Laptoplüfter läuft leise. Nun ja, meine Alliterationen war auch schon einmal besser, aber auf jeden Fall kann ich wieder zu Hause arbeiten. Die vier Bürotage waren recht angenehm. Es geht doch nichts über zwei große Bildschirme auf dem Schreibtisch. Das werte Kollegium schien erfreut, mich zu sehen oder täuschte dies zumindest erfolgreich vor. Madame Chef hingegen hielt keine vier Tage durch: am Morgen des vierten Tages machte sie bei meinem Anblick ein Gesicht, als hätte sie auf etwas Ekliges gebissen. Aber wir beide befleißigten uns der größtmöglichen Höflichkeit, und so ging es ohne Blutvergießen ab.

Ich verließ das Büro früh, um den Laptop aus der Reparatur zu holen.

Nun spinnt das Handy.

Ich halte mich fern, von diesem und jenem. Einerseits coronabedingt, andererseits habe ich mich wieder an die Einsamkeit vor dem Computer gewöhnt und erinnere mich an die Zeiten, in denen ich meine Diplomarbeit im Keller eines fast leeren Mietshauses schrieb.

Gerade komme ich weder mit dem Lesen noch mit dem Schreiben nach. Sollten Sie also Likes, Kommentare bei Ihnen oder Antworten auf Ihre Kommentare hier vermissen: es ist keine Bosheit sondern Trägheit und Ideenlosigkeit.

Vor dem großen Fenster, an dem ich meinen Schreibtisch aufgestellt habe, ist es Herbst geworden. Ich genieße es, denn im Büro habe ich keine solche Aussicht. Aber, so schön es sein kann, in der Stille der eigenen Wohnung zu arbeiten: der Grund dafür ist mir immer präsent, und eine Pandemie ist nun einmal kein schöner Grund, im Herbst gemütlich zu Hause zu sitzen.

Dennoch, der Herbst ist schön. Und der Regen vor dem Fenster.

Anderswo

Über Zilli Schmidt, eine Sintizza und Auschwitz-Überlebende.(via @LotharBirkner auf Twitter)

Juden in Deutschland, nach Halle. (Süddeutsche Zeitung, leider nicht kostenlos)

Christine Finke muss, wie wir alle, Träume loslassen.

Der Zug ist abgefahren? Wirklich?

Herr Hauptschulblues schreibt kleine, feine Texte, hier einer, der vom Fairphone-Reparieren und vom Äpfel kaufen handelt. Manchmal berühren Texte, ohne dass man weiß, warum.

Bitte nicht wundern

Bitte nicht wundern, ich habe die Einstellungen geändert. Sie müssten bitte eine E-Mail-Adresse angeben, wenn Sie kommentieren.

Hintergrund: seit einiger Zeit bekomme ich nicht gerade unangenehme, aber doch seltsame und anonyme Kommentare. Ich habe sie alle gelöscht, denn entweder handelt es sich um sehr geschickt gemachten Spam oder jemand ist ein bisschen obsessiv. Ich möchte aber nicht mehr dazu sagen, weil ich noch nicht weiß, wer oder was dahinter steckt.

Im April bat der Chef inständig darum, eingereichten Urlaub nicht zu verschieben. Da dachten wir noch, im Hochsommer wäre es vorbei mit Corona. Jetzt frage ich mich, ob es vertretbar ist, an Weihnachten meine Mutter zu besuchen.

Arbeit über Arbeit, viel Unsinniges dabei, viel Unvernunft bei der Kundschaft, viel Geschrei wegen Dingen, die nicht ich verbrochen habe. Ich merke, wie ich ungeduldig werde und die Kundschaft kräftig an den Ohren ziehen möchte.

Am Abend das ersehnte Paket, aber nicht mit meinen Bestellungen, sondern mit einem Hosenanzug mit Hahnentrittmuster, zwei Größen größer als ich brauche (ganz abgesehen davon, dass ich solche Hosenanzüge weder trage noch bestelle).

