46. Woche

In der 47. Woche des Jahrs 2018 habe ich mit den Wochenmäandern begonnen, nun soll damit Schluss und wieder Raum für Anderes sein. Tagebuchbloggen heißt ja auch: um sich selbst kreisen. Mitunter braucht man das für eine Weile, aber zu viel davon macht dumm und einseitig.

Montag ist Kinotag. Von meinen Münchner Lieblingskinos gibt es nur noch eins, nämlich das Theatiner-Filmtheater. Gehen Sie hin, so lange Sie noch können. Am Montag kostet es nur 7,00 Euro, und zwar auf allen Plätzen. So bin ich zum ersten Mal zu einem Logenplatz gekommen, der mir sehr zugesagt hat. (Ja, das hier ist Werbung. Werbung, für die ich nichts bekomme.)

Meine Mutter erzählt weitere Brocken der Familiengeschichte. Vom einen Großvater, der den Mund nicht halten konnte, und von der Großmutter, die ständig Angst hatte, dass er „abgeholt“ würde. Von den anderen Großeltern, die sich „arrangierten“. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit dem Freund, der kein Freund ist. Er – selbst Jude – sagte, er könne jederzeit nach England oder Israel ausreisen, und mir wurde klar, dass ich das nicht können würde, denn das hier ist das Land, für das ich verantwortlich bin, und ich müsste im Fall des Falles den Nazis hier etwas entgegensetzen.

Mein Internet ist kaputt: Anderswo bekommt eine Bloggerin böse Mails, weil sie auf ihrem Blog fröhlich verkündet, sie sei zum dritten Mal schwanger. Natürlich ist Überbevölkerung ein Problem, aber irgendwo muss einmal Schluss sein mit der Einmischung in anderer Leute (Privat-)Angelegenheiten.

In der Hypo-Kulturstiftung kanadische Impressionisten. Bekannt erscheinende französische Landschaften, aber auf eine andere Weise gesehen. Dann, nach der Rückkehr nach Kanada, viel Winterliches. Besonders schön ist eine in kräftigen Farben gemalte Szene vor einer Kirche: Gottesdienstbesucher_innen machen sich mit Pferd und Wagen auf den Weg nach Hause. (Es könnte auch Pferd und Schlitten gewesen sein, wenn ich es recht bedenke.) Mein Blick auf den Impressionismus hat sich erweitert.

Ich buche Urlaub an der Nordsee, und meine Sehnsucht nach dem Meer nimmt so überhand, das ich sogar das „Sealife“ in unserer kleinen Stadt besuche. Das Acquario in Trieste hat mir seinerzeit besser gefallen, aber ich weiß natürlich nicht, wie es da heute aussieht.

Beim Tanzen gibt es diese Tage, an denen es an allen Ecken des älter werdenden Körpers ziept. Es gibt aber auch die Tage, an denen man zwar körperlich an Grenzen stößt, aber trotzdem am Ende eine runde, harmonische Sequenz entstanden ist. Vielleicht hat es beim Tempo oder an der technischen Präzision gehapert, aber der Gesamteindruck ist besser, als man es sich noch zugetraut hätte. Kommt vor. Diese Woche zum Beispiel. Sie sehen mich innerlich grinsen. (Einen Tag später grinse ich nicht mehr, als ich Tientos und eine Farruca sehr verunstalte. Es geht eben nicht immer gut aus.)

Gegen Ende der Woche versinke ich in den Bildern von Anthonis van Dyck. Außerdem sehe ich einen wunderschönen kleinen heiligen Sebastian von Georg Petel, den ich bis dahin nicht kannte.

Wiedergelesen:

Margaret Atwood, Il racconto dell’Ancella (The Handmaid’s Tale, übersetzt von Camillo Pennati, in Triest gekauft während meines Auslandssemesters)

Gesehen:

Porträt einer jungen Frau in Flammen, von Céline Sciamma, im Theatiner-Filmtheater

Im Netz gefischt:

Die Conteuses. Märchenautorinnen in Frankreich.

Gehört:

Die Zuhälterballade

45. Woche

In eigener Sache: Vielen Dank an die neuen Leser_innen fürs Lesen / Folgen. Wie hier und anderswo schon einmal gesagt: ich folge leider zur Zeit schon mehr Blogs als ich lesen kann, also bitte nicht böse sein, wenn ich nicht (gleich) zurückfolge.

