Geschichten und Meer

(Irrelevantes von den billigen Plätzen)


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Fundsachen 21

Irgendwie schön. (ein Gedicht über Emojis)

Das hier auch. (über das Dahinschmelzen in nächtlichen Gesprächen)

Raubkunst und Kolonialismus: ein offener Brief,   ein Beitrag zur Provenienzforschung  (leider hinter einer Bezahlschranke) und eine Antwort an Herrn Parzinger. (Ich möchte hier bitte keine Wertung vornehmen. Das muss ich leider mangels Kompetenz anderen überlassen.)

Grundschüler lernen etwas über das Judentum.

Seit wann gibt es starke Frauen, will die Süddeutsche wissen (leider auch hinter der Bezahlschranke). Hierzu möchte ich übrigens anmerken, dass im ländlichen Raum auf kleinen Höfen die Arbeitsteilung nicht immer das war, was wir „traditionell“ nennen. Meine Mutter, die ältere von zwei Töchtern, machte „Männerarbeit“, schmiedete Eisen, fällte Bäume, wohingegen ihre jüngere, zartere Schwester eher „weibliche“ Tätigkeiten übernahm. Wenn ich mir aber meine bis ins Alter muskulös wirkende Großmutter anschaue, so erforderten auch sogenannte Frauenarbeiten Körperkraft. Falls Sie aber glauben, das sei eine Macke meiner Familie gewesen, denken Sie an Klara und Marie Walz.

Elena Ferrante übersetzen.

Der inzwischen verstorbene Chano Lobato, begnadeter Rhythmiker und Tanzbegleiter mit einem enzyklopädischen Repertoire, erteilt eine Lektion im Bulería-Singen. „Ich träumte, der Schnee brenne und das Feuer schneie, und Du liebtest mich. Was ich für Sachen träume!“ (Ich bitte um Entschuldigung, ich könnte Lyrik nicht einmal übersetzen, wenn man mich mit einer Waffe bedrohte, deshalb hier nur Inhaltsangaben. Leider sind meine Inhaltsangaben dem Original nicht gewachsen.)


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08.02.2018

Ein Dienstleister schickt eine zwei DIN A4 – Seiten lange Aufstellung angeblich nicht bezahlter Rechnungen für die Jahre 2015 bis 2017. Falsche Vorgangsnummern, doppelt abgerechnete Leistungen, nicht erbrachte Leistungen, nicht in Auftrag gegebene Leistungen, Daten, Kundennummern und Leistungen, die nicht zu den Vorgängen passen, denen der Dienstleister sie zugeordnet hat…zwei Stunden tüftele ich, bis ich glaube, alle Unklarheiten beseitigt zu haben. Ich sende also eine korrigierte Aufstellung zurück, fordere zwei Rechnungen an, die wir nie erhalten hatten und lehne in drei Fällen die Zahlung ab, da die Leistung nicht den vertraglichen Vereinbarungen entspricht. Eine Stunde später erhalte ich eine wütende Mail. Der Dienstleister beschwert sich,  weil ich mich in einem Fall beim Datum vertippt habe. Es ist nicht einfach…

***

Zwei ältere Damen stapfen durch den Schnee. Zwei kleine Jungen bezeichnen sie als „alte Tanten“ und  werfen mit Schneebällen. Nonchalant greift sich jede der Damen einen Buben und seift ihn kräftig mit Schnee ein. Solche alten Tanten darf man halt nicht unterschätzen.

***

Der neue Lebensmittelladen meines Vertrauens hat auf einer Seite einen barrierefreien Zugang. Das heißt, er hätte einen, wenn nicht nebenan ein schickes Hotel wäre, dessen Gäste ihre Nobelkarossen auf dem Gehweg unmittelbar davor parken würden. Glauben Sie, es nützt etwas, wenn man den Kauf von Fahrzeugen ab soundsoviel KW mit einem obligatorischen Benimmkurs verknüpft? Ich fürchte, eher nein.

