Am See: Rindviecher und neue Schuhe

Auf dem Weg zum See fallen mir Kleingärten auf, die sich in den Bahndamm drücken, als hofften sie, nicht gesehen zu werden. (Zu-)Flucht oder Subsistenz, auf jeden Fall wirken sie nicht, als wären sie jemals mit einer Kleingartenvereinssatzung in Berührung gekommen. Schuppen und Hüttchen, vergrößert mit Plastikplanen, das macht Flexibilität möglich. Peinlich genau scheinen die Besitzer (Pächter?) darauf zu achten, dass man ihnen nichts nachsagen kann: außenherum akkurat geschnittene Hecken, möglichst undurchsichtig, aber drinnen regiert die Anarchie, was man aber nur vom erhöhten Bahndamm aus sehen kann.

Der Zug ist ein Wurfspeer zwischen Regentropfen und Bergen von grauer Watte. So erscheint es jedenfalls meinem durch Schlafmangel getrübtem Verstand. Ich bin spät dran, die echten Wanderer haben einen der früheren Züge genommen. Oder ist das Wetter der Grund, weswegen der Zug so leer ist? Ich finde keine Geschichten in den Gesichtern der Mitreisenden und so vertreibe ich mir die Zeit mit Mosebachs „Türkin“. In T angekommen, besuche ich ein Museum, das noch Winterpause hatte, als ich Anfang Mai  zum ersten Mal dort war. Eigentlich bin ich eine Stunde zu früh, aber die freundliche Dame erzählt mir, dass sie bei schlechtem Wetter manchmal früher öffne. Bei schönem Wetter, so sagt sie, komme fast niemand. Außer mir ist noch eine Familie mit drei mehr oder weniger gelangweilten Kindern da. Kloster, Wittelsbacher, berühmte Persönlichkeiten, die aus dem Umland des Sees stammten oder sich dauerhaft dort niederließen, Handwerk, Landwirtschaft, Küche, Trachten, Bilder, Briefe, Urkunden – das kleine Museum  ist eine Schatztruhe, aber die Übermüdung treibt mich nach kurzer Zeit an die frische Luft. Außerdem bin ich ungeduldig und will die neuen Wanderschuhe ausprobieren, die ich im Zug mehrmals auf- und zugeschnürt habe, bis sie endlich meinen Vorstellungen entsprechend saßen.

Dieses Mal gehe ich nicht durch den Ort, sondern biege gleich am Bahnhof in den Wald ab. Eigentlich aus Versehen, aber der Weg ist schöner und genauso gut gekennzeichnet, was bei meinem Mangel an Orientierungssinn ein echter Pluspunkt ist. Einen Moment zögere ich, als ein Wegweiser auf eine verlockenderes Ziel hinweist, aber meine Müdigkeit, die neuen Schuhe und mein Mangel an Übung lassen mich diesen neuen Plan auf September oder Oktober verschieben. Feuchtwarm ist es im Wald, eine echte Waschküche, in der mir beim Gehen der Schweiß ausbricht. Lichtet sich der Wald jedoch, entschädigt der Blick auf den See und die gegenüberliegenden Berge für die Mühsal. Das ist nicht mein Wald, nicht mein See, es gibt nicht einmal eine entfernte Ähnlichkeit zwischen dieser Postkartenidylle einerseits und meinem schweigenden Wald mit dem finsteren See andererseits, aber es ist besser als nichts, besser als die Mauern, zwischen denen ich mich von Montag bis Freitag bewege.

