Sonntagssachen 2

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Mehrwegeinkaufstasche, 21. Jahrhundert, aus Kunststoff.

Verwendet als Aufbewahrungsort für „Computerzeugs“, also Handbücher, Ersatzkabel, Disketten etc. Steht normalerweise  im Schlafzimmer in dem schmalen Zwischenraum zwischen Bett und Kommode. (Man muss seine Zuflucht zu allerlei Künsten nehmen, wenn man nur eine winzige Wohnung hat.)

Inspiriert hat mich das Blog Reading My Tea Leaves. Die Autorin lebt mit Mann und inzwischen zwei Kindern in einer kleinen Großstadtwohnung und muss mit den wenigen Quadratmetern gut haushalten.

Soll man?

Soll man, so fragt jemand auf Twitter, den Kontakt abbrechen zu den Eltern, wenn diese AfD wählen? Mein Vater lebt nicht mehr, aber er hat sein ganzes Leben nichts anderes als SPD gewählt. Bei meiner Mutter ist keine Gefahr:  sie hat nie eine rechte Partei gewählt und wird das auch auf ihre alten Tage nicht tun. Ich habe aber zwei angeheiratete Cousins, die mit der AfD zumindest sympathisieren. So entfernte Cousins, dass man sie außerhalb Nordhessens wohl nicht einmal mehr Cousins nennen würde.

Die Frage, die auf Twitter gestellt wurde, war eine rhetorische. Der Fragende, der sich betont christlich gab, war der Meinung, man müsse sich auf jeden Fall von solchen Eltern distanzieren. Er konnte das sogar mit einem Bibelzitat untermauern. Nun, wenn ich noch so bibelfest wäre wie in meinen frommen Zeiten, könnte ich sicher einen Bibelvers finden, mit dem sich das Gegenteil belegen ließe.

Obwohl ich ziemlich sicher bin, dass man es nicht mit dem Christentum vereinbaren kann, die AfD zu wählen, und obwohl ich sicher nur noch kulturell Christin bin, möchte ich doch zu bedenken geben, dass es auf keinen Fall christlich ist, Menschen zu verteufeln und zu verstoßen, weil sie einen falschen Weg gehen.

Wäre meine Großmutter katholisch gewesen, hätte man sie wahrscheinlich eine Herz-Jesu-Sozialistin nennen dürfen. Ihre zahlreichen Brüder vertraten, soweit ich weiß, sehr unterschiedliche Meinungen. Was sie nicht hinderte, miteinander und mit meinem bekanntermaßen roten  Großvater zu trinken. Eine Familienlegende erzählt von einem Gespräch zwischen meinem Großvater und seinem Schwager. Letzterer – ein NSDAP-Mitglied der ersten Stunde – tatsächlich oder nur gespielt stockbesoffen, sagte es meinem Großvater auf den Kopf zu: „Martin, du bist Schuhmacher.“  Und mein Großvater: „Nein, Martin, ich bin doch Schmied!“ „Schuhmacher“ bezog sich natürlich auf Kurt Schumacher. Der eine Martin hat den anderen Martin übrigens nicht denunziert. Familie eben. Oder vielleicht hatte der eine Martin auch nur ein bisschen Angst vor seiner Schwester.

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Wissen Sie eigentlich, wer der Apfelpfarrer war?

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Und weil man nicht nur melancholisch sein kann: Video