***

Nicht April, Februar ist der grausamste Monat. Wie ich auf der Fahrt von L nach M lernte, heißt er irgendwo in der Nähe von Fulda ’s klee Mintje (das kleine Monatchen), und dort sagt man auch, es sei ihm nicht zu trauen. Nach den vergangenen milden Wintermonaten muss der Kleine anscheinend dieses Jahr noch einmal richtig auf den Putz hauen und zeigen, was er kann.


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Miststück

Triggerwarnung: Dieser Blogeintrag kann Spuren von Ironie, Bosheit und allgemeiner Unmoral enthalten. Aus gut unterrichteten Kreisen verlautet, diese Waren sollten – ebenso wie Gedichte und Gemälde – demnächst einer strengen Prüfung unterzogen und gegebenenfalls verboten werden

Me tienes señalaito
Que yo soy pieza de mal paño
Y a los hombres* no se marcan
Como ovejas de rebaño (Quelle

Man ist sich uneins, ob ich ein rassistisches oder ein linksversifftes Miststück bin. Zumindest kann man sich anscheinend auf „Miststück“ einigen. Das ist nett, damit kann ich leben. Ich wurde im Laufe meines Lebens schon als vieles bezeichnet. Die Bandbreite ist zugegebenermaßen erstaunlich, eben von „linksversifft“ bis „rassistisch“ und von „prüde alte Jungfer“ bis „männerfressendes Monster“.

Ich verrate Ihnen etwas: es ist alles viel, viel schlimmer. Aber sagen Sie es nicht weiter.

Man sagt mir, ich hätte es gegenüber zwei verdienten Bloggerinnen an Respekt fehlen lassen. Dabei hatte ich die Damen nicht einmal erwähnt. Man sagt mir, das sei das Problem. Man informiert eine der verdienten Bloggerinnen darüber, dass ich sie nicht erwähnte. Ja, ich habe das mitbekommen.

Ich lese, man habe mir schon einmal gesagt, einen gewissen Twitterer zu retweeten, sei ein no-go. Ich habe nicht darauf gehört. Wo liegt nun das Problem? Dass ich retweetet oder dass ich nicht gehorcht habe? Ja, ja, ich weiß, beides ist eine Sünde. Schande über mein Haupt.

Man sagt mir, bestimmte Themen solle ich nicht mehr ansprechen. Man verrät mir dadurch, dass man doch dort auch liest, wo sich angeblich der Abgrund der Bloggerei auftut, wo eine anständige Feministin sich nicht blicken lässt.

Man sagt mir, einen gewissen Blogger solle ich besser nicht verteidigen. Tja. Was soll ich sagen? Ich mache so etwas. Absichtlich, und wie Sie sicher ahnen, aus purer Bosheit. Das Internet, denke ich mir manchmal, hatte ich mir vor fünfzehn Jahren anders vorgestellt. Allerdings, wenn ich so zurückdenke, war es vor fünfzehn Jahren auch nicht so anders. Wenn ich die Leute von damals googele, dann sehe ich allerdings, dass manche noch verhärteter, starrsinniger und intoleranter geworden sind als sie vor fünfzehn Jahren waren.

Man sagt mir vieles. Man tut anderes. Nur den Kindsmord hat man mir noch nicht angedichtet.**

Ich gehe jetzt tanzen. Heute sind Siguiriyas an der Reihe. Im Moment schalte ich keine Kommentare frei, wenn ich die Urheber nicht kenne. Man fängt sich leicht etwas ein.

 

*mujeres, hermafroditas, etc. etc. 

**plagiiert bei: Sidonie Gabrielle Colette, Claudine geht (glaube ich)

 


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Ignatz Bubis

Ich kann nicht behaupten, ich hätte Ignatz Bubis gekannt. Wenn man sich als Frankfurter Schülerin für die Geschichte des Dritten Reichs interessierte, kam man jedoch an Bubis nicht vorbei. Bubis mag Fehler gehabt und Fehler gemacht haben, aber er war ein guter Mensch. Dies zu sehen, noch einmal seine Stimme und seine so vertraute Sprechweise zu hören, bedeutet mir viel.

