Geschichten und Meer

(Irrelevantes von den billigen Plätzen)


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Luftwurzeln

Wo ist meine Heimat? Im Dorf, in dem das Großelternhaus steht, an das jemand geschrieben hat, dass mein Urgroßvater und seine Frau Gott auf vertraut und dieses Haus* gebaut haben? In der Stadt, wo ich zwei Mal gewohnt habe: einmal als Kindergartenkind und einmal als Mittel- bis Oberstufenschülerin? In der Stadt dazwischen? Ich war ein unwillkommenes Kind, in jeder Hinsicht. Bestenfalls war ich das Frankfurter Mädchen, das nicht wusste, wie man ein Kopftuch richtig band, aber andererseits hat man mir schon im Kindergarten vermittelt, dass ich mit meinem komischen Dialekt und den seltsamen Gebräuchen meiner Familie auch kein echtes Frankfurter Mädchen sein konnte.

Die Brüder Grimm, aus Hanau gebürtig, das damals zu Hessen-Kassel gehörte, sollen ihre Antrittsvorlesung in Göttingen über das Heimweh gehalten haben, und Heimweh ist ein nordhessisches Grundgefühl. Das kommt, falls Sie es nicht wussten, daher, dass Nordhessen eine ärmliche Region war, die viele verlassen mussten, um anderswo ein Auskommen zu suchen. „Wo Hessen und Holländer verderben, kann niemand Nahrung erwerben.“, heißt es. Unsereiner kommt überall zurecht, aber wenige Orte halten den Vergleich mit der nordhessischen Heimat aus. Kommt man dann aber zurück, auf Besuch oder im Alter, ist es nicht gesagt, dass man noch willkommen ist. Manchmal spiele ich mit dem Gedanken, zurückzukehren, aber stellen Sie sich vor, ich stürbe dort: dann stünde auf meinem Grabstein „geboren in Kassel“ und „gestorben in Kassel“, als hätte ich dazwischen nichts von der Welt gesehen, was doch ziemlich peinlich wäre.

Viele Jahre habe ich gelebt wie eine Pflanze, die man ausgraben und woanders wieder einpflanzen konnte, immer darauf bedacht, nicht zu tief zu wurzeln. Das bayerische Heimatgefühl, das die eigene Heimat für die einzig wahre hält, war und ist mir unverständlich. Jeder Ort, an dem ich gelebt habe, war Zwischenstation. Heimisch gefühlt habe ich mich an verschiedenen Orten, ohne dort wirklich beheimatet zu sein. Mein Blick auf die Welt ist der einer Passantin. Viel Gepäck mag ich nicht ansammeln. Erinnerungen, Rezepte, die eine oder andere Freundschaft. Fotos sind mir schon zu viel unnützes Gewicht. Höchstens noch den Fetzen einer Schürze, eines Hemds, wiederverwendet als Flicken oder was auch immer, so lange er eben hält. Einer hat mir eine kleine Ersatzheimat geschrieben, und dafür bin ich dankbar in meiner ewigen, inneren Diaspora. Einmal war ich auf der Beerdigung einer meiner vielen Großtanten. Da die Beisetzung ein wenig länger dauerte, ließ ich den Blick über die Grabsteine wandern. Auf dem ganzen Friedhof gab es nur vier Familiennamen. Drei davon kommen in meiner Verwandtschaft vor. Das heißt: dreimal bin ich mit diesem Ort verwurzelt. Vielleicht ist das Heimat. Vielleicht ist das der Ort, von dem man mich nicht vertreiben kann. Letzteres, so vermute ich, ist eine Illusion. Für diesen Moment jedoch halte ich an dieser Illusion fest.

Über ein Heimatministerium kann man streiten. Die Entwicklung und Förderung von Landstrichen abseits der Metropolen ist sicher in vielen Fällen wünschenswert. Einen Horst Seehofer, der allein auf das Wohl Bayerns bedacht ist und dem es vermutlich völlig egal ist, wenn der Rest des Landes unter die Räder kommt, halte ich aber für den denkbar ungeeignetsten Heimatminister. Überhaupt halte ich „Heimat“ als politischen oder administrativen Begriff für Unsinn. Der Begriff mag sich gewandelt haben, heutzutage steht er meinem Sprachgefühl nach eher für eine Emotion als für einen konkreten Ort. Der künftige Heimatminister neigt dazu, ein dumpfes Heimatgefühl zu bedienen, wenn es ihm politisch opportun erscheint. Mir macht das Sorgen, in diesen Zeiten.

*Tatsächlich wurde das Haus zweimal gebaut. Hier (Die versetzten Häuser). Das ist aber nicht das Dorf mit den vier Familiennamen. 

