28. Woche

Das Jahr zeigt schon eine Neigung zum Ende. Ich erhalte eine Einladung zu einem Fest am anderen Ende Deutschlands.

Das Wetter am Sonntag verhindert einen Schwimmbadbesuch. Dabei hätte ich große Lust gehabt, nachdem ich im Urlaub ja kaum schwimmen konnte. Unter der Woche fehlt mir oft die Energie.

Ich denke über Flucht und Vertreibung nach. Forschen Sie in Ihrer Familiengeschichte: wahrscheinlich werden Sie mindestens eine Person finden, die von irgendwo fliehen musste. Es gibt über den Wechsel meiner Familie von der französisch-reformierten Gemeinde zur deutsch-reformierten Gemeinde übrigens zwei Geschichten: die eine besagt, die Gottesdienste der französisch-reformierten Gemeinde seien überfüllt gewesen, und man habe die Gemeindemitglieder aufgefordert, so möglich, die Gottesdienste der deutsch-reformierten Gemeinde zu besuchen. Die andere besagt, fast dreihundert Jahre nach der Flucht habe man nicht mehr französisch, sondern deutsch sein wollen.

Auf dem Balkon fängt das Basilikum an zu blühen, und weil die Vögel im Winter gefressen haben wie die Ferkel, habe ich jetzt auch wieder eine Sonnenblume im Balkonkasten. Die Blüten der Bartnelken hat die Sonne verbrannt, aber das macht nichts, die kommen wieder. Ich lerne, dass laut Duden Basilikum auch Basilie oder  Basilienkraut heißen kann. Basilie analog zu Petersilie?

Der Streik der Verkehrsbetriebe zwingt mich,  zur Arbeit zu radeln. Eigentlich radele ich ungern im Berufsverkehr, zum einen wegen rücksichtsloser Auto- und Busfahrer, zum anderen wegen ebensolcher Rennradler. Ich fahre schon vor sechs Uhr los und bin um zwanzig nach sechs an der Firma. Unterwegs muss ich zweimal mit dem Stadtplan hantieren und treffe auf andere Radler, die ebensolches tun. Unangenehm, dass ich erst unterwegs bemerke, dass ich einen Achter im Hinterrad habe. Wo ich mir den wohl eingefangen habe?

Im Büro geschieht Frustrierendes, aber das ist nicht neu und wird sich auch nicht mehr ändern. Es nützt übrigens nichts, wenn man sich in der Kantine in die hinterste Ecke setzt, wo der Geruch der im Hof stehenden Mülltonne sich mit den Essensdüften mischt. Nicht einmal Gestank hält das werte Kollegium davon ab, sich neben mir oder mir gegenüber zu platzieren. Es würde wahrscheinlich auch nichts nützen, wenn ich mich ab sofort nicht mehr waschen würde.

Diese Woche tanze ich ganz ordentlich, auch wenn ich wieder mit Schwindel und Müdigkeit zu kämpfen habe. Dabei werde ich einmal sogar überraschend kreativ und ein anderes Mal sage ich mir, dass ich sowieso keine gescheite Choreographie zustande bringe und deshalb den letzten Teil einfach improvisieren kann. Ohnehin will mich niemand mehr tanzen sehen, was bedeutet, dass ich machen kann, was ich will. Ein Lehrer, den ich nicht nur ein- bis zweimal im Jahr sehe, wäre schön, aber „der“ Herr Lehrer hat mich nun einmal für fast alles weitere Lehrpersonal verdorben.

Im Netz gefischt: Herr Ackerbau geht zur Arbeit. Sobald ich einen ausreichend großen Fischkopf finde, mache ich das genauso. Außerdem sieht er die Berliner Fahrrad-Zombie-Apokalypse voraus. (Ich finde übrigens, wir sollten zu letzterer tatsächlich eine Blogparade veranstalten.)

Gelesen: Sujata Massey, The Satapur Moonstone (Ja, schon wieder ein Krimi, ich weiß. Sie dürfen mich Mimi nennen.)

Gehört: Chavela Vargas, La Llorona (anscheinend eine frühe Version. Ich kannte ihre Stimme nur so.)

