50. Woche

Da ich ohnehin in der Gegend bin, mache ich einen Abstecher zum See. Es regnet, aber die freiwillige Feuerwehr und die katholischen Landfrauen bieten unverdrossen Glühwein und Wollsocken feil. Ich kaufe ein herzförmiges Lavendelsäckchen aus Dirndlstoff. Auf die Socken muss ich verzichten, denn ich habe nur ein paar Euro eingesteckt. Im Vorraum der Kirche ist eine Landschaft mit Krippe aufgebaut. Ein mittelalter Herr streicht knapp an mir vorbei und spuckt nach landestypischer Art im allerletzten Moment ein „Grüß Gott“ aus dem Mundwinkel wie einen Priem. Wie jedes Mal bin ich zu verdattert, um zu antworten. 

Frau Mutter beschwert sich, dass der Weihnachtsbaum, den sie vor Jahren im Topf gekauft und nach Weihnachten in den Garten gepflanzt hat, zu sehr gewachsen sei und ihm „die Lichterkette nur noch bis zu den Knien“ gehe, was ja doch zu dumm aussehe. 

Der Balkonadventskranz bekommt Teelichte in kleinen Marmeladengläsern, was sehr viel schöner aussieht als die dicken, roten Kerzen, die ich zuerst aufgestellt hatte. In der Stadt haben die Zierkirschen an einigen geschützten Stellen wieder angefangen, zu blühen. Dann fällt Schnee. Wäre ich eine kultivierte Japanerin, schriebe ich ein Gedicht. 

Im Büro häufen sich die Krankheitsfälle, wodurch ich zu einer Extra-Notruf-Spätschicht komme. Haben andere auch ein schlechtes Gewissen, wenn sie den Vormittag über frei haben? Ich habe immer das Gefühl, die fleißigen Angestellten schauen mich böse an, wenn ich früh morgens nicht ins Büro renne. Komme ich hingegen abends spät nach Hause, fühle ich mich wie eine Herumtreiberin, die bis in die Nacht hinein gesoffen hat. Vermutlich hat man mir ohnehin längst einen liederlichen Lebenswandel angedichtet. Wandelte ich tatsächlich liederlich durchs Leben, sollte ich mich vielleicht mit der Dame von Unterwelt zusammentun, die nebenan wohnt und demnächst in den Ruhestand tritt. Vielleicht könnte ich ihr Geschäft übernehmen, wer weiß. Aber ich habe kein Talent zur Geschäftsfrau und schon gar nicht zur Dame von Unterwelt.

Zum ersten Mal seit gut eineinhalb Jahren habe ich wieder Lust, zu schreiben. Ja, ich habe in der ganzen Zeit weitergeschrieben. Die Texte waren auch danach. (So eine Geschichte wie damals die eine über die Sachsenhäuser Taschendiebin kriege ich nie wieder hin.)

Eine Frage an das hochverehrte Publikum: Geht Ihnen das eigentlich auch so? Sie stoßen zufällig auf ein WordPress-Blog, dem Sie nicht via WordPress folgen; Sie finden einige Texte wunderschön, aber Sie können weder Likes vergeben noch kommentieren?

Die Kistenmetapher gefällt mir. Und das hier über einen jovialen und freundlichen Mann.

49. Woche

Ein Besuch in einem Museum führt mir meine Bildungslücken vor Augen. Nicht nur die griechische Mythologie, auch die Theologie und sogar die Commedia dell’arte erweisen sich als Landkarten voller weißer Flecke. Mir wird fast schwindelig zwischen barocken Elfenbeinschnitzereien in einer Fülle, wie ich sie noch nie gesehen habe. Kräftige Nymphen verraten mir, dass eine Figur wie die meine zumindest im Barock ihre Liebhaber hatte. Überhaupt scheint es, als hätten die Künstler und Kunsthandwerker eine große Liebe zum menschlichen Körper in allen seinen Formen in sich getragen. Aber am meisten freue ich mich ja, wenn ich neue Wörter lerne: „Beinschneider“ ist eine Berufsbezeichnung, die mir gefallen könnte, wenn sie auch für heutige Ohren etwas makaber klingt.  Auch Fürstensöhne drechselten Elfenbein, aber für die war es eher ein Zeitvertreib. Ob sie sich mit ihren Fähigkeiten hätten über Wasser halten können, wenn man sie anlässlich einer Revolution davongejagt hätte?