Und nun der Wochenmäander:

Ich melde mich für einen Tanz-Workshop an. Es soll eine Choreographie aus dem Repertoire einer professionellen Compagnie erlernt werden. Für meinen voraussichtlich letzten Workshop hätte ich mir ein anderes Programm gewünscht, aber wir werden sehen. Mein Trainingsstand ist durch die Wirren der beiden letzten Jahre nicht annähernd auf dem erforderlichen Niveau, aber der Herr Lehrer schätzt meinen „Ausdruck“, und so wird es hoffentlich nicht so schlimm werden.

Meine Mutter erzählt von den ruhigen Novembern ihrer Jugend, wenn die Arbeit auf dem Bauernhof weniger wurde, wenn es früher dunkel wurde, man die Arbeitskleidung mit sauberen Sachen vertauschte und die Familie Zeit für einander hatte. Ich finde in einem Antiquariat ein eigentlich seit langem vergriffenes Buch, das sie als Mädchen gelesen, heiß geliebt und irgendwann verloren hat.

Viele Lichter funkeln auf dem dunklen Friedhof. Zu Füßen des gusseisernen Christus stellen Menschen Kerzen auf, die die Gräber ihrer verstorbenen Liebsten nicht besuchen können. So viele wie dieses Jahr waren es noch nie, glaube ich. Ich sehe es vom Balkon aus.

Ich mache mir Urlaubsgedanken. Meer soll es sein, aber wo? Geographisch nah ist Italien, aber da will ich nicht hin. Die Ostsee langweilt mich, anderes erfordert eine noch längere Zugfahrt. Zumindest habe ich nun aber ein Schlafzimmer mit Blick aufs Meer. Wie das geht? Man braucht einen Pseudo-Fensterrahmen aus dem Bastelgeschäft, das Kalenderfoto eines Strands, Holzleim und beidseitiges Klebeband. Der Rahmen wird mit Holzleim über das Foto geklebt, alles zusammen mit beidseitigem Klebeband an der Wand befestigt, und schon kann man mitten in der Isarvorstadt vom Bett aus aufs Meer schauen.

Nachdem dieses Blog längere Zeit vor Suchmaschinen „versteckt“ war, habe ich jetzt wieder mehr Lust, gelesen zu werden. Freude am Schreiben (die ich durchaus nicht immer habe) ist ja nicht dasselbe. „Es schreibt mich.“ sagte mal jemand, der schon viel länger und viel besser bloggt als ich. Es schreibt mich oft, aber das gefällt mir nicht immer.

Die Waschmaschine, immerhin eine 26 Jahre alte Dame, hat sich als wirtschaftlicher Totalschaden erwiesen. Die Nachfolgerin ist schon da und hat den Vorteil der Umweltfreundlichkeit. Nur die Fehlermeldung 3H hat mich lange irritiert, bis eine Recherche in diversen Foren ergab, dass es sich nicht um eine Fehlermeldung, sondern um die Dauer des Waschgangs handelte. Drei Stunden für T-Shirts, Jeans, Flamenco-Sachen? Soll aber insgesamt weniger Energie verbrauchen.  Und es gibt einen Extra-Waschgang für Sportsachen? Offensichtlich bin ich nicht mehr auf dem Laufenden. Bei der Waschmaschinenmontage hat sich ein kleiner Schaden am Siphon gezeigt, der aber beim ohnehin nötigen Austausch des Wasserhahns gleich mitrepariert wurde.

Ich mache „Herbstputz“. Oder nennen Sie es den „Frühjahrsputz von 2016“.  Auf Twitter streite ich mit Menschen, die ich eigentlich mag, wegen eines Menschen, von dem ich – aus Gründen, die nicht hierher gehören – alles Übel abwenden möchte. Es ist nicht Twitter, es sind wir. Die Zugriffszahlen auf dem Blog sind überdurchschnittlich, wie immer, wenn ich auf Twitter „etwas angestellt habe“. Ich sollte es mir  zur Gewohnheit machen, etwas anzustellen, einfach so als Blogwerbung.

Ich treffe mich mit Freundinnen im Café, um die jeweiligen alten und neuen Arbeitgeber durchzuhecheln.

Im Netz gefischt:

Ich möchte Ihnen noch einmal Mona Lisas Blog ans Herz legen. Es gibt dort Bücher und Gedichte.