Am Tag darauf schicke ich das Paket zurück. Mal sehen, ob ich unbürokratisch meine ursprünglich bestellten Kleidungsstücke bekomme oder ob ich neu bestellen muss. Oder war das gar der Wink des Schicksals mit dem dicken Zaunpfahl: nix da, für rote Hemden bist Du zu alt!

Schmeckeleffelchen

Catriona Bass* erzählt, dass die Butterhändler_innen in Lhasa lange verzierte Messer benutzten, mit deren Hilfe sie den feinen Lhasaer Damen Butterstückchen zum Probieren anboten.

Die Kasseler Hausfrauen, denen meine Großmutter als junge Bäuerin – vermutlich in den 50er Jahren – auf dem Markt Butter verkaufte, brachten eigene Probierlöffel – Schmeckeleffelchen – mit. Mit diesen stachen sie meist mitten in ein Butterstück, um „mal zu schmecken“, ob die Butter gut und frisch war. Wenn zwanzig Kundinnen auf diese Weise „mal geschmecket“ hatten, ließ sich die Butter kaum noch verkaufen.

Kein Wunder, dass meine Großmutter den Markttag hasste.

*Catriona Bass, Der Ruf des Muschelhorns – Begegnung mit Tibet. Reinbek bei Hamburg, 1992

Anderswo

Die Casa Patas schließt (deutsch).

Frau Fundevogel weiß, wie die Kuh auf den Rathausmarkt kam.

Haushaltshilfen in Indien.

Ein halbes Jahr habe ich mit Blick auf den Zirkus Krone gearbeitet .

Verlorenes Vertrauen.

In der Kirche spukt es.

Und Raquela Ortega in der Casa Patas. Sie hat jahrelang im Corps der Compañía Antonio Gades getanzt. Meiner Meinung nach wäre sie eine bessere Carmen gewesen als so manche, die die Rolle tatsächlich tanzen durfte.

Herr L reißt einen geistlosen Witz, den man sexistisch nennen kann. Ich meine jedoch, der Witz ist lediglich von maßloser Selbstüberschätzung geprägt. (Ich war drauf und dran, zu schreiben „von maßloser männlicher Selbstüberschätzung“ zu schreiben, aber ich habe hier ja auch männliche Leser und weiß, was sich gehört.)

Frau S, mir bisher nur als eine Pöblerin vor dem Herrn bekannt, fragt sich, warum man nicht anscheinend nicht gleichzeitig kritisch sein kann, nicht gewaltvoll und fair. Tja, sie hat die richtige Frage gestellt und sollte diese Art der Kommunikation vielleicht selbst einmal ausprobieren.

Frau Y macht Reklame, und wer meint, das widerspräche ihren revolutionären Idealen, der ist nie auf einem Schulhof gewesen und hat nie gesehen, wie schnell Allianzen und Überzeugungen wechseln können, wenn es nur opportun ist.

Herr T soll etwas Sexistisches im Handelsblatt geschrieben habe, aber da ich das Blatt nicht lese, weiß ich nicht, ob es wahr ist.

Jedenfalls ist die halbe linke, feministische Welt auf den Barrikaden, aber in Moria sterben die Leut‘.

(Der Gerechtigkeit halber muss man sagen, dass Frau Y sich zu Moria geäußert hat.)

Papier

Ich träume. Ich träume einen altbekannten Traum. In einem großen Hörsaal schreibe ich eine Prüfung, zusammen mit anderen Studenten und Schülern. Ich bemerke, dass ich kein Papier habe. Möglichst unauffällig, damit man mich nicht des Abschreibens bezichtigt, schiele ich nach den anderen Prüflingen, aber ich kann nicht sehen, ob sie Papier haben. Um Papier bitten kann ich auch nicht, denn plötzlich wird mir klar: es gibt kein Papier. Es hat nie Papier gegeben. Papier ist in unserer Welt unbekannt.

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Als gelernte Sprachwissenschaftlerin frage ich mich allerdings: wieso gibt es in meinem Traum ein Wort für Papier, wenn es Papier nicht gibt?