Das bucklige Fräulein K

(Weil ich kürzlich eine dieser Unterhaltungen mitbekam, deretwegen ich manchmal am liebsten ganz aus der Welt verschwinden würde.)

Da unterhielten sich ein paar wohlanständige Damen, also solche, mit denen ich in der Regel nichts zu tun habe, über eine geplante Hochzeit, bei der alle Gäste Kleidung in einer bestimmten Farbe tragen sollten. Einige wenige Gäste aber wollten da nicht mittun. Rot (oder Grün oder Lila) stehe ihnen nicht, sie hätten kein rotes oder grünes oder lila  Kleid und auch keine Lust oder kein Geld, sich eines zu kaufen. Die wohlanständigen Damen hielten es unter diesen Umständen für durchaus vertretbar, die renitenten Gäste wieder auszuladen.

Nun bin ich ja der Meinung, man sollte dem Brautpaar anlässlich seiner Hochzeit tunlichst alle Wünsche erfüllen, nur scheint es mir etwas übertrieben, Freunde und geladene Gäste vor den Kopf zu stoßen, weil sie einen anderen Kleidergeschmack haben.

Als ich noch überlegte, ob ich vielleicht ein bisschen komisch geworden wäre, da fiel mir das bucklige Fräulein K ein. Das Fräulein K war eine Flüchtlingsfrau, aus Pommern oder dem Baltikum oder dem Sudetenland, die durch Krieg und Vertreibung ihre Familie und ein nicht unbeträchtliches Vermögen verloren hatte, und die sich nach dem Krieg als Näherin und Handarbeitslehrerin auf dem Lande durchschlug. Das Fräulein K besaß genau ein anständiges Kleid, ein „kleines Schwarzes“, das sie sommers wie winters zu jedem „Anlass“ trug. Bitterarm, gleichwohl eine Respektsperson als Lehrerin der Töchter, war  sie zu Hochzeiten und Beerdigungen gleichermaßen geladen. Ich habe das Fräulein K nicht mehr gekannt, aber auch auf meiner Taufe soll sie gewesen sein. Meine Mutter und meine Patentante waren ihre Schülerinnen gewesen. Man erzählt noch heute, was für eine angenehme, humorvolle Person sie gewesen sei. Ganz sicher hat sie auch auf meiner Taufe  ein kleines Schwarzes, eines in einer langen Reihe, getragen. Dem Anlass entsprechend trug sie wahrscheinlich eine einfache Brosche dazu, so, wie sie auf einer Beerdigung einen schlichten, schwarzen Hut getragen hätte.

Hätte man damals das Fräulein K wegen eines unpassenden Kleides ausladen sollen, und was ist falsch gelaufen in der Erziehung von Menschen, die ihre Freunde oder Verwandten nicht auf ihrer Hochzeit sehen wollen, weil sie die falsche Kleidung anhaben?

Der Herr Minister beliebt zu scherzen

Ein bisschen Schwund ist halt immer, mögen sie sich beim Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat gedacht haben, als die Nachricht vom Selbstmord eines der 69 zum 69. Geburtstag des Herrn Innenministers abgeschobenen Afghanen eintraf. Manche sprechen in diesem Zusammenhang von „Freitod“, was mir nicht passend erscheint, denn wer sich selbst tötet, tut das m.E. in den wenigsten Fällen in freier, unbelasteter Entscheidung, sondern unter großem Druck.

Zuvor hatte – falls Sie es nicht mitbekommen haben – Herr Seehofer sich selbst gefeiert. Nun, auch Herr Seehofer konnte nicht ahnen, dass einer der Abgeschobenen sich das Leben nehmen würde. Er ist nicht schuld am Tod dieses Menschen. Man kann ihm, aber nicht allein ihm, Scharfmacherei vorwerfen. Mag sein, die Abschiebung war rechtmäßig, das weiß ich nicht, ich kenne den Fall nicht.

Der Herr Seehofer  hat aber doch bloß einen Witz gemacht, sagen nun viele. Herr Seehofer ist ein ehrenwerter Mann. Nein, ist er nicht. Wer Witze macht über das Elend anderer Leute ist kein ehrenwerter Mann. Wäre er der Ehren wert, würde er zurücktreten. Das wird er aber nicht tun, bzw. wenn er es täte, dann nicht aus Einsicht, sondern nur unter Druck. Vermute ich. Wissen kann ich es nicht.

