Strade bianche oder Gomringer und kein Ende

 

Anatol Stefanowitsch schreibt:

„Wenn wir klären wollen, ob wir die Studentinnen einer Hochschule jeden Tag an einem Gedicht vorbeigehen lassen sollten, das sie als schmückendes Beiwerk darstellt, oder ob wir von weiblichen Sparkassenkundinnen erwarten können, sich durch das männliche “Kunde“ angesprochen zu fühlen, oder ob wir unsere weiblichen Mitbürgerinnen auffordern sollten, “brüderlich“ nach Einigkeit, Recht und Freiheit zu streben, müssen wir uns gemäß dieser Regel fragen, ob wir umgekehrt auch mit Männern so verfahren würden.“

(Anatol Stefanowitsch, Herrscht in Deutschland eine Sprachpolizei?, Gastbeitrag in der Hannoverschen Allgemeinen vom 14.04.2018. Link.)

Also gut, verfahren wir einmal mit Männern so, wie Eugen Gomringer mit Frauen verfuhr:

Strade bianche

Strade bianche und Fahrräder

Fahrräder

Fahrräder und Männer

Strade bianche 

Strade bianche und Männer

Strade bianche und Fahrräder und Männer und

eine Leserin. 

Ist das nun ein female gaze? Ich bin eine Frau, und zwar schon ziemlich lange. Dennoch, und das tut mir von Herzen Leid, begreife ich immer noch nicht, wieso ich mich von Gomringers Gedicht objektifiziert fühlen soll. (Wenn es mir jemand erklären kann, bitte in die Kommentare damit.)  Sieht möglicherweise der männliche leitende Feminist A.S. selbst Frauen grundsätzlich als schmückendes Beiwerk und interpretiert deshalb jedwede Erwähnung von Frauen als antifeministisch?

Ei, mer waaß es net (wie wir in Frankfurt sagen).

(Die Verfasserin dankt Herrn Eugen Gomringer und Don Alphonso für die Inspiration.)

 

 

Lieblingssatz 01052018

„Ich habe in allen Fassungen gelungene Teile gefunden, hinübergerettete Schönheiten. Ich habe in allen Schwächen gefunden, nicht ausgenommen meinen eigenen Versuch, den ich durchaus nicht für beendet halte. Zu manchen Mängeln haben mich Not und Unzulänglichkeit gezwungen, andere Freiheiten gehen wiederum zu Lasten meines, wie ich denke, Generationsgeschmacks.“

Karl Dedecius, Vom Übersetzen, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1986

Tag der Muttersprache

Der Tag der Muttersprache begann für mich damit, dass der geschätzte, aber entfernte Blognachbar virtuell auf Bayerisch fluchte. Ich war versucht, ihm mit einem herzhaften „Dunnerstock  nochemoh!“ zu antworten, aber auf die Idee waren schon andere gekommen.

Noch bevor ich das Wort „Muttersprache“ kannte, hatte ich schon entdeckt, dass es eine Muttersprache und eine Vatersprache gab. Die Muttersprache war rauh, sinnlich und tief, dabei  gluckerte sie  wie Wasser über rundgeschliffene Steine. Die Vatersprache war hingegen hell, geschwind und fast immer ein wenig spöttisch. Auf dem Gymnasium kamen Englisch, Latein, Französisch und Italienisch hinzu, außerdem lernte ich von den Mitschülerinnen Brocken Serbokroatisch, Koreanisch, Polnisch, Albanisch, Romanes…. Für die französische Sprache empfand ich jahrelang innigen Hass, denn eigentlich hatte ich Russisch lernen wollen, was aber durch ein Machtwort meines Vaters, der Zeit seines Lebens eine unerwiderte Liebe zum Französischen hegte, verhindert wurde. Angefreundet habe ich mich mit Frankreich und seiner Sprache erst, als ich während meines Studiums an der französischen Grenze lebte. In meinem Studiengang gab es die Muttersprache, die erste Fremdsprache, die zweite Fremdsprache und, für die Studenten, deren Muttersprache weder Deutsch noch Französisch war, die „Wahlmuttersprache“. Das hieß, polnisch- oder arabischsprachige Studentinnen konnte entscheiden, ob sie bestimmte Vorlesungen auf Deutsch oder auf Französisch hören wollten – beides wurde angeboten. Für sogenannte „Bildungsinländer“, also Student_innen nichtdeutscher Herkunft, die ihre Schulbildung in Deutschland absolviert hatten, war übrigens automatisch Deutsch die Wahlmuttersprache. Die Wahlmuttersprache war jedoch keine Fessel; das  eine oder andere Seminar absolvierte ich „bei den Franzosen“. Ich war nicht die einzige, und die meisten Vorlesungen und Seminare waren ohnehin ein fröhliches Sprachgemisch. Einer meiner Dozenten, der z.B. für Hans-Dietrich Genscher dolmetschte, wenn dieser in die USA reiste, witzelte, dass Englisch nicht seine „mother tongue“, sondern „mother in law’s tongue“ sei. Demnach wäre meine Schwiegermuttersprache Spanisch gewesen, wenn ich denn den nunmehr besten Ex der Welt geheiratet hätte. Wie Sie wissen, kam es nicht dazu.

In jenen Zeiten schrieb ich einmal ein Märchen auf Französisch für eine aus einem afrikanischen Land stammende Mitstudentin portugiesischer Muttersprache. Damals lebten wir in der französischen Schweiz, und unsere Clique war der Schrecken einer respektablen Kleinstadt. Nicht, weil wir uns danebenbenahmen, aber das pure Chaos aus teilweise exotischer Kleidung, unterschiedlichen Hautfarben und Sprachen, verwirrte und befremdete anscheinend.

Dem Südbayerischen konnte ich viele Jahre lang nichts abgewinnen. Diese Diphtonge machen mich wahnsinnig. Und erst dieses R! Es zerreißt mir die Trommelfelle, und ich möchte mein Heil in der Flucht suchen. Aber ich mache eine Ausnahme für die Leute am See.

Sprache ist nicht nur ein Mittel der Verständigung, sondern auch eines der Abgrenzung. Da muss man nicht einmal die Soziolekte bemühen. Es reicht, mit Landsleuten über einen hiesigen belebten Platz zu schlendern und ein paar rasche Sätze in der Vater- oder der Muttersprache zu wechseln. Die Blicke, die Sie treffen werden, sind unbezahlbar. Denn in unserer kleinen Stadt ist man gar sehr darauf bedacht, neben der eigenen um Gottes willen keine fremde Identität hochkommen zu lassen.

Eine überwiegend englischsprachige Blogplattform, auf der ich früher einmal unterwegs war,  veranstaltete einmal im Jahr einen Tag der Muttersprache. Einmal im Jahr bloggte man also nicht auf Englisch, sondern in seiner Muttersprache. Man sagt, so viele Sprachen, wie der Mensch spricht, so viele Seelen hat er. Wahr ist, dass die Art, wie ein Mensch schreibt, sich mit der verwendeten Sprache ändert. Wer auf Russisch kühl und präzise ist, kann z.B. auf Niederländisch oder Dänisch ein echter Romantiker sein, je nach dem, was für Emotionen er oder sie bewusst oder unbewusst mit der jeweiligen Sprache verbindet. Eine italienische Kollegin behauptet sogar, mein Stimme verändere sich, wenn ich vom Deutschen ins Italienische wechsele. Ob das stimmt, weiß ich nicht, sicher ist jedoch, dass Sprache nicht nur aus Vokabular und Grammatik besteht, sondern doch auch aus einem großen Teil purer Emotion.