12. Woche

Fast ebenso wie das Attentat von Christchurch schockieren mich die Reaktionen: Gehässigkeiten wegen „falscher“ Formulierungen, die Politiker_inne_n und anderen Menschen im ersten Schock unterlaufen.

„Girl“  von Lucas Dhont angesehen. Was mich am meisten beeindruckt hat: die Darstellung des absoluten Willens zur Normalität, sowohl in der Familie als auch in der Schule, die Lara besucht. Was mir sehr nahe war: das Tanzen, das stete Bemühen um ein in der Regel unerreichbares Ideal, das noch unerreichbarer wird, wenn man eine untypische Tänzerin ist.

Auf ein Plakat, das die internationalen Wochen gegen Rassismus ankündigt, hat jemand geschmiert „es nervt!“ Ja, manche Aktivist_inn_en nerven. Wie viele andere auch, die sich mit Haut und Haar einer Sache verschreiben. Trotzdem ist es wichtig, sich die Allgegenwart von Rassismus klarzumachen. Und seien wir ehrlich: wir Normalverbraucher würden doch auf manches gar nicht reagieren, wenn wir nicht ein bisschen Druck verspüren würden.

Sie werden mich jetzt mit Recht hassen, aber ich habe im Werraland wieder ein paar hübsche Ortsnamen entdeckt: Harnroda, Busengraben und Gethsemane liegen gar nicht weit voneinander entfernt.

Im Büro diskutieren die Eislauf-, nein, Fußballmuttis über die (Un-)Fähigkeiten ihrer Söhne. Wann hat das angefangen, dass „Fußballer bei Bayern München“ ein ernsthaftes Berufsziel wurde? Unsereiner wollte (Tier-)Ärztin werden, Ingenieurin oder gar eine Anwältin, die mit flammendem Schwert gegen das Unrecht dieser Welt zu Felde zieht.

Ihre Texte, liebe Blognachbar_inne_n überfliege ich zur Zeit nur, was nicht heißt, dass ich sie nicht schätze. Jedoch lese ich gerade lieber Bücher als Blogs. Ansonsten versuche ich, den Frühling anzulocken, indem ich ihm mit dem Kauf von Blumensamen und vorgezogenen Pflänzchen huldige.

Herr Ackerbau hat ein Stück Himmel auf der Straße gefunden. Den Herrn Ackerbau stelle ich mir ja als seriös gekleideten, nicht mehr ganz jungen Herrn vor, der mit einer Kamera vorm Bauch durch die Straßen wandelt, dabei kleine Bildgeschichten aufhebt und nach Hause trägt.

Gelesen: Michael Robotham, Die Rivalin

(Keine Sorge, meine Krimiphase ist fast zu Ende.)

11. Woche

Es regnet. Ich sitze auf dem Balkon Wäre ich dem Alkohol und dem Tabak zugeneigt, würde ich mir jetzt eine Kippe anzünden und mir einen ordentlichen Schnaps eingießen. Aus Gründen. Leider endete mein einziger ernsthafter Versuch, zu rauchen, in einem mehrminütigen Hustenanfall, während dessen sich meine damalige Clique peinlich berührt und geschlossen vom Ort des Geschehens entfernte. (Hey, ich war die Jüngste und erst zwölf!) Hingegen war ich schon in jungen Jahren einigermaßen trinkfest, aber heute verzichte ich weitgehend auf Alkohol, warum, steht hier nicht zur Debatte.

Den Frauentag oder Frauenkampftag am 8. März habe ich krankheitsbedingt nur via Internet miterlebt. Dort aber wurde mit harten Bandagen gekämpft. Die Frage des Tages (die ich mir zuvor zugegebenermaßen auch nicht gestellt hatte) lautete: Sollte es Quoten für Menschen mit dem Geschlechtseintrag „divers“ geben (also analog zu einer Frauenquote)?  Und wie sollte das umgesetzt werden? Man wird darüber nachdenken müssen.

Dabei habe ich mich noch gefragt, wie viele (queer-)feministische Splittergruppen es inzwischen gibt. Mein Eindruck ist, die Zahl geht gegen unendlich, und die Unterschiede beschränken sich meinem Gefühl nach mitunter auf einen einzigen Punkt.