Die Süddeutsche über Hannah Kirchner, die den Nazis zu widerstehen versuchte.

Auf den Treppen des Windes: Rolf Bossert.

Gelesen:

Ilma Rakusa, Mehr Meer (bzw. bin ich noch dabei, weil ich diese Woche kaum zum Lesen gekommen bin).

Gehört:

Sauer (sehr hörenswert: ein Podcast von Chajm Gurski und Juna Grossmann über das Attentat auf die Synagoge in Halle)

Aus gegebenem Anlass: Die Ballade von der Höllen-Lili

44. Woche

Die Waschmaschine stinkt und knallt, dann fliegt die Sicherung heraus. Nach einer Weile probiere ich, ob sich der Deckel und die Trommel noch öffnen lassen (ja), nach einer weiteren Weile stelle ich fest, dass Abpumpen auch noch möglich ist. Ich google „Waschsalon“ und sehe, dass einer nur 3 min zu Fuß von mir entfernt ist.

Auf dem Balkon topfe ich um, schneide zurück, gieße, dünge und veranstalte im Großen und Ganzen eine gar erschröckliche Sauerei.

Eine Bank wirbt mit einem Plakat, dass ein kleines Mädchen im Tutu beim Ballet zeigt. Ein Mann, wohl ihr Vater und auch in Ballettpose, „unterstützt“ sie, indem er auch ein Tutu trägt. Liebe Banken und Sparkassen, Männer tanzen seit Jahrhunderten Ballett. Dabei tragen sie Trikots, Hosen, Ballettstrumpfhosen und sehr selten  – und dann ist es in der Regel eine Art Klamauk – auch ein Tutu. Normalerweise sieht es so oder so ähnlich aus, wenn ein Mann Ballett tanzt. Wenn es aber unbedingt ein Mann in Frauenkleidern sein muss, dann empfehle ich doch die Fee Carabosse aus Dornröschen.

Zweimal in dieser Woche verpasse ich um ein Haar meine Haltestelle, weil ich so in ein Buch vertieft bin. Dienstliche Telefonate mit Katalanen bringen mich aus dem Konzept. Zum einen, weil mich die katalanischen Einsprengsel nervös machen, zum anderen, weil ich mich am liebsten entschuldigen möchte, dass ich nicht katalanisch spreche. Abends lässt der  Herbstwind die Balkonmöwe mit den Windmühlenflügeln schlagen und ich träume mich ans Meer.

Lebensfetzen fliegen vorbei, hier bei WordPress und drüben bei Twitter. Ich weiß nicht, ob und wie ich reagieren soll. Trete ich den Menschen zu nahe, wenn ich nachfrage? Erwarten sie, dass ich frage? Man kennt sich am Ende doch zu wenig.

Ich vereinbare einen Termin für die Reparatur meiner Waschmaschine. Der Mensch am anderen Ende der Leitung hat eine kroatisch-bayerischen Akzent und hält Frauen offensichtlich für minderbemittelt. Dabei dachte ich immer, Wäsche waschen sei eine Kernkompetenz meines Geschlechts.

Im Netz gefischt:

Mitzi Irsaj schreibt über den Ort, wo auch die Isarvorstädterin dreimal im Jahr Haushaltsdinge einkauft.

Frau Lakritze fährt mit dem Zug ins Baskenland.

Gelesen:

Juan Moreno, 1000 Zeilen Lüge

Gehört:

Passend zu Halloween:  La Bruja

43. Woche

Der Zug zum See um 8 Uhr ist entsetzlich voll. Die echten Wanderer, so scheint mir, wechseln jedoch bald in den Wagen nach Bayrischzell, nur solche Dilettantinnen wie ich steigen in Gmund aus. Der Herbst leuchtet, der Wanderweg ist kaum genutzt, nur auf dem befestigten Teil schwirren von Zeit zu Zeit E-Bikes vorbei. Ich mag diesen Weg wegen der abwechslungsreichen Landschaft und der geringen Steigungen. Es gibt dort eine Stelle, an der man weit übers Landschauen und Raubvögel beobachten kann. In Antenloh mache ich eine Pause und gehe dann weiter Richtung Grund. Hinter den Waldhöfen kommt mir eine Kutsche entgegen und erinnert mich an die Zeit, als ich „Ferienkind“ auf dem Hof eines Großonkels war. Der Himmel zieht sich zu, als ich den Rückweg antrete.

