27. Woche

Carola Rackete legt auf Lampedusa an und wird von Anhänger_inne_n der Lega Nord aufs Vulgärste beschimpft. Im Netz wird sie aber auch von vielen Italiener_inne_n verteidigt.

Ein Freund, den mein Bruder schon kannte, bevor sie beide in den Kindergarten gingen, stirbt mit 51 Jahren.

Die Kletten fangen an zu blühen und erinnern mich daran, wie ich zu meinem ersten Kurzhaarschnitt kam. Ich besuche eine Rosenausstellung, höre einen türkisch-deutschen Chor singen und kaufe Rosentee.

Auf Twitter erklärt man mir, was ich beim Bloggen falsch mache. (Falls es Sie interessiert: so ziemlich alles.) Ebenfalls auf Twitter feiern die neuen Nazis Salvini.

Frau von Unten grillt auf dem Balkon. Eigentlich ist Grillen auf dem Balkon nicht erlaubt, aber man verbietet Frau von Unten nichts. Wenn hier jemand etwas verbietet, dann ist das immer noch Frau von Unten.

Herr von Oben grillt nicht und hat dieses Jahr die Blumenkästen voller Tomaten. Neben Tomaten gibt das auch Schatten, den wir mit unseren Südostbalkonen gut gebrauchen können. Ich selbst habe dieses Jahr schattenspendende Anpflanzungen versäumt.

Auf dem Weg zum Einkaufen sehe ich eine winzige Maus unter einem Blatt verschwinden. Ein Jungtier oder eine besondere Art Maus, die ich nicht kenne? Als Kind hätte ich das möglicherweise gewusst. Man vergisst so viel, wenn es für das eigene Leben nicht mehr wichtig zu sein scheint.

Ich finde kein schönes Kleid für eine kommende Festivität und beschließe, dass ich keines brauche. Rock und T-shirt mit Schal und Schmuck müssen reichen. Als ich die Treppe zur U-Bahn hinunter gehe, zeigen zwei arabische Jungen mit dem Finger auf mich und nennen mich eine „Matrone“. Das Alter und die Figur dazu habe ich ja, aber woher kennen 16jährige Bengel heute noch dieses Wort?

Im Netz gelesen:

Eine wunderbare Etüde von dergl.

Nicht Frau von Unten.

Auf dem E-Reader (wieder)gelesen: Kishwar Desai, Origins of Love (Diese Woche konnte ich mich zu nichts Neuem aufraffen, sondern habe mich vor den Zumutungen des Lebens in einen alten Krimi geflüchtet).

Gehört: ein Lied, das heute auch der deutsch-türkische Chor sang (der allerdings ganz in türkischer Sprache)

Mittwochsfragen 161 – 180

  1. Bist du ein Hundetyp oder ein Katzentyp? Katzen. Hunde mögen mich, aber ich sie nicht.
  2. Wie zeigst du, dass du jemanden nett findest? Ich behandele ihn schlecht, er soll das ja bloß nicht merken.
  3. Isst du eher, weil du Hunger oder Appetit hast? Kommt darauf an, ob ich Hunger habe und was es gibt.
  4. Tanzt du manchmal vor dem Spiegel? Also, diese Frage! Ich bin ja sozusagen im Ballettsaal aufgewachsen und tanze heute noch, da ist das täglich Brot. Ich sehe tänzerische und körperliche Unzulänglichkeiten, mitunter aber auch schöne Linien.
  5. In welcher Hinsicht bist du anders als andere Menschen? Ich bin absolut gewöhnlich. Von meiner Sorte gehen zwölf auf ein Dutzend.
  6. Welchen Jugendfilm würdest du Kindern empfehlen? Da fällt mir gerade nichts ein, aber Pippi Langstrumpf ist immer gut, glaube ich.
  7. Bleibst du bei Partys bis zum Schluss? Eher nicht.
  8. Welchen Song hast du in letzter Zeit am liebsten gehört? Zur Zeit höre ich nicht viel Musik.
  9. Bereitest du dich auf bestimmte Telefongespräche vor? Ja, auf berufliche oder solche mit Behörden und Institutionen.
  10. Wann hast du zuletzt vor jemand anderem geweint? Ich erinnere mich nicht, aber es kommt vor.
  11. Mit wem verbringst du am liebsten einen freien Tag? Mit der Natur.
  12. Was war der beste Rat, den du jemals bekommen hast? Verlieb dich oft, verlob dich selten, heirate nie.
  13. Was fällt dir ein, wenn du an Sommer denkst? Wie es sich anfühlt, in der prallen Sonne zu liegen und nichts zu denken.
  14. Wie duftet dein Lieblingsparfum? Nach Lavendel.
  15. Welche Kritik hat dich am stärksten getroffen? Jetzt wird es aber zu persönlich.
  16. Wie findest du dein Aussehen? Na ja, geht so.
  17. Gehst du mit dir selbst freundlich um? Nein. Wozu?
  18. Würdest du dich einer Schönheitsoperation unterziehen? Nein. Man muss mit dem arbeiten, was man hat.
  19. Welchen Film hast du mindestens fünf Mal gesehen? Keinen. Am häufigsten: Carmen von Carlos Saura, Alles auf Zucker und Chocolat.
  20. Füllst du gern Tests aus? Mein geheimes Laster.