Andere machten sich Gedanken zur deutschen Sprache und verfassten sogar eine Petition. Was mich betrifft, so bin ich für eine gendergerechte Sprache bei Behörden und sonstigen staatlichen Organen. Auch in Unternehmen würde ich es begrüßen, machte man sich Gedanken über derlei Dinge. Dienstlich bin ich immer noch Übersetzer und nicht Übersetzerin, was ich natürlich immer manuell abändere (wenn ich es nicht vergesse). In einem literarischen Text, wo ja auch Rhythmus und Melodie wichtig sind, mag Gendern manchmal schwierig sein. Manche Autor_inn_en wünschen es auch nicht, wofür sie ihre Gründe haben mögen. Das kann man respektieren, auch wenn man anderer Meinung ist. Von Zeit zu Zeit macht sich übrigens Blognachbarin Carmilla de Winter Gedanken zu diesem und verwandten Themen, was aber nicht der einzige Grund ist, warum Sie ihr folgen sollten.

Die oben erwähnte Petition soll übrigens auch von Judith Hermann unterzeichnet worden sein, weswegen sich  eine andere Autorin zu folgendem Tweet hinreißen ließ:

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Wenn das so ist: Tolstoj war ein frauenfeindlicher Sack, trotzdem gehört er zur Weltliteratur. Schiller war in jungen Jahren ein Hallodri, Shakespeare nahm kein Blatt vor den Mund; und bleiben Sie mir bloß weg mit Goethe, dem alten Lustmolch! Natürlich können Sie Ihre Lektüre ausschließlich nach moralischen Kriterien aussuchen. Mich erinnert das an eine Geschichte, die Bettine von Arnim über die Frau Rath Goethe erzählt. Diese ließ sich von ihrer Zofe französische Literatur vorlesen. Geriet die prüde Zofe beim Vorlesen an einer schlüpfrigen Stelle ins Stocken, so sprach Frau Aja: „Überhibbele Se’s, Babettche, aber leche Se mir e Zettelche nei für nachher.“

Mich wundert allerdings, dass der Name von Judith Hermann in der Liste der Erst-Unterzeichner_innen falsch geschrieben ist (aber ich bin ja auch die gnädige Frau, die sich immer wundert).

Was schön war: der eine rosa Regenschirm, der sich über den Friedhof bewegte, und das flirtende Krähenpärchen. Herr Krähe bot Zweige an, die Frau Krähe zunächst hochmütig verschmähte. Wie ich Herrn Krähe kenne, versucht er es weiterhin.

Damit Sie nicht vom Fleisch fallen:  ein Rezept von einer neuen Twitterbekanntschaft. (Unter „Bobbes“ verstehe ich ja etwas anderes, aber glauben Sie mir, das wollen Sie nicht wissen. Sie kriegen  allerdings sicher einen ordentlichen Bobbes, wenn Sie genug davon essen. )

Gelesen: Fatma Aydemir, Hengameh Yagoobifarah, Eure Heimat ist unser Albtraum

Und jetzt noch ein Liedchen. Weil jemand eins hören wollte. Leider ist es nicht von mir.

10. Woche

Im botanischen Garten blühen Stiefmütterchen, Winterlinge, Krokusse, Christrosen, (Alpen-)veilchen, Schneeglöckchen, Märzenbecher und eine Traubenhyazinthe. Den Seidelbast haben sie anscheinend ausgerissen, oder ich war zu dumm, ihn wiederzufinden. Ein Insektenhotel wurde errichtet und ist  groß wie eine Schultafel. Der steinalte Pomeranzenbaum am Eingang zu den Gewächshäusern trägt reichlich, in den Häusern leuchten  Kamelien, Azaleen und  Zitrusfrüchte aller Art. Alte Damen tragen rote Handtaschen. Ich kaufe eine Mappe mit zehn Bogen Geschenkpapier, allesamt geblümt und in Pastellfarben. Die Schürze mit den aufgedruckten Kräutern muss ich mir verkneifen, denn sonst hätte ich mit Karte zahlen müssen, und das mag ich nicht. Eine Dame trägt ein züchtiges, hinten mit Haken und Ösen geschlossenes Kleid mit Spitzenkragen und bauschigem Rock. Ich frage mich, welcher neoevangelikalen Sekte sie angehören mag. Erst zu Hause fällt mir ein, dass ja Karneval ist.

