Der dritte Weltkrieg

Der dritte Weltkrieg fand in den 70ern in der …-straße statt. Nun ja, es war nicht wirklich ein Weltkrieg, allerdings erfasste er scheinbar zur Gänze unsere kleine Welt. Er begann damit, dass der R und die I  aus irgendeinem Grund in Streit gerieten und einander mit blutrot angelaufenen Gesichtern gegenüber standen, jeweils eine Faust in den Haaren des bzw. der anderen. Der R hatte Brüder, die I Freundinnen, so weiteten die Kampfhandlungen sich aus. S ergriff Partei für R, Y für I,  Z für Y, A für S usw.; ich weiß gar nicht mehr, ob die letztendlich Beteiligten einander überhaupt alle kannten. Schließlich waren sämtliche Kinder der Straße in einem lebenden Knäuel wie miteinander verknotet. Neue und unerwartete Allianzen bildeten sich innerhalb von Minuten und lösten sich ebenso schnell wieder auf.  Die Verfasserin, das muss man leider sagen, hegte zu der Zeit bei aller Freundschaft einen heimlichen Groll gegen die I, so dass sie die Gelegenheit, im Getümmel wie aus Versehen einen heimtückischen Haken zu platzieren, gerne nutzte. Die I blieb nichts schuldig, und auch sie mag wohl Gründe gehabt haben. Die P,  dritte im Freundinnenbunde, unterstützte, soweit ich mich erinnere,  abwechselnd beide Seiten, bis sie schließlich aufgab und zeternd davon lief. Weniger kämpferisch als wir anderen veranlagt,  neigte sie damals ohnehin sehr zum Heulen und Zetern. Die I und die Verfasserin aber, wütend und scheinbar unempfindlich gegen Schmerz, kämpften, bis der von beiden verehrte, viel ältere J beide am Kragen packte und sie nach rechts und links in die Büsche schleuderte. Wer die Schlacht gewann oder ob überhaupt einer gewann, habe ich vergessen. Am Ende blieben ein ausgeschlagener Milchzahn, Kleidungsfetzen und ausgerissene Haare in allen Farben auf dem Feld.  Eine Narbe von einem Biss der I  kann man heute noch auf dem Unterarm der Verfasserin sehen. Der Milchzahn hatte einmal der I gehört, aber wer ihn ihr ausgeschlagen hat, kann ich nicht sagen.

Die I, die P und die Verfasserin wurden übrigens am folgenden Montag wieder vereint auf dem gemeinsamen Schulweg gesehen, als wäre nichts geschehen. Anderswo und heutzutage sind die Kampfhandlungen weniger harmlos, wenn auch die Allianzen fast ebenso flüchtig. Wer heute ein Verbündeter ist, kann morgen schon verraten und verkauft oder gar der neue Erzfeind sein. Und wer nur ausreichend Geld einstreichen darf, dem ist es wohl egal, wo die tödliche Ware am Ende landet, und wenn es beim Feind des einstigen Verbündeten ist. Auf einen J, der zwei Parteien trennt, wage ich nicht zu hoffen.

 

 

 

Lieblingssatz 18032018

Wieso erinnert mich das an Twitter?

„Die Runde meines Freundes Nogier trifft sich jeden Abend um fünf – er nennt es: die blaue Stunde – im Café à l’Écart. Die Herren machen, im Dunst ihrer Zigarren, die Weltgeschichte unter sich aus, jeden Tag neu, doch immer mit einer abschließenden Meinung. Da diejenige von gestern niemanden mehr frappieren würde und da man auf Überraschung größten Wert legt, muss man auch imstande sein, sich selbst zu widersprechen – aber wehe, man tut es ohne Finesse!“

Adolf Muschg

 

Fundsachen 25

Wie die Amseln suchen auch die Menschen den Frühling, und Frau Lakritze hat sie dabei gesehen.

Ida will das Vergiften lernen.

Maja DasGupta schreibt Briefe an eine tote Cousine.

Über das Sterben.

