Erster Advent. Ich bringe das Fahrrad ins Winterquartier und finde auf dem Rückweg noch einmal Rosen.

Außerdem einen Findling (?)

und zwei Beispiele hiesiger Schmiedekunst. (Nun ja.)

Ein Grabstein zeigt das Portrait eines melancholisch blickenden weißhaarigen Gastwirts, aber das will ich nicht fotografieren, denn es könnten noch Nachkommen am Leben sein.

Frau Wildgans kommentiert nicht gerne auf Blogs, wo andere schon kommentiert haben, die sie nicht leiden kann. Ich lese nicht gerne Blogs, deren Autoren bei Menschen kommentieren, die ich nicht leiden kann. Ist das nun klug oder doof? (Frau Wildgans ist aber bestimmt nicht doof, das wollte ich damit nicht angedeutet haben.) Ich selbst lese und kommentiere ich auch bei einem, den Sie alle nicht leiden können (aber ich hänge nun einmal an ihm). So gibt es in der Blogwelt ganz ähnliche Verwerfungen wie in der Arbeitswelt, der Familie und im Bekanntenkreis. Was Wunder, sind wir doch alle im Internet nicht grundsätzlich andere Menschen als außerhalb. Man kann sich für eine gewisse Zeit verstellen, aber irgendwann verliert man die Lust, oder schlimmer: man fliegt auf.

Viel ist die Rede von Eigenverantwortung, von Weihnachten und Silvester. Wie wäre es, wenn wir jetzt alle einmal Verantwortung für uns und andere übernehmen würden und auf Skiurlaub und Feiern verzichteten? Vielleicht ist Großtante Frieda zu Weihnachten allein, aber vielleicht gefällt ihr das ja so, mit einem gutem Fläschchen Wein und einem Gänseschenkel? Manche Gesellschaft ist schlimmer als Einsamkeit. Glauben Sie einer alten Frau, die beides kennt.

Auf Twitter fliegen Lebensfetzen vorbei. Andere Söhne haben auch schöne Väter. In diesen Zeiten lebt man mitunter von Erinnerungen.

Der Kollege, der mich in den letzten Monaten mit fachfremden Akten versorgt hat, lässt nichts von sich hören. Ich vermute, er ist krank. Da ich auf meinen alten Tage doch noch gescheit werde, schreie ich nicht nach zusätzlicher Arbeit. Eine ordentliche Schulung habe ich auf dem Gebiet immer noch nicht bekommen. Die Kollegin erzählt mir, dass sie seinerzeit als Berufsanfängerin mit Excel arbeiten musste. Sie fragte nach einer Schulung und erhielt die Antwort, dass so etwas für einfache Sachbearbeiter*innen nicht vorgesehen sei.

Diego Maradona ist gestorben. Fußball ist mir egal, aber mich rühren diese Menschen, für die das Leben ein Glücksspiel ist. Si yo fuera Maradona, wenn ich Maradona wäre…Manu Chao, La Vida es una tómbola.

Die Erfahrung lehrt, dass man sich nur eine begrenzte Zeit fürchten und schlaflos im Bett wälzen kann. Irgendwann holt sich der Körper sein Recht. Meine Schlaflosigkeit folgt der meines schon lange verstorbenen Großvaters.

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Als ich mich gestern durch eine Akte wühlte, fiel mir ein Fall aus früheren, wilderen Notrufzeiten ein: Eines Freitagabends kam der Vorstand in den Notruf getänzelt, überreichte mir – damals Schichtleiterin – einen Zettel und erzählte mir vom Sohn einer Geschäftsfreundin, der im Himalaya verschollen sei. „Nun zeigen Sie mal, was Sie können!“ befahl er und schwebte von dannen. Ein Wochenende lang schickte ich Telexe an sämtliche in Frage kommenden Behörden und Organisationen der Region und telefonierte mit örtlichen Beamten und Funktionären, die sich herzlich desinteressiert zeigten. Am Montag schließlich musste ich eingestehen, dass ich nichts herausgefunden hatte. Die Mutter des Verschollenen teilte mir mit, dass der Herr Sohn sich bereits am Samstag zurückgemeldet habe. Er habe bekifft in einem Etablissement genächtigt, das für die großzügigen Moralvorstellungen seiner Angestellten bekannt sei. (Man hätte uns ja bereits am Samstag informieren können, aber das hat die feine Gesellschaft ja nicht nötig. Sollen die Dienstboten ruhig ein bisschen springen, dazu sind sie da.)