27. Woche

Carola Rackete legt auf Lampedusa an und wird von Anhänger_inne_n der Lega Nord aufs Vulgärste beschimpft. Im Netz wird sie aber auch von vielen Italiener_inne_n verteidigt.

Ein Freund, den mein Bruder schon kannte, bevor sie beide in den Kindergarten gingen, stirbt mit 51 Jahren.

Die Kletten fangen an zu blühen und erinnern mich daran, wie ich zu meinem ersten Kurzhaarschnitt kam. Ich besuche eine Rosenausstellung, höre einen türkisch-deutschen Chor singen und kaufe Rosentee.

Auf Twitter erklärt man mir, was ich beim Bloggen falsch mache. (Falls es Sie interessiert: so ziemlich alles.) Ebenfalls auf Twitter feiern die neuen Nazis Salvini.

Frau von Unten grillt auf dem Balkon. Eigentlich ist Grillen auf dem Balkon nicht erlaubt, aber man verbietet Frau von Unten nichts. Wenn hier jemand etwas verbietet, dann ist das immer noch Frau von Unten.

Herr von Oben grillt nicht und hat dieses Jahr die Blumenkästen voller Tomaten. Neben Tomaten gibt das auch Schatten, den wir mit unseren Südostbalkonen gut gebrauchen können. Ich selbst habe dieses Jahr schattenspendende Anpflanzungen versäumt.

Auf dem Weg zum Einkaufen sehe ich eine winzige Maus unter einem Blatt verschwinden. Ein Jungtier oder eine besondere Art Maus, die ich nicht kenne? Als Kind hätte ich das möglicherweise gewusst. Man vergisst so viel, wenn es für das eigene Leben nicht mehr wichtig zu sein scheint.

Ich finde kein schönes Kleid für eine kommende Festivität und beschließe, dass ich keines brauche. Rock und T-shirt mit Schal und Schmuck müssen reichen. Als ich die Treppe zur U-Bahn hinunter gehe, zeigen zwei arabische Jungen mit dem Finger auf mich und nennen mich eine „Matrone“. Das Alter und die Figur dazu habe ich ja, aber woher kennen 16jährige Bengel heute noch dieses Wort?

Im Netz gelesen:

Eine wunderbare Etüde von dergl.

Nicht Frau von Unten.

Auf dem E-Reader (wieder)gelesen: Kishwar Desai, Origins of Love (Diese Woche konnte ich mich zu nichts Neuem aufraffen, sondern habe mich vor den Zumutungen des Lebens in einen alten Krimi geflüchtet).

Gehört: ein Lied, das heute auch der deutsch-türkische Chor sang (der allerdings ganz in türkischer Sprache)

26. Woche

Das Jahr ist zur Hälfte um, und bis jetzt war es ein ganz gutes Jahr. Ob ich das in einem halben Jahr noch sagen werde?

Wie jeden Sonntag um fünf Uhr nachmittags rufe ich meine Mutter an. Ich tue das sogar, ohne dass meine Twitterblase mir das sagt; andererseits gefällt es mir, dass wir fast schon alten Weiber einander an solche Dinge erinnern. An diesem Sonntag erzählt sie mir von der Organistin aus dem Baltikum, Urte Soundso, die auf der Flucht den Verstand verloren hatte, aber dennoch wunderbar auf der Kirchenorgel spielte. Nur ihre Präludien hätten manchmal zwanzig Minuten gedauert, so dass der Herr Pfarrer laut von der Kanzel um Ruhe bitten oder im schlimmsten Fall die Orgelempore erklettern und den Musikgenuss handgreiflich unterbinden musste.

Anderswo wurde eine durchaus kluge Frage gestellt, auf die ich eine Antwort hätte, die wahrscheinlich gar nicht so dumm wäre, aber… erinnern Sie sich noch an Mutter Beimer aus der Lindenstraße? So will ich nicht enden.

Ich esse das erste Eis der Saison. Nein, ich habe dieses Jahr schon Eis gegessen, aber noch keins in der Waffel von der benachbarten Eisdiele, an der sich an heißen Tagen eine Schlange bildet bis fast zur nächsten Straßenecke. Wie jedes Jahr erklärt mir der Herr Gelataio den Unterschied zwischen sorbetto und gelato, als ob ich ihn nicht schon lange vorher gekannt hätte. (Ich bin zwar nicht die Tochter der perfekten Köchin, aber zumindest die Enkelin einer solchen, d.h. ich weiß so etwas seit meiner Kindheit.) Trotzdem sage ich wie jedes Jahr: Oh, das ist interessant!

