Anderswo

lese ich von einer Frau, die ihr Land verkauft hat für die Flucht nach Deutschland und deren Antrag auf Asyl abgelehnt wurde. Wo soll die Frau nun hin? Kann sie in ihrer Heimat überleben ohne Landbesitz? Hat sie die Fähigkeiten und Möglichkeiten zu einem anderen Broterwerb? Keine Bäuerin verkauft leichtfertig ihr Land, also ihre Lebensgrundlage. Wie hoffnungslos war ihre Situation in der Heimat, und was hat sie sich in Deutschland erträumt? Möglicherweise war ihre Entscheidung falsch. Das kann ich nicht beurteilen. Hier in Deutschland haben wir ein Sicherheitsnetz, das uns nach falschen Entscheidungen auffangen kann. Ich weiß nicht, was es anderswo für Sicherheitsnetze gibt. Die Familie? Wer auch immer über das Schicksal der Bäuerin entschieden hat, konnte und durfte vielleicht nicht anders entscheiden. Die Vorstellung, mit einer Unterschrift in einer Akte dem Leben eines Menschen eine Wendung zu geben, ist mitunter eine schreckliche.

 

Das bucklige Fräulein K

(Weil ich kürzlich eine dieser Unterhaltungen mitbekam, deretwegen ich manchmal am liebsten ganz aus der Welt verschwinden würde.)

Da unterhielten sich ein paar wohlanständige Damen, also solche, mit denen ich in der Regel nichts zu tun habe, über eine geplante Hochzeit, bei der alle Gäste Kleidung in einer bestimmten Farbe tragen sollten. Einige wenige Gäste aber wollten da nicht mittun. Rot (oder Grün oder Lila) stehe ihnen nicht, sie hätten kein rotes oder grünes oder lila  Kleid und auch keine Lust oder kein Geld, sich eines zu kaufen. Die wohlanständigen Damen hielten es unter diesen Umständen für durchaus vertretbar, die renitenten Gäste wieder auszuladen.

Nun bin ich ja der Meinung, man sollte dem Brautpaar anlässlich seiner Hochzeit tunlichst alle Wünsche erfüllen, nur scheint es mir etwas übertrieben, Freunde und geladene Gäste vor den Kopf zu stoßen, weil sie einen anderen Kleidergeschmack haben.

Als ich noch überlegte, ob ich vielleicht ein bisschen komisch geworden wäre, da fiel mir das bucklige Fräulein K ein. Das Fräulein K war eine Flüchtlingsfrau, aus Pommern oder dem Baltikum oder dem Sudetenland, die durch Krieg und Vertreibung ihre Familie und ein nicht unbeträchtliches Vermögen verloren hatte, und die sich nach dem Krieg als Näherin und Handarbeitslehrerin auf dem Lande durchschlug. Das Fräulein K besaß genau ein anständiges Kleid, ein „kleines Schwarzes“, das sie sommers wie winters zu jedem „Anlass“ trug. Bitterarm, gleichwohl eine Respektsperson als Lehrerin der Töchter, war  sie zu Hochzeiten und Beerdigungen gleichermaßen geladen. Ich habe das Fräulein K nicht mehr gekannt, aber auch auf meiner Taufe soll sie gewesen sein. Meine Mutter und meine Patentante waren ihre Schülerinnen gewesen. Man erzählt noch heute, was für eine angenehme, humorvolle Person sie gewesen sei. Ganz sicher hat sie auch auf meiner Taufe  ein kleines Schwarzes, eines in einer langen Reihe, getragen. Dem Anlass entsprechend trug sie wahrscheinlich eine einfache Brosche dazu, so, wie sie auf einer Beerdigung einen schlichten, schwarzen Hut getragen hätte.

Hätte man damals das Fräulein K wegen eines unpassenden Kleides ausladen sollen, und was ist falsch gelaufen in der Erziehung von Menschen, die ihre Freunde oder Verwandten nicht auf ihrer Hochzeit sehen wollen, weil sie die falsche Kleidung anhaben?

Der Herr Minister beliebt zu scherzen

Ein bisschen Schwund ist halt immer, mögen sie sich beim Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat gedacht haben, als die Nachricht vom Selbstmord eines der 69 zum 69. Geburtstag des Herrn Innenministers abgeschobenen Afghanen eintraf. Manche sprechen in diesem Zusammenhang von „Freitod“, was mir nicht passend erscheint, denn wer sich selbst tötet, tut das m.E. in den wenigsten Fällen in freier, unbelasteter Entscheidung, sondern unter großem Druck.

Zuvor hatte – falls Sie es nicht mitbekommen haben – Herr Seehofer sich selbst gefeiert. Nun, auch Herr Seehofer konnte nicht ahnen, dass einer der Abgeschobenen sich das Leben nehmen würde. Er ist nicht schuld am Tod dieses Menschen. Man kann ihm, aber nicht allein ihm, Scharfmacherei vorwerfen. Mag sein, die Abschiebung war rechtmäßig, das weiß ich nicht, ich kenne den Fall nicht.

