Karfreitag

Sollen sie spenden, denke ich, sollen sie doch Millionen für Nôtre Dame spenden. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel kommt. Wie einige anmerkten, ist es bedauerlich, dass die Bereitschaft, für ein Gebäude zu spenden, stärker entwickelt zu sein scheint als die Solidarität mit den Armen und den Verfolgten. 

Natürlich ist Nôtre Dame restaurierungswürdig und erhaltenswert, und natürlich vergleicht man Äpfel mit Birnen, wenn man eine Kathedrale und die Toten des Mittelmeers – die nicht zuletzt durch unsere (Mit-)Schuld tot sind –  nebeneinander stellt.

Es ist  auch bestimmt viel mehr als nur eine schöne Geste, Millionen für den Wiederaufbau einer Kathedrale zu spenden. Ich will das nicht klein reden, und auch die 20 oder 50 Euro, die der Normalbürger dafür spendet, sind sicher gut angelegt. Man wird sie wohl auch in der Steuererklärung geltend machen können. Aber man darf sich sicherlich nicht der Täuschung hingeben, die Milliardäre spendeten, weil ihnen etwas an ihren Nächsten läge. Eine Spende für eine Organisation, die Flüchtlingen hilft, hat nicht dasselbe Prestige wie eine Spende für den Wiederaufbau einer Kathedrale. 

Über meine drei katholischen Großtanten wurde erzählt, sie hätten zu dritt nur Anspruch auf zwei Plätze im Himmel. Dies führte dazu, so die Familienlegende, dass sie sich gegenseitig mit Spenden und guten Werken zu überbieten versuchten, weil keine die sein wollte, die auf ewig in der Hölle schmoren und zusehen musste, wie es sich ihre Schwestern im Himmel wohl sein ließen. Ich sehe das aber pragmatisch und die Nutznießer der Spenden und der guten Werke sicher auch.

Kommentare werden hier erst wieder nach Ostern freigeschaltet. 

Albtraum, ganz ohne Fieber

Der Mann sitzt in einem hässlichen Garten und singt mit gleichzeitig hoher und kratziger Stimme: „Komm doch mal rüber…“. Er ist dünn und hat lockige Haare. Der Garten ist lehmig, und es wachsen dort nur verkrüppelte Koniferen. Dass es kein Entkommen gibt, ist klar. Also werde ich ihn angreifen. Vorsichtig bewege ich mich zwischen den Koniferen auf ihn zu, während er davon singt, was er mit meinen braunen Augen anstellen will. Mir ist bewusst, dass ich träume und dass ich in einem Kampf den Kürzeren ziehen könnte. Ich zwinge mich, zu erwachen.

Noch ein Traum

Eine Hochzeit. Die Braut ist hochgewachsen, schlank und brünett. Sie trägt ein dunkelgrünes Kleid, dessen Saum eine Schlange ist. Die Schlange windet sich um die Füße der Braut, aber sie wirkt nicht bedrohlich, sondern eher, als wollte sie die Braut schützen. Dann wird die Schlange eine Linie aus Feuer. Das Feuer verbrennt die Braut nicht, sondern hält jemanden – den Bräutigam? – von ihr fern. Schließlich hebt die Braut die Feuerlinie wie eine Pferdepeitsche…

Petenera

Fiebertraum

Vor Gericht. Ich soll gegen ein Gesetz verstoßen haben, das der Richter und die zwei Beisitzer erst in der Verhandlung entwerfen. Die wichtigste Zeugin – im richtigen Leben eine milchgesichtige Nebendarstellerin in einer amerikanischen Serie – könnte mich entlasten, tut dies aber nicht, weil ich eine zutiefst unmoralische und verdorbene Person sei, der die zu erwartende Strafe nur nützen könne. So werde ich zum Tod durch Ertränken verurteilt, in der Hoffnung, dass meine Seele dadurch geläutert werde und ich nicht auf alle Ewigkeiten in der Hölle brennen müsse.