Man mag sich nicht vorstellen, was es heißt, wenn Nachbarn, Kollegen und sogar ehemalige Freunde den eigenen Tod wollen, weil sie in einem nicht mehr den Nachbarn, Kollegen, Freund sehen, sondern nur noch den Juden, der kein Recht auf Leben mehr haben soll. Man kann sich nicht vorstellen, wie jemand, der das überlebt, noch das geringste Vertrauen in Nachbarn, Kollegen und Freunde haben kann. Bubis, den manche in Frankfurt noch in den 80er und 90er Jahren „Itzig“ und nicht Ignatz nannten, hat wohl fest daran geglaubt, dass Menschen sich bessern können. Er hat wohl darauf vertrauen wollen, manchmal vielleicht auch wider besseres Wissen.

Die Frankfurter Liberalität der 80er und 90er Jahre hat mich geprägt. Bubis gehörte eindeutig zu denen, die diese Liberalität mitgestaltet und geschaffen haben.

***

Als mein Vater starb, der  – obwohl christlich – zeitlebens gute Beziehungen zur jüdischen Gemeinde in Frankfurt gepflegt hat, schickte die Gemeinde einen Kranz und eine Vertreterin zur Beerdigung. Ich denke, Bubis wäre gekommen, wenn es seine Gesundheit erlaubt hätte. So war er.


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Generationen

Mutter, sagt der junge Bettler, Mutter, kannst Du mir zwei Euro geben? Ich habe heute noch nichts gegessen. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber niemand bettelt zum Spaß. Also gebe ich ihm mein Kleingeld, was zur Folge hat, dass ich mich eiligst an einem anderen Bettler vorbeidrücken muss, der immer vor dem teuren Lebensmittelgeschäft steht und eigentlich ein Abo auf meine Ein-Euro-Stücke hat. Jung genug, um meine Söhne zu sein, sind sie alle beide.

***

Schließlich haben die Kassiererin, die kurz vor der Rente stehen muss, und der Migrant aus einem afrikanischen Land, der den Laden sauber macht, doch noch eine gemeinsame Sprache gefunden: Französisch hatten sie beide in der Schule. Sie erzählt, sie habe als sehr junges Mädchen Nonne und Missionarin in Afrika werden wollen. Der Mann lacht, und witzelt über die Ordensleute, die er in Afrika gesehen hat. Gute Menschen, sagt er, aber keine Ahnung, nicht die geringste!

***

Wenn es so weiter geht mit der AfD, werden wir unsere Sprachkenntnisse aufpolieren müssen. Aber wohin gehen, wenn in ganz Europa nationalistische und neofaschistische Bewegungen auf dem Vormarsch sind? Meine Großeltern hätten noch nach Frankreich, England oder in die Niederlande gehen können, vielleicht sogar nach Portugal. Dabei wollte mein Großvater eigentlich einmal nach Spanien und die andalusische Schmiedekunst sehen. Vielleicht ein spanisches Rind mit seinem schwarzbunten Niederungsvieh kreuzen, einmal ein andalusisches Pferd reiten…aber nicht zu den Faschisten, niemals. Francos Ende hat er nicht mehr erlebt. Nach Spanien gelangte sein Bruder, schon viel früher, als einer der deutschen Spanienkämpfer.


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Fundsachen 20

Wenn die Hospizarbeit plötzlich ganz nah ist.

Kennen Sie eigentlich das Musikprojekt „Playing for Change“? Dr. Kall ist ein großer Fan.

Die modernste Lösung ist nicht immer die praktischste.

Einer der schönsten Texte der letzten Woche, über eine Königin.

Eine andere Ansicht als meine über Gomringer und seine Avenidas. Carmilla de Winter nimmt die Diskussion(en) über die „Avenidas“  zum Anlass, über die Notwendigkeit neuer Umgangsformen nachzudenken. Diesem Ansatz kann ich etwas abgewinnen.

Ein Buchhändler und die Rechten.