 

 


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Lieblingssatz 11022018

„Weißt Du, Agatha, die ist nicht verrückt. Weil alle dir bestimmt gesagt haben, sie wäre verrückt. Es ist so, dass Frauen in einer Ausstellung Bilder von ihr kaputtgemacht haben. Sie ist nämlich Malerin, weißt du das?.

Ja. Brigue -au-Pot hat’s mir gesagt. Ihre Bilder sind kaputtgemacht worden?

Ja. Und zwar von Frauen. Und auf den Bildern waren Frauen! Und für Agatha, verstehst Du, sind Frauen alles! Sie wäre beinah gestorben! Seit zwei Jahren malt sie nicht mehr. Sie ist unfruchtbar geworden.

Die, die die Bilder kaputtgemacht haben, sind verrückt! Und was war auf den Bildern?

Frauen! Frauen, die Lachen, Glück, Lust ausdrückten! Im Gegenteil. Das waren Äußerungen von Freiheit. Agatha hat nie begriffen, warum sie das in die falsche Kehle bekommen haben.“

Victoria Thérame, Die Pianistin, Rowohlt, Hamburg, 1982, übersetzt von Uli Aumüller.

An diese Sätze habe ich mich erinnert, als ich das hier las. Ich bin nicht sicher, ob es richtig war, Emmett Till im Sarg zu malen. Man muss kontroverse Kunstwerke auch nicht unbedingt öffentlich zeigen. Die Arbeit einer Künstlerin zu zerstören, halte ich jedoch in jedem Fall für falsch.


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Schmutziges Gold

Ich kann mich irren. Man kann sich immer irren. Sollte ich mich aber nicht irren, dann habe ich mal wieder einen ziemlich üblen Geschmack im Mund. Die „Goldenen Blogger“ sind mehr oder weniger an mir vorbeigegangen. Aber natürlich flogen auf Twitter auch mir die Namen der Sieger_innen um die Ohren.  Die Kaltmamsell hat sich ihren Preis über lange Jahre redlich erarbeitet, und das verdient Respekt. IrgendwieJuna gratuliere ich von ganzem Herzen. Juna ist ein Diamant. Andere Blogger_innen erschienen mir überbewertet, von wieder anderen hatte ich noch nie etwas gehört. Das ist eben der Lauf des Internets: Perlen liegen in dunklen Ecken, aber Talmi funkelt manchmal im Licht. (Da der vorige Satz bereits einmal missverstanden wurde, hier die Erläuterung: „Perlen“ und „Talmi“ bezieht sich weder auf Nominierte oder Preisgekrönte, sondern auf Blogger_innen im Allgemeinen. Natürlich beurteile ich Blogs und Blogger_innen rein subjektiv und erhebe nicht den Anspruch, dass meine Meinung irgendeine allgemeine Gültigkeit hätte. Alles klar? Wenn nein, fragen Sie in den Kommentaren. Ich werde mich bemühen, zu antworten.)

Ich fände es auch äußerst schwierig, unter der Vielzahl der mit Herzblut schreibenden Menschen im Internet einen oder fünf oder sieben herauszugreifen, der oder die dann die Besten sein sollen. Die Verleihung habe ich mir nicht angesehen, allerdings ist ja dieses Internet manchmal eine Klatsch- und Tratschbude, und so kommt selbst so eine Einsiedlerin aus Selbsterhaltungstrieb wie ich nicht umhin, gewisse mehr oder weniger unangenehme Dinge geradewegs oder auch auf Umwegen zu erfahren. Es wurde im Zuge der Verleihung, so entnahm ich zwei Tweets, die man mir in die Timeline spülte, auf der Bühne gefragt, wer denn der Don Alphonso sei. Eine der Antworten hier. Die andere war sehr viel vulgärer, aber leider (zum Glück?) finde ich sie nicht mehr. Man kann zu Don Alphonso stehen wie man will, aber dass Äußerungen, die einen langjährigen und hochtalentierten Blogger auf offener Bühne diffamieren, toleriert werden, wirft ein Licht auf die Veranstaltung, für das ich mich schämen würde. Ich weiß nicht, ob Veranstalter_innen oder Moderator_innen sich dazu geäußert haben oder sich bei Don Alphonso wenigstens hinterher entschuldigt haben. Das Don-Alphonso-Bashing ist ja niemals ganz weg. Zur Zeit wird auf Grund dieses Texts bzw. der dazugehörigen Fotos mit Genuss ein Shitstorm zelebriert. Man kann den Text kritisieren, man kann die Fotos kritisieren, aber warum gießt man seine Kritik dann nicht in die Form eines sachlichen Kommentars? In den Kommentarspalten ist ja genug Platz,  der Autor/Moderator ist umgänglich und schaltet fast alles frei. (Ich höre nun von anderen Feministinnen, gerade dies sei nicht der Fall. Meine Erfahrungen mit Don Alphonso sind in dieser Hinsicht durchweg positiv. Persönliche Angriffe habe ich nur von seinem Kommentariat, nie von ihm selbst, erlebt.) Man hätte dann bei der FAZ vielleicht auch einmal prozentual weniger schwarzbraunes und mehr rotes Gedankengut in den Kommentaren. (Denn es ist wahr: Don Alphonso, der mehrmals öffentlich und glaubhaft versichert hat, keine Sympathien für die AfD oder Reichsbürger zu haben, hat ein Kommentariat, in dem AfD und Reichsbürgersympathisanten laut krakeelen.)