Übrigens wird im Gerichtssaal „Hey, big spender!“ gespielt und der vorsitzende Richter wippt im Takt.

Armut

Ein Mann um die Sechzig, weder abgerissen noch schmutzig, aber durchaus ärmlich gekleidet, nähert sich zwei Hipstern (sagt man noch Hipster?) in der U-Bahn. Höflich fragt er, ob er die Zeitung, die zwischen den beiden auf dem Boden liegt, aufheben dürfe. Es ist nicht die Bildzeitung, es ist eine Zeitung mit viel Text und wenigen Bildern. Die Hipster starren ihn an und geben ihm die Erlaubnis. (Sie hätten die Zeitung auch aufheben und ihm reichen können, aber vielleicht sitzen ja die Zacken in ihren Kronen sowieso schon locker. Vielleicht sind sie aber auch nur jung, dumm und ungehobelt wie so viele hierzulande.)

„Ob der die wirklich liest?“  „Kannst Du sehen, was der damit macht?“

Es gibt viele Leute, die sich keine Tageszeitung leisten können, möchte ich den beiden Hipstern sagen. Leute, denen es vielleicht früher einmal ebenso gut gegangen ist wie Ihnen oder mir. Aber ich sage nichts. Es nützt ja doch nichts.

Die Dame an der Treppe

Die Dame an der Treppe ist eine alte Dame. Keine ältere Dame, sondern eine wirklich alte Dame. (Ist es nicht seltsam, dass ältere Damen im Deutschen üblicherweise  jünger sind als alte?)

Die alte Dame trägt schwer am Alter und an den Einkaufstaschen. Zum nächstgelegenen Lebensmittelgeschäft fährt sie zwei Stationen mit der U-Bahn. Ob sie jemals ein Auto besessen hat, weiß ich nicht. Ob sie, besäße sie jetzt noch eines, immer noch fahren könnte oder auch nur wollte, weiß ich auch nicht. Wenn ich sage „sie trägt schwer“, dann meine ich nicht, dass die Last der Jahre und der Taschen sie beugt. Trotz ihres Alters ist diese Dame eine kräftige Dame, die wahrscheinlich in jüngeren Jahren ganz andere Lasten getragen hat. Man sieht das an der Art, wie sie den Rücken hält und auch Hüften und Oberschenkel mittragen lässt. Die meisten anderen Leute benutzen zum Tragen nur Arme und Hände und wundern sich, wenn sie ihnen lahm werden.

Am Fuß der Rolltreppe bleibt sie stehen. Es ist eine Rolltreppe, die je nach Bedarf die Richtung wechselt. Meist stehen unten alte Damen mit schweren Einkaufstaschen oder müde Mütter mit Kinderwagen und warten, dass die Rolltreppe frei wird und sie nach oben fahren können. Aber immer wieder kommt eine junge Dame mit einem winzigen Handtäschchen oder ein junger Herr mit leeren Händen oder jemand mit nichts als einem Smartphone in den Händen ganz gemütlich abwärts gefahren, als gäbe es keine müden Mütter und alte Damen am Fuß der Treppe. Die alten Damen geben schließlich auf und schleppen sich und ihre Einkäufe die andere Treppe, also die,  die nicht rollt, hinauf. Die müden Mütter sehen sich um, ob da niemand ist, der ihnen hilft, den Kinderwagen die andere Treppe hinauf zu tragen.

Die alte Dame  hat an vielen Orten gelebt, mehr als einen Namen getragen und mehr Sprachen gesprochen als die meisten in ihrem Leben zu lernen versuchen. Sie kennt, da bin ich sicher, fast alle Varianten der Unhöflichkeit. Sie ist alt genug, um zu wissen, dass sogar die sorglosen jungen Menschen, die mit den Smartphones und den winzigen Handtäschchen, eines Tages alt sein werden. Wenn sie Glück haben. Wenn sie kein Glück haben, sterben sie früh und haben nichts gelernt und nichts gewusst, nicht einmal, dass es möglich ist, Rücksicht auf einander zu nehmen.