Frisierkommode

Meine Großmutter, die Bäuerin, besaß eine Frisierkommode. Das erschien mir ungewöhnlich, denn die Frauen, die ich kannte, richteten sich die Frisur im Stehen vor dem großen Spiegel im Flur, vor dem sie auch den Sitz des Mantel- oder Blusenkragens überprüften.

Auf der Kommode standen ein Spiegel, ihr Schmuckkästchen, eine Flasche Lavendelwasser und ein Behälter für Haarnadeln. Letzteres vermute ich, was das für ein Behälter war, weiß ich nicht mehr. Möglicherweise war es auch eine flache Schale, in der sich neben den Haarnadeln noch ein oder zwei Einsteckkämme befanden, denn solche Kämme trug sie auch. Ihre Knotenkissen befanden sich, soweit ich mich erinnere, in einer der kleinen Kommodenschubladen ganz oben.

Möglich, dass die Kommode zu ihrer Aussteuer gehörte. Möglich, dass auch ihre Schwägerin, die den jüngsten Bruder und Hoferben geheiratet hatte, eine solche Kommode besaß. Mir schien das vornehme Möbelstück nicht recht zu meiner Großmutter zu passen, die nur wenige „feine“ Kleider besaß und die ich eigentlich nur mit Schürze kannte. Wo die Schürzen hingekommen sind, weiß ich nicht, aber ich erinnere mich, wie sie dufteten.

Ich erinnere mich auch, wie ich einmal zusah, wie meine Großmutter sich frisierte. Mit sanften und vorsichtigen Bürstenstrichen, die gar nicht zu meiner starken und energischen Oma zu passen schienen, bürstete sie ihr im Alter noch feiner gewordenes Haar ohne Scheitel nach hinten. Mit Hilfe von Haarnadeln und Knotenkissen entstand ein nicht allzu strenger Nackenknoten. Wenn man alte Fotos betrachtet, so kann man vermuten, dass sie diesen Knoten trug, seit sie „aus der Schule gekommen“ war und damit nach Landessitte als erwachsen galt.

Der Laptop hat ein neues Netzkabel bekommen, und „knetert“ seitdem fast nicht mehr. Insgesamt deutet sich aber doch Altersschwäche an, was schade ist, denn verglichen mit dem vorigen und den Firmenlaptops ist dieser hier wirklich ein Ausbund an Zuverlässigkeit. Dabei hatte ich kurz nach dem Kauf nur Schlechtes über den Hersteller gelesen. Warum ich nicht vorher recherchiert habe? Ich bin so alt, ich gehe noch in ein Geschäft und lasse mich beraten. Ich bin außerdem so naiv, dass ich in der Regel glaube, was die netten Herren oder Damen im Geschäft mir sagen (außer, wenn es um BHs geht). In diesem Fall hat es funktioniert, auch wenn ich wahrscheinlich die einzige bin, die diesen Hersteller und seine Laptops ganz toll findet.