Eigentlich will ich nicht mehr dreimal in der Woche Flamenco tanzen, aber ohne Tanzen habe ich Rückenschmerzen. Also packe ich ungefähr dreimal pro Woche ein zusätzliches T-Shirt ein und gehe a sudarme la camiseta, was bedeutet „das T-Shirt durchschwitzen“, aber besser klingt, und in Flamenco-Kreisen der gängige Ausdruck für „Tanzen üben“ zu sein scheint. Am Mittwoch bringe ich allerdings  nichts zustande, weil ich einfach zu müde bin und die Beine sich nicht bewegen wollen.

Am Donnerstag hört ein Junge mit gespielt stierem Blick laut Musik in der U-Bahn. Die Musik kommt aus einem Gerät, dass er im Arm hält wie ein Baby. Niemand spricht ihn  auf den Lärm an. Klar ist, dass er wartet, ob sich jemand provozieren lässt, aber niemand tut ihm den Gefallen.

Planen Sie zufällig eine Reise in die USA? Ich nicht, denn erstens mag ich Trump nicht, zweitens mag ich nicht fliegen und drittens keine solchen Fragen beantworten:Frage 4. Beabsichtigt der/die Reisende, sich an Terroranschlägen, Spionage, Sabotage oder Völkermord zu beteiligen oder war er/sie jemals daran beteiligt?  Och, wenn Sie schon so direkt fragen… (Quelle) Ja, ich weiß, über so etwas macht man keine Witze.

Im Netz gelesen:

Über Gaukler, die alt werden wie wir alle.

Auch eine Flucht.

Da ich jetzt ein paar neue Leser_innen habe, empfehle ich noch einmal den Herrn Schizophrenisten, den Sie unbedingt lesen sollten. Ja, manchmal ist er schwierig und sperrig, aber er kann auch Sachen, die andere Blogger nicht können.

Ansonsten gelesen: Christopher Isherwood, Leb wohl, Berlin

Gehört: Juanes, Tengo La Camisa Negra (Bei schwarzen Hemden denke ich ja an etwas anderes, aber das ist hier nicht gemeint.)

Demnächst zu hören: Anti und Semitisch, ein Podcast von Juna und Chajm. Hier schon einmal eine Kostprobe.

25. Woche

Auf dem Balkon blühen Vergissmeinnicht, Kornblumen. Koriander und Jasminblütiger Nachtschatten. Ich räume um und schaffe Platz für mindestens drei weitere Blumentöpfe. Die Dattelpalme, die ich schon vor Jahren aus einem Kern gezogen habe, habe ich möglicherweise durch schlechte Pflege ermordet.

Mein Blick fällt zufällig auf die Suchbegriffe auf dem Blog. „Die gnädige Frau liebt die junge Schweänze.“ lautet einer. Nein, diese gnädige Frau hier liebt Männer mit  Sinn für Rechtschreibung und Grammatik. Wenn Sie den nicht haben, dann raus hier!

„Gutes Kind!“ denke ich, sage ich aber nicht,  als ein Dreijähriger im Buchladen brüllt wie am Spieß, weil seine Eltern ihm kein Buch kaufen wollen. Das Argument des Vaters („wir haben doch schon ein Buch“) ist ja wohl nicht stichhaltig.

Der erste Arbeitstag nach dem Urlaub fiel in diese Woche. Größere Katastrophen blieben aus, der Postkorb war erwartungsgemäß voll, lief aber nicht über. Bloß den Affenzirkus nicht ernst nehmen, befahl ich mir selbst im Geiste. Die Dummerhaftigkeit der Kundschaft hielt sich dann auch in Grenzen. Getrübt wurde die zaghafte Arbeitsfreude durch den Teilausfall einer dringend benötigten Anwendung. („Mit Papierakten wäre das nicht passiert!“ sprach die gnädige Frau und schwenkte den Krückstock.) Allerdings habe ich mir in früheren Jahren beim Suchen in den Archiven beinahe eine Staublunge geholt. Dafür war die Aussicht von da oben seinerzeit grandios. Die Zahlungsmoral der Kundschaft sinkt jedoch von Jahr zu Jahr. Von fünfzig Forderungen, die ich vor meinem Urlaub an die Kundschaft verschickt hatte, waren nach meiner Rückkehr siebenundvierzig noch offen.

