir ein Amulett gegen den bösen Blick geschenkt. Nicht, dass ich daran glaube, aber die Geste gefällt mir. Dass da jemand ist, der möchte, dass ich beschützt werde. Viel ist die Rede von Geschichten. Ich bin altmodisch: in ein Blog gehören Geschichten, in die Zeitung gehört die Wahrheit, aber ich weiß natürlich auch, dass es manchmal nicht die Wahrheit, sondern nur Wahrheiten gibt. In diesen Fällen wäre es wünschenswert, dass alle Wahrheiten beleuchtet würden.

So geht das Jahr zu Ende.


12 Kommentare

50. Woche

Da ich ohnehin in der Gegend bin, mache ich einen Abstecher zum See. Es regnet, aber die freiwillige Feuerwehr und die katholischen Landfrauen bieten unverdrossen Glühwein und Wollsocken feil. Ich kaufe ein herzförmiges Lavendelsäckchen aus Dirndlstoff. Auf die Socken muss ich verzichten, denn ich habe nur ein paar Euro eingesteckt. Im Vorraum der Kirche ist eine Landschaft mit Krippe aufgebaut. Ein mittelalter Herr streicht knapp an mir vorbei und spuckt nach landestypischer Art im allerletzten Moment ein „Grüß Gott“ aus dem Mundwinkel wie einen Priem. Wie jedes Mal bin ich zu verdattert, um zu antworten. Ludwig Erhard trägt eine rote Zipfelmütze. Ob Thomas Mann auch eine bekommen hat, weiß ich nicht. 

Frau Mutter beschwert sich, dass der Weihnachtsbaum, den sie vor Jahren im Topf gekauft und nach Weihnachten in den Garten gepflanzt hat, zu sehr gewachsen sei und ihm „die Lichterkette nur noch bis zu den Knien“ gehe, was ja doch zu dumm aussehe. 

Der Balkonadventskranz bekommt Teelichte in kleinen Marmeladengläsern. Das sieht sehr  viel schöner aus als die dicken, roten Kerzen, die ich zuerst aufgestellt hatte. In der Stadt haben die Zierkirschen an einigen geschützten Stellen wieder angefangen, zu blühen. Dann fällt Schnee. Wäre ich eine kultivierte Japanerin, schriebe ich ein Gedicht. 

Im Büro häufen sich die Krankheitsfälle, wodurch ich zu einer Extra-Notruf-Spätschicht komme. Haben andere auch ein schlechtes Gewissen, wenn sie den Vormittag über frei haben? Ich habe immer das Gefühl, die fleißigen Angestellten schauen mich böse an, wenn ich früh morgens nicht ins Büro renne. Komme ich hingegen abends spät nach Hause, fühle ich mich wie eine Herumtreiberin, die bis in die Nacht hinein gesoffen hat. Vermutlich hat man mir ohnehin längst einen liederlichen Lebenswandel angedichtet. Wandelte ich tatsächlich liederlich durchs Leben, sollte ich mich vielleicht mit der Dame von Unterwelt zusammentun, die nebenan wohnt und demnächst in den Ruhestand tritt. Vielleicht könnte ich ihr Geschäft übernehmen, wer weiß. Aber ich habe kein Talent zur Geschäftsfrau und schon gar nicht zur Dame von Unterwelt.

Zum ersten Mal seit gut eineinhalb Jahren habe ich wieder Lust, zu schreiben. Ja, ich habe in der ganzen Zeit weitergeschrieben. Die Texte waren auch danach. (So eine Geschichte wie damals die eine über die Sachsenhäuser Taschendiebin kriege ich nie wieder hin.)

Eine Frage an das hochverehrte Publikum: Geht Ihnen das eigentlich auch so? Sie stoßen zufällig auf ein WordPress-Blog, dem Sie nicht via WordPress folgen; Sie finden einige Texte wunderschön, aber Sie können weder Likes vergeben noch kommentieren?

Die Kistenmetapher gefällt mir. Und das hier über einen jovialen und freundlichen Mann.


Ein Kommentar

49. Woche

Ein Besuch in einem Museum führt mir meine Bildungslücken vor Augen. Nicht nur die griechische Mythologie, auch die Theologie und sogar die Commedia dell’arte erweisen sich als Landkarten voller weißer Flecke. Mir wird fast schwindelig zwischen barocken Elfenbeinschnitzereien in einer Fülle, wie ich sie noch nie gesehen habe. Kräftige Nymphen verraten mir, dass eine Figur wie die meine zumindest im Barock ihre Liebhaber hatte. Überhaupt scheint es, als hätten die Künstler und Kunsthandwerker eine große Liebe zum menschlichen Körper in allen seinen Formen in sich getragen. Aber am meisten freue ich mich ja, wenn ich neue Wörter lerne: „Beinschneider“ ist eine Berufsbezeichnung, die mir gefallen könnte, wenn sie auch für heutige Ohren etwas makaber klingt.  Auch Fürstensöhne drechselten Elfenbein, aber für die war es eher ein Zeitvertreib. Ob sie sich mit ihren Fähigkeiten hätten über Wasser halten können, wenn man sie anlässlich einer Revolution davongejagt hätte?