 

 

Am Fluss

Manchmal waschen osteuropäische Roma die Wäsche im Fluss. Der Fluss ist mehr oder weniger sauber, man kann durchaus darin schwimmen. Warum sie nicht die Münzwaschsalons benutzen, weiß ich nicht, aber darf kann vermuten, dass die Roma auf den hiesigen Baustellen so schlecht bezahlt werden, dass sie die Ausgabe scheuen. Außerdem weichen sie der Mehrheitsbevölkerung aus, was nach 500 Jahren Verfolgung verständlich ist.

Ansonsten tun die Roma, was alle anderen Männer an einem sonnigen Sonntagvormittag am Fluss auch tun: sie spielen ein bisschen Fußball, trinken ein bisschen Bier, schwatzen und genießen die Sonne. Als EU-Bürger haben sie jedes Recht, hier zu sein, und sie tun nichts Unrechtes. Den Widerwillen, den manche Hiesige bei ihrem Anblick empfinden, kann ich nicht nachvollziehen.

 

Untreue und die Folgen

„Der Tanz der Liebe ist mir ungelenk.“ Maria Benedickt, Die Fährte der Füchsin

Untreue kann passieren. Jeder und jede von uns kann von Zeit zu Zeit über einen Bettpfosten stolpern, über ein Lächeln oder auch nur  über die Art, wie sich jemand das Haar aus dem Gesicht streicht. Über Untreue pflegte ich lange Zeit bestenfalls zu lächeln. (Ich selbst war im Geist untreu, und über lange Zeit, aber niemals wurde etwas Greifbares daraus. Ob das besser war oder im Gegenteil viel schlimmer, weiß ich nicht.)

Wenn aber die Untreue kein gelegentlicher Fehltritt ist, sondern eine Gewohnheit wird, und wenn aus der Gewohnheit ein Gewohnheitsrecht zu werden scheint, dann ist es Zeit, die Koffer zu packen, die Brücken abzubrechen und an das Schiff zu denken, das man seinerzeit nicht verbrannt hat. Denn das Gewohnheitsrecht der Untreue beinhaltet ja die Missachtung, es sagt: Hier, schau her, ich habe es schon wieder getan, es macht mir nichts, ich werde es wieder tun und geniere mich nicht einmal dafür.

Nicht die Untreue selbst schmerzt, sondern eben diese Missachtung, die Gleichgültigkeit. Man kann sie mit einem müden Lächeln abtun, aber man muss nicht. Manchmal sucht man sich ein anderes Ventil für die Gefühle, die niemand mehr haben will und wird, wie oben erwähnt, zumindest im Geist untreu. Ich verurteile weder die eine noch die andere Art der Untreue. Man muss jedoch wissen, bis zu welchem Punkt man gehen will und was die Konsequenzen sein könnten. Was mich betrifft, halte ich mich inzwischen heraus. Die Liebe fehlt mir nicht, sie ist mir ungelenk geworden. Die Trivialliteratur hat mitunter die besten Antworten auf die Rätsel des Lebens. Siehe oben.

 

 

 

Galanterien und die Liebe zu den Büchern

Galanteriewaren waren früher das, was Ihr Galan Ihnen verehrte, wenn er galant sein wollte: Fächer, Puderdosen, Bänder, Ansteckblumen…

Ob Bücher mitunter auch Galanteriewaren sein konnten, bzw. können, ist fraglich. Allerdings haben die Katalanen da so eine Sitte, wenn man die umdrehte und in ihr Gegenteil verkehrte, wenn also die Damen die Bücher geschenkt bekämen und nicht die Rosen, dann könnte man diese Bücher als Galanteriewaren bezeichnen. Oder sind es galante Damen, die den Herren am Sankt-Georgs-Tag Bücher schenken? Ich fürchte, unter „galanten Damen“ versteht man etwas anderes (was aber nichts schlechtes sein muss).

Ich jedenfalls würde mich freuen, wenn ich am Sankt-Georgs-Tag, der für dieses Jahr leider schon vorbei ist, ein Buch bekäme statt einer Rose. Andrea, die nicht nur mit Büchern handelt, sondern sie, wie es scheint, auch sehr liebt,  war in Hamburg in drei Buchläden, und jeder für sich ist anscheinend eine kleine Perle. Eigentlich wollte ich dort kommentieren, aber ich fürchte, mein Kommentar wäre zu ausführlich geworden.