Anderswo wird die Unlust am Kommentieren beklagt. (Ich weiß nicht mehr, auf welchem Blog das war. Es war eins, das ich nicht regelmäßig lese.) Ich selbst kann mich ja neuerdings nicht mehr über einen Mangel an Kommentaren beschweren. Allerdings sehe ich das Phänomen durchaus, und ich habe es – seit ich es bemerkt habe –  mit einer gewissen Arroganz in Verbindung gebracht. Man bleibt in seinen Kreisen und möchte dort tunlichst nicht gestört werden. (Und ich habe immer gedacht, das Internet diene der Kommunikation unter Menschen, die sich anderswo nicht begegnen würden. Tja.)

Rosenmontag. Sisi fährt mit der U-Bahn und hat an Stelle von Sternen Schmetterlinge in der Lockenmähne. Eine andere Passantin trägt Weihnachtsbaumschmuck im Haar und schimpft – mit deutlich slawischem Akzent – auf  „diese aggressiven Ausländer“. Es weht und regnet, als ich zu Hause ankomme.

Den Faschingsdienstag verschlafe ich dank Erkältung größtenteils. Aschermittwoch beginnt mit „Schlechtigkeit und Schwindelei“, wie mein jüngerer Bruder als Kind zu sagen pflegte. Ich gehe zum Arzt und treffe den Herrn von Oben. In der Nacht husten wir im Duett.

Den Rest der Woche verbringe ich im Bett, leider nur in Gesellschaft eines grippalen Infekts.

Gelesen: Liza Cody, Was sie nicht umbringt.

Mein weißer Elefant ist ein Blog, über das ich kürzlich anderswo gestolpert bin. Die Autorin hat mit dem Wochenbuchbloggen (statt Tagebuchbloggen) schon früher angefangen als ich, aber da kannte ich das Blog noch nicht.

Smilla war beim Karneval und hat ganz andere Blumen im Bild festgehalten.

 

09. Woche

Weil ich immer am Freitagabend die Wochenmäander beende, beginnt die Blogwoche am Samstag, und am Samstag tanzte in Ottobrunn Milagros Mengíbar, sangen David Lagos sowie David Palomar und spielten Rafael Rodríguez sowie dessen Tochter Isa Rodríguez. Milagros Mengíbar, eine große Dame des Flamenco, tanzte höchst elegant mit der bata de cola. Es wurde recht schnell klar, warum die bata de cola bei Matilde Coral trapo, also (Putz)-Lappen, heißt: die Schleppe flog und mit ihr der Staub der letzten Bühnenwoche. Früher wurden die Schleppen heftig gestärkt. Heute sind sie mit einem Material gefüttert, das papel* oder tela para cancán heißt.  Was außerdem klar wurde: im Flamenco hat die Tänzerin das Sagen (Ich wusste das, ich habe das so gelernt, aber noch nie so deutlich gesehen wie bei Milagros Mengíbar). Im fin de fiesta tanzte Javier Barón ein pataíta, und ist nun mit fünfzig der Springteufel, der er mit dreißig nicht war. Die Kostüme der Señora waren prachtvoll. Das Oberteil des ersten bestand aus zwei großen, zusammengenähten Dreiecksschals, die sie wie einen Poncho trug. Das wirkt beim Tanzen dramatisch wie ein mantón, aber rutscht nicht dauernd von den Schultern.

Hinterher warte ich fast 40 min auf die S-Bahn und nehme mir wieder einmal vor, nicht ins Umland zu ziehen. Außerdem liegen da immer noch Schneehaufen und es ist beinahe klirrend kalt. Jedenfalls für meine Begriffe; die Bayern hingegen scheinen ja nachts im Kühlschrank zu schlafen und haben wahrscheinlich an Stelle einer Wanne ein Eisloch im Badezimmer. Schön ist aber der Raureif auf den Bäumen.

