Fundsachen 7

Als es noch wärmer war als jetzt, fiel mir morgens an der Bushaltestelle eine alte Dame auf, die nachts dort zu schlafen schien. Sie beschwerte sich, dass man ihr die Rente klaue, schimpfte auf die Schwarzen – wobei ich erst nicht verstand, ob sie die CSU meinte oder Menschen mit schwarzer Haut – und teilte der Straße mit, sie sei 80 Jahre alt. Wenn sie wirklich 80 ist, dachte ich, überlebt sie den Winter  auf der Straße nicht, und machte mich auf die Suche nach einer Organisation, die ihr helfen könnte. Auf hiesige Behörden mochte ich mich nicht verlassen. Weder sie noch mich sah ich dazu in der Lage, mit oft sturen und abweisenden Sachbearbeitern zu verhandeln. Die Mühlen mahlen langsam hierzulande, bis dahin kann der Winter gekommen und eine alte Frau tot sein. Aber ich fand ein Kloster, das Obdachlosen Hilfe anbot. Ich beschloss, am folgenden Tag dort anzurufen, aber am folgenden Morgen war die alte Dame weg. Ich habe sie nicht wieder gesehen. Ob sie gestorben ist, ob sie eine Unterkunft gefunden hat, ob jemand ihr geholfen hat? Die Süddeutsche Zeitung weiß von einem ähnlichen Fall:  Gloria

Bei mir im Viertel fällt der Strom nicht aus, auch wenn er (fast) überall sonst in der Stadt weg ist. Mein Viertel hängt am zweitältesten Wasserkraftwerk der Stadt, und solange unser Flüsschen nicht austrocknet, sollte nichts passieren.. Philea liest von einem sehr unheimlichen Stromausfall.

Unheimlicher noch ist der Rechtsruck in Sachsen, der Tagesspiegel sucht eine Erklärung und Ideen, wie man dagegen angehen könnte.

Ich bewege mich gern. Ich tanze, ich radele, ich gehe, ich schwimme. Macht alle Spaß, jedenfalls ab und zu.  Noch viel lieber allerdings esse ich oder wälze mich (in Gesellschaft eines Buchs oder eines hübschen Kerls) auf dem Bett, Sofa oder Teppich. Jedenfalls bevor ich Fitness-Frust aufkommen lasse.

Journelle macht sich Gedanken über Hugh Hefner und Camille Paglia.

Das habe ich am Wahlabend rauf und runter gehört: Mon pays Ma ville est malade

 

Flüchtling

Der Junge liegt unter dem Baum, anscheinend unbeeindruckt von den Passanten und ihren Blicken, vom Straßenlärm und sogar von den Hunden, die wenige Meter entfernt ihr Geschäft verrichten. Niemand sonst legt sich auf diese Wiese. Niemand, außer dem Jungen, der vielleicht  einmal anderswo so gelegen hat und, geschützt durch mildes grünes Laub, in einen fast schmerzhaft blauen Himmel geblickt hat.

Man möchte etwas sagen können, damit der Himmel nicht mehr so fremd ist.

Keine Heimat. Nirgends.

Kreativitätsschub und mürrische Kastagnetten

Meine Fußtechnik ist immer noch wacklig, und wenn ich nicht bald am Tempo arbeiten kann, werde ich mich auch diesen Winter in den Workshops blamieren. Nein, ich tanze zur Zeit nicht gut, und weil der immer wieder auftretende Schwindel mir das Tanzen noch schwerer macht, neige ich dazu, das zu üben, was ich ohnehin schon gut kann: Arme, Hände, Kastagnetten. Nicht nur mir, auch den Kastagnetten scheint das Üben gut zu tun: der Klang ist wieder voller und weicher, was nicht allein an meiner verbesserten Technik liegt. Holz arbeitet anscheinend noch nach Jahren, und Kastagnetten werden mürrisch, wenn man sie zu lange herumliegen lässt. Dann klingen sie schrill und spröde, und keiner will sie hören.

Ich kämpfe immer noch mit der Farruca und beschließe, einige Schritte durch leichtere zu ersetzen. Ehrgeiz ist zur Zeit eher kontraproduktiv; ich muss erst einmal die Freude am Tanzen wiederfinden. Bei den Tientos improvisiere ich ab der dritten Strophe noch vor mich hin und probiere Verschiedenes aus. Ein Schritt hat es mir besonders angetan, aber ich weiß nicht, wo ich ihn einbauen soll. Immerhin tut sich wieder etwas, nachdem ich Wochen und Monate buchstäblich und im übertragenen Sinne nicht vom Fleck kam.