Hier, in unserer kleinen Stadt, habe ich vier „Stamm“-Buchhandlungen: Den kleinen, feinen Laden, sogar in meinem Viertel gelegen,  wo es außer Büchern auch noch Kaffee sowie von der liebenswürdigen Chefin und ihren Kolleg_innen selbst gebackenen Kuchen gibt.  Für Notfälle die Bahnhofsbuchhandlung mit den großzügigen Öffnungszeiten, dem erstaunlichen Sortiment und den höchst engagierten Buchhändler_innen. Den Büchergiganten in der Innenstadt für die Momente, in denen ich nicht nach meinen Wünschen gefragt werden möchte, also die Buchladen gewordene Anonymität, die man ja bekanntlich von Zeit zu Zeit auch braucht . Schließlich den  nur scheinbar chaotischen Keller in der einzigen schönen Fußgängerzone unserer kleinen Stadt, wo man tausendundein Buch findet, das man nie gesucht hätte. Treten Sie dann aus dem Keller wieder ans Tageslicht, kann es sein, dass Sie, wie manche Märchenhelden, die Welt oben kaum wiedererkennen.

Aber lassen Sie uns einmal annehmen, dass es sich bei  manchen oder vielleicht sogar vielen verschenkten Büchern um Galanterien handelt. Müssten wir dann nicht auch annehmen, dass die Buchhändlerskundschaft auch besonders liebenswürdig und sogar galant ist? Ob dies der Fall ist, weiß ich nicht, dazu müsste man wohl Buchhändler_innen befragen. Jedenfalls ist mir aber weder beim Verlassen noch beim Betreten eines Buchladens je der Rand einer Tür ins Gesicht geknallt, was Ihnen, wenn Sie in der freien Wirtschaft in einem dieser aufwendig verglasten Bürotürme arbeiten, durchaus passieren kann. Nichts eignet sich so wie die Glastüren im Treppenhaus eines großen Konzerns, um eine Frau auf ihren (subalternen) Platz zu verweisen. Und Frauen – besonders solche ohne sichtbare männliche Unterstützung –  gelten ja, das lehrt die Erfahrung, auch im 21. Jahrhundert noch als subaltern. Deshalb bin ich um jeden Mann froh, der mir die Tür aufhält statt sie mit Schwung in Richtung meines Nasenbeins segeln zu lassen. Eine Tür, die einer Frau vor der Nase zugeschlagen wird, ist ein Symbol und eine überdeutliche Ansage. Jammern über in angeblich frauenfeindlicher Absicht aufgehaltene Türen kann ich deshalb nicht völlig nachvollziehen. Womit ich den Bogen geschlagen habe zu einer Diskussion auf Twitter, aus der ich mich gestern  fast gänzlich herausgehalten habe.

Sollten Sie mich übrigens jemals verführen wollen, wozu ich Ihnen nicht unbedingt raten würde, müssten Sie mir aber schon etwas vorlesen und nicht nur die Tür aufhalten…

 

 

Strade bianche oder Gomringer und kein Ende

 

Anatol Stefanowitsch schreibt:

„Wenn wir klären wollen, ob wir die Studentinnen einer Hochschule jeden Tag an einem Gedicht vorbeigehen lassen sollten, das sie als schmückendes Beiwerk darstellt, oder ob wir von weiblichen Sparkassenkundinnen erwarten können, sich durch das männliche “Kunde“ angesprochen zu fühlen, oder ob wir unsere weiblichen Mitbürgerinnen auffordern sollten, “brüderlich“ nach Einigkeit, Recht und Freiheit zu streben, müssen wir uns gemäß dieser Regel fragen, ob wir umgekehrt auch mit Männern so verfahren würden.“

(Anatol Stefanowitsch, Herrscht in Deutschland eine Sprachpolizei?, Gastbeitrag in der Hannoverschen Allgemeinen vom 14.04.2018. Link.)

Also gut, verfahren wir einmal mit Männern so, wie Eugen Gomringer mit Frauen verfuhr:

Strade bianche

Strade bianche und Fahrräder

Fahrräder

Fahrräder und Männer

Strade bianche 

Strade bianche und Männer

Strade bianche und Fahrräder und Männer und

eine Leserin. 

Ist das nun ein female gaze? Ich bin eine Frau, und zwar schon ziemlich lange. Dennoch, und das tut mir von Herzen Leid, begreife ich immer noch nicht, wieso ich mich von Gomringers Gedicht objektifiziert fühlen soll. (Wenn es mir jemand erklären kann, bitte in die Kommentare damit.)  Sieht möglicherweise der männliche leitende Feminist A.S. selbst Frauen grundsätzlich als schmückendes Beiwerk und interpretiert deshalb jedwede Erwähnung von Frauen als antifeministisch?

Ei, mer waaß es net (wie wir in Frankfurt sagen).

(Die Verfasserin dankt Herrn Eugen Gomringer und Don Alphonso für die Inspiration.)