Die gute Landluft dringt im Vorfrühling bis ins Millionendorf, und nicht nur am Schlachthof, dessen Beinahe -Nachbarin ich bin. Jauche und Mist, Kuh und Schwein sind vier Gründe, warum es hier dann doch nicht zum Szeneviertel gereicht hat. In der U-Bahn höre ich, Giesing sei nun „das“ Szeneviertel, aber was weiß ich schon? Und intessiert mich das eigentlich?

Ein entfernter Bekannter schwingt plötzlich Nazi-Parolen. Ich frage, ob alles o.k. ist und bekomme eine rotzige Antwort. Ich frage – anders formuliert – noch einmal, aber die Antwort auf die zweite Frage ist auch nicht besser.

Nichts für ungut, aber wenn Leute verkünden, sie hätten Salat gegessen, dann muss ich immer an die „Gemiesfrau“ denken, die auf die Beschwerde einer Kundin über eine „Fleischbeilage“ in Form einer Raupe im Salat nur antwortete: Was hot denn des arm Wermsche anneres gesse als Salat! (Wenn das so ist, dann kann man das arme Würmchen ja getrost mitessen.) Das waren noch Zeiten, als im Salat noch Raupen überleben konnten.

Migranten, Migrantenkindern und  Migrantenenkeln stößt die Frage „wo kommst Du her?“ bisweilen übel auf. Hierzu zwei Texte: einmal Ferda Ataman und einmal Cigdem Toprak.

„Knowledge is currency“ sagt Joanne Harris in „Chocolat“ zu diesem Thema, und meint vermutlich, dass es in einer kleinen Gemeinschaft, deren Mitglieder durch vielfältige Beziehungen eng miteinander verbunden sind, von Bedeutung ist, wo Neuankömmlinge zu verorten sind und was man, entsprechend ihrer Position in der Gemeinschaft, von ihnen zu erwarten hat. Außerdem sind Neuankömmlinge immer ein willkommener Aufhänger für Konversation unterschiedlicher Art und Relevanz. Schön ist das nicht immer, aber menschlich allemal. Man sollte nun meinen, in einer sich als offen verstehenden Gesellschaft wie z.B. Deutschland wäre diese Währung nicht mehr erforderlich, aber sind wir nicht alle irgendwie noch Dorfkinder? Oder ist es so vielleicht besser?

Ich plädiere sehr für einen Mittelweg. Freundlich fragen, wenn echtes Interesse und vor allem ein konkreter Anlass vorhanden sind, aber nicht insistieren wie der ungehobelte Herr B. im Artikel von Frau Ataman. Und vielleicht vorher nachdenken, ob dem Gegenüber die Frage eventuell unangenehm sein könnte. Manchmal geht es uns vielleicht auch gar nichts an.

Gelesen: Carlos María Domínguez, Das Papierhaus

*Nein, Papier ist es nicht. Es heißt nur so.

08. Woche

Nicht hinausgegangen, den Sonnenschein zu fangen, aber trotzdem die ersten Schneeglöckchen, Winterlinge und – fern von den Alpen – Alpenveilchen gesehen. Nach München zurückgekehrt, stelle ich fest, dass mir neuerdings ein Katzelöcher folgt. Da hätte ich ja gleich dableiben können. (Willkommen!)

Der Pate wird 83, und so rufe ich ihn an. Ich werde eingeladen, ihn zu besuchen (eine Einladung, auf die ich übrigens schon länger gewartet habe).

Ich stolpere über immer mehr wunderbare Blogs (man muss doch einmal abseits der Kleinbloggersdorfer Elite, ach nein, „Elite“ schauen, da findet man Perlen über Perlen). Nur leider kann ich gar nicht so viel lesen, aber vielleicht fehlt Ihnen noch einer auf Ihrer Blogroll: der Landpfarrer ist sicher lesenswert.

Eine meiner nettesten Blognachbarinnen liest in Karlsruhe. Wenn Sie dann ohnehin in Karlsruhe sind, können Sie sich den Kaffee im Botanischen Garten anschauen.