Fundsachen 6

Also doch. Ich kann es mir ja nicht verkneifen, Internet zu lesen und meine großartigen Entdeckungen mit Ihnen zu teilen.

Hier zum Beispiel eine wunderschöne kleine Geschichte, absolut jugendfrei, auf einem mitunter nicht ganz jugendfreien Blog. Gimme five!

Zuerst fand ich die Geschichte doof, aber dann habe ich mich an eine andere Geschichte erinnert, die ich einmal gelesen hatte und die ungefähr so ging: Ein Jude wird von einem SS-Mann gedemütigt, und sein Nachbar, einer von der Sorte, die man im Nachhinein Mitläufer nannte, schleudert ihm einen Satz entgegen: „Jetzt sind wir mal dran!“ Dieser kleine, dumme Satz ist einer, den auch AfD-Wähler und Pegida-Sympathisanten sagen könnten. Oder schon sagen, in der irrigen Annahme, dass ihnen bisher Unrecht widerfahren sei – in einem der reichsten und liberalsten Länder der Welt. Die Historie dreht sich im Kreis, und so kriegt die Geschichte einen Sinn.

Ein wunderbarer kleiner Text der Katastrophenchronistin.

Onkel Maike reist in die Normandie. (Bisher drei Blogeinträge, ich verlinke hier nur den ersten.) Übermäßig gut gefällt es ihr da nicht. Es muss da so sein wie bei den Sch’tis, wo ich in meiner Kindheit häufiger meine Ferien verbrachte und meine ersten Brocken Französisch lernte. Ich muss Sie aber enttäuschen, ich rede Französisch nicht mit einem Sch’ti-Akzent, sondern mit einem bosnischen. Das aber ist eine andere Geschichte. Bei den Sch’tis hat es mir aber immer gefallen. Ich liebe ja bekanntermaßen die Tristesse.

Rosalía, eine beeindruckende junge Sängerin.

Lieblingssatz 04102017

„Zwischen ihrer grauenhaften Sprache und ihren immer anmaßenderen Aktionen erschienen sie mir als die, die sie waren: kleinbürgerliche, lebensfeindliche und verzweifelt ahnungslose Angstmacher, die kein Ziel hatten außer ihrer eigenen kalten Präsenz.“

Eva Demski, Den Koffer trag ich selber, Insel Verlag, Berlin 2017

Erntedank

Heute sind keine Boote zu sehen. Der See ist bleigrau und kalt, und die Wolken hängen auf Halbmast. Ein schöner Eichelhäher scheint mir den Weg weisen zu wollen, aber zuvor halte ich noch an einem Kruzifix. Der Gekreuzigte ist nicht, wie ich immer dachte, geschnitzt, sondern aus Gusseisen, die italienisch (?) inspirierte Muttergottes steht nicht seitlich, sondern direkt unter seinen Füßen und scheint weder in der Größe noch in der Ausführung dazu zu passen. Ich glaube nicht, dass das beabsichtigt war, eher, dass man eben nahm, was verfügbar war, dass die Kreuzigungsgruppe aus vorhandenen Elementen, die unabhängig voneinander entstanden, zusammengefügt wurde. Eine weitere Kreuzigung  zeigt wieder die italienische Madonna direkt unter dem Kruzifix, Christus selbst ist eindeutig alpenländisch, eine kantige, naive Darstellung mit leuchtend roten Spuren seines Martyriums am ganzen Körper. Möglicherweise sind die Madonnen Massenware wie die Christusköpfe auf dem Friedhof vor meinem Fenster, die bei Regen manchmal von den alten Grabsteinen fallen. Oder aber ein örtlicher Madonnenschnitzer hat sich irgendwann auf ein Modell festgelegt, das der Kundschaft gefiel, wer kann das wissen? Ich jedenfalls nicht, die ich hier fremd bin und fremd bleibe.