Dass man in meinem Alter noch einmal von einem Fotografen angesprochen wird, ist ja eher ungewöhnlich. Dass ich nachweislich unfotogen bin, war aber nicht der Grund, warum ich ihn weitergeschickt habe.

Am Feiertag versuche ich, die Vorhangmisere in meiner Wohnung zu beseitigen und meine alten Schnapprollos wieder anzubringen. Mir fehlt aber für das an der Balkontür ein entscheidendes Teil. Improvisation hilft mir nicht weiter; es muss eine neue „Garnitur“ her.

Getanzt: Sevillanas mit Kastagnetten (die werden immer besser), Siguiriya, Petenera mit Mantón, Tientos (Verfluchte Tientos, insbesondere der Tangoteil macht mir Kopfzerbrechen. Und wohin gehört eigentlich der Schritt, bei dem man sich nach vorne beugt, um ein imaginäres Stäubchen von der Schuhspitze zu wischen?)

Gelesen: Liza Cody, Ballad of a Dead Nobody

Links

Über Männer: erstens (keine Sorge, der Eintrag ist hochmoralisch) und zweitens. (Gelesen, verlinkt und mich anschließend – äußerst zufrieden mit meinem Dasein als alte Jungfer – zurückgelehnt. Die Herren Leser sind jedoch, davon bin ich überzeugt, aus ganz anderem Holz geschnitzt als diese zwei Beispiele zeitgenössischer Männlichkeit).

Über Füße: (via Buddenbohm&Söhne) Ich tanze ja praktisch schon mein ganzes Leben lang (wenn auch nicht professionell und mit eher mäßigem Erfolg), deshalb mache ich mir häufiger Gedanken über Füße und was diese über die Menschen, die daran hängen, aussagen.

Kennen Sie eigentlich die Larsens? Die Larsens verreisen gerne, und die nächste Reise ist für August 2019 schon angekündigt.

 

23. / 24. Woche

Am Samstag und Sonntag lese ich Internet, bis ich das Gefühl habe, mein Schädel explodiert und meine Augen schielen über Kreuz. Draußen riecht es nach Sommer, aber ich bekomme wenig davon mit.

Am Montag verwandelt sich meine Erleichterung endgültig in Wut, aber im Grunde habe ich wenig Berechtigung, wütend zu sein. Yad Vashem dürfte wütend sein, aber die scheinen es relativ gelassen zu sehen. Anscheinend ist es nicht der erste Fall dieser Art.

Ein Hinweis in eigener Sache: Ich habe Marie-Sophie Hingst in 2017 weder bei den Goldenen Bloggern angeschwärzt noch bin ich die Verfasserin der „Dunklen Briefe“, die sie auf ihrem Blog erwähnt. 

Am Dienstag fahre ich ans Meer. Das Meer ist  aber nicht einmal tief genug zum Schwimmen, und ich finde Sie kaum, Capitán, malamok.

Ich sehe Lachmöwen, zum ersten Mal eine Kugelbake und eine Alte Liebe; außerdem Leucht- und Wassertürme, ein altes Schiff auf dem Trockenen, einen Hafen und den Vorgarten einer Waldorfschule, wo der Mohn blüht, als gäbe es nichts anderes auf der Welt.  Außerdem ein Schloss und ein Museum. Ich esse Matjes- und Franzbrötchen, bis sie mir zu den Ohren herauskommen und kaufe „Meereskitsch“ für meinen Balkon in München, von dem aus man das Meer genausowenig sieht wie von Rafael Albertis Balkon Fenster in Madrid. Die Muschel, in der man angeblich das Meer rauschen hört, verkneife ich mir. Was man da rauschen hört, weiß ich, seit mir meine Großmutter eine solche Muschel schenkte und mir gleichzeitig erklärte, wie das  angebliche Meeresrauschen entsteht.