Mein botanischer Lieblingsgarten u.a. Und falls es Ihnen jetzt zu gut geht, das Kontrastprogramm: Gärten des Grauens. (via @Buddenbohm auf Twitter)  Was mich an einen von mir despektierlich als  Garten der toten Kinder bezeichneten Vorgarten in der neuen Heimat meiner Mutter erinnert. Das ist ein Vorgarten ohne eine einzige Pflanze, aber mit grauem Schotter und zwei ebenfalls grauen Steinfiguren, die einen Jungen und ein Mädchen darstellen. Bei meinem letzten Besuch in der Gegend hatte jemand den beiden rosa und hellblaue Hütchen aufgesetzt, was diesen Vorgarten des Grauens nicht hübscher machte. Meine Schwester und ich verdächtigen ja den Besitzer, seine eigenen gemeuchelten Kinder unter all dem Schotter begraben zu haben. 

Flamenco kann auch komisch sein. Bastones y palillos, oder: können zwei Männer das schaffen, was eine Frau tut?

Der Fünfte im März

(Sie kennen das doch: WMDEDGT?)

In der Nacht von Sonntag auf Montag schlafe ich stets schlecht. Habe ich gar Frühdienst, wache ich spätestens um drei Uhr morgens auf. Übernächtigt schleiche ich an solchen Tagen ins inzwischen schon ganz und gar verhasste neue, alte Büro.

Vor das Büro hat das Schicksal jedoch die Fahrt dorthin gesetzt. Der Bus um 6.20 Uhr fällt aus, ich hechte zur anderen Haltestelle, wo ebenfalls jeden Moment ein brauchbarer Bus abfahren sollte, aber auch der kommt laut Anzeige nicht. Also im Dauerlauf zur U-Bahn, die Tasche quer überm Bauch, der Beutel mit der Amtsstubenpflanze (die heute wieder in die Amtsstube zieht) fliegt hinterher. Ich hätte nicht hetzen müssen, denn auch die U-Bahn ist zu spät. Schon an der nächsten Station springe ich wieder aus der Bahn und erwische eine, die eine andere Strecke fährt. Das stellt sich als klug heraus, denn auf der eigentlichen Strecke gibt es wieder Ausfälle und Verspätungen zuhauf. Ich komme gerade noch rechtzeitig im Büro an.

Der erkrankte Kollege ist wieder im Dienst. Hinter zwei Computerbildschirmen und der Amtstubenpflanze mache ich mich so klein wie möglich,. Man möchte ja die Übellaunigkeit nicht unnötig provozieren, nicht einmal durch bloße Existenz. Dieser Montag ist ein typischer Montag. Morgens klappt nichts, am Nachmittag lösen sich Probleme auf wunderbare Weise nahezu von selbst.

Auf dem Heimweg laufe ich in zwei Geschäfte, um drei Backzutaten zu besorgen. Die Frau Oberkassier aus dem ersten Laden begegnet mir mit der ihr eigenen Arroganz und geheuchelten Freundlichkeit. Mit mir als Kundin ist auch nicht viel Staat zu machen. Wäre ich Herr oder Frau Doktor aus der benachbarten Klinik, ja, das wäre etwas anderes. Die Arroganz heckt sich fort bis ins dritte und vierte Glied, oder zumindest bis in den zweiten Laden, wo ein übel duftender Verkäufer mich behandelt, als hätte ich den Gestank persönlich in den Laden getragen. Verunsichert schnuppere ich zu Hause an Mantel und Bluse, aber ich rieche nur das Waschmittel von gestern und das Deo von heute morgen.

Zu Hause angekommen, lese ich eine Stunde Blogs und Twitter nach, telefoniere mit dem besten Ex der Welt und backe den Kuchen, um dessen Ingredienzen ich mit den  furchterregenden Einzelhandelsdrachen gekämpft habe. Ich vergesse, die Form einzufetten; trotzdem löst er sich ohne Murren und gleitet aus der Form aufs Küchenhandtuch, und ebenso leicht  vom Handtuch aufs Kuchengitter.

Der Abend gehört mir und nicht dem Blog.

 

 

 

 

 

Lieblingssatz 04032018

Ach, Ali Riza, sei mir nicht böse, doch ich muss dir sagen, das Volk schert sich kein bisschen um euch! Du glaubst doch nicht, dass euch jemand beisteht! Außerhalb dieser Mauern haben alle nur ihr Vergnügen im Sinn. In den Unterhaltungsprogrammen im Fernsehen geht es nur darum, welches Mannequin mit welchem Fußballspieler in einer Bar gesehen wurde, und wer mit wem liiert ist. Das ist alles, wofür sie sich interessieren.“

Zülfü Livaneli

Der zweite Teil gilt, glaube ich, nicht nur für die Medien in der Türkei.