Am Abend auf Twitter viel Unvernunft, aber auch viel Trauer; bei mir nach wie vor Zwiespalt. Blognachbarin Xeniana schreibt anderswo vom „Kartenhaus als Überlebensstrategie“, das schließlich zusammengebrochen sei, und das ist wahrscheinlich das Klügste, was ich zu dem Thema gelesen habe. Die Vertrauensseligkeit scheint sich in meiner Familie übrigens zu vererben: seinerzeit hielt mein Vater Günter Guillaume, den er zu kennen glaubte,  für einen integren Menschen.

Meine steinalte Waschmaschine scheint in den letzte Zügen zu liegen. Da freut man sich über eine kürzlich erhaltene Steuerrückerstattung, denn Reparatur oder schlimmstenfalls eine neue Maschine werden nicht ganz billig.

Auf dem Weg vom Büro nach Hause sehe ich eine Dame, die in Kleidung und Auftreten dem Klischee „Ehemalige Chefsekretärin“ entspricht, und in jeden Mülleimer hineinschaut, ob da nicht etwas Nützliches zu finden sei. Verdeckte Altersarmut.

Der Kollege wird der sexuellen Belästigung einer Auszubildenden beschuldigt. Wenn die Dinge sich so abgespielt haben, wie er sagt, dann war es in meinen Augen eine flapsige Bemerkung und eine Dummheit, aber ohne böse Absicht. Ich bin mir nicht sicher, ob es immer nötig ist, „Feuer!“ zu schreien, wenn eine nicht allzu helle Kerze brennt.

Gelesen: Irgendwann zwischendrin und vermutlich parallel zu etwas anderem: Margaret Atwood, The Testaments. Ich habe aber wohl vergessen, es zu erwähnen. Ich weiß also nicht mehr, wann das war. Ansonsten lese ich stückchenweise ein bereits in der vorigen Woche begonnenes Buch weiter. Daneben Zeitschriften, Zeitung und sehr viel (zu viel) Internet.

Gehört:

Un falsito testimonio

Im Netz gefischt:

Warum keine Notunterkünfte, die auch am Tag geöffnet sind? (via @thomas_gutsche auf Twitter)

Tabucchis Lehrer

42. Woche

Auf einem Familienfest erzählt mir ein anderer Gast tolldreiste Geschichten. Mein Unbehagen ist sicherlich den Ereignissen des Sommers in Kleinbloggersdorf geschuldet. Des weiteren wird die Unerwünschtheit meiner Geburt thematisiert. Das ist nicht das erste Mal, aber das erste Mal vor so viel Publikum. Die Dinge sind, wie sie sind, sage ich mir Tage später.

Am ersten Arbeitstag der Woche beschließe ich spontan, die erste Etappe meines Arbeitswegs zu Fuß statt mit dem Bus zurückzulegen. Unterwegs werde ich nicht vom Bus überholt. Meine Entscheidung war anscheinend klüger, als mir bewusst war, denn wenn ich auf den Bus gewartet hätte, wäre ich noch später am Ausgangspunkt der zweiten Etappe angekommen. Außerdem genieße ich so die Oktobersonne über der Isarvorstadt und der Au.

Mein Bruder hat Abzüge von alten Familienfotos machen lassen: Mein sehr junger Großonkel W in Uniform und mit seelenvollem Blick. Mein Großonkel H, dem man eine Stelle als Lehrer in Ostpreußen versprochen hatte und der sich zwar durchaus in Ostpreußen, aber in einer Munitionsfabrik wieder fand. A., der „schöne Schwarze“, der den Mund und den dunklen Teint meines Bruders hat, erst fröhlich, dick und rund mit Motorrad, dann schmal, verschlagen und elegant in Anzug und Krawatte, schließlich in Uniform,  abgemagert, krank, geschoren und mit gehetztem Blick. Der starb nicht im Krieg, aber am Krieg. Noch einer, der allerjüngste, dem das alles am wenigsten auszumachen schien. Der Älteste hatte Tuberkulose, und deshalb blieb ihm der Krieg erspart.