Heute etwas Italienisches: O Sarracino (Der Sarazene, gewidmet einem Blognachbarn, der heute Geburtstag hat und mich immer sehr an den Sarazenen aus dem Lied erinnert.   )


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Wenn der Frühling kommt

Wenn der Frühling sich nähert, kommen sie zurück. Sie sind nicht zu verkennen, die braunen Augen, die weichen Bewegungen, die Freundlichkeit…Mit ausgesuchter Höflichkeit fragen sie nach etwas Kleingeld und wünschen einem zum Dank den Segen der Muttergottes auf den Hals, so dass man das Gefühl hat, sie hätten einen beschenkt und nicht umgekehrt. Aber ein Segen ist ja auch ein Geschenk und für manche viel mehr wert als die paar Euro. In einer gerechten Welt hätten sie einen Ort, eine Arbeit, eine Schule für die Kinder, einen Garten. Manche meiner Leser_innen würden nicht glauben, wie wichtig ein Garten sein kann. Ein Freund, den ich im Lauf der Jahre aus den Augen verloren habe, ein Veshtika Rom aus einer nicht sesshaften Familie, erzählte von seiner Großmutter. Diese habe im Frühjahr auf verschiedenen Lichtungen im Wald Samen ausgesät, in der Hoffnung, auf dem Rückweg, später im Jahr, ernten zu können. (Denn die Roma wandern ja nicht zufällig und ziellos, sie haben feste Routen und folgen der Arbeit.) Manchmal, so erzählte er, fanden sie die Stellen nicht wieder. Wie oft es passiert  sei, dass man die heimlichen Gärten zerstört habe, aus purer Bosheit oder einem falschen Rechtsempfinden, habe ich allerdings nicht gefragt.


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Schmutziges Gold

Ich kann mich irren. Man kann sich immer irren. Sollte ich mich aber nicht irren, dann habe ich mal wieder einen ziemlich üblen Geschmack im Mund. Die „Goldenen Blogger“ sind mehr oder weniger an mir vorbeigegangen. Aber natürlich flogen auf Twitter auch mir die Namen der Sieger_innen um die Ohren.  Die Kaltmamsell hat sich ihren Preis über lange Jahre redlich erarbeitet, und das verdient Respekt. IrgendwieJuna gratuliere ich von ganzem Herzen. Juna ist ein Diamant. Andere Blogger_innen erschienen mir überbewertet, von wieder anderen hatte ich noch nie etwas gehört. Das ist eben der Lauf des Internets: Perlen liegen in dunklen Ecken, aber Talmi funkelt manchmal im Licht. (Da der vorige Satz bereits einmal missverstanden wurde, hier die Erläuterung: „Perlen“ und „Talmi“ bezieht sich weder auf Nominierte oder Preisgekrönte, sondern auf Blogger_innen im Allgemeinen. Natürlich beurteile ich Blogs und Blogger_innen rein subjektiv und erhebe nicht den Anspruch, dass meine Meinung irgendeine allgemeine Gültigkeit hätte. Alles klar? Wenn nein, fragen Sie in den Kommentaren. Ich werde mich bemühen, zu antworten.)

Ich fände es auch äußerst schwierig, unter der Vielzahl der mit Herzblut schreibenden Menschen im Internet einen oder fünf oder sieben herauszugreifen, der oder die dann die Besten sein sollen. Die Verleihung habe ich mir nicht angesehen, allerdings ist ja dieses Internet manchmal eine Klatsch- und Tratschbude, und so kommt selbst so eine Einsiedlerin aus Selbsterhaltungstrieb wie ich nicht umhin, gewisse mehr oder weniger unangenehme Dinge geradewegs oder auch auf Umwegen zu erfahren. Es wurde im Zuge der Verleihung, so entnahm ich zwei Tweets, die man mir in die Timeline spülte, auf der Bühne gefragt, wer denn der Don Alphonso sei. Eine der Antworten hier. Die andere war sehr viel vulgärer, aber leider (zum Glück?) finde ich sie nicht mehr. Man kann zu Don Alphonso stehen wie man will, aber dass Äußerungen, die einen langjährigen und hochtalentierten Blogger auf offener Bühne diffamieren, toleriert werden, wirft ein Licht auf die Veranstaltung, für das ich mich schämen würde. Ich weiß nicht, ob Veranstalter_innen oder Moderator_innen sich dazu geäußert haben oder sich bei Don Alphonso wenigstens hinterher entschuldigt haben. Das Don-Alphonso-Bashing ist ja niemals ganz weg. Zur Zeit wird auf Grund dieses Texts bzw. der dazugehörigen Fotos mit Genuss ein Shitstorm zelebriert. Man kann den Text kritisieren, man kann die Fotos kritisieren, aber warum gießt man seine Kritik dann nicht in die Form eines sachlichen Kommentars? In den Kommentarspalten ist ja genug Platz,  der Autor/Moderator ist umgänglich und schaltet fast alles frei. (Ich höre nun von anderen Feministinnen, gerade dies sei nicht der Fall. Meine Erfahrungen mit Don Alphonso sind in dieser Hinsicht durchweg positiv. Persönliche Angriffe habe ich nur von seinem Kommentariat, nie von ihm selbst, erlebt.) Man hätte dann bei der FAZ vielleicht auch einmal prozentual weniger schwarzbraunes und mehr rotes Gedankengut in den Kommentaren. (Denn es ist wahr: Don Alphonso, der mehrmals öffentlich und glaubhaft versichert hat, keine Sympathien für die AfD oder Reichsbürger zu haben, hat ein Kommentariat, in dem AfD und Reichsbürgersympathisanten laut krakeelen.)