Viel Porzellan, darunter eine Schokoladenkanne, die den Griff an der Seite hat. Ein Teeservice lässt vermuten, dass man den Tee zunächst sehr stark kochte. Man servierte ihn in einer für heutige Begriffe winzigen Kanne. Eine zweite Kanne, geformt wie unsere heutigen Kaffeekannen, enthielt heißes Wasser, das hinzufügen konnte, wem der Tee zu stark war. Aus heutiger Sicht kann man dem Barock wahrscheinlich einen gewissen Hang zum Kitsch  nicht absprechen. Vielerlei wunderbare Scheußlichkeiten, die in der Ausstellung auch zu sehen waren,  kannte ich aus den Beständen einer Großtante, allerdings nicht als Original, sondern als vermutlich preisgünstige, italienische Kopie. Ausgiebig fotografiert hat übrigens schon Petra, die am Bloggerwalk teilgenommen hat. Deshalb erzähle ich an dieser Stelle nicht weiter, sonst würde ich heute nicht mehr fertig und rate Ihnen, einfach dem obigen Link zu folgen. Dahinter steht auch, wann und wo Sie all diese Wunder besichtigen können. 

Später in der Woche rede ich mit Rechten. Nicht mit dem einen, den ich nicht aufgebe, sondern mit anderen. Die Plumpen, die Dümmlichen und Ungehobelten ignoriere ich (auch, wenn genau das gefährlich ist – gerade die Macht der Dummheit ist groß), ich versuche es mit den Klugen und appelliere an deren Moral. Dem einen, den ich nicht aufgeben werde, möchte ich die Ohren lang ziehen, aber dann sehe ich ihn strahlend glücklich und bringe es nicht übers Herz. 

Zu guter Letzt eine geflüchtete syrische Sportlerin, die ihresgleichen in Griechenland helfen wollte: Sarah Mardini

Ein Samstag im Dezember

Ulli vom Café Weltenall fragt  am ersten Wochenende im Monat nach unserem Alltag.  

Nachdem es im November schon ein bisschen geschneit hat, haben wir am heutigen 1. Dezember echtes Novemberwetter mit Regen, tief hängenden Wolken und lautstark missgestimmten Passanten unten auf der Straße. Nur die Amseln singen und der Jasmin auf meinem Balkon blüht unverdrossen. Der Jasmin nämlich scheint meine vor kurzem geäußerte Vermutung, wir bekämen einen langen und harten Winter, Lügen strafen zu wollen. Für einen langen Winter ist es zu spät, außer er reicht bis in den Mai hinein, was hierzulande auch schon vorgekommen ist. Hart kann er immer noch werden. 

Beim Frühstück wundere ich mich über einen Beigeschmack, den ich nicht zu kennen glaube, erinnere mich aber dann, dass ich ja zuletzt Ziegenjoghurt gekauft habe. Mit ein bisschen Honig wird er besser schmecken, glaube ich. Nachdem ich die üblichen morgendlichen Verrichtungen erledigt habe, lese ich ein bisschen im Internet und gehe einkaufen. Auf dem Rückweg hat die schwere Wolkendecke ein paar Löcher bekommen und die Sonne schielt – noch ein bisschen blass und müde – auf unsere kleine Stadt hinunter.

Zum Mittagessen gibt es Pellkartoffeln mit „Schnippchen“, also Quark mit Schnittlauch. Danach wiederhole ich die Sevillanas mit und ohne Kastagnetten, den Tango de Málaga und die Guajira,  übe  an der Soleá de Alcalá weiter und skizziere die Choreographie für die 2. Strophe. Ich verwende zwei marcajes, mit denen der Herr Lehrer mich einmal so getriezt hat, dass ich beinahe… aber lassen wir das. Nur so viel: der Herr Lehrer und ich hatten mitunter unsere Differenzen. Das lag vor allem daran, dass er mir Fähigkeiten zutraute, die ich weder hatte noch habe. Inzwischen hat er resigniert, glaube ich. Im Probenraum Kabuff nebenan üben ein Gitarrist und ein Pianist Weihnachtslieder. Bis Weihnachten ist ja zum Glück noch ein bisschen Zeit. 

Auf dem Heimweg kaufe ich Fichten-, Buchsbaum- und Koniferenzweige für die Adventsdekoration. Dieses Jahr gibt es keinen Kranz, sondern ein Gesteck mit roten Kerzen in Gläsern für meinen Balkontisch. Ich habe ein Foto eines solchen Gestecks gesehen und hoffe, dass ich es hinkriege. Am Abend ruft der Konzertgitarrenbesitzer an und erzählt, dass seine Mutter wunderbarerweise außer Lebensgefahr sei. Vor ein paar Tagen sah es noch nicht danach aus. Ich lasse Grüße ausrichten, dann bricht das Gespräch ab. 