 

Berufserfahrung oder

warum es keine gute Idee ist, wegen Carola Rackete den telefonischen Notfallservice der italienischen Auslandsvertretungen zu terrorisieren.

Deutschlands Auslandsvertretungen haben unter anderem die Aufgabe, „deutschen Staatsbürgern zu helfen, die in Not geraten sind, Krisenvorsorge zu leisten sowie behördliche und notarielle Funktionen für im Ausland lebende Deutsche zu übernehmen“

Dabei arbeiten sie mit Versicherungen, deutschen Behörden, örtlichen Krankenhäusern, örtlichen Bestattungsinstituten und auch sehr häufig mit örtlichen Behörden und Gerichten zusammen. Carola Rackete könnte sich deshalb mit Fug und Recht an das für Lampedusa zuständige Konsulat in Italien wenden. Die konsularische Betreuung ist unabhängig von Schuld oder Unschuld. Im meiner Notrufpraxis habe ich erlebt, wie Konsulate sich für Menschen eingesetzt haben, die des Mordes, des Drogenschmuggels oder des Kindesmissbrauchs verdächtigt bzw. angeklagt wurden. Wer mehr wissen möchte, kann hier nachlesen.

Konsulate haben auch einen Wochenend- und Nachtdienst. Dieser wird in der Regel je Nacht von einem einzelnen Konsulatsmitarbeiter versehen und leistet in wirklich dringenden Fällen auch am Sonntag oder in der Nacht erste Hilfe.

Es ist keine gute Idee, wegen der Verhaftung von Carola Rackete den Nachtdienst der italienischen Vertretungen in Deutschland mit Telefonterror zu quälen. Sie treffen damit nur den Sachbearbeiter, der vermutlich auch ohne Sie genug zu tun hat und sowieso keinen Einfluss auf das Verfahren nehmen kann. Sie blockieren außerdem den Notruf für den italienischen Staatsbürger, dessen Reisebegleitung tot, schwer verletzt oder erkrankt ist, und der in seiner Not jemanden  erreichen möchte, der seine Sprache spricht und ihm die nächsten Schritte erklären kann.

Und noch eine Ergänzung, damit es auch Twitter versteht: Es gibt in Konsulaten allgemeine Nummern und Notrufnummern. Die Notrufnummern dienen ausschließlich dem oben beschriebenen Zweck, und das sollte respektiert werden. Bei den allgemeinen Nummern erhalten Sie  Auskunft zu allem Möglichen, was mit Wirtschaft, Kultur und Politik des jeweiligen Landes zu tun hat.

IDF

Der Militärdienst in den Israelischen Verteidigungsstreitkräften dauert für Männer drei Jahre und für Frauen 21 Monate, sagt Wikipedia. Wenn ich mich recht erinnere, so leistete Naomi, meine Mitschülerin in einem der vielen Sprachkurse, die ich besucht habe, seinerzeit drei Jahre Militärdienst ab, um Offizierin zu werden.

Juden, die nicht israelische Staatsbürger sind, haben die Möglichkeit zu einem Freiwilligendienst (Machal), der vierzehn bis achtzehn Monate dauert. Nichtjüdische Freiwillige können an einem Programm (Sar-El) teilnehmen, bei dem sie einige Wochen unbewaffnet auf Armeestützpunkten dienen. Das Mindestalter dafür beträgt 17 Jahre, in Begleitung eines Erwachsenen dürfen allerdings auch 16jährige an diesem Programm teilnehmen.