Am vergangenen Wochenende, an dem ganz woanders auch einiges passiert ist, kam mir irgendwann einmal der Gedanke an Höflichkeit und Etikette. Ich bin in Fragen der Etikette unsicher. Wenn ich nicht weiß, was die korrekte Verhaltensweise wäre, tue ich das, was ich als menschenfreundlich ansehe. Don Alphonso polarisiert und haut, wie eine entfernte Blognachbarin mir einmal schrieb, „gerne auf die Kacke“, jedoch habe ich keinen Grund, an ihm zu zweifeln. Ich weiß ein paar Dinge über ihn, und diese Dinge bewirken, dass ich die Hand für ihn ins Feuer legen würde. Ich verlange nicht, dass Sie dasselbe tun, aber vielleicht lassen Sie ein wenig Menschenfreundlichkeit walten. Jede_r von uns ist auf andere Art verletzlich; die einen verkriechen sich, wenn sie verletzt werden, die anderen schlagen um sich. Was Don Alphonso gerade passiert, könnte auch Ihnen passieren.

Ich bitte um gefällige Beachtung: Einige Kommentare unter diesem Blogeintrag und meine Antworten darauf wurden auf Wunsch der kommentierenden Person gelöscht. 


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Manieren II

Keine dreißig Sekunden hat es gedauert, bis der Herr, der sein Gepäck  auf meinem reservierten Platz deponiert hatte, und ich uns geeinigt hatten. Keine zehn Sekunden musste der etwas später hinzugekommene Herr warten, bis der erste Herr meinen Platz und ich den Gang freigemacht hatte. Doch in diesen zehn Sekunden schüttelte er den Kopf, zappelte herum und ließ ein zutiefst empörtes „Halloooo!?!?“ erklingen.

Ich schätze, der ist geeignet für das mittlere Management.


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Eugen Gomringers „Avenidas“ oder: was steht im Text?

Ein Gedicht des bolivianisch-schweizerischen Dichters Eugen Gomringer soll übermalt werden. Dies hatte der ASTA des Alice-Salomon-Hochschule in Berlin gefordert, weil das Gedicht sexistisch sei. Hier zunächst das Gedicht:

avenidas 

avenidas y flores 

flores

flores y mujeres

avenidas

avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres

y un admirador  

Hierzu die im Internet kursierende Übersetzung (ich weiß nicht, von wem sie ist).