Mitten im Wald ein niedriger tonnenförmiger Bau, der mir beim letzten Mal nicht aufgefallen ist. Ein früherer Eingang zu einem Stollen oder einem Bunker? Ein kaum sichtbarer Pfad führt bis fast dorthin, die letzten Meter muss man klettern. Können das Kinder und alte Leute im Krieg geschafft haben,  nachdem sie panisch in den Wald geflüchtet waren? Meine Schuhe sind für die Kletterpartie alles andere als ideal,  hinunter werde ich höchstens auf dem Hosenboden rutschen können. Diese Blöße werde ich mir nicht geben, nicht in Sichtweite des Wanderwegs. Also folge ich einem anderen Pfad, der nach wenigen Metern an einer Viehweide endet. Die Rindviecher liegen träge wiederkäuend im Gras. Ich habe einen Heidenrespekt vor Rindern, und das nicht ohne Grund. Aber ich befinde mich am schmalen Ende des spitz zulaufenden Stück Lands. Wenn ich es ruhig angehe, schaffe ich es über die Weide, bevor die Viecher mich bemerken. Vorsichtig öffne ich das Gatter einen Spalt weit, schlängele mich hindurch, und verschließe es wieder mit einer Konstruktion aus Holzprügeln und Drahtschlaufen. Das heißt, ich versuche es. Es geht nicht. Ich ziehe und zerre und gerate ins Schwitzen bei dem Gedanken, dass gleich mehrere Tausend Euro in den Wald abhauen werden. Oder dass ich bei illegaler Überquerung einer stacheldrahtumzäunten Weide erwischt werde. Noch einmal, langsam. Der Stacheldraht entwirrt sich, ich kann das Gatter schließen. Das Vieh aber steht nun in einem halben Meter Entfernung und betrachtet mich mit sehr ungehaltener Miene. Komm! rufe ich halblaut und strecke die Hand aus. Es funktioniert, ein Jungrind leckt meine Hand ab. Ich kraule es zwischen den Hörnern, dann lege ich ihm den Arm um den Hals und ziehe es, nein, ihn mit, so dass er stets zwischen mir und der Herde ist. Geschafft. Vorsichtig steige ich über den Stacheldraht, jetzt bloß nicht hängen bleiben und mich mit zerrissenen Hosen ertappen lassen. Gut, dass das keine alten schlauen Mutterkühe waren.

Als ich an meinem Kapellchen, also dem für das kleine, verunglückte Mädchen und die drei anderen, ankomme, machen sich da schon Wanderer breit, die mich erstaunt beäugen, während ich wieder einmal die Inschriften lese. Wenigstens kauen sie nicht  da, wo man an vier Tote erinnert.

Aus dem Wald hinaus führt der Weg, vorbei an einem gusseisernen Kruzifix, vor dem Rosen und andere Sommerblumen blühen. Der Weg ist ab jetzt unspektakulär. Ich beschließe, dieses Mal auf der Höhe von St.Q. in Richtung See abzubiegen. Keine gute Entscheidung, der eigentliche Weg ist um einiges schöner. Aber egal. Am See entlang, an Blässhühnern, Herren und Hunden vorbei über den Lieblingssteg, dann nach rechts in Richtung Bahnhof. Heute muss es ohne Abstecher zu Kirche und Kirchhof gehen, ich bin zu müde.

Der von den Wohlmeinenden angedrohte Regen erwischt mich erst auf den letzten Metern. Der Bahnhof, mehr als dreißig Jahre später erbaut als der, mit dem ich ihn vergleiche, ist leer. In einer guten halben Stunde geht ein Zug nach M. Die Zeit bis dahin verbringe ich mit Martin Mosebach auf einer altmodisch verschnörkelten Bank. (Hier eine fiese Rezension meiner Lektüre, an der aber einiges wahr ist. Trotzdem: es ist Mosebach.)

Die ebenfalls angedrohten Blasen habe ich mir übrigens nicht gelaufen.

 

Diese Tage, an denen der Vertrauensbruch wieder ganz präsent ist. Diese Tage, an denen man bemerkt, dass eine, die sich verständnisvoll gab, nur Informationen gesammelt hat,  um sie an die Gegenseite weiterzuleiten. Diese Tage, an denen man sich fühlt wie gelähmt, an denen die Finger auf der Tastatur und die Füße in den Tanzschuhen stolpern. Diese Tage, an denen man nicht begreifen will, wie jemand so sein kann, und an denen man doch erkennt, wieder und wieder, dass sich da nur eine ausgehungerte Seele wie eine Liane um einen Baumstamm winden wollte. Nur, dass da kein Baumstamm ist, bestenfalls ein bisschen trockenes Holz, das keine Kraft  für weitere Lianen hat.