 

 

26. April 2018

Der Tag beginnt um 1 Uhr nachts, als meine alte Freundin Insomnia sich auf die Bettkante setzt und mir die Decke von den Füßen zieht. In der Hoffnung auf die einschläfernde Wirkung des Internets werfe ich das Notebook an und werde auf Twitter Zeugin diverser Diskussionen über Werbung auf Blogs sowie werbende oder nicht werbende  Blogger, und vor allem, wer was falsch macht. Die Moralinsäure spritzt  in alle Richtungen. Macht doch, was ihr wollte, denke ich, und dass ich eigentlich fertig bin mit Kleinbloggersdorf. Wäre Kleinbloggersdorf ein realer Ort, zöge ich nunmehr freiwillig in die Wildnis.

Auf meinem Blog muss sich einiges ändern. Ich lösche diverse Texte ganz oder teilweise. Für den Fall, dass mir nicht doch noch einfällt, wie ich die Impressumspflicht umgehen kann, möchte ich keine Einträge auf dem Blog haben, in denen die beschriebenen Personen identifizierbar sind. Die Datenschutzeinstellung habe ich von „öffentlich“ auf „versteckt“ geändert. Wenn alles so funktioniert, wie ich es mir wünsche, findet das Blog nur noch, wer weiß, wonach er suchen muss.

Außerdem lösche ich Texte, in denen ich mein Herz allzu sehr auf der Zunge getragen habe. Ich weiß, ich neige dazu. Das ist nicht gut. Ich stehe nach wie vor hinter den Texten, aber sie gehören nicht mehr an die Öffentlichkeit.

Weg

Die Nachricht, in Frankreich sei eine alte Dame, eine Überlebende des Holocaust, auf grausame Weise ermordet worden, schockiert. Daneben schockiert allerdings die Verwunderung, mit der manche in meiner Internet-Umgebung (eher nicht in meiner Privatleben-Umgebung) auf dieses Verbrechen reagierten. In wie viel Sand müssen Köpfe gesteckt haben, deren Besitzer dies nicht haben kommen sehen? Hat nicht die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit seit Jahren in fast ganz Europa zugenommen? Konnte man das nicht sehen? Auf dem Vorgängerblog habe ich schon einmal darüber geschrieben, und vermutlich haben nicht wenige mich damals für hysterisch gehalten.  

„Die sollen weg sein!“ jammerte die damals noch kleine Tochter einer Freundin, wenn andere Kinder sie ärgerten. „Die sollen weg sein“ ist ein sehr kindlicher Gedanke, der – natürlich mehr oder weniger intellektuell verbrämt und verschleiert – hinter solchen Verbrechen, aber auch hinter der Hetze gegen Flüchtlinge zu stecken scheint. 

 

Lieblingssatz 11022018

„Weißt Du, Agatha, die ist nicht verrückt. Weil alle dir bestimmt gesagt haben, sie wäre verrückt. Es ist so, dass Frauen in einer Ausstellung Bilder von ihr kaputtgemacht haben. Sie ist nämlich Malerin, weißt du das?.

Ja. Brigue -au-Pot hat’s mir gesagt. Ihre Bilder sind kaputtgemacht worden?

Ja. Und zwar von Frauen. Und auf den Bildern waren Frauen! Und für Agatha, verstehst Du, sind Frauen alles! Sie wäre beinah gestorben! Seit zwei Jahren malt sie nicht mehr. Sie ist unfruchtbar geworden.

Die, die die Bilder kaputtgemacht haben, sind verrückt! Und was war auf den Bildern?

Frauen! Frauen, die Lachen, Glück, Lust ausdrückten! Im Gegenteil. Das waren Äußerungen von Freiheit. Agatha hat nie begriffen, warum sie das in die falsche Kehle bekommen haben.“

Victoria Thérame, Die Pianistin, Rowohlt, Hamburg, 1982, übersetzt von Uli Aumüller.                                                                                                                                                ISBN 978-3-688-10716-2

An diese Sätze habe ich mich erinnert, als ich das hier las. Ich bin nicht sicher, ob es richtig war, Emmett Till im Sarg zu malen. Man muss kontroverse Kunstwerke auch nicht unbedingt öffentlich zeigen. Die Arbeit einer Künstlerin zu zerstören, halte ich jedoch in jedem Fall für falsch.

Eugen Gomringers „Avenidas“ oder: was steht im Text?

Ein Gedicht des bolivianisch-schweizerischen Dichters Eugen Gomringer soll übermalt werden. Dies hatte der ASTA des Alice-Salomon-Hochschule in Berlin gefordert, weil das Gedicht sexistisch sei. Hier zunächst das Gedicht:

avenidas 

avenidas y flores 

flores

flores y mujeres

avenidas

avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres

y un admirador  

Hierzu die im Internet kursierende Übersetzung (ich weiß nicht, von wem sie ist).