Ich richte Brot und Gänserillettes her und esse zu Abend. Der Abend gehört, wie immer, mir und nicht dem Blog. 

48. Woche

Ich mache es immer noch nicht richtig, das mit dem Bloggen. Deshalb habe ich das Blog ein wenig aufgeräumt. Einige Kategorien, z.B. die Mindermeinungen und die ungeschriebenen Kommentare fallen weg, andere werden im Laufe der Zeit neu sortiert (aber nicht alles auf einmal). Für das Tagebuchbloggen habe ich mir etwas neues ausgedacht, aber wie nenne ich das jetzt? Wochenbuchbloggen? 

Zum Spaß habe ich die entrada, die llamada und die erste letra einer Soleá choreographiert. Die Musik dazu kommt von der CD, denn kein Gitarrist der Welt kann so viel Geduld haben, dass er wartet, während ich im Schneckentempo Schritte montiere. (Hier der Herr Lehrer , der ungefähr das oben Genannte tanzt,  aber so dramatisch mache ich es nicht, ich bin ja beim Tanzen ein eher schlichtes Gemüt.) 

Eine Schauspielerin, sehr attraktiv und in meinem Alter, macht Werbung für einen Kleidungshersteller. Warum muss man das Foto aber retuschieren, bis sie aussieht wie ihre eigene Tochter? Ich hätte eigentlich gerne gewusst, wie das Kleidungsstück an einer Frau aussieht, die eine Tochter in den Zwanzigern haben könne. 

Nicht in eigener Sache, aber für einen sehr geschätzten Blognachbarn:  Dr. Kall  könnte ein wenig Unterstützung gebrauchen. 

47. Woche

Krähen malen schwarze Scherenschnitte auf den blassen Himmel. Der Herbst neigt sich dem Winter zu, am See schneit es wohl schon. Kürbisse, Hexen und Skelette weichen Engeln, Marzipankartoffeln undNikoläusen. In den Büros beginnen die Vorbereitungen für die Weihnachtsfeiern. Aufträge werden verteilt, Du machst den Glühwein, Du bringst die Weißwürste, Du die Brezen. Ich selbst habe dieses Jahr das Kollegium vor die Wahl gestellt: Rührkuchen oder Nudelsalat. Das Kollegium wählte den Nudelsalat, so kriegt jeder,was er verdient. Der Nudelsalat meiner Großmutter väterlicherseits ist eine kulinarische Bosheit, nichts schmeckt so, wie man es erwartet.

Das Tanzen habe ich dieses Jahr sehr vernachlässigt. Berufliches und Gesundheitliches standen im Weg. Nichts war ernst, aber alles war zäh, schwierig, umständlich… Mit Absicht habe ich keine neue Choreographie begonnen; das war – im Nachhinein betrachtet – ein Fehler.Vielleicht hätte ich mehr Energie für etwas Neues aufgebracht, aber das Alte schrie nach Verbesserung und Korrektur. Immerhin komme ich wieder einigermaßen mit den Kastagnetten zu Rande. Der Herr Lehrer hat sich noch nicht gemeldet wegen des nächsten Workshops. Möglich, dass er auch eine schöpferische Pause braucht. Ich jedenfalls hungere nach Inspiration, aber die will zur Zeit nicht aus dem Flamenco selbst kommen.

Museen verlocken, ein Konzert ist wohl ein neues Kleid wert, der Freund, der kein Freund ist, berichtet von Palästen, aber auch von Prekärem. Ich übernehme eine zusätzliche Notrufschicht, aber nur, weil es mich amüsiert, zuzusehen, wie der Chef freundlich sein muss. Meine Wohnung hat eine neue Bewohnerin, eine Konzertgitarre. Die gehört dem besten Ex derWelt. Er hat Verpflichtungen, aber keine musikalischen, sondern traurige,  familiäre, die eine längere Abwesenheit erforderlich machen. Seine „Braut“ lässt er nicht gerne allein, deshalb hat er sie bei mir einquartiert.

08. Oktober 2018

Im Bus riecht es intensiv nach Liebstöckel. Eigentlich ist es zu dafür schon zu spät im Jahr, aber der Liebstöckel auf meinem Balkon hat vor zwei Wochen wieder kräftig ausgetrieben, nachdem er im Sommer fast einer Raupe Nimmersatt zum Opfer gefallen wäre. In der U-Bahn haben sich einzelne  Herren so strategisch platziert, dass sie pro Person mindestens drei Sitzplätze belegen. Die Damen tun es ihnen mit Hilfe ihrer Hand- und sonstigen Taschen nach. Man merkt, dass in der Stadt eine Fachmesse für Immobilien und Investitionen stattfindet. Wer aber so früh unterwegs ist, dass er sich die U-Bahn mit dem Akademiker- und sonstigem Proletariat teilen muss, der kann auf der Messe kein großes Licht sein.  Die kleinen Lichtlein hindert das aber nicht daran, sich zu betragen, als gehöre ihnen die Stadt. Ein ebenfalls mitreisender Flaschensammler legt hingegen großen Wert darauf, auf keinen Fall mehr als den ihm zustehenden Raum einzunehmen.

