Daheim

Der Beton hat sich aufgeheizt, als ich am Abend in meine Wohnung komme. Ich gieße nur das, was es am allernötigsten hat und hoffe auf Regen in der Nacht. Zwei endlose Zugfahrten in zwei Tagen, mit Verspätungen und vielen, vielen Menschen. Ich beschließe, arbeitsame Auszubildende hin,  arbeitsame Auszubildende her, morgen erst um 9.00 Uhr im Büro zu sein. 

Aufschlussreiche, wenn auch nicht immer schöne Gespräche. Eine Lanze gebrochen für die Ehre einer zugegebenermaßen seltsamen und wilden Urgroßtante. Die Befürchtung, meine Worte seien auf taube Ohren gefallen. Kein Mensch ist ohne Grund und von Grund auf böse.

Wunderbare Texte  von Blognachbar_inn_en  in meinem Reader, aber auch an diesem Abend schaffe ich nicht alle.

Der Herr Hofschauspieler

Er muss gestorben sein, denn ich habe ihn schon über ein Jahr nicht mehr gesehen, wie auch sein weibliches Pendant, eine krumme, kleine Person, die sicher den einhundert Jahren schon näher war als den neunzig. Beide sah man zu jeder Tages- und Nachtzeit in ihren jeweiligen Jagdgründen, sie klein, dünn, tapfer, und ihn, der die Allüren eines Hofopernsängers zusammen mit den Anzügen eines einst sehr viel stattlicheren Mannes durch die Straßen trug.  Ob er Sänger, Schauspieler oder Tänzer gewesen ist, weiß ich nicht. Einmal wies er mich zurecht mit der selben Redewendung, die Jahre zuvor mein Ballettlehrer gebraucht hatte. Da kam ich darauf, dass er wohl Theatererfahrung hatte. Stets ging er bei Rot über die Kreuzung, mit böse funkelnden Augen um sich schauend, ob wohl ein frecher Chauffeur es wagen möchte, ihn zu überfahren. So weit ich weiß, wagte es keiner. Er sprach nicht bayerisch, obwohl er es anscheinend gekonnt hätte. Tatsächlich sprach er überhaupt nicht viel und vor allem nicht mit jedem. Wenn er sich jedoch äußerte, dann in gewählten, altertümlichen Formulierungen und selbst im Zorn mit äußerst präziser Diktion.  Einmal sah ich im Theater ein Bild eines viel jüngeren Mannes, der ihm ähnlich sah. Der Schauspieler, den es darstellte, spielte meist Schurken und Bösewichter. Ob er es war? Mit Sicherheit weiß ich es nicht, aber ich bezweifele es. Denn wenige Tage später sah ich ihn, der damals sicher gut 90 Jahre alt war, auf den Treppenstufen des Theaters sitzen, in einer Position, die den meisten Erwachsenen unbequem ist, aber typisch ist für Tänzer. Ganz offensichtlich hatte er kein Geld für eine Theaterkarte, und ich frage mich noch heute, ob er eine als Geschenk angenommen hätte.

Am Fluss

Manchmal waschen osteuropäische Roma die Wäsche im Fluss. Der Fluss ist mehr oder weniger sauber, man kann durchaus darin schwimmen. Warum sie nicht die Münzwaschsalons benutzen, weiß ich nicht, aber darf kann vermuten, dass die Roma auf den hiesigen Baustellen so schlecht bezahlt werden, dass sie die Ausgabe scheuen. Außerdem weichen sie der Mehrheitsbevölkerung aus, was nach 500 Jahren Verfolgung verständlich ist.

Ansonsten tun die Roma, was alle anderen Männer an einem sonnigen Sonntagvormittag am Fluss auch tun: sie spielen ein bisschen Fußball, trinken ein bisschen Bier, schwatzen und genießen die Sonne. Als EU-Bürger haben sie jedes Recht, hier zu sein, und sie tun nichts Unrechtes. Den Widerwillen, den manche Hiesige bei ihrem Anblick empfinden, kann ich nicht nachvollziehen.

 

Fundsachen 37

Von der Stadt aufs Land und zurück. (via @_donalphonso)

Ein Keramikladen, fürchte ich, ist an einem Ort wie Kreuzberg der Anfang der Gentrifizierung. Ein solches Gebäude wie das, in dem sich das Hotel Orania befindet, kann eine Privatperson nicht erhalten. Andererseits trägt ein solches Hotel mit der sich in seinem Umfeld ansiedelnden Infrastruktur zur Gentrifizierung bei wie kaum etwas sonst. Den Tanz der Verdrängung kann ich ja auch in meinem Viertel beobachten. Arbeiter, Studenten, kleine Angestellte, Hipster, Familien, schließlich sehr Wohlhabende. Mein Glück ist, dass es am Schlachthof immer noch nach Mist, Blut und Fleisch riecht, was nicht jeder, der hier gerne wohnen würde, für pädagogisch wertvoll, cool  oder gesellschaftsfähig hält. (Ich wäre gespannt, was Frau Tikerscherk zu dem Zeit-Artikel meint. )

Seit ein paar Wochen lese ich auch gerne hier. Ich habe ja nur einen Balkon, aber manches lässt sich auch da umsetzen.