Alleen 

Alleen und Blumen

Blumen

Blumen und Frauen 

Alleen

Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und 

ein Bewunderer

Gomringers Gedicht beschreibt eine – in meinen Augen – friedvolle Szene. Eine Allee, an deren Rändern vielleicht Blumen gepflanzt wurden. Vielleicht stehen da auch Häuser mit blühenden Vorgärten, Balkonen, Blumenkästen… jede_r von uns hat vermutlich seine oder ihre ganz eigene Vorstellung einer von Blumen gezierten Straße. Dann sind da Frauen. Frauen, die einkaufen, die ins Büro eilen, Kinder an der Hand hinter sich herziehen, Blumen verkaufen, Blumensträuße nach Hause tragen… Vielleicht tragen sie sogar geblümte Kleider oder haben sich eine Blüte ins Haar gesteckt. Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, was für Alleen, was für Frauen und was für Blumen der Dichter gesehen hat. Sind diese Alleen mit den Blumen und den Frauen in der Schweiz, in Bolivien, in Paris oder ganz woanders? Wir wissen nicht einmal, ob der Dichter selbst der Bewunderer ist oder ob er den Bewunderer beim Bewundern beobachtet hat.

Da, wo ich lebe, da merkt man, dass es Sommer wird, wenn die kleinen alten Damen anfangen, ihre dezent pastellfarben gestreiften Kleider zu tragen. Früher, lange vor dem Beginn der Gentrifizierung, sah man um diese Jahreszeit auch die Roma-Großmütter mit den leuchtenden Kopftüchern an der Bushaltestelle das eine oder andere Zigarettchen rauchen. Die Roma-Großmütter sind weg, die Damen in den feinen Kleidern werden immer weniger. Aber wenn der Sommer kommt, wenn Sie ein schönes Kleid tragen, wenn ein leichter Wind weht, wenn Sie plötzlich ein Blick trifft, oder wenn Ihr Blick an einem oder einer hängen bleibt, fühlen Sie sich dann in jedem Fall belästigt? Sicher, wir alle kennen die Blicke, die sagen „60 Kilo, zum ersten, zum zweiten, zum dritten!“, diese Blicke, mit denen auch ein Metzger ein Rind beurteilen könnte. Aber es ist nicht gesagt, dass der „Bewunderer“ in Gomringers Gedicht so einen Blick hat. Wir kennen seine Gedanken oder Impulse nicht. Natürlich wird alles, was jemand betrachtet, zum Objekt seines Blickes. Ich betrachte einen Baum, ich betrachte einen Mann, ein Gebäude und mache alles, was ich betrachte, für einen Moment zum meinem Gegenstand, um so mehr, wenn ich auch noch darüber schreibe. Für den flüchtigen Augenblick ist es mein. Mehr, glaube ich, passiert in Gomringers Gedicht aber nicht. Der Bewunderer (und er ist im Original wie in der Übersetzung eindeutig männlich) geht nicht auf eine der Frauen zu, er pflückt auch kein Blume, er bewundert lediglich. Das ist seine Tätigkeit und sein Zweck in dem Gedicht, das einen Moment einfängt, mehr nicht.

Mag sein, dass es sich beim Blick des Bewunderers um einen „male gaze“ im Sinne dieses Texts handelt. Mag sein, dass einige oder vielleicht sogar viele ihn so verstehen. Ich will auch den Studierenden der Alice-Salomon-Hochschule nicht das Recht absprechen, eine Diskussion über die Gestaltung der Wände ihrer Hochschule anzustoßen, eine Entscheidung über ihre Hochschule herbeizuführen und eben auch einen Text abzulehnen, der auf einer Wand des Ortes, an dem sie leben und studieren sollen, geschrieben steht. Ich halte das für ihr gutes Recht. Aber es bleibt ein übler Geschmack im Mund: Kunst ist mitunter auch dazu da, uns das zu zeigen, was wir nicht sehen wollen. Wenn wir alles entfernen, in dunklen Kellern versenken oder gar zerstören, was uns nicht passt, dann sind wir ganz schnell hier.

Ich weiß nicht, ob Sie das kennen. Der Text, über den da geschrieben wird, ist alles andere als moralisch einwandfrei. Ist er deshalb keine Literatur? Soll man ihn nicht lesen, sondern lieber verbieten und verbrennen?

Ich bin jetzt ein paar Tage nicht da. Die Kommentare sind offen. Bitte bleiben Sie anständig. Ich verlasse mich darauf, dass Ihnen in meiner Abwesenheit keine justiziablen Äußerungen entschlüpfen.