Alpenländisch sind auch die Rinder,  die mir begegnen. Die Rasse heißt, wie ich jetzt endlich weiß, oberbayerisches  Alpenfleckvieh, was ein Züchter stolz mittels einer Plakette an der Stalltür verkündet. Schafe, ein Fasan, niedrig fliegende Mücken, schließlich trotz Nieselregens doch ein paar Menschen. Letztere können mir zum größten Teil gestohlen bleiben, bis auf den  auch dieses Mal wohlbehüteten und lachenden Schwarzhaarigen, mit dem ich im Sommer über meine wandertechnische Unfähigkeit gewitzelt hatte, und die stets Männerhosen und einen speckigen Hut tragende Altbäuerin, die mit dem Altbauern (?) händchenhaltend gen T spaziert. So was, die beiden hatte ich für Geschwister gehalten! Liiert oder verheiratet, auf jeden Fall wirken sie schwer verliebt, und sollten sie verheiratet sein, aber nicht miteinander, dann will ich nichts gesehen haben.  Eine derart späte Liebe ist ein Gottesgeschenk, und nichts, wo man seine Nase hineinstecken sollte.

Die katholische Pfarrkirche ist fürs Erntedankfest prächtig geschmückt. Alles ist da, was Feld und Garten hergeben, dazu Eier, Honig und ein ganz aus Butter modelliertes Lamm. Man kann für 50 ct eine Postkarte vom Ernteschmuck kaufen, was ich tue. Zeigen kann ich sie Ihnen leider nicht, denn damit verstieße ich bestimmt gegen Urheberrechte. Sie müssen mir also einfach glauben, dass es der prächtigste Erntedankschmuck ist, den nicht nur die kleine oberbayerische Welt je gesehen hat. Nur eine Erntekrone hatten sie, glaube ich, nicht.

Onkel Juan geht nicht ins Museum

Das Archäologische Museum Hamburg möchte gerne wissen, wie wir auf Kultur blicken. Ich dachte, ich erzähle dem Museum einfach, wie jemand, den Sie nicht kennen, meinen Blick auf Kultur verändert hat.

Für „Tío Juane“. Und für R.M., der Leuten wie Tío Juane etwas über Kunst erzählen könnte.

Die Gerechtigkeit auf den Acker tragen wollen ein Gastwirtssohn und ein Köhlerssohn bei Ernst Wiechert. Gerechtigkeit, das heißt auch: allen Zugang zu Kultur gewähren. Museen und andere Institutionen haben vergünstigte Eintrittspreise für Rentner, Studenten und Arbeitslose. Aber was, wenn die Armen gar nicht wissen, wo sie hingehen könnten? Was, wenn sie sich gar nicht in die imposanten Gebäude hineinwagen?

Vor Jahren war ich wieder einmal in Sevilla. Ich fahre da alle paar Jahre hin, um mein Spanisch und andere Fähigkeiten aufzupolieren, Bücher zu kaufen und Europa vom anderen Ende aus zu betrachten. Wenn ich Europa mal vom untersten Ende aus sehen will, fahre ich in den Süden von Sevilla. Das unterste Ende von Sevilla heißt Las Vegas und  liegt gleich an der Carretera Su Eminencia, in dem Viertel, das ganz lapidar „Tres Mil Viviendas„, Dreitausend Wohnungen, heißt. (Dreitausend sollten es werden, es sind aber noch nicht einmal tausend geworden, was ein Elend ist.)

Sie kommen da hin, indem Sie – absichtlich oder aus Versehen – in den Bus Nummer 31 steigen und bis fast zur Endstation fahren. Sie können da auf einer Art Platz herumlungern, wo alte Herren ihre Autos unabgeschlossen stehen lassen und junge Herren nicht sicher sind, ob man Sie grüßen muss, weil Sie irgendeine entfernte Tante oder Cousine sind oder ob man Sie als eine verrückte/gefährliche paya am besten ignoriert.

Wenn Sie Glück haben, erbarmt sich einer der alten Herren, nennen wir ihn „Tío Juane“ (Onkel Juan) und fragt Sie nach dem Woher und dem Wohin, nach Ehemann und Kindern, lobt Ihre Schönheit und Ihr gutes Herz.  Überhaupt ist man dort, am unteren Ende Europas, von äußerster Liebenswürdigkeit.