Wanderschuhe

Schlechtes Schuhwerk ist des Teufels, habe ich schon als Kind gelernt. Tanzlehrer, Großmütter, Eltern und Tanten unterrichteten mich schon früh mit ernster Miene über die Konsequenzen, die ungeeignete Fußbekleidung für Füße, Wirbelsäule, sonstige Knochen und mein gesamtes späteres Leben haben würden. Als Jugendliche trug ich eine Weile aus purem Trotz spitze Schühchen mit – für meine Verhältnisse – halsbrecherisch hohen Absätzen, aber schon als Studentin kehrte ich reumütig zu den „Nonnenschuhen“ meiner Kindheit zurück, nicht durch Einsicht, sondern durch eine neue Art Notwendigkeit: ich hatte angefangen, Flamenco zu tanzen, und nach zwei oder mehr Stunden mehr oder weniger taktsicheren Stampfens mit hohen Absätzen auf harten Böden möchte man nur noch flache Schuhe tragen.

Flamencotänzerinnenfüße entwickelt zwei Dinge: Muskeln und Hornhaut. Der Tänzer Antonio Canales pflegte sogar zu prahlen, er könne auf seiner Fußsohle eine Zigarette ausdrücken, aber gesehen habe ich ihn dabei nie, und deshalb bin ich nicht sicher, ob ich ihm glauben kann. Wie auch immer, selbst, wenn dies eine Legende sein sollte, so illustriert sie doch die Unempfindlichkeit von Tänzerfüßen.

Meine ersten, eher kurzen Wanderungen am See unternahm ich in völlig ungeeigneten Schuhen, über Stock und Stein tänzelnd, dabei verächtlich beäugt von den „echten“ Wanderern, die nur darauf zu warten schienen, dass ich mir Hals und Beine bräche. Was ich nicht tat, denn wenn ich auch nicht das Gleichgewicht einer Tänzerin habe, so doch ein besseres als Otto und Ottilie Normalverbraucher_in. Irgendwann reifte in mir dennoch der Gedanke, dass ich durchaus ein paar Wanderschuhe gebrauchen könnte. Wanderschuhe gibt es in unserer kleine Stadt in Läden, wo man meinesgleichen – unscheinbar, mittelalt und offensichtlich bücherverwurmt – gerne für teures Geld mit großer Herablassung behandelt.

Mit deutlicher Arroganz begegnete mir also auch die junge Dame, schlank, blond und bayerisch, welche das grausame Schicksal traf, einer Person wie mir Schuhe verkaufen zu müssen. Nun bin ich eigentlich keine unerfahrene Wanderin, nur habe ich ein paar viele Jahre pausiert, aus  Gründen, die hier nichts zur Sache tun. Ich weiß also ungefähr einzuschätzen, was ich kann und was ich will bzw. wollen sollte, und dementsprechend   trug ich meine Wünsche hartnäckig, aber mit Sanftmut, Güte und Geduld, vor. Wir wurden uns auch einig, das zweite Paar Schuhe schon passte perfekt. Dann aber wollte die Blonde mir partout Funktionsstrümpfe verkaufen. Ich habe ja das Wandern noch in dicken Wollstrümpfen und Kniebundhosen gelernt, Funktionskleidung lässt mich Schlimmes befürchten, und wenn ich eines weiß, dann, dass ich Platz in meinen Schuhen haben will. Also keine Funktionsstrümpfe, sondern ganz normale Socken. „Sie werden sich Blasen laufen!  Viele gar schreckliche Blasen.“ drohte die herablassende Schöne und richtete den Blick gen Himmel, wo sich kein passendes Unwetter zusammenbrauen wollte. Fast hätte sie mich nicht mehr aus dem Laden gelassen, als ich ihr versicherte, erst einmal keine quietschroten Funktionssocken zu brauchen. Ich hätte ihr ja gerne erzählt, dass man sich beim Flamencotanz die Mutter und die Großmutter aller Blasen einhandelt (und die Tanten noch dazu), und dass einen danach nichts mehr schrecken kann, aber das hätte sie wohl nicht verkraftet.