Im Büro stauche ich einen Dienstleister zusammen, der uns seit Jahren überhöhte und nicht branchenübliche Rechnungen stellt und außerdem zu den Frauen im Büro grundsätzlich äußerst unverschämt ist. Gegen Ende des Gesprächs  wird mir klar, dass mein Gesprächspartner nicht der fiese alte Seniorchef ist, sondern dessen noch nicht ganz so widerlicher Sohn. (Da will man sich einmal für Jahre der Demütigung rächen, und dann passiert so etwas.)

Ich bin zu müde, um zu tanzen. Bücher begegnen mir, wenn die Zeit reif ist. Bisher ist sie weder für Handke noch für Tokarczuk reif. Ich werde wohl warten müssen.

Der zusammengestauchte Dienstleister schickt eine zumindest nachvollziehbare Rechnung.

Gehört:

Musikalisches Kopfkino vom Wochenende „Stoß noch mal auf, mein Schatz, ich riech die Leberwurst so gern.“ Ich erspare Ihnen die Verlinkung. Schuld ist Schwesterherz, die gerade aus der Pfalz zurückkam und mir diesen Ohrwurm verpasste.

Im Netz gefischt:

Mely Kiyak schreibt besonnen über Handke und Stanišić.

Richard C. Schneider über Antisemitismus.

Alicia Alonso ist gestorben.

Gelesen:

Linda Castillo, Brennendes Grab (besser, als der Titel vermuten lässt)

Albrecht Selge, Fliegen

und immer noch Friederike Manner, Die dunklen Jahre

(Ja, manchmal lese ich mehrere Bücher parallel.)

und eine neue Blognachbarin, deren Texte ich sehr mag: Käthe Margarete

 

 

41. Woche

Am letzten Tag des Oktoberfests fahre ich zur ungünstigsten Zeit los und gerate in einen überfüllten Bus. Keine Chance, an meiner Haltestelle auszusteigen. Ich fahre also mit den Bierdimpfln mit, bis sie aussteigen müssen und laufe dann quer durchs Viertel zurück. Vorher betrachte ich noch die Massen, wie sie  sich bayerisch kostümiert und blödgesichtig  in Richtung Theresienwiese wälzen. Nein, das ist keine Vergnügung für mich. Zopffrisuren und Blumenkränzchen im Haar bei erwachsenen Frauen finde ich übrigens auch etwas befremdlich.

Wieder zu Hause, stelle ich den Fratzenkürbis, allerdings noch ohne Beleuchtung, ins Balkonregal. Zuvor habe ich „jene Gräfen Larisch“ besucht und mich anschließend auf dem Ostfriedhof verlaufen.

Anderntags starre ich, in Gedanken versunken,  den pfeifenden Teekessel an, ohne zu begreifen. Schließlich gieße ich den Pfefferminztee auf. Ich trinke ihn auf dem Balkon und erinnere mich an meine Patin, von der ich vor vielen Jahren das Pfefferminzteetrinken gelernt habe. Den Tee trinke ich auf dem Balkon. Schaue ich nach links, habe ich das Gefühl, in einem Garten zu sitzen. Das liegt an den Bäumen, die nun doppelt so hoch sind wie die Friedhofsmauer. Rechts ist der Pfarrgarten, aber auch die Straßenkreuzung, von der auch am frühen Morgen schon  genug Lärm bis zu meinem Ausguck dringt.

Noch einen Tag später denke ich ernsthaft darüber nach, mit dem Tanzen aufzuhören. Aber dann gehe ich doch tanzen, und am nächsten Tag auch,  denn ich brauche den Ausgleich zum stundenlangen Sitzen am Schreibtisch.

In der Nachbarschaft übt ein Kind ein Weihnachtslied auf der Blockflöte, trifft ein paar Töne nicht, spielt aber erst einmal weiter. Dann das nächste, das übernächste und dann wieder das erste. Drei Lieder im Wechsel, jedes Mal sind es andere falsche Töne. Ich muss lächeln, wenn ich mich daran erinnere, welch scheinbar unüberwindbare Hürde die ersten Weihnachtslieder im „Flötenunterricht“ darstellten. Das Kind scheint ähnlich unbegabt wie ich zu sein, aber im Gegensatz zu mir damals pfeffert es die Flöte nicht in die Ecke, sondern spielt unbeirrt weiter.

Ich bedaure, dass ich Gedichte nur lese, wenn ich darüber stolpere oder mit der Nase darauf gestoßen werde.

Am Freitag reise ich, am Samstag werde ich weiterreisen. Davor Bücherkäufe und ein Missverständnis.