Das Mädchen, das das Meer liebte: Lene nimmt Abschied.

„Denn je mehr man liest, desto besser wird die Rechtschreibung.“ Warum Braille nach wie vor gelehrt werden sollte.

Unkraut vergeht nicht, aber es kann sehr schön sein. So schön, dass man es auf Häuser malen kann.

Cabrero heißt Ziegenhirte, und als ich zuletzt von ihm hörte, hatte er ein Haus in Marbella, aber immer noch Ziegen. Luz de luna.

Die Sprache des Meers

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade „Europa und das Meer“, die vom Deutschen Historischen Museum in Berlin veranstaltet wird.

Mein erstes Meer, capitán, sprach noch deutsch. Das war auf Baltrum, wo ich Quallen, Seesterne und die Prielwürmer im Watt kennen lernte. Das zweite war in Oostende und sprach flämisch. Da ritten die Krabbenfischer auf Pferden mit Schleppnetzen ins Meer. In Frankreich, bei den Sch’tis, wo man Stella Artois trinkt,  lernte ich, Miesmuscheln zu essen und zu sagen: „Bonjour, Madame!“ Meine Schwester, damals noch so klein, dass sie nicht einmal Deutsch fehlerfrei sprechen konnte, glaubte tagelang, unsere Vermieterin hieße „Bonjourmadame“.  Eines Tages, als sie ein buntes Tuch in den Haaren trug, verkündete meine Schwester: „Bonjourmadame“ hat sich hübsch ‚macht!“ Die Bonjourmadame sprach ein wenig Deutsch, und wenn ich darüber nachdenke und dabei ihr damaliges Alter berücksichtige, hatte sie es wahrscheinlich im Krieg unter deutscher Besatzung gelernt. Der Krieg war ja gerade einmal dreißig Jahre her. Trotzdem schlossen meine Eltern Freundschaften und hörten als Deutsche kein böses Wort. Ich beobachtete derweil die französischen Kinder, und versuchte, Wörter und Sätze zu verstehen, leider mit wenig Erfolg. Zumindest  die Melodie blieb und verhalf mir ein paar Jahre später zu einer ordentlichen Aussprache.

Auch das nächste Meer sprach Französisch, aber in einem ganz anderen Tonfall. Am Atlantik lernte ich, dass man beim Schwimmen Wellen schräg anschneiden muss, um nicht unter Wasser gedrückt zu werden. Oder man stellte sich mit dem Rücken zur Brandung, linste mit einem halben Auge über die Schulter und sprang hoch, wenn die Welle herankam wie eine mächtige grüne Walze. Dann ließ man sich ans Ufer tragen. Manchmal tauchten wir in die grüne Walze hinein, dabei verloren wir mitunter die Orientierung und stießen uns den Kopf am Meeresgrund, wo wir doch glaubten, aufzutauchen. So spielten wir als Kinder mit den Wellen, oder das Meer spielte mit uns. Wir waren privilegiert, insofern, als wir schon als Kinder reisen und Sprachen lernen konnten. Andere durften nicht mit dem Meer spielen, sondern kamen darin um. In einer Kirche in Kiel gibt es Tafeln, die an zwei im 19. Jahrhundert gesunkene Schiffe erinnern. Die jüngsten Toten waren dreizehnjährige Schiffsjungen. Noch früher, im 18. Jahrhundert, ließ die spanische Marine ihre Galeeren von Zwangsarbeitern, den galeotes, rudern. Die wenigsten überlebten das. Diejenigen, die überlebten, galten als danach als harte Hunde, mit denen man sich besser nicht anlegte.

Ich habe das Mittelmeer gesehen, capitán, die Adria, die Nord- und die Ostsee, das Tyrrhenische und das Ionische Meer wie auch die Irische See. Auch sterbende Schiffe habe ich gesehen, die kamen aus der ehemaligen Sowjetunion, um im Hafen von Triest ausgeschlachtet und verschrottet zu werden. Später las ich Jean Claude Izzos „Aldebaran“, und mir schnürte sich die Kehle zu wie zuvor am Hafen von Triest. Irgendwann in dieser Zeit kamen Sie, capitán, ein Tänzer, ein Segler und ein Leser. Sie brachten mir den Atlantik zurück, und dieses Mal sprach er Spanisch. Von Ihnen lernte ich noch etwas anderes über das Meer, nämlich, dass das Meer eine Mutter ist, die uns alle ernährt, aber auch ein wildes, grausames Lebewesen, das mit uns zu spielen scheint und uns so leichthin tötet, wie wir ein lästiges Insekt erschlagen.