Viel Porzellan, darunter eine Schokoladenkanne, die den Griff an der Seite hat. Ein Teeservice lässt vermuten, dass man den Tee zunächst sehr stark kochte. Man servierte ihn in einer für heutige Begriffe winzigen Kanne. Eine zweite Kanne, geformt wie unsere heutigen Kaffeekannen, enthielt heißes Wasser, das hinzufügen konnte, wem der Tee zu stark war. Aus heutiger Sicht kann man dem Barock wahrscheinlich einen gewissen Hang zum Kitsch  nicht absprechen. Vielerlei wunderbare Scheußlichkeiten, die in der Ausstellung auch zu sehen waren,  kannte ich aus den Beständen einer Großtante, allerdings nicht als Original, sondern als vermutlich preisgünstige, italienische Kopie. Ausgiebig fotografiert hat übrigens schon Petra, die am Bloggerwalk teilgenommen hat. Deshalb erzähle ich an dieser Stelle nicht weiter, sonst würde ich heute nicht mehr fertig und rate Ihnen, einfach dem obigen Link zu folgen. Dahinter steht auch, wann und wo Sie all diese Wunder besichtigen können. 

Später in der Woche rede ich mit Rechten. Nicht mit dem einen, den ich nicht aufgebe, sondern mit anderen. Die Plumpen, die Dümmlichen und Ungehobelten ignoriere ich (auch, wenn genau das gefährlich ist – gerade die Macht der Dummheit ist groß), ich versuche es mit den Klugen und appelliere an deren Moral. Dem einen, den ich nicht aufgeben werde, möchte ich die Ohren lang ziehen, aber dann sehe ich ihn strahlend glücklich und bringe es nicht übers Herz. 

Zu guter Letzt eine geflüchtete syrische Sportlerin, die ihresgleichen in Griechenland helfen wollte: Sarah Mardini


7 Kommentare

Ein Samstag im Dezember

Ulli vom Café Weltenall fragt  am ersten Wochenende im Monat nach unserem Alltag.  

Nachdem es im November schon ein bisschen geschneit hat, haben wir am heutigen 1. Dezember echtes Novemberwetter mit Regen, tief hängenden Wolken und lautstark missgestimmten Passanten unten auf der Straße. Nur die Amseln singen und der Jasmin auf meinem Balkon blüht unverdrossen. Der Jasmin nämlich scheint meine vor kurzem geäußerte Vermutung, wir bekämen einen langen und harten Winter, Lügen strafen zu wollen. Für einen langen Winter ist es zu spät, außer er reicht bis in den Mai hinein, was hierzulande auch schon vorgekommen ist. Hart kann er immer noch werden. 

Beim Frühstück wundere ich mich über einen Beigeschmack, den ich nicht zu kennen glaube, erinnere mich aber dann, dass ich ja zuletzt Ziegenjoghurt gekauft habe. Mit ein bisschen Honig wird er besser schmecken, glaube ich. Nachdem ich die üblichen morgendlichen Verrichtungen erledigt habe, lese ich ein bisschen im Internet und gehe einkaufen. Auf dem Rückweg hat die schwere Wolkendecke ein paar Löcher bekommen und die Sonne schielt – noch ein bisschen blass und müde – auf unsere kleine Stadt hinunter.

Zum Mittagessen gibt es Pellkartoffeln mit „Schnippchen“, also Quark mit Schnittlauch. Danach wiederhole ich die Sevillanas mit und ohne Kastagnetten, den Tango de Málaga und die Guajira,  übe  an der Soleá de Alcalá weiter und skizziere die Choreographie für die 2. Strophe. Ich verwende zwei marcajes, mit denen der Herr Lehrer mich einmal so getriezt hat, dass ich beinahe… aber lassen wir das. Nur so viel: der Herr Lehrer und ich hatten mitunter unsere Differenzen. Das lag vor allem daran, dass er mir Fähigkeiten zutraute, die ich weder hatte noch habe. Inzwischen hat er resigniert, glaube ich. Im Probenraum Kabuff nebenan üben ein Gitarrist und ein Pianist Weihnachtslieder. Bis Weihnachten ist ja zum Glück noch ein bisschen Zeit. 

Auf dem Heimweg kaufe ich Fichten-, Buchsbaum- und Koniferenzweige für die Adventsdekoration. Dieses Jahr gibt es keinen Kranz, sondern ein Gesteck mit roten Kerzen in Gläsern für meinen Balkontisch. Ich habe ein Foto eines solchen Gestecks gesehen und hoffe, dass ich es hinkriege. Am Abend ruft der Konzertgitarrenbesitzer an und erzählt, dass seine Mutter wunderbarerweise außer Lebensgefahr sei. Vor ein paar Tagen sah es noch nicht danach aus. Ich lasse Grüße ausrichten, dann bricht das Gespräch ab. 

Ich richte Brot und Gänserillettes her und esse zu Abend. Der Abend gehört, wie immer, mir und nicht dem Blog.