Nach zehn Tagen fahre ich zurück nach Bayern, in die Großstadt.

Am Bahnhof in Hamburg gebe ich einem Bettler eine Münze. „Cola trinken.“ sagt er mehrmals, und es dauert eine Weile, bis ich verstehe: er möchte, dass ich in einem Laden eine Flasche Cola für ihn kaufe. Vermutlich werden  Bettler in dem Laden nicht bedient. Ich kaufe also Cola, und weil Cola auf leeren Magen nicht gesund sein kann, noch eine Banane. Bananen mag eigentlich jeder, denke ich. „Familie gut?“ fragt er, als ich mit Cola und Banane zurückkomme. „Ja, und Ihre Familie?“.  „Rumänien.“

Mona Lisa hat ein Buch gelesen, das zum Thema des Wochenendes passt.

Und ich habe bei Juna gelesen: Zuhause und Das Gewürz von Auschwitz

Den Mosebach habe ich endlich beendet, außerdem „Adèle“ von Leila Slimani (auf englisch, wieso auf englisch?). Strandkorblektüre: The Girl on the Train und Into the Water, beide von Paula Hawkins. Dank Herrn Mosebach bin ich aber mit meiner Lektüre trotzdem noch eine Woche im Rückstand.

Gehört: Carmen Linares, En el Café de Chinitas 

 

 

22. Woche

Ich wähle. Das kleinere Übel? Ich lege trotz allem Wert darauf, dass diese Partei im Parlament stärker vertreten ist, obwohl ich nicht gerade glücklich über ihre Politik bin. Außerdem verdorrt mir ja sonst die Hand. Ich freue mich über den Erfolg der Grünen, obwohl ich sie nicht gewählt habe. Sie sind notwendig.

Meine Mutter ruft an und beschwert sich über altersentsprechende Zipperlein. Sie braucht Hilfe im Haushalt und jubiliert über jeden Handschlag, den mein Bruder tut. Sie will ihn aber nicht allzu sehr belasten. (Solche Skrupel hat sie bei ihren Töchtern aber nicht.)

Die Wettervorhersage lässt vermuten, dass ich für den Urlaub wohl besser einen Regenmantel  und einen dicken Pullover als einen zweiten Badeanzug einpacken sollte. Da ich mein Cape nach zwanzig Jahren undicht geworden ist, kaufe ich einen neuen Regenmantel, der seriöser wirkt als die meisten anderen Kleidungsstücke, die ich besitze. Wenn man mein Reiseziel bedenkt, kann ein bisschen Seriosität nicht schaden. Das Wetter bietet mir die Gelegenheit, den neuen Regenmantel sogleich einzuweihen.

Mein Plan, dieses Jahr jeden Monat 50 Euro an eine gemeinnützige Organisation zu spenden, stellt mich jeden Monat vor die Frage, welche Organisation mein Geld wohl am dringendsten benötigt. Im Mai und im Juni ist es, wie auch schon im Januar, die Seenotrettung geworden.

Rundherum verlieren gerade die angenehmsten Leute die Lust am Bloggen oder Twittern. Die weniger angenehmen halten sich fest im Sattel.

Der Schnittlauch blüht. Lavendel und Jasminblütiger Nachtschatten bekommen Knospen. In der Parallelstraße wächst Klatschmohn auf den Baumscheiben. Das hier ist ein Viertel, wo in den Straßen noch Bäume stehen.

Gelesen: Immer noch den Mosebach von letzter und vorletzter Woche. Es ist mir peinlich, aber ich komme nicht weiter. Das heißt nicht, dass mir Mosebach auf einmal nicht mehr gefällt. Vielleicht liegt es daran, dass die Lektüre so viele Erinnerungen ans Frankfurter Westend weckt, wo meine Geschwister und ich zur Schule und in die Kirche gegangen sind. Ich kann das nicht an einem Stück lesen.

Getanzt: Sevillana mit und ohne Kastagnetten, Farruca, Petenera mit Mantón, Tientos. Alles ganz gut, aber keine künstlerische Offenbarung. Wobei künstlerische Offenbarung nur heißt, dass mir etwas klar wird, das ich in der Musik oder in einer fremden Choreographie bis dahin weder verstehen noch tänzerisch umsetzen konnte.