In Ihrer Heimat, die an drei Seiten Küsten hat und eine Seefahrernation war, sagt man, der Teufel sei nicht klug, weil er der Teufel, sondern weil er alt ist. Das Meer aber ist noch älter als der Teufel. Es sieht alles, weiß alles und gibt nur manchmal etwas preis. An seinen Ufern lässt es sich gut leben, jedenfalls so lange es nicht zornig wird. Denn dann brüllt es und tobt es, und verschlingt, was sich ihm in den Weg stellt oder gar glaubt, es bezwingen zu können.

Natürlich ist das Meer älter als der Teufel, hätten Sie gesagt, capitán, denn der Teufel ist ja eine Erfindung der Menschen. Ich finde das tröstlich, und für die Stunde meines Todes wünsche ich mir insgeheim, dass das Meer mich hielte wie damals in Madrid, ganz und gar fern vom Meer, Ihre Augen.

(Während ich dies schreibe, wartet ein Schiff voller Flüchtlinge auf die Genehmigung, in einen Hafen einlaufen zu dürfen.  Hier ist es nicht das Meer, das mit Menschenleben spielt, sondern die europäischen Regierungen.)

Untreue und die Folgen

„Der Tanz der Liebe ist mir ungelenk.“ Maria Benedickt, Die Fährte der Füchsin

Untreue kann passieren. Jeder und jede von uns kann von Zeit zu Zeit über einen Bettpfosten stolpern, über ein Lächeln oder auch nur  über die Art, wie sich jemand das Haar aus dem Gesicht streicht. Über Untreue pflegte ich lange Zeit bestenfalls zu lächeln. (Ich selbst war im Geist untreu, und über lange Zeit, aber niemals wurde etwas Greifbares daraus. Ob das besser war oder im Gegenteil viel schlimmer, weiß ich nicht.)

Wenn aber die Untreue kein gelegentlicher Fehltritt ist, sondern eine Gewohnheit wird, und wenn aus der Gewohnheit ein Gewohnheitsrecht zu werden scheint, dann ist es Zeit, die Koffer zu packen, die Brücken abzubrechen und an das Schiff zu denken, das man seinerzeit nicht verbrannt hat. Denn das Gewohnheitsrecht der Untreue beinhaltet ja die Missachtung, es sagt: Hier, schau her, ich habe es schon wieder getan, es macht mir nichts, ich werde es wieder tun und geniere mich nicht einmal dafür.

Nicht die Untreue selbst schmerzt, sondern eben diese Missachtung, die Gleichgültigkeit. Man kann sie mit einem müden Lächeln abtun, aber man muss nicht. Manchmal sucht man sich ein anderes Ventil für die Gefühle, die niemand mehr haben will und wird, wie oben erwähnt, zumindest im Geist untreu. Ich verurteile weder die eine noch die andere Art der Untreue. Man muss jedoch wissen, bis zu welchem Punkt man gehen will und was die Konsequenzen sein könnten. Was mich betrifft, halte ich mich inzwischen heraus. Die Liebe fehlt mir nicht, sie ist mir ungelenk geworden. Die Trivialliteratur hat mitunter die besten Antworten auf die Rätsel des Lebens. Siehe oben.

 

 

 

Sich vom See entfernen

Es muss nicht immer der Blick auf den See sein, und so breche ich auf, das Hinterland zu erkunden. Kann irgendjemand Ortsnamen wie Niemandsbichl, Jäger auf der Ebene oder Mayer in der Eck widerstehen? In Niemandsbichl erinnert der noch erhalten gebliebene Sockel eines Wegkreuzes an einen, der hinging, aber nicht mehr herkam. Abgebildet ist der heilige Stefan, was darauf hindeuten könnte, dass der Vermisste oder Verstorbene Stefan geheißen hat. Oder vielleicht hat man nur gehofft, der heilige Stefan möge ihn besonders behüten. Man wird jedenfalls Gründe gehabt haben, die ich, da mir es mir an Kenntnis der örtlichen Gebräuche fehlt, nicht nachvollziehen kann.