In einer Mail an einen  britischen Großkunden befleißige ich mich ausgesuchter Höflichkeit. Es antwortet mir der sprichwörtliche Prolet. Kein „bitte“, kein „danke“, sogar die Anrede verkneift er sich in der Antwort, die er mir zukommen lässt. Meine Fragen hat er natürlich nicht beantwortet. Es gibt diese Momente, in denen* ich den Brexit kein bisschen bedauern würde. Mir machen meine oft rotzlöffeligen britischen Kunden ja immer Spaß: zu denen bin ich so höflich, dass man Eis splittern hört. Ein anderer (deutscher) Großkunde schenkt mir Marzipan. Leider wählt der Chef die AfD, aber mit Marzipan bin ich zu korrumpieren… (Lieber den Magen verrenken, als einem AfDler was schenken, oder?)

An den Treppen, wo es zur U-Bahn geht, sitzen die Bettlerinnen. In Schlafsäcke und Decken gehüllt, geblümte Schals oder Kopftücher, lächeln sie um ihr Leben. Wie, frage ich mich, kann man unter diesen Umständen noch den Mut zu einem derart strahlenden Lächeln aufbringen? Gegen Ende des Monats habe ich keine Euros mehr in den Manteltaschen, sondern nur noch 50ct-Stücke. Es sind so viele Bettler, wenn man jedem etwas geben will, bekommt der einzelne weniger.

Beim Tanzen fehlt mir nach wie vor die Inspiration.

Gelesen: Ursula Poznanski, Vanitas – Schwarz wie Erde

*Da stand vorher „indem“, und das war nun wirklich die Autokorrektur, Dunnerstock nochemol!

 

07. Woche

Die Woche beginnt, wie könnte es anders sein, mit Schlaflosigkeiten und Schlaflosgedanken. Der Frühling, der seit Tagen herbeigeschrieben wird und am Wochenende schon von ferne grüßte, hält irgendwo an der Landesgrenze und lässt dem Winter noch einmal den Vortritt, bevor er selbst eintrifft. Herr Ackerbau aber kennt alte märkische Rituale. Vielleicht sollte ich das auch einmal versuchen, zuvor sollte ich aber meine Socken stopfen.

Sprache verändert sich. Das merken Sie, wenn Sie Texte von vor hundert Jahren lesen. Erzwingen kann man da relativ wenig,  und vieles, was ich in den letzten Jahren gelesen habe, scheint mir nicht unbedingt praktikabel. Angela S. Hoppmann hat Ideen, und sie bloggt darüber. (Ob Sie nun die Ideen mögen oder nicht…)

Eigentlich hatte ich ab Februar wieder zwei Mal wöchentlich tanzen wollen, aber geschafft habe ich es nicht. Vielleicht, wenn der Frühling tatsächlich kommt. Mitte der Woche zeigt er sich in Form von Sonnenschein und kleinen rosa Knospen im Büroinnenhof. Am See, so liest man, liegt der Schnee noch hoch. Man sieht auch Fotos und friert in Gedanken. Die Büroheizung ist nun – da es Frühling wird – repariert und heizt den ganzen Tag, nicht nur morgens und am späteren Nachmittag jeweils ein Stündchen. Am Abend esse ich den ersten Krapfen des Jahres. Hierzulande backt man die Krapfen nicht zu Silvester, sondern zum Karneval, und deshalb gibt es eben erst jetzt welche.

[Manchmal schreibt man sich auf einem Blog Dinge von der Seele und löscht sie wieder, bevor man den Eintrag veröffentlicht. So auch hier. Aber erinnern will ich mich doch, deshalb dieser Platzhalter.]

Anderswo feiert man den Valentinstag, was ich mir stets und ohne große Mühe verkniffen habe. Ein netter Mensch sprach mir auf den Anrufbeantworter, ich ihm auch, wir beide wissen, was gemeint ist, und mehr Gedöns um Sankt Valentin brauche ich nicht. (Außer den eingangs abgebildeten Rosen. Für Dich, für die Vergangenheit. Eine Zukunft gibt es ja nicht, jedenfalls nicht so.)

Der Freitag sieht mich die Stadt verlassen. Die Schlaflosigkeit aber hat mich nicht verlassen. Nicht die Schlaflosigkeit und nicht die Müdigkeit.

Gelesen: Hannah Kent, Das Seelenhaus

(Falls Sie hier kommentieren wollen: nicht wundern, freigeschaltet wird erst wieder nach dem Wochenende.)