Gehört: Bambino

(Eigentlich habe ich ja etwas ganz anderes gehört, aber der Titel wäre, in Anbetracht dramatischer Entwicklungen in Kleinbloggersdorf – an denen ich nicht beteiligt bin – geschmacklos gewesen.)

21. Woche

Das Maßhalten werden wir in den nächsten Jahren wieder lernen müssen. Weniger Auto, weniger Fleisch und Fisch, weniger Wohnraum. Unsere Unvernunft und die Ausbeutung des Planeten und seiner Geschöpfe auf das absolut notwendige Minimum zurückfahren.

Für den Urlaub kaufe ich einen Badeanzug mit Beinchen. So schön wie der von Frau Lakritze ist er allerdings nicht. Aber er hat Beinchen.

Da es so scheint, als werde das schöne Wetter nicht allzu lange halten, fahre ich zum See und spaziere auf meinem Lieblingsweg von Agatharied nach Gmund. Ich sehe einen Bussard, ein Rotschwänzchen, eine Mehlschwalbe, einen Distelfink(?) und vier Aurorafalter. Der Feuerwehrmann warnt vor schlechtem Wetter am Nachmittag und beschwert sich über die Unzuverlässigkeit hundertjähriger Kalender.  Die Wiesen blühen, die Sonne brennt und ich überquere gleich zwei Kuhweiden. Nicht absichtlich, aber der im vorigen Jahr vom Feuerwehrmann empfohlene Weg führt genau da entlang. Die Rindviecher schauen mich zwar wieder an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank, aber da sie gerade beim Verdauen sind, überquere ich beide Weiden ohne Kuhhörner im Rücken. Eventuell höre ich im Wald eine ausgebüxte Kuh ohne Glocke oder aber einen Hirsch. Ich sehe aber nicht nach.

Auf meinem Balkon blüht der Thymian. Ich rette ein paar nützliche, aber anscheinend mäßig intelligente Insekten vor einem frühen Tod, indem ich sie mit Hilfe eines Glases und einer Karteikarte wieder aus der Wohnung bugsiere. Hinein kommen sie immer irgendwie, aber dann finden sie den Ausgang nicht mehr.

Es regnet. Ich verwerfe einen Text für eine Blogparade. Und beschließe wieder einmal, mein Leben außerhalb des Internets streng von meinen Internetaktivitäten zu trennen.

Es regnet weiter. Ich sage mir, dass weniger mehr ist und gehe bis auf weiteres  nur noch einmal die Woche zum Flamencotanzen. Die Chancen, dass ich in meinem Alter noch beim Spanischen Nationalballett engagiert werde, sind vergleichsweise gering, also kann ich es auch ruhiger angehen lassen.

Die Isar tritt über die Ufer. Majestätisch und unbeeindruckt schwimmen Schwäne über die Wiese.

In meinem Portemonnaie befindet sich eine neue Plastikkarte. Sie stellt die moderne Version meiner Jahreskarte für den hiesigen ÖPNV dar und ist – entgegen den Angaben auf der Website des hiesigen ÖPNV-Anbieters – schon seit dem 1. Mai 2019 gültig. Da ich den Kontrolleuren und -eusen zutraue, sich doch eher an die Angaben auf der Website zu halten, führe ich das Schreiben, das die tatsächliche Gültigkeit bestätigt, stets mit. Heute morgen stellte sich jedoch ein ganz anderes Problem. Das Kontrollpersonal hat tatsächlich schon die Lesegeräte für die neuen Karten, nur brauchen die Geräte eine Internetverbindung, um lesen zu können. Die war heute morgen in der U-Bahn recht wacklig, wie es schien, und so las das Gerät gefühlt fünf Minuten an der Karte herum, bis Herr Kontrolleur schließlich erleichtert „Zone 1-3“ seufzen konnte.

Gelesen: immer noch Martin Mosebach, Westend.  (Mosebach erzählt so gemächlich, dass man sich beim Lesen dem langsamen Tempo anpassen muss.)

Juna über Judentum und Aneignung.

Frau Fundevogel über schwärmende Bienen.

Gehört: Brass Banda (allerdings weiß ich nicht, wie der Milchpreis gerade steht)