Der Herr Seehofer  hat aber doch bloß einen Witz gemacht, sagen nun viele. Herr Seehofer ist ein ehrenwerter Mann. Nein, ist er nicht. Wer Witze macht über das Elend anderer Leute ist kein ehrenwerter Mann. Wäre er der Ehren wert, würde er zurücktreten. Das wird er aber nicht tun, bzw. wenn er es täte, dann nicht aus Einsicht, sondern nur unter Druck. Vermute ich. Wissen kann ich es nicht.

 

 

Am Fluss

Manchmal waschen osteuropäische Roma die Wäsche im Fluss. Der Fluss ist mehr oder weniger sauber, man kann durchaus darin schwimmen. Warum sie nicht die Münzwaschsalons benutzen, weiß ich nicht, aber darf kann vermuten, dass die Roma auf den hiesigen Baustellen so schlecht bezahlt werden, dass sie die Ausgabe scheuen. Außerdem weichen sie der Mehrheitsbevölkerung aus, was nach 500 Jahren Verfolgung verständlich ist.

Ansonsten tun die Roma, was alle anderen Männer an einem sonnigen Sonntagvormittag am Fluss auch tun: sie spielen ein bisschen Fußball, trinken ein bisschen Bier, schwatzen und genießen die Sonne. Als EU-Bürger haben sie jedes Recht, hier zu sein, und sie tun nichts Unrechtes. Den Widerwillen, den manche Hiesige bei ihrem Anblick empfinden, kann ich nicht nachvollziehen.

 

Untreue und die Folgen

„Der Tanz der Liebe ist mir ungelenk.“ Maria Benedickt, Die Fährte der Füchsin

Untreue kann passieren. Jeder und jede von uns kann von Zeit zu Zeit über einen Bettpfosten stolpern, über ein Lächeln oder auch nur  über die Art, wie sich jemand das Haar aus dem Gesicht streicht. Über Untreue pflegte ich lange Zeit bestenfalls zu lächeln. (Ich selbst war im Geist untreu, und über lange Zeit, aber niemals wurde etwas Greifbares daraus. Ob das besser war oder im Gegenteil viel schlimmer, weiß ich nicht.)

Wenn aber die Untreue kein gelegentlicher Fehltritt ist, sondern eine Gewohnheit wird, und wenn aus der Gewohnheit ein Gewohnheitsrecht zu werden scheint, dann ist es Zeit, die Koffer zu packen, die Brücken abzubrechen und an das Schiff zu denken, das man seinerzeit nicht verbrannt hat. Denn das Gewohnheitsrecht der Untreue beinhaltet ja die Missachtung, es sagt: Hier, schau her, ich habe es schon wieder getan, es macht mir nichts, ich werde es wieder tun und geniere mich nicht einmal dafür.

Nicht die Untreue selbst schmerzt, sondern eben diese Missachtung, die Gleichgültigkeit. Man kann sie mit einem müden Lächeln abtun, aber man muss nicht. Manchmal sucht man sich ein anderes Ventil für die Gefühle, die niemand mehr haben will und wird, wie oben erwähnt, zumindest im Geist untreu. Ich verurteile weder die eine noch die andere Art der Untreue. Man muss jedoch wissen, bis zu welchem Punkt man gehen will und was die Konsequenzen sein könnten. Was mich betrifft, halte ich mich inzwischen heraus. Die Liebe fehlt mir nicht, sie ist mir ungelenk geworden. Die Trivialliteratur hat mitunter die besten Antworten auf die Rätsel des Lebens. Siehe oben.

 

 

 

Galanterien und die Liebe zu den Büchern

Galanteriewaren waren früher das, was Ihr Galan Ihnen verehrte, wenn er galant sein wollte: Fächer, Puderdosen, Bänder, Ansteckblumen…

Ob Bücher mitunter auch Galanteriewaren sein konnten, bzw. können, ist fraglich. Allerdings haben die Katalanen da so eine Sitte, wenn man die umdrehte und in ihr Gegenteil verkehrte, wenn also die Damen die Bücher geschenkt bekämen und nicht die Rosen, dann könnte man diese Bücher als Galanteriewaren bezeichnen. Oder sind es galante Damen, die den Herren am Sankt-Georgs-Tag Bücher schenken? Ich fürchte, unter „galanten Damen“ versteht man etwas anderes (was aber nichts schlechtes sein muss).

Ich jedenfalls würde mich freuen, wenn ich am Sankt-Georgs-Tag, der für dieses Jahr leider schon vorbei ist, ein Buch bekäme statt einer Rose. Andrea, die nicht nur mit Büchern handelt, sondern sie, wie es scheint, auch sehr liebt,  war in Hamburg in drei Buchläden, und jeder für sich ist anscheinend eine kleine Perle. Eigentlich wollte ich dort kommentieren, aber ich fürchte, mein Kommentar wäre zu ausführlich geworden.