Liebenswürdig ist man auch im Museo de Bellas Artes in Sevilla. Der Angestellte, nur zehn oder fünfzehn Jahre jünger als Tío Juane, freut sich, als ich nach einem Murillo frage, der nicht mehr da hängt, wo ich ihn vermutete. Er zeigt mir den neuen Platz und verweist auf stilistisch und thematisch ähnliche Werke in diesem und in anderen Museen. Ich erzähle – holprig, weil ich die spanische Fachterminologie nicht kenne –  von Bildern, die ich anderswo gesehen habe. Nachdem wir uns verabschiedet haben, nachdem ich, geleitet von den Assoziationen meines Gesprächspartners, die ständige Ausstellung durchstreift habe, sitze ich noch eine Weile im Patio. Mir wird schmerzlich bewusst, dass jemand wie Tío Juane, der doch sein ganzes Leben in Sevilla verbracht hat, dies alles vermutlich nicht kennt. Dass er die Geschichten, welche die Maler mit Farben und Pinsel erzählen, nicht sehen wird. Dass niemand hören will, was er über Goya und die Pferde bei Velázquez  denkt (und er würde ganz sicher etwas denken, aber vielleicht etwas anderes als Sie und ich vermutet hätten).

Tío Juane kann nicht lesen, hat sein Leben lang mit Pferden gehandelt, hat sich beschimpfen und mit Dreck bewerfen lassen,  und niemand hat ihm je gesagt, dass die Kultur auch ihm gehört. Museen nützen gar nichts, wenn Tío Juane nichts davon erfährt. Wenn die Schwelle zu hoch ist für einen alten Romagroßvater. Tío Juane würde sogar seinen feinen Anzug anziehen und eine Krawatte umbinden, wenn er wüsste, dass er in Ihrem Museum willkommen ist. Er würde durch Ihr Museum streunen, mit seinem Gehstock und seiner finura eines alten gitanos, und die Bilder würden zu ihm sprechen, aber ganz anders als zu Ihnen oder zu mir. Und vielleicht, wenn er Ihnen vertraute, würde er Ihnen erzählen, was die Bilder sagen.

Anders

Die Bayernpartei wählen – den Impuls verstehe ich, aber ich kann nur spekulieren, was für ein Traum dahinter stecken mag. Der Wunsch, dass die Dinge bleiben, wie sie sind? Wieso glauben (manche) Bayern, sie hätten einen Anspruch darauf, dass sich nichts ändert? Ich komme aus einer Gegend, in der man früh lernt, dass man nichts behalten kann. Man verließ und verlässt die strukturschwache Heimat, um anderswo sein Brot zu verdienen. Ich will die (ober-?)bayerische Haltung nicht kritisieren, ich verstehe sie bloß nicht.

Dann das andere: Ich bin von der 8. Klasse bis zum Abitur in Frankfurt aufs Gymnasium gegangen. Frankfurt war damals ein kleiner Schmelztiegel. Mit Menschen mit unterschiedlichstem Hintergrund auszukommen und mich auch zwischen rivalisierenden Gruppen zu bewegen wie ein Fisch im Wasser, erscheint mir völlig normal. Allenfalls wechsele ich einmal die Straßenseite, ansonsten hilft im Normalfall mütterliche Strenge. Letztere beherrschen Mädchen aus dem Frankfurter Ostend schon mit vierzehn.

Es ist anders hier, und auch der Wähler der Bayernpartei ist anders. (was nicht heißt, dass ich ihn nicht mag)

Andererseits kann ich mich auch in jedem einzelnen Punkt irren.

Geschichten vom See: auf dem Holzweg

Noch einer aus dem Blogkeller, oder von der Blogmüllhalde. Diesen Text habe ich mir im August von der Seele geschrieben, und dass ich ihn doch noch veröffentliche, ist nichts als Chronistinnenpflicht. Außerdem will ich meine Wanderstümpereien auch später noch einmal nachlesen können.

Da ich im September keine Zeit für den See haben werde und das Wetter im Oktober in solch unzivilisierten Gegenden schon eklig sein kann, war heute eigentlich eine große Abschiedstour geplant. Diese hatte jedoch zwei Gegner: meinen chronisch lädierten Knöchel und meinen Orientierungssinn. Letzterer führte mich auf Abwege. Am See gibt es, mit Verlaub, zu jedem Klohäuschen mindestens fünf Wegweiser, nicht jedoch zu dem Ort, der am Ende meiner ersten Etappe liegen sollte. Da, wo ich hätte abbiegen sollen, traute ich mich nicht, weil das nach einem Privatweg aussah, und dann kam lange nur noch Wald. Verlaufen kann man sich ja am See nicht, notfalls geht man einfach parallel zum Ufer, bis man wieder in der Zivilisation ist. (Sie bemerken mein tiefes, unüberwundenes Misstrauen gegenüber Aktivitäten, die unter freiem Himmel stattfinden?)