Der Frühsommer verschönt jede Landschaft, so auch diese. Der Blick ist hier weiter als in Seenähe. Ich bin früh losgegangen, außer mir ist kein Wanderer unterwegs. Mitten in der Gegend steht ein Feuerwehrgerätehaus herum, was nur auf den ersten Blick unlogisch ist. Tatsächlich sind ja ringsum Aussiedlerhöfe, die längst abgebrannt wären, bis die Feuerwehr aus Gmund die Brandstelle erreicht hätte. Ein Mann scheint die Aufgabe zu haben, die Geräte zu überprüfen und ist der Dritte an diesem Morgen, der mich nach dem Woher und Wohin fragt. Sein „Du“ ist nicht das vielbeschworene  „Bergsteiger-Du“, sondern kommt ganz natürlich, und deshalb ist es sogar mir, die ich mitunter Duzer frage, wann und wo wir miteinander die Schweine gehütet hätten, nicht unangenehm. Er empfiehlt mir für das nächste Mal einen landschaftlich noch schöneren Weg. Für dieses Mal richte ich mich jedoch nach den Wegweisern, denn ich bin ja bekanntermaßen ohne Orientierungssinn geboren. Hofhunde, Raubvögel, ein Storch und (möglicherweise) Kolkraben begegnen mir. Walderdbeeren wachsen am Wegrand. Ich überlege, ob es in der Gegend eigentlich Kreuzottern gibt und vertraue darauf, dass eine derart ungeschickte und unerfahrene Wanderin wie ich genug Lärm macht, dass die geräuschempfindlichen Reptilien das Weite suchen, bevor ich sie auch nur sehen könnte.

Ebenso wie die Feuerwehr ist auch die Religion dezentralisiert: der praktische Nutzen der meist etwas entfernt von den Gehöften gelegenen Kapellchen, Wegkreuzen und Bildstöcken geht mir später auf, als mir ein alter Mann entgegenkommt, für den die Pfarrkirche wohl zu weit entfernt ist und der einen der heiligen Anna selbdritt geweihten Bildstock aufsucht, um dort sein sonntägliches Gebet zu verrichten. Die heilige Anna hält in einem Arm das Jesuskind und im anderen die gleichgroße, sehr jugendliche Maria. Das schönste Wegkreuz steht aber schon an der Zufahrt zu den beiden Waldhöfen und trägt die Inschrift A. und S. St. 1946. Hat man solche Kreuze vielleicht auch anlässlich einer Hochzeit errichtet, und hat hier ein Paar vielleicht Kriegsende und Rückkehr aus der Gefangenschaft abwarten müssen, um heiraten zu können? Das Kreuz, verziert mit auf Holz gemalten Rosen, scheint jedenfalls zu jubilieren.

Grund, wo die Jägerschlacht stattfand, ist schön und immer noch unheimlich. Mir kommt dort der Gedanke, dass es vielleicht nicht klug war, allen Fragenden bereitwillig Auskunft über mein Ziel und den geplanten Weg  zu geben. Aber meine Reize halten sich inzwischen in Grenzen und wenn mir jemand gefolgt wäre, hätte ich es bemerkt. Der Rückweg führt an einer Kläranlage, einem Fischereibetrieb und einer Papierfabrik vorbei. Ich bin mir nun nicht mehr sicher, ob ich in der Gegend Fisch essen möchte. Einige Gebäude jedoch erzählen von früher Industrialisierung, die sicher dem einen oder anderen, der keinen Hof zu erben hatte, ein Auskommen bot. Die Brücke über die Mangfall wird überprüft und ist eigentlich gesperrt, was auch schon Kilometer zuvor angekündigt war. Allerdings habe ich dank meines Mangels an Ortskenntnis angenommen, eine andere Brücke sei gemeint. Ich schleiche hinter den in ihre Arbeit vertieften Männern vorbei. Wenn die Brücke deren Wagen trägt, wird sie auch unter mir nicht zusammenbrechen. Ein Radfahrer scheint ähnliche Gedanken zu haben, aber auch er wird weder aufgehalten noch zurechtgewiesen.

Wieder in Gmund angekommen, reicht die Zeit leider nicht mehr für das Nach-Wanderungs-Eis. Unter wolkigem Himmel nehme ich den Zug in Richtung München. Regnen wird es, wenn überhaupt, erst später, hier wie dort.

Zug- und Pausenlektüre: Erika Swyler/Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence, Das Geheimnis der Schwimmerin, Limes Verlag, 2016

Wanderweg: Großer Rundwanderweg Gmund

 

Blöde-Weiber-Kuchen

(aus gegebenem Anlass)

Zutaten für den Teig: 

350 g Butter

350 g Zucker

1 Päckchen Vanillezucker

6 Eier

350g Mehl

3 TL Backpulver

abgeriebene Schale einer Zitrone

Zutaten für den Guss

200 g Puderzucker

4 EL Zitronensaft

Die Zutaten für den Teig zu einem Rührteig verarbeiten und auf ein gefettetes Backblech streichen. Im vorgeheizten Backofen bei 200 Grad 20 min backen. Nach dem Abkühlen mit einem Guss aus dem Puderzucker und dem Zitronensaft bestreichen.