Wenn also eine 1987 oder -88 geborene Frau, die allem Anschein nach keine Jüdin und höchstwahrscheinlich auch keine israelische Staatsbürgerin ist, in einem Kommentar anderswo behauptet, sie habe von 2004 bis 2007 in der israelischen Armee gedient, dann klingt dies in meinen Ohren mehr als unwahrscheinlich. (Der Kommentar liegt mir als Screenshot vor.)

Aber vielleicht war ja auch das nur Literatur.

Inzwischen ist mir das Ausmaß der Lügen klar geworden, und ich bin einfach nur noch  wütend. Natürlich könnte sie in sehr jungen Jahren konvertiert sein. Das weiß ich nicht, zweifele aber eher daran.

26. Woche

Das Jahr ist zur Hälfte um, und bis jetzt war es ein ganz gutes Jahr. Ob ich das in einem halben Jahr noch sagen werde?

Wie jeden Sonntag um fünf Uhr nachmittags rufe ich meine Mutter an. Ich tue das sogar, ohne dass meine Twitterblase mir das sagt; andererseits gefällt es mir, dass wir fast schon alten Weiber einander an solche Dinge erinnern. An diesem Sonntag erzählt sie mir von der Organistin aus dem Baltikum, Urte Soundso, die auf der Flucht den Verstand verloren hatte, aber dennoch wunderbar auf der Kirchenorgel spielte. Nur ihre Präludien hätten manchmal zwanzig Minuten gedauert, so dass der Herr Pfarrer laut von der Kanzel um Ruhe bitten oder im schlimmsten Fall die Orgelempore erklettern und den Musikgenuss handgreiflich unterbinden musste.

Anderswo wurde eine durchaus kluge Frage gestellt, auf die ich eine Antwort hätte, die wahrscheinlich gar nicht so dumm wäre, aber… erinnern Sie sich noch an Mutter Beimer aus der Lindenstraße? So will ich nicht enden.

Ich esse das erste Eis der Saison. Nein, ich habe dieses Jahr schon Eis gegessen, aber noch keins in der Waffel von der benachbarten Eisdiele, an der sich an heißen Tagen eine Schlange bildet bis fast zur nächsten Straßenecke. Wie jedes Jahr erklärt mir der Herr Gelataio den Unterschied zwischen sorbetto und gelato, als ob ich ihn nicht schon lange vorher gekannt hätte. (Ich bin zwar nicht die Tochter der perfekten Köchin, aber zumindest die Enkelin einer solchen, d.h. ich weiß so etwas seit meiner Kindheit.) Trotzdem sage ich wie jedes Jahr: Oh, das ist interessant!

Eigentlich will ich nicht mehr dreimal in der Woche Flamenco tanzen, aber ohne Tanzen habe ich Rückenschmerzen. Also packe ich ungefähr dreimal pro Woche ein zusätzliches T-Shirt ein und gehe a sudarme la camiseta, was bedeutet „das T-Shirt durchschwitzen“, aber besser klingt, und in Flamenco-Kreisen der gängige Ausdruck für „Tanzen üben“ zu sein scheint. Am Mittwoch bringe ich allerdings  nichts zustande, weil ich einfach zu müde bin und die Beine sich nicht bewegen wollen.

Am Donnerstag hört ein Junge mit gespielt stierem Blick laut Musik in der U-Bahn. Die Musik kommt aus einem Gerät, dass er im Arm hält wie ein Baby. Niemand spricht ihn  auf den Lärm an. Klar ist, dass er wartet, ob sich jemand provozieren lässt, aber niemand tut ihm den Gefallen.

Planen Sie zufällig eine Reise in die USA? Ich nicht, denn erstens mag ich Trump nicht, zweitens mag ich nicht fliegen und drittens keine solchen Fragen beantworten:Frage 4. Beabsichtigt der/die Reisende, sich an Terroranschlägen, Spionage, Sabotage oder Völkermord zu beteiligen oder war er/sie jemals daran beteiligt?  Och, wenn Sie schon so direkt fragen… (Quelle) Ja, ich weiß, über so etwas macht man keine Witze.

Im Netz gelesen:

Über Gaukler, die alt werden wie wir alle.

Auch eine Flucht.