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(Von links nach rechts: Nonnen-, Flamenco- und Wanderschuh. Die Mutter der Altbäuerin pflegte zu sagen: Meine Mädchen sind ja alle gut geraten, aber Schuhe putzen tut keins.)

Fundsachen 1

Frau Lakritze über Leinen im Stopfblog. (Ich bügele ja nicht einmal Leinenbettwäsche, da  ich hierin der Tante Christine –  Christine bitte mit Betonung auf der ersten Silbe – folge, welche sprach: „Ach was, ein Furz darwidder..!)

Ich kann kein R rollen. (Das heißt, ich kann schon, nur nicht in meiner Muttersprache.) In Hessen können das überhaupt nur die Leute aus der „Werrerraa“ (Wetterau). Alle anderen machen entweder eine kleine Pause, wo das R sein sollte, oder verwandeln es in ein „ch“, wie in „noch“. Mein ukrainischer Kollege dagegen hat ein französisches R, was verbunden mit einem leichten slawischen Akzent sehr charmant klingt. Aber wer möchte schon ein deutsches R? Er schon.

Ich sage immer: Körper sind weder gut noch schlecht, Körper sind einfach Körper. So ähnlich sieht es auch Frau Keinzahnkatzen.

Ich glaube, ich habe meinen Traumjob gefunden: Die Bücher-Kavallerie.

Ich bin die Rómana

„Deine Mutter war gestern schon hier und hat  zwei Hosen für dich gekauft.“ tönt der Händler auf der Verkehrsinsel zwischen den Straßenbahnschienen, die manchmal zu einem Markt umfunktioniert wird. Ich gehe dort hin, weil ich für eine gewisse Zeit in ein früheres Leben zurückkehre und passend gekleidet sein will. Passend gekleidet heißt in diesem Fall: langer gerade geschnittener Rock mit Gummizug oder weite Hose mit ebensolchem. Darüber eine Bluse, die man nicht in den Bund steckt und – unverzichtbar – der rechteckige Schal, den man einfach herunterhängen lässt und der im Notfall weibliche Formen sowie Speckröllchen kaschiert (und der noch viele andere Bedeutungen und Möglichkeiten bietet).

Meine Mutter wohnt ganz woanders, aber es ist sinnlos, das zu erklären. Mehrmals streite ich ab, die Magdalena zu sein, deren Mutter ihr Hosen kauft. Schließlich gebe ich auf und behaupte, die Rómana zu sein, die Cousine der Magdalena. Was zu schrägen Blicken führt, als ich einige Tage später in Begleitung von Kolleginnen auf den Markt gehe, um Obst zu kaufen, und fröhlich mit „Rómana“ angesprochen werde.

Das kommt davon, wenn man eins dieser Gesichter hat, von denen zwölf auf ein Dutzend gehen.

Es regnet nicht, hier so wenig wie bei Stefan Zweig. Es ist eine seltsame Hitze, keine feuchte, die sich auf die Haut legt wie Sirup, keine glühende, bei der man erwartet, Funken über die Felder springen zu sehen wie bei Theodor Storm. Die Hitze ist, wie alles hier, dumpf und stumpf, ermüdend, erstickend und aufreizend zugleich. Man möchte den Leuten die Hüte herunterschlagen, und am besten den Kopf gleich mit, aber stattdessen sitzt man am Schreibtisch, steht man in der Küche, zügelt man Wut und Nervosität und … nein, dieses Mal bricht man die Brücken ab, verbrennt man die Schiffe, lacht den Leuten ins Gesicht, sattelt das Huhn und macht sich auf und davon.