Die aus dem Urlaub zurückgekehrten  Kolleginnen sitzen wieder an ihren Schreibtischen. Auf der anderen Flurseite wird geschimpft. Bekanntermaßen sind ja in einem Büro immer die anderen die Faulpelze. Der Chef gibt sich am Mittagstisch die Ehre. Man diskutiert die kommende Wahl, aber ich halte mich zurück. Mir ist es unangenehm, wenn das werte Kollegium allzu viel über mich weiß.

Mit etwas mehr Energie als in den letzten Wochen und Monaten wiederhole ich nach der Arbeit zwei meiner eigenen Choreographien. Die Auswirkungen des täglichen Lebens auf den Ausdruck im Tanz sind erstaunlich: die Guajira ist präziser geworden, weniger ironisch als vielmehr sarkastisch, und der Tango der Málaga hat an Deutlichkeit gewonnen, aber auch an Härte. Der Flamenco erzählt, wie schon anderswo auf diesem Blog erwähnt, Geschichten vom Überleben. Überlebt haben heißt aber nicht, nicht gescheitert zu sein.

Auf dem Heimweg bleibt – ich weiß gar nicht wie und wieso – mein Blick an einem untersetzten Herrn hängen. Dieser, ganz ungeniert, sieht dies als Aufforderung zum Exhibitionismus. (Meine Mutter war übrigens schon ein würdige Matrone, als sie einmal bemerkte, wie ein Nachbar sie durch einen nicht ganz zugezogenen Vorhang beim Umziehen beobachtete. „Wenn der es so nötig hat“ sprach sie „dann sei es ihm gegönnt.“)

Am Abend schreibe ich eine Mail an eine Freundin und diesen Text.

Bevor Sie aber weiterziehen, hier noch eine Frage an das hochverehrte Publikum: Frau Sehkrank fürchtet sich vorm Schlafen. Kein Witz, sondern Schlafparalyse. Weiß jemand Rat? (Lassen Sie sich nicht von dem Warnhinweis ins Bockshorn jagen. Der Blogeintrag ist hochmoralisch.)

 

03. Oktober 2018

Kluges zum Tag der deutschen Einheit. Ein Auszug (bitte auf den nächsten Absatz klicken, um den ganzen Text zu lesen):

Ich denke, mittlerweile bekommen wir langsam ein Bewusstsein dafür, was diese Filterblase mit uns anstellt. Gleich und gleich wird zusammengeführt, man bewegt sich in einer Echokammer, in der alle einer Meinung sind und sobald man die unterschiedlichen Ansichten aufeinander loslässt, zum Beispiel in der Kommentarfunktion auf Facebook, herrscht Krieg.“

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Ich mag Halloween. Fragen Sie mich nicht, warum. Ich weiß es selbst nicht.  Zuviel Kitsch darf es nicht sein. Aber so ein dezent im Balkonregal stehender Fratzenkürbis hat doch etwas, oder? Leider ist das Licht so ungünstig, dass ich mit der Notebookkamera kein anständiges Foto hinkriege.

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Kalter Kaffee macht schön, sagte die Bloggerin, als sie über dem Bloggen Kaffee und Tasse vergaß. Nur die Frage, wann er denn endlich wirken würde, der kalte Kaffee, hatte sie sich in all den Jahren nicht beantworten können.

Tagebuchbloggen ist ja schon ein bisschen doof, besonders, wenn es sich auf das Abtippen der eigenen, ziemlich zweifelhaften Gedankensplitter beschränkt. Mehr geht aber zur Zeit nicht. Ich hoffe nur, dies wird nicht das einzige Blog sein, das eine Katastrophe in der Zukunft übersteht. Was sollten sonst die Archäologen in der Zukunft über uns denken?

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Gerade lese ich ein Buch, dessen Autorin eine recht interessante, die Handlung betreffende Idee hatte. Das einzige Manko: die angeblich altjüngferliche Protagonistin hat alle paar Seiten ausführlichen Sex. Ich habe nichts gegen Sex. Ich finde Sex wunderbar. Allerdings ziehe ich in Büchern dann doch geschlossene Schlafzimmertüren vor. Nennen Sie mich prüde.