Da ich jetzt ein paar neue Leser_innen habe, empfehle ich noch einmal den Herrn Schizophrenisten, den Sie unbedingt lesen sollten. Ja, manchmal ist er schwierig und sperrig, aber er kann auch Sachen, die andere Blogger nicht können.

Ansonsten gelesen: Christopher Isherwood, Leb wohl, Berlin

Gehört: Juanes, Tengo La Camisa Negra (Bei schwarzen Hemden denke ich ja an etwas anderes, aber das ist hier nicht gemeint.)

Demnächst zu hören: Anti und Semitisch, ein Podcast von Juna und Chajm. Hier schon einmal eine Kostprobe.

Mittwochsfragen 141 – 160

  1. In welche Länder möchtest du noch reisen? Reisen ist ja inzwischen eine Frage der Ökologie. Das bedeutet, dass ich mir einige Wünsche nicht mehr erfüllen können werde. Ansonsten Ungarn, aber erst, wenn Orban tot ist oder in die Verbannung geschickt wurde.
  2.  Welche übernatürliche Kraft hättest du gern? Ich träume schon seit meiner Kindheit davon, mich unsichtbar machen zu können.
  3.  Wann wärst du am liebsten im Erdboden versunken? Muss ich das erzählen? Es war nicht nur einmal.
  4. Welches Lied macht dir immer gute Laune? Cigani Ljubiat Pesni 
  5. Wie flexibel bist du? In kleinen Dingen sehr flexibel, in großen stur.
  6. Gibt es eine ungewöhnliche Kombination beim Essen, die du richtig gern magst? In meinen Zwanzigern hatte ich einen blöden Chef, der immer befürchtete, dass seine jungen Mitarbeiterinnen schwanger und für längere Zeit ausfallen würden. Ich bin damals mit Vorliebe an seiner offenen Bürotür vorbeistolziert, in der einen Hand eine saure Gurke, in der anderen Nougatschokolade. Mir schmeckt diese Kombination heute noch.
  7. Was tust du, wenn du in einer Schlange warten musst? Ich beobachte die anderen Leute und denke mir Geschichten über sie aus. Stellen Sie sich also besser nie mit mir in eine Schlange. Sie könnten als Schwertschluckerin im Zirkus oder feuerspeiender Kobold enden.
  8. Wo siehst du besser aus: im Spiegel oder auf Fotos? Im Spiegel, und zwar am besten in einem, den mein Glaserbruder im ersten Lehrjahr gemacht und mir geschenkt hat.
  9. Entscheidest du dich eher für weniger Kalorien oder mehr Sport? Weder noch. Beziehungsweise nach Lust und Laune. Es darf sich aber nicht wie Diät oder wie Sport anfühlen.
  10. Führst du oft Selbstgespräche? In letzter Zeit, ja. Das macht die Anspannung.
  11. Wofür wärst du gern berühmt? Für eine bahnbrechende sprachwissenschaftliche Erkenntnis (ich träume dann mal weiter).
  12. Wie fühlt es sich an, abgewiesen zu werden? Schlimm. Man fühlt sich unzulänglich.
  13. Wen würdest du gern besser kennenlernen? Sage ich nicht.
  14. Duftest du immer gut? Nein. Wer tut das schon?
  15. Wie viele Bücher liest du pro Jahr? Mehr als eins pro Woche, also mehr als 52. Genau weiß ich es aber nicht, und manche Bücher lese ich auch mehrmals.
  16. Googelst du dich selbst? Ja, in unregelmäßigen Abständen möchte ich wissen, was über mich im Internet bekannt ist. Ich habe da mal schlechte Erfahrungen gemacht: Jemand hat ein Foto geteilt und meinen Namen dazu geschrieben. Es war nichts Ehrenrühriges oder Peinliches, aber etwas sehr Privates und (für mich) Bedeutungsvolles.
  17. Welches historische Ereignis hättest du gern mit eigenen Augen gesehen? Den Flug der Montgolfière.
  18. Könntest du mit deinen Freundinnen zusammenwohnen? Ich bin kein umgänglicher Mensch. Vermutlich hätte ich danach ein paar Freundinnen weniger.
  19. Sprichst du mit Gegenständen? Nicht mehr. Früher mit dem PC im Büro, aber die heutigen laufen erheblich besser und müssen nicht so oft beschimpft werden.
  20. Was ist dein grösstes Defizit? Dass ich ich bin, dass ich überhaupt existiere.