Alleen 

Alleen und Blumen

Blumen

Blumen und Frauen 

Alleen

Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und 

ein Bewunderer

Gomringers Gedicht beschreibt eine – in meinen Augen – friedvolle Szene. Eine Allee, an deren Rändern vielleicht Blumen gepflanzt wurden. Vielleicht stehen da auch Häuser mit blühenden Vorgärten, Balkonen, Blumenkästen… jede_r von uns hat vermutlich seine oder ihre ganz eigene Vorstellung einer von Blumen gezierten Straße. Dann sind da Frauen. Frauen, die einkaufen, die ins Büro eilen, Kinder an der Hand hinter sich herziehen, Blumen verkaufen, Blumensträuße nach Hause tragen… Vielleicht tragen sie sogar geblümte Kleider oder haben sich eine Blüte ins Haar gesteckt. Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, was für Alleen, was für Frauen und was für Blumen der Dichter gesehen hat. Sind diese Alleen mit den Blumen und den Frauen in der Schweiz, in Bolivien, in Paris oder ganz woanders? Wir wissen nicht einmal, ob der Dichter selbst der Bewunderer ist oder ob er den Bewunderer beim Bewundern beobachtet hat.

Da, wo ich lebe, da merkt man, dass es Sommer wird, wenn die kleinen alten Damen anfangen, ihre dezent pastellfarben gestreiften Kleider zu tragen. Früher, lange vor dem Beginn der Gentrifizierung, sah man um diese Jahreszeit auch die Roma-Großmütter mit den leuchtenden Kopftüchern an der Bushaltestelle das eine oder andere Zigarettchen rauchen. Die Roma-Großmütter sind weg, die Damen in den feinen Kleidern werden immer weniger. Aber wenn der Sommer kommt, wenn Sie ein schönes Kleid tragen, wenn ein leichter Wind weht, wenn Sie plötzlich ein Blick trifft, oder wenn Ihr Blick an einem oder einer hängen bleibt, fühlen Sie sich dann in jedem Fall belästigt? Sicher, wir alle kennen die Blicke, die sagen „60 Kilo, zum ersten, zum zweiten, zum dritten!“, diese Blicke, mit denen auch ein Metzger ein Rind beurteilen könnte. Aber es ist nicht gesagt, dass der „Bewunderer“ in Gomringers Gedicht so einen Blick hat. Wir kennen seine Gedanken oder Impulse nicht. Natürlich wird alles, was jemand betrachtet, zum Objekt seines Blickes. Ich betrachte einen Baum, ich betrachte einen Mann, ein Gebäude und mache alles, was ich betrachte, für einen Moment zum meinem Gegenstand, um so mehr, wenn ich auch noch darüber schreibe. Für den flüchtigen Augenblick ist es mein. Mehr, glaube ich, passiert in Gomringers Gedicht aber nicht. Der Bewunderer (und er ist im Original wie in der Übersetzung eindeutig männlich) geht nicht auf eine der Frauen zu, er pflückt auch kein Blume, er bewundert lediglich. Das ist seine Tätigkeit und sein Zweck in dem Gedicht, das einen Moment einfängt, mehr nicht.

Mag sein, dass es sich beim Blick des Bewunderers um einen „male gaze“ im Sinne dieses Texts handelt. Mag sein, dass einige oder vielleicht sogar viele ihn so verstehen. Ich will auch den Studierenden der Alice-Salomon-Hochschule nicht das Recht absprechen, eine Diskussion über die Gestaltung der Wände ihrer Hochschule anzustoßen, eine Entscheidung über ihre Hochschule herbeizuführen und eben auch einen Text abzulehnen, der auf einer Wand des Ortes, an dem sie leben und studieren sollen, geschrieben steht. Ich halte das für ihr gutes Recht. Aber es bleibt ein übler Geschmack im Mund: Kunst ist mitunter auch dazu da, uns das zu zeigen, was wir nicht sehen wollen. Wenn wir alles entfernen, in dunklen Kellern versenken oder gar zerstören, was uns nicht passt, dann sind wir ganz schnell hier.

Ich weiß nicht, ob Sie das kennen. Der Text, über den da geschrieben wird, ist alles andere als moralisch einwandfrei. Ist er deshalb keine Literatur? Soll man ihn nicht lesen, sondern lieber verbieten und verbrennen?

Ich bin jetzt ein paar Tage nicht da. Die Kommentare sind offen. Bitte bleiben Sie anständig. Ich verlasse mich darauf, dass Ihnen in meiner Abwesenheit keine justiziablen Äußerungen entschlüpfen.