Am vergangenen Wochenende, an dem ganz woanders auch einiges passiert ist, kam mir irgendwann einmal der Gedanke an Höflichkeit und Etikette. Ich bin in Fragen der Etikette unsicher. Wenn ich nicht weiß, was die korrekte Verhaltensweise wäre, tue ich das, was ich als menschenfreundlich ansehe. Don Alphonso polarisiert und haut, wie eine entfernte Blognachbarin mir einmal schrieb, „gerne auf die Kacke“, jedoch habe ich keinen Grund, an ihm zu zweifeln. Ich weiß ein paar Dinge über ihn, und diese Dinge bewirken, dass ich die Hand für ihn ins Feuer legen würde. Ich verlange nicht, dass Sie dasselbe tun, aber vielleicht lassen Sie ein wenig Menschenfreundlichkeit walten. Jede_r von uns ist auf andere Art verletzlich; die einen verkriechen sich, wenn sie verletzt werden, die anderen schlagen um sich. Was Don Alphonso gerade passiert, könnte auch Ihnen passieren.

Ich bitte um gefällige Beachtung: Einige Kommentare unter diesem Blogeintrag und meine Antworten darauf wurden auf Wunsch der kommentierenden Person gelöscht. 


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Eugen Gomringers „Avenidas“ oder: was steht im Text?

Ein Gedicht des bolivianisch-schweizerischen Dichters Eugen Gomringer soll übermalt werden. Dies hatte der ASTA des Alice-Salomon-Hochschule in Berlin gefordert, weil das Gedicht sexistisch sei. Hier zunächst das Gedicht:

avenidas 

avenidas y flores 

flores

flores y mujeres

avenidas

avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres

y un admirador  

Hierzu die im Internet kursierende Übersetzung (ich weiß nicht, von wem sie ist).

Alleen 

Alleen und Blumen

Blumen

Blumen und Frauen 

Alleen

Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und 

ein Bewunderer

Gomringers Gedicht beschreibt eine – in meinen Augen – friedvolle Szene. Eine Allee, an deren Rändern vielleicht Blumen gepflanzt wurden. Vielleicht stehen da auch Häuser mit blühenden Vorgärten, Balkonen, Blumenkästen… jede_r von uns hat vermutlich seine oder ihre ganz eigene Vorstellung einer von Blumen gezierten Straße. Dann sind da Frauen. Frauen, die einkaufen, die ins Büro eilen, Kinder an der Hand hinter sich herziehen, Blumen verkaufen, Blumensträuße nach Hause tragen… Vielleicht tragen sie sogar geblümte Kleider oder haben sich eine Blüte ins Haar gesteckt. Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, was für Alleen, was für Frauen und was für Blumen der Dichter gesehen hat. Sind diese Alleen mit den Blumen und den Frauen in der Schweiz, in Bolivien, in Paris oder ganz woanders? Wir wissen nicht einmal, ob der Dichter selbst der Bewunderer ist oder ob er den Bewunderer beim Bewundern beobachtet hat.

Da, wo ich lebe, da merkt man, dass es Sommer wird, wenn die kleinen alten Damen anfangen, ihre dezent pastellfarben gestreiften Kleider zu tragen. Früher, lange vor dem Beginn der Gentrifizierung, sah man um diese Jahreszeit auch die Roma-Großmütter mit den leuchtenden Kopftüchern an der Bushaltestelle das eine oder andere Zigarettchen rauchen. Die Roma-Großmütter sind weg, die Damen in den feinen Kleidern werden immer weniger. Aber wenn der Sommer kommt, wenn Sie ein schönes Kleid tragen, wenn ein leichter Wind weht, wenn Sie plötzlich ein Blick trifft, oder wenn Ihr Blick an einem oder einer hängen bleibt, fühlen Sie sich dann in jedem Fall belästigt? Sicher, wir alle kennen die Blicke, die sagen „60 Kilo, zum ersten, zum zweiten, zum dritten!“, diese Blicke, mit denen auch ein Metzger ein Rind beurteilen könnte. Aber es ist nicht gesagt, dass der „Bewunderer“ in Gomringers Gedicht so einen Blick hat. Wir kennen seine Gedanken oder Impulse nicht. Natürlich wird alles, was jemand betrachtet, zum Objekt seines Blickes. Ich betrachte einen Baum, ich betrachte einen Mann, ein Gebäude und mache alles, was ich betrachte, für einen Moment zum meinem Gegenstand, um so mehr, wenn ich auch noch darüber schreibe. Für den flüchtigen Augenblick ist es mein. Mehr, glaube ich, passiert in Gomringers Gedicht aber nicht. Der Bewunderer (und er ist im Original wie in der Übersetzung eindeutig männlich) geht nicht auf eine der Frauen zu, er pflückt auch kein Blume, er bewundert lediglich. Das ist seine Tätigkeit und sein Zweck in dem Gedicht, das einen Moment einfängt, mehr nicht.