 

 

06. Woche

 Der Winter ist ein Maler und ein Schelm. Er tupft dicke Flocken auf einen fast weißen Himmel und malt den kahlen Bäumen weiße Blüten. Am Tag darauf zieht er eine strahlend blaue Leinwand auf und lässt davor Schnee und Eis wie Diamanten funkeln. Aber er schubst auch Schneebretter von den Dächern und verfehlt eine gewisse, zum Leichtsinn neigende Passantin nur knapp. Mal ist er grau und beißt in handschuhlose Finger, dann wieder zartrosa vom Sonnenaufgang. An solchen zartrosa Tagen lässt er sich schon mal vom Frühling ins Handwerk pfuschen, wobei der Frühling hierzulande ja eher zum langsamen Erwachen neigt. Ich kannte das anders und habe in diesen Landstrichen erst lernen müssen, dass nicht nur eine Schwalbe noch keinen Sommer sondern auch ein Schneeglöckchen noch keinen Frühling macht. Der Winter ist aber dieses Jahr nicht knickrig; besonders großzügig ist er mit der weißen Pracht. Er lässt die Sonne auf Bürofenster brennen, und ich denke mir, die müssten auch mal wieder geputzt werde. Hinter den trüben Scheiben warte ich auf Nachricht vom See.

Ich beende die Geschichte, wegen der der Risotto anbrannte und denke vage darüber nach, eine andere, die ich als Beitrag zu einer Anthologie eingereicht habe, wieder zurückzuziehen. Dann entscheide ich mich dagegen, denn vermutlich wird sie ohnehin und mit Fug und Recht nicht angenommen. Es hat schon seinen Grund, warum ich bloß Bloggerin bin und keine seriöse Autorin.

Auch denke ich über Blogs nach, über die subjektive und die objektive Wahrheit und auch darüber, was man besser für sich behalten hätte. Andere denken anders.

Den Twitter-Account stelle ich auf privat. An den sich ständig wiederholenden, freud- und fruchtlosen Diskussionen bin ich nicht mehr interessiert. Ich folge / mir folgen mehr als genug Leute –  ich weiß schon nicht mehr, wer wer ist. Ja, die Anzahl von 312 Followern ist lächerlich, aber eben doch schon zu viel für mich. Man unterhält sich ja tatsächlich nur mit wenigen, und ich bilde mir nicht ein, dass das, was ich twittere, irgendeine Wirkung auf irgendetwas oder irgendwen hat.

In die Blumenkästen werde ich Stinkelieserchen (Tagetes) pflanzen. Die blühen lange und die Bienen mögen sie auch. Es gibt anscheinend sogar essbare Arten. Die Tür quietscht wieder, nach all den Jahren. Quietschen ist ein seltsames Wort. Eigentlich müsste man es „Kwiiieeetschen“ schreiben.

Für Gedichte habe ich sonst nicht viel übrig, aber für dieses hier schon: In der Winternacht.

Im Zeitalter der Zugbindung kann man so kaum noch reisen, außer man möchte viel Geld ausgeben. Die Zeiten der Leichtfertigkeit sollen wohl vorbei sein, übrigens nicht nur beim Reisen. Oder wann haben Sie zum letzten Mal nicht auf ihre Sprache geachtet?

Ein Pfarrer, ein Zivi und Aids.

Frau Quercus kannte ich bisher nur durch ihre klugen Kommentare bei Herrn Ackerbau. Schauen Sie doch einmal hinein. Ich selbst habe leider schon wieder mehr auf meiner „Rolle“ als ich lesen kann.

Gelesen: Ursula Krechel, Shanghai fern von wo.

(Für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, jede Woche ein mir bis dahin unbekanntes Buch zu lesen. Die Bücher der letzten Wochen habe ich in den jeweiligen Wochenmäandern nachgetragen. Die Einträge sind nicht in jedem Fall Empfehlungen, denn manchmal erwischt man  auch Bücher, die man bei näherer Betrachtung lieber nicht gekauft hätte. Irgendwelche Fragen zu den Büchern? Gerne per Mail an geschichtenundmeer@t-online.de)