Ein zweites See-Gesetz besagt, dass irgendwann wieder eine Kreuzung kommt, an der Wegweiser in alle bekannten Himmelsrichtungen zeigen (und in noch ein paar, von denen Sie bis dato nichts wussten. Es würde mich nicht wundern, wenn ich irgendwann einmal auf einer Kuhweide lesen würde: Marrakesch 3170 km). Der Wegweiser zeigte das nächste verlockende Ziel an, und ja, ich verfiel der Verlockung. Wer der Verlockung nicht verfiel, war mein Knöchel. Der, Sie erinnern sich, ist seit einer Verletzung in meiner lang vergangenen Jugend chronisch lädiert, beschränkt sich aber in der Regel auf Schmerzen mittlerer Güte. Was er selten tut, aber heute wohl wieder einmal demonstrieren wollte: abruptes und unmotiviertes Wegknicken nach rechts, kein Gefühl und kein Halt. Dann ist Humpeln angesagt, bis sich der Herr Knöchel wieder besinnt. Normalerweise dauert das ein anderthalb bis zwei  Kilometer, dann ist alles wieder gut. Nicht schön ist das bei steilen Auf- oder Abstiegen. Es gibt Tage, da macht mir auch das gar nichts aus, und ich stiefele einfach weiter, wobei ich das Problem geflissentlich ignoriere. Heute war nicht so ein Tag. Der Knöchel forderte mit ziemlichem Nachdruck einen anderen Weg.

Am See sind die Wanderwege als leicht, mittel oder schwer gekennzeichnet. Dann gibt es Wege, die sind gar nicht gekennzeichnet. Das sind die Wege, auf denen die örtliche Bevölkerung, sofern sie Selbstachtung besitzt und jünger als 102 Jahre ist, vermutlich gar nicht gesehen werden möchte. Für eine Flachländerin wie mich sind diese Wege aber  ein willkommener Anlass zum Faulenzen, und so schlugen mein Knöchel und ich einen solchen ein. Er war schön, der Weg, er bot immer wieder Ausblick auf See und gegenüberliegendes Ufer, nur war er ein wenig zu gut besucht für meinen Geschmack. Auf dem selben Weg bin ich schon mutterseelenallein gewesen, aber da hat es eben auch genieselt. Heute war strahlender Sonnenschein, was meine melancholische Seele ja ohnehin häufig als Affront empfindet. Dazu noch laut schnatternde Familien, und meine latent vorhandene Misanthropie bricht aus. Sie bricht stumm aus, aber sie bricht aus.

Was trotzdem schön war: eine Maria(e) Schnee gewidmete Kapelle, die kleiner ist als mein Wohnzimmer, aber in ihrem Inneren über einen Kreuzweg mit zwölf Stationen verfügt. Stellen Sie sich einfach vor, Sie gingen einmal langsam um Ihren Esstisch und beteten dabei, dann wissen Sie, wie es sich wahrscheinlich  anfühlt. Der See hat ja diese zwei Seiten, die mondäne und die bäuerliche. Mit jener kann ich nichts anfangen, diese erinnert mich an zu Hause.  Und die Brombeeren waren reif.

Steine werfen

Manchmal liest man einen Blogeintrag, auf den man reagieren möchte. Man tut es aber nicht, denn eigentlich ist die eigene Reaktion unangemessen oder man steht ohnehin nicht auf Gesprächsfuß, weil der oder die eine dem oder der anderen mit Schwung das Kraut ausgeschüttet hat, oder… suchen Sie sich einen Grund aus, Sie kennen das ja vermutlich selbst.

Um also  keine Händel zu suchen, hält man die Zunge im Zaum und zügelt die Finger auf der Tastatur, aber es rumort im eigenen Hirn oder Bauch.

Hier also der erste meiner ungeschriebenen Kommentare:

Jede Handlung, sei sie auch noch so unschuldig und durch noch so ehrliche Absichten motiviert, hat Konsequenzen. Was man tut, ist dennoch eines jeden oder einer jeden freie Entscheidung; hinterher lamentieren und mit betroffenen Dritten ihre Reaktion vorwerfen, ist aber schlechter Stil.

Oder, hoffentlich weniger moralinsauer: wenn Sie einen Stein ins Wasser werfen, verursacht er harmlose kleine, kreisförmige Wellen. Er kann aber auch einem übellaunigen alten Karpfen, Hecht oder Wels auf den Kopf fallen, und dann bricht im See die Hölle los…