Mag sein, dass es sich beim Blick des Bewunderers um einen „male gaze“ im Sinne dieses Texts handelt. Mag sein, dass einige oder vielleicht sogar viele ihn so verstehen. Ich will auch den Studierenden der Alice-Salomon-Hochschule nicht das Recht absprechen, eine Diskussion über die Gestaltung der Wände ihrer Hochschule anzustoßen, eine Entscheidung über ihre Hochschule herbeizuführen und eben auch einen Text abzulehnen, der auf einer Wand des Ortes, an dem sie leben und studieren sollen, geschrieben steht. Ich halte das für ihr gutes Recht. Aber es bleibt ein übler Geschmack im Mund: Kunst ist mitunter auch dazu da, uns das zu zeigen, was wir nicht sehen wollen. Wenn wir alles entfernen, in dunklen Kellern versenken oder gar zerstören, was uns nicht passt, dann sind wir ganz schnell hier.

Ich weiß nicht, ob Sie das kennen. Der Text, über den da geschrieben wird, ist alles andere als moralisch einwandfrei. Ist er deshalb keine Literatur? Soll man ihn nicht lesen, sondern lieber verbieten und verbrennen?

Ich bin jetzt ein paar Tage nicht da. Die Kommentare sind offen. Bitte bleiben Sie anständig. Ich verlasse mich darauf, dass Ihnen in meiner Abwesenheit keine justiziablen Äußerungen entschlüpfen. 

 

 

 


Ein Kommentar

Echt deutsch

Da ist jemand sozial engagiert, auch für Migranten und andere Marginalisierte, aber wenn jemand dann eine Wohnung sucht, heißt es „deutsch, bayerisch, echtes Münchner Kindl“.

Hm.


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Don’t #sayhername

#sayhername ist ein Twitter-Hashtag, der an schwarze Frauen, die Opfer von Polizeigewalt wurden, erinnern soll. Christina Hiltbrunner, Stadträtin und Mitglied der EVP aus der Schweiz, benutzte diesen Hashtag, um an Heather Heyer zu erinnern, die getötet wurde, als sie an einer Demonstration gegen Nazis teilnahm. Hier ein Tweet und Reaktionen darauf:

Man könnte diesen Hashtag und seine Geschichte kennen. Andererseits kann einem so etwas schon einmal entgehen, wenn man nicht gerade im Internet bzw. auf Twitter lebt. Vielleicht war es ungeschickt, ihn zu verwenden. Tatsächlich bin ich erst einmal zusammengezuckt, als ich ihn – bezogen auf Heather Heyer – las, eben weil mir seine Geschichte bekannt ist. Aber Heather Heyer starb, als sie an einer Demonstration gegen Rechtsextremismus teilnahm. Sie stellte sich – als weiße Person, die einfach hätte wegschauen können wie so viele andere Weiße – Rassisten entgegen und wurde dabei getötet.

In den Kreisen, aus denen die giftigen Reaktionen auf Christina Hiltbrunners Tweet kamen, ist viel die Rede von allys (Verbündeten). Man diskutiert, wer sich ally nennen darf und was ein guter ally tun muss bzw. darf. War denn Heather Heyer keine ally, und darf sie nicht geehrt werden, weil sie eben jene zu  schützen und zu verteidigen versuchte, an die der Hashtag #sayhername erinnern will? Ich verstehe, dass schwarze Menschen Unbehagen empfinden, wenn dieser Hashtag für eine Weiße benutzt wird, und natürlich haben sie jedes Recht, dies zu kritisieren. Nur ent-ehren die verwendeten Invektiven auch Heather Heyer, und ich glaube nicht, dass sie das verdient hat.

(Wenn Sie mich überzeugen können, dass ich falsch liege: bitte sehr, Kommentare werden, falls nicht allzu widerlich, freigeschaltet.)