Im Netz gefischt:

Xeniana zum 3. Oktober.

Sibel Schick über Muttersprache und Heimat , und wie es ist, wenn man keine hat.

Juna über Jom Kippur 2019 in Halle.

Gelesen:

Friederike Manner, Die dunklen Jahre

Gehört:

Eines Abends, zur Zeit der Judenverfolgung in Spanien, ging eine Frau zur Synagoge, um dort ihren Geliebten zu treffen, aber als sie dort ankam, war die Synagoge niedergebrannt und der Geliebte tot. Seitdem zieht sie durch die Welt, um Rache zu nehmen. Davon erzählt die Petenera (hier allerdings mit einem anderen Text, aber sehr eindrucksvoll getanzt von Manuela Vargas).

40. Woche

An dem Tag der Woche, an dem ich noch müder bin als an den anderen, kaufe ich gelbrote Rosen und Rosétrauben. Die Trauben lege ich zu den violetten Pflaumen in die blaue Schüssel, den Rosenstrauß stelle ich dahinter. Fotografieren kann ich das Ganze nicht, Sie müssen es sich schon selbst vorstellen.

Der erste Oktobertag ist golden. Auf einem Spaziergang durch Obergiesing entdecke ich einen Balkon, in dessen Blumenkästen Plastikpflanzen stehen. Man kann das von der gegenüberliegenden Straßenseite erkennen. Wer, um Himmels Willen, tut so etwas?

Auf Seite 206 der E-Book-Ausgabe von Saša Stanišićs „Herkunft“ gabelt sich der Weg der Erzählung. Tagelang kann ich mich nicht entscheiden, welche Richtung ich einschlagen soll. Ich nehme deshalb ein längst ausgelesenes Buch noch einmal in die Hand. So geht es mir oft: wenn mir etwas besonders gut gefällt, will ich nicht, dass es aufhört. Lieber lege ich eine Pause ein und lese zwischendurch etwas anderes.

Der beste Ex der Welt besucht mich. Für eine offene Frage in meinem Leben hat er eine Antwort, die schlimmer ist als die Frage. So ist das mit dem besten Ex der Welt: er ist intelligent, aber manchmal nicht klug.

Eine Dame saust mit wehendem Haar und Rock auf einem E-Roller vorbei. Auch ein älterer Herr versucht das Rollern,  erst zögerlich, dann mit breitem Grinsen. Manchmal darf man sie auch mögen, die Höllenmaschinen.

Auf einem Grabstein sitzt ein etwas mürrisch blickender Engel mit lässig im Nacken verknoteten Kopftuch. Das Kopftuch ist mit Ähren sowie Mohnblüten und -kapseln verziert. Aus einer gewissen Entfernung sieht es aus, als säße da nicht ein Engel, sondern ein Teufel mit kleinen Hörnern. Ein paar Schritte weiter ist das Grab einer neunzehnjährigen Lehramtskandidatin. Das Grab stammt aus einer Zeit, als Lehrerinnen nicht an Universitäten, sondern an Lehrerinnenseminaren ausgebildet wurden. Schade, dass sie keinen Engel bekommen hat.

Neben der Tankstelle sitzt eine Dame auf den Steinen, vielmehr auf einem Stein, und trinkt Tankstellenkaffee aus einem Pappbecher. Sie sitzt da  häufiger, wenn es nicht regnet, wobei es nicht klar ist, ob sie nur auf einem Stein oder tatsächlich „auf den Steinen“ sitzt.

Man kann einen Menschen anscheinend auch noch fast drei Jahren vermissen und gleichzeitig unendlich wütend auf ihn sein. Oder auf sie.

Im Netz gefischt:

„Denn der tatsächliche Unterschied ist lediglich: der Mann bekommt ein Gehalt ausgezahlt und die Frau nicht. Es arbeiten aber beide.“ Das nuf über die Hausfrauenehe.

Frau Lotter reist nach Amerika. Aus Gründen. (via @mannigfaltiges auf twitter)

Flamencotänzerinnen können alles tanzen, sogar Eintopf. Das ist das Schöne daran: es gibt nichts, was man nicht tanzend kommentieren könnte.

Gelesen:

Die letzten Seiten von Saša Stanišić, Herkunft, und den Anfang von Friederike Manner, Die dunklen Jahre. Parallel dazu: Carolyn Slaughter, Die Unberührbare.