Hier, in unserer kleinen Stadt, habe ich vier „Stamm“-Buchhandlungen: Den kleinen, feinen Laden, sogar in meinem Viertel gelegen,  wo es außer Büchern auch noch Kaffee sowie von der liebenswürdigen Chefin und ihren Kolleg_innen selbst gebackenen Kuchen gibt.  Für Notfälle die Bahnhofsbuchhandlung mit den großzügigen Öffnungszeiten, dem erstaunlichen Sortiment und den höchst engagierten Buchhändler_innen. Den Büchergiganten in der Innenstadt für die Momente, in denen ich nicht nach meinen Wünschen gefragt werden möchte, also die Buchladen gewordene Anonymität, die man ja bekanntlich von Zeit zu Zeit auch braucht . Schließlich den  nur scheinbar chaotischen Keller in der einzigen schönen Fußgängerzone unserer kleinen Stadt, wo man tausendundein Buch findet, das man nie gesucht hätte. Treten Sie dann aus dem Keller wieder ans Tageslicht, kann es sein, dass Sie, wie manche Märchenhelden, die Welt oben kaum wiedererkennen.

Aber lassen Sie uns einmal annehmen, dass es sich bei  manchen oder vielleicht sogar vielen verschenkten Büchern um Galanterien handelt. Müssten wir dann nicht auch annehmen, dass die Buchhändlerskundschaft auch besonders liebenswürdig und sogar galant ist? Ob dies der Fall ist, weiß ich nicht, dazu müsste man wohl Buchhändler_innen befragen. Jedenfalls ist mir aber weder beim Verlassen noch beim Betreten eines Buchladens je der Rand einer Tür ins Gesicht geknallt, was Ihnen, wenn Sie in der freien Wirtschaft in einem dieser aufwendig verglasten Bürotürme arbeiten, durchaus passieren kann. Nichts eignet sich so wie die Glastüren im Treppenhaus eines großen Konzerns, um eine Frau auf ihren (subalternen) Platz zu verweisen. Und Frauen – besonders solche ohne sichtbare männliche Unterstützung –  gelten ja, das lehrt die Erfahrung, auch im 21. Jahrhundert noch als subaltern. Deshalb bin ich um jeden Mann froh, der mir die Tür aufhält statt sie mit Schwung in Richtung meines Nasenbeins segeln zu lassen. Eine Tür, die einer Frau vor der Nase zugeschlagen wird, ist ein Symbol und eine überdeutliche Ansage. Jammern über in angeblich frauenfeindlicher Absicht aufgehaltene Türen kann ich deshalb nicht völlig nachvollziehen. Womit ich den Bogen geschlagen habe zu einer Diskussion auf Twitter, aus der ich mich gestern  fast gänzlich herausgehalten habe.

Sollten Sie mich übrigens jemals verführen wollen, wozu ich Ihnen nicht unbedingt raten würde, müssten Sie mir aber schon etwas vorlesen und nicht nur die Tür aufhalten…

 

 

Strade bianche oder Gomringer und kein Ende

 

Anatol Stefanowitsch schreibt:

„Wenn wir klären wollen, ob wir die Studentinnen einer Hochschule jeden Tag an einem Gedicht vorbeigehen lassen sollten, das sie als schmückendes Beiwerk darstellt, oder ob wir von weiblichen Sparkassenkundinnen erwarten können, sich durch das männliche “Kunde“ angesprochen zu fühlen, oder ob wir unsere weiblichen Mitbürgerinnen auffordern sollten, “brüderlich“ nach Einigkeit, Recht und Freiheit zu streben, müssen wir uns gemäß dieser Regel fragen, ob wir umgekehrt auch mit Männern so verfahren würden.“

(Anatol Stefanowitsch, Herrscht in Deutschland eine Sprachpolizei?, Gastbeitrag in der Hannoverschen Allgemeinen vom 14.04.2018. Link.)

Also gut, verfahren wir einmal mit Männern so, wie Eugen Gomringer mit Frauen verfuhr:

Strade bianche

Strade bianche und Fahrräder

Fahrräder

Fahrräder und Männer

Strade bianche 

Strade bianche und Männer

Strade bianche und Fahrräder und Männer und

eine Leserin. 

Ist das nun ein female gaze? Ich bin eine Frau, und zwar schon ziemlich lange. Dennoch, und das tut mir von Herzen Leid, begreife ich immer noch nicht, wieso ich mich von Gomringers Gedicht objektifiziert fühlen soll. (Wenn es mir jemand erklären kann, bitte in die Kommentare damit.)  Sieht möglicherweise der männliche leitende Feminist A.S. selbst Frauen grundsätzlich als schmückendes Beiwerk und interpretiert deshalb jedwede Erwähnung von Frauen als antifeministisch?

Ei, mer waaß es net (wie wir in Frankfurt sagen).

(Die Verfasserin dankt Herrn Eugen Gomringer und Don Alphonso für die Inspiration.)