Am See: Abschied

Zwei Stunden länger als üblich habe ich geschlafen, denn die Nacht war keine erholsame. Deshalb nehme ich den Zug um kurz nach neun, den, mit dem die Massen zum See fahren. Und die Massen sind da, an diesem voraussichtlich letzten schönen Sonntag im Oktober und vielleicht im ganzen Herbst. Sie plappern, allesamt und ununterbrochen. Fahrradfahrer suchen ihren Platz; die böse Kommandeuse in Gestalt einer Bahnangestellten scheucht sie in einen Wagen, der ohnehin überfüllt ist.  In Holzkirchen fährt der Zug nicht mehr weiter, aber der nächste steht schon am selben Bahnsteig gegenüber. Finsterwald hat nun auch eine Bahnstation. Vor Gmund liegt noch leichter Nebel auf den Wiesen. In Tegernsee springe ich als eine der ersten aus dem Zug und bin im Wald, bevor sich die Horden auf dem Wanderweg drängeln. Der Wind kommt vom See her und trägt den Duft der Misthaufen bis tief zwischen die Bäume. Trotz allem ist das hier immer noch Bauernland. Ich weiche vom Wanderweg ab und folge einem Pfad, den ich bei einer der vorigen Wanderungen entdeckt habe. Er ist weder gekennzeichnet noch finde ich ihn in der Karte, also muss ich wohl nachsehen, wohin er führt. Er führt zum Unterstand eines Jägers, der anscheinend das Wild  anfüttert, um sich die Jagd zu erleichtern. Es ist aber kein Jäger da, und so gehe ich weiter. Der Pfad wird immer schmaler und verschwindet schließlich ganz. Auch weiter oben ist kein Pfad, nicht einmal ein Holzweg, also kehre ich um auf den regulären Wanderweg.  Der ist heute allzu gut besucht, und ich, die ich beim Wandern doch eigentlich keine Menschen sehen mag, komme aus dem Grüß-Gott-, Servus- und Hallo-Sagen nicht heraus. Der See ist metallisch-grau und ein einzelnes Segelboot kreuzt vor schwachem Wind. Keine zehn Pferde bekommen mich heute auf die Neureuth. Bei diesem Wetter und um die Uhrzeit sind alle echten Wanderer da; eine Dilettantin wie ich hält sich da besser diskret zurück. Am Hof mit dem schönen Vieh ist die Altbäuerin mit ihren Blumen beschäftigt. Ihr Haar ist nun ganz weiß geworden. Den ganzen Sommer habe ich sie nicht gesehen; und manchmal habe ich auf dem Friedhof nachgeschaut, ob da vielleicht ein frisches Grab ist. Die Altbäuerin redet nicht mit jedem, und schon gar nicht mit mir;  der Altbauer ist da anders, aber der ist nicht zu sehen. Man muss die Leute eben so nehmen, wie sie sind. Dem Vieh wächst schon ein Winterfell, vielleicht kriegen wir wirklich einen frühen Winter, auch wenn das Wetter noch nicht so aussieht. Ein Jungrind, kein Kalb mehr, aber auch noch nicht ganz ausgewachsen, liegt im Gras und hat seinen Kopf aufs Hinterteil seiner ebenfalls im Gras liegenden Mutter gestützt. Beide kauen in einer Seelenruhe, zu der nur Rinder fähig sind, wieder.  Ich gehe über Oberbuchberg, Niemandsbichl und Schwärzenbach zurück. Ältere Herren überwinden scheinbar ohne Anstrengung Steigungen mit dem Fahrrad, aber ein Surren verrät mir, dass es nicht allein Muskelkraft ist, sondern auch Elektrizität, die sie antreibt.  In Gmund strahlt die Sonne und lässt den See silbern glitzern. Auf dem Weg zum Friedhof kommt mir der örtliche Klerus entgegen, der auch zu Mittag essen will. In der Kirche Reste der Dekoration vom Erntedankfest sowie das Ergebnis eines Brainstormings der Ministranten, die sich mit dem Konzept des Dienens beschäftigt haben. Für einen Ministranten bedeutet Dienen: „da Depp sei“ (was er genau so und in genau dieser Schreibweise vermerkt hat). Seine Ministrantenzeit wird sicher für alle Seiten ein Gewinn. (Ich hege einen vagen Verdacht, wer seine Großmutter sein könnte – dieser Hang zur Respektlosigkeit und einer klaren Sprache lässt mich an eine gewisse Altbäuerin denken…)

Am Bahnhof bittet ein Skandinavier (?) mit einem Sweatshirt einer von Neonazis bevorzugten Marke und einem Hutbürgergesicht mich um Hilfe beim Fahrkartenkauf. Sein Ziel ist der Münchner Flughafen Einen Moment lang überlege ich, ihn irgendwo ans Ende der Welt zu schicken, einfach aus Prinzip, aber Fahrkarten in die Walachei verkauft der Automat nicht. Im Zug sitzt eine junge, offensichtlich geistig behinderte Frau in Begleitung ihres Vaters. Sie hat Schwierigkeiten, mehrsilbige Wörter zu bilden. Ihr Vater ignoriert sie hartnäckig, aber sie gibt nicht auf.

Zuglektüre auf der Rückfahrt: der Pfarrbrief des Katholischen Pfarrverbands Gmund-Bad Wiessee, in dem überraschenderweise eine Lanze für Asylbewerber und gegen die Abschiebung einer Schwangeren gebrochen wird.

Anderswo

lese ich von einer Frau, die ihr Land verkauft hat für die Flucht nach Deutschland und deren Antrag auf Asyl abgelehnt wurde. Wo soll die Frau nun hin? Kann sie in ihrer Heimat überleben ohne Landbesitz? Hat sie die Fähigkeiten und Möglichkeiten zu einem anderen Broterwerb? Keine Bäuerin verkauft leichtfertig ihr Land, also ihre Lebensgrundlage. Wie hoffnungslos war ihre Situation in der Heimat, und was hat sie sich in Deutschland erträumt? Möglicherweise war ihre Entscheidung falsch. Das kann ich nicht beurteilen. Hier in Deutschland haben wir ein Sicherheitsnetz, das uns nach falschen Entscheidungen auffangen kann. Ich weiß nicht, was es anderswo für Sicherheitsnetze gibt. Die Familie? Wer auch immer über das Schicksal der Bäuerin entschieden hat, konnte und durfte vielleicht nicht anders entscheiden. Die Vorstellung, mit einer Unterschrift in einer Akte dem Leben eines Menschen eine Wendung zu geben, ist mitunter eine schreckliche.

 

Fundsachen 45

aus dem WordPress-Reader. Ausnahmsweise.