Mögen Sie eigentlich Kartoffeln? Im örtlichen Lebensmittelgeschäft gibt es die „bunte Tüte“. Das sind Kartoffeln von regionalen Erzeugern, und zwar immer unterschiedliche Sorten. Diese Woche: Violetta (violett), Emmalie (rot) und Ditta (gelb). Violetta hat mir nicht geschmeckt, die anderen beiden Sorten waren in Ordnung. Di(t)ta nannte mich meine Schwester, als sie noch nicht richtig sprechen konnte. Wenn Sie meinen Vornamen kennen und meinen, „Ditta“ sei recht weit hergeholt – unseren Bruder Martin rief sie „Bapm“. Bevor sie lernte, unsere Namen auszusprechen, konnte sie fehlerfrei „Kasperbär“ sagen, aber vor dem hatte sie auch Angst. Der Kasperbär war eine Handpuppe, die aussah wie ein Braunbär mit langer roter Zunge und großen weißen Zähnen. Mein erstes Wort soll übrigens „Tatz“, also „Katze“, gewesen sein, was leider weder Papa noch Mama erfreute. Sie sehen, ich habe Erwartungen enttäuscht noch bevor ich überhaupt sprechen konnte.

Und 3sat über Georg Kreisler. Kluge Sätze hat er gesagt, der Herr Kreisler.

Anscheinend habe ich WordPress-Jubiläum. Stimmt, vor sieben Jahren hatte ich mein erstes Blog hier. Ich habe nicht durchgängig gebloggt, und ich habe mein Blog mehrmals gelöscht und es doch wieder aufleben lassen. Denn, wie Herr Ackerbau einmal sagte: Ohne Blog ist auch Kacke.

Besuch vom besten Ex der Welt, was mir nicht so angenehm ist, weil der beste Ex der Welt ein Schlamper ist, wenn es um Maske und Abstand geht. Ein Treffen konnte ich aber nicht verweigern, weil der beste Ex der Welt unter starken Depressionen leidet und suizidgefährdet ist. Skylla und Charybdis. Hoffen wir, dass es gut geht.

Ansonsten schlafe ich besser, was auch daran liegen mag, dass ich noch Urlaub habe. Von Schwesterlein und Brüderlein habe ich je ein Päckchen bekommen. Brüderlein hat mir ein Buch geschenkt, das für Bewohner_innen dieser behäbigen Stadt unbedingt empfehlenswert ist: Andreas Bohnenstengel, Der Pferdemarkt München.

Im Bücherschrank finde ich „Reis aus Silberschalen“ von Alice Ekert-Rotholz. Als Teenager habe ich „Mohn in den Bergen“ gelesen. Eskapismus-Lektüre, es wandert in den nächsten Bücherschrank, wenn ich es ausgelesen habe. Ich kann hier zu Fuß drei Schränke erreichen. Bücher, die ich Schrank Nummer 1 entnommen habe und die ich nicht behalten will, wandern in Schrank Nummer 2 oder 3. So verteilt sich die Lektüre über drei Stadtviertel. (Schrank Nummer 2 wird von Soziolog_innen bestückt, glaube ich, denen jubele ich von Zeit zu Zeit ein bisschen Unterhaltungsliteratur unter.)

Ein im Grunde freundlicher und gutmütiger Mensch entpuppt sich als Corona-Leugner. Früher habe ich gedacht, dass ich mich in solchen Fällen zurückziehen und den Kontakt abbrechen würde, aber ich schaffe es nun einmal nicht, Menschen einfach fallen zu lassen. Das eine Mal, wo ich es „geschafft“ habe, geht mir immer noch nach.

Ich lerne, via WhatsApp zu kommunizieren. Eigentlich wollte ich das nie, aber zwei Familienangehörige ziehen diesen Weg vor, also tue ich ihnen den Gefallen. Ich kenne mich noch nicht aus, deshalb passieren komische Sachen.

Erinnerungen an Erzählungen über den Großonkel, den ich nicht mehr kennengelernt habe. Man hatte ihm eine Stelle als Lehrer in Ostpreußen versprochen. Tatsächlich landete er in einer Munitionsfabrik, und kam als kranker und gebrochener Mensch zurück. Kurze Zeit später starb er. Woran, hat die Familie nicht erfahren.

Ein bisschen neidisch bin ich auf die, die am Meer leben dürfen. Andererseits weiß ich von jemandem, der sich – frisch geschieden – kurz vor Beginn der Krise den Traum vom Häuschen am Meer erfüllt hatte. Der sitzt, wie er erzählt, nun allein im Häuschen am Meer in einem Ort, wo er noch fast niemanden kennt und dank der Einschränkungen auch fast niemanden kennen lernen oder treffen kann bzw. konnte. Wer weiß, ob mir nicht irgendwann sogar die Brandung und der Wind auf die Nerven gehen würden?

Schwesterlein möchte auf Weihnachten mit der Familie verzichten, damit ich Mutter und Bruder (eine Küche, ein Haushalt, wenn auch auf zwei Etagen) besuchen kann. Ich halte das für unsinnig: Schwesterlein wohnt im Nachbardorf, ich hingegen müsste 500 km mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen und hätte während der Reise reichlich Gelegenheit, etwaige Viren über halb Deutschland zu verstreuen. Ob ich kurz vor der Reise noch einen der sogenannten „Jedermann-Tests“ bekäme und ob ich das Ergebnis rechtzeitig hätte? Würde ich meine Mutter anstecken, könnte ich mir das nicht verzeihen.

Nach dem Einkauf bin ich heiterer gestimmt.

Mittags schon wieder Verdruss: Ich habe ein Video einer spanischen Organisation geteilt, die mit Hilfe von Musik versucht, bei Demenzpatienten Erinnerungen zu wecken. Das Video zeigt Marta C. González, eine ehemalige Tänzerin des New York City Ballet, die Oberkörper und Arme zu Musik aus Schwanensee bewegt. Da tanzt eine alte Frau, deren Körper ihr Grenzen setzt, aber ihre Musikalität, ihre Leidenschaft, ihre Konzentration und ihre Linien trotzen Demenz und Alter. „Anmut und Würde“ kommentiert jemand auf Twitter. Ein anderer findet das Video hingegen ganz entsetzlich. Aber sagt es nicht eher etwas über uns und unseren Blickwinkel aus, wenn wir den Anblick einer alten Tänzerin entsetzlich finden? Als ich noch jünger war, unterrichtete mein Lehrer eine Gruppe älterer Anfänger_innen, und ich durfte hospitieren. „Älter“ hieß in diesem Fall: über 50 Jahre. Keine_r von ihnen hatte jemals getanzt, und mir, die ich praktisch mein ganzes Leben lang getanzt habe, erschienen sie anfangs schrecklich ungelenk. Ob sie nach dem Workshop weiter getanzt haben, weiß ich nicht, aber am Ende des Workshops hatten sie, zusammen mit unserem Lehrer und im Rahmen ihrer Möglichkeiten, Schönheit erschaffen. Seitdem faszinieren mich ältere Tänzer_innen.

Das Video und seine Verbreitung wurden jedoch auch aus anderen Gründen kritisiert: es sei nicht sicher, ob die gezeigte Tänzerin der Verbreitung zugestimmt habe oder überhaupt zustimmen konnte. Das ist sicher ein Punkt, den ich hätte bedenken sollen, bevor auch ich das Video weiterverbreitet habe. Ich bin davon ausgegangen, dass die Organisation, die dieses Video gefilmt hat, das mit der Patientin und deren Angehörigen geregelt hat. Vielleicht war und ist dieser Gedanke naiv, ich weiß es nicht.

Was mir jedoch wichtig war, als ich das Video auf Twitter gepostet habe: Wir dürfen demente Menschen nicht auf ihre Demenz reduzieren. Sie sind so viel mehr. Die gezeigte Person wird übrigens in keiner Weise lächerlich gemacht. Wäre das der Fall, wäre ich die erste, die auf die Barrikaden ginge. Jemand sagte sinngemäß, sie sehe das Video als Würdigung der Lebensleistung der Tänzerin, und auch das ist ein möglicher Aspekt. Für mich als (Hobby-)Tänzerin sagt das Video nicht zuletzt, dass etwas von unseren Leidenschaften und Talenten bleibt, was auch Alter und Demenz nicht zerstören können.

(Und ja, ich hatte demente Angehörige, und ich weiß natürlich auch nicht, ob ich selbst oder meine Familie der Veröffentlichung eines solchen Videos zugestimmt hätten.)