Was ich an Menschen, die mit Büchern zu tun haben, mag: Sie scheinen noch Träume zu haben. (Ja, ich weiß, auch die Herstellung und der Verkauf von Büchern ist ein hartes Geschäft.)

Mitzi Irsaj ist eine gute Tante. So muss das sein.

Frau Wildgans mischt vielleicht bald den Pensionistenclub auf. Hoffentlich!

Beerdigungen sind für die Lebenden.

Antonio Machín hat ein Schwäche. Wie wir alle, aber die meisten von uns können nicht so schön darüber singen.

 

08. Oktober 2018

Im Bus riecht es intensiv nach Liebstöckel. Eigentlich ist es zu dafür schon zu spät im Jahr, aber der Liebstöckel auf meinem Balkon hat vor zwei Wochen wieder kräftig ausgetrieben, nachdem er im Sommer fast einer Raupe Nimmersatt zum Opfer gefallen wäre. In der U-Bahn haben sich einzelne  Herren so strategisch platziert, dass sie pro Person mindestens drei Sitzplätze belegen. Die Damen tun es ihnen mit Hilfe ihrer Hand- und sonstigen Taschen nach. Man merkt, dass in der Stadt eine Fachmesse für Immobilien und Investitionen stattfindet. Wer aber so früh unterwegs ist, dass er sich die U-Bahn mit dem Akademiker- und sonstigem Proletariat teilen muss, der kann auf der Messe kein großes Licht sein.  Die kleinen Lichtlein hindert das aber nicht daran, sich zu betragen, als gehöre ihnen die Stadt. Ein ebenfalls mitreisender Flaschensammler legt hingegen großen Wert darauf, auf keinen Fall mehr als den ihm zustehenden Raum einzunehmen.

Die aus dem Urlaub zurückgekehrten  Kolleginnen sitzen wieder an ihren Schreibtischen. Auf der anderen Flurseite wird geschimpft. Bekanntermaßen sind ja in einem Büro immer die anderen die Faulpelze. Der Chef gibt sich am Mittagstisch die Ehre. Man diskutiert die kommende Wahl, aber ich halte mich zurück. Mir ist es unangenehm, wenn das werte Kollegium allzu viel über mich weiß.

Mit etwas mehr Energie als in den letzten Wochen und Monaten wiederhole ich nach der Arbeit zwei meiner eigenen Choreographien. Die Auswirkungen des täglichen Lebens auf den Ausdruck im Tanz sind erstaunlich: die Guajira ist präziser geworden, weniger ironisch als vielmehr sarkastisch, und der Tango der Málaga hat an Deutlichkeit gewonnen, aber auch an Härte. Der Flamenco erzählt, wie schon anderswo auf diesem Blog erwähnt, Geschichten vom Überleben. Überlebt haben heißt aber nicht, nicht gescheitert zu sein.

Auf dem Heimweg bleibt – ich weiß gar nicht wie und wieso – mein Blick an einem untersetzten Herrn hängen. Dieser, ganz ungeniert, sieht dies als Aufforderung zum Exhibitionismus. (Meine Mutter war übrigens schon ein würdige Matrone, als sie einmal bemerkte, wie ein Nachbar sie durch einen nicht ganz zugezogenen Vorhang beim Umziehen beobachtete. „Wenn der es so nötig hat“ sprach sie „dann sei es ihm gegönnt.“)

Am Abend schreibe ich eine Mail an eine Freundin und diesen Text.

Bevor Sie aber weiterziehen, hier noch eine Frage an das hochverehrte Publikum: Frau Sehkrank fürchtet sich vorm Schlafen. Kein Witz, sondern Schlafparalyse. Weiß jemand Rat? (Lassen Sie sich nicht von dem Warnhinweis ins Bockshorn jagen. Der Blogeintrag ist hochmoralisch.)

 

Herbst

Die Blätter fallen, das Jahr neigt sich dem Ende zu, und die Demoiselle de Maintenant wird bald eine Demoiselle d’Antan sein. Man muss sich schon einen Schal um den Hals wickeln, wenn man morgens aus dem Haus geht, und der Schal ist wahrhaftig nicht nur zur Zierde da. Noch ist das Laub vorm Haus grün. Nur die zwei Kirschbäume, die im Sommer der Monilia zum Opfer fielen, sind schon kahl.

Still ist es, als ich am Abend die Töpfe mit den Kräutern wässere.  Sommerdüfte in der Kühle eines Herbstabends. Ich stelle brennende Kerzen in alte Marmeladengläser und warte nicht mehr auf die Geister der vergangenen Jahre. Der Nöck ist fort und kommt nicht wieder; Frau Holle und die wilde Jagd hat man so weit im Süden ohnehin noch nie gesehen. Der Froschkönig wartet vergeblich auf das Mädchen mit dem goldenen Ball. Früh wird der Winter hier kommen und kalt werden, und die von uns, die ihn überleben werden, tragen im Frühling vielleicht Raureif im Haar.