Berufserfahrung oder

warum es keine gute Idee ist, wegen Carola Rackete den telefonischen Notfallservice der italienischen Auslandsvertretungen zu terrorisieren.

Deutschlands Auslandsvertretungen haben unter anderem die Aufgabe, „deutschen Staatsbürgern zu helfen, die in Not geraten sind, Krisenvorsorge zu leisten sowie behördliche und notarielle Funktionen für im Ausland lebende Deutsche zu übernehmen“

Dabei arbeiten sie mit Versicherungen, deutschen Behörden, örtlichen Krankenhäusern, örtlichen Bestattungsinstituten und auch sehr häufig mit örtlichen Behörden und Gerichten zusammen. Carola Rackete könnte sich deshalb mit Fug und Recht an das für Lampedusa zuständige Konsulat in Italien wenden. Die konsularische Betreuung ist unabhängig von Schuld oder Unschuld. Im meiner Notrufpraxis habe ich erlebt, wie Konsulate sich für Menschen eingesetzt haben, die des Mordes, des Drogenschmuggels oder des Kindesmissbrauchs verdächtigt bzw. angeklagt wurden. Wer mehr wissen möchte, kann hier nachlesen.

Konsulate haben auch einen Wochenend- und Nachtdienst. Dieser wird in der Regel je Nacht von einem einzelnen Konsulatsmitarbeiter versehen und leistet in wirklich dringenden Fällen auch am Sonntag oder in der Nacht erste Hilfe.

Es ist keine gute Idee, wegen der Verhaftung von Carola Rackete den Nachtdienst der italienischen Vertretungen in Deutschland mit Telefonterror zu quälen. Sie treffen damit nur den Sachbearbeiter, der vermutlich auch ohne Sie genug zu tun hat und sowieso keinen Einfluss auf das Verfahren nehmen kann. Sie blockieren außerdem den Notruf für den italienischen Staatsbürger, dessen Reisebegleitung tot, schwer verletzt oder erkrankt ist, und der in seiner Not jemanden  erreichen möchte, der seine Sprache spricht und ihm die nächsten Schritte erklären kann.

Und noch eine Ergänzung, damit es auch Twitter versteht: Es gibt in Konsulaten allgemeine Nummern und Notrufnummern. Die Notrufnummern dienen ausschließlich dem oben beschriebenen Zweck, und das sollte respektiert werden. Bei den allgemeinen Nummern erhalten Sie  Auskunft zu allem Möglichen, was mit Wirtschaft, Kultur und Politik des jeweiligen Landes zu tun hat.

IDF

Der Militärdienst in den Israelischen Verteidigungsstreitkräften dauert für Männer drei Jahre und für Frauen 21 Monate, sagt Wikipedia. Wenn ich mich recht erinnere, so leistete Naomi, meine Mitschülerin in einem der vielen Sprachkurse, die ich besucht habe, seinerzeit drei Jahre Militärdienst ab, um Offizierin zu werden.

Juden, die nicht israelische Staatsbürger sind, haben die Möglichkeit zu einem Freiwilligendienst (Machal), der vierzehn bis achtzehn Monate dauert. Nichtjüdische Freiwillige können an einem Programm (Sar-El) teilnehmen, bei dem sie einige Wochen unbewaffnet auf Armeestützpunkten dienen. Das Mindestalter dafür beträgt 17 Jahre, in Begleitung eines Erwachsenen dürfen allerdings auch 16jährige an diesem Programm teilnehmen.

Wenn also eine 1987 oder -88 geborene Frau, die allem Anschein nach keine Jüdin und höchstwahrscheinlich auch keine israelische Staatsbürgerin ist, in einem Kommentar anderswo behauptet, sie habe von 2004 bis 2007 in der israelischen Armee gedient, dann klingt dies in meinen Ohren mehr als unwahrscheinlich. (Der Kommentar liegt mir als Screenshot vor.)

Aber vielleicht war ja auch das nur Literatur.

Inzwischen ist mir das Ausmaß der Lügen klar geworden, und ich bin einfach nur noch  wütend. Natürlich könnte sie in sehr jungen Jahren konvertiert sein. Das weiß ich nicht, zweifele aber eher daran.

Ich kannte sie. Kannte ich sie?

Bitte nehmen Sie diesen Text cum grano salis. Ich bin erleichtert und wütend zur gleichen Zeit. Der Text ist pure Emotion. Eine Momentaufnahme vom 01. und 02.06.2019.  Für Fehler, Irrtümer und Unlogisches bitte ich um Entschuldigung. Falls Sie kommentieren oder mir eine Mail schicken möchten, werde ich eventuell erst nach dem 14.06.2019 reagieren können. Eigentlich habe ich ja schon Internetpause. 

Dies schrieb ich auf Twitter, und ich stehe dazu.

Ich bin nicht frei von Schuld, vor allem nicht in dieser Angelegenheit.

Wir alle verfremden im Internet, wenn uns unser Privatleben lieb ist. Wir verfremden, um uns selbst, aber auch um die handelnden Personen zu schützen. Die meisten von uns setzen sich dabei jedoch selbst Grenzen.

Da sind so viele Erinnerungen, schöne und schlimme.

Wie wir einander durch unsere Blogs kennen lernten.

Wie wir anfingen, einander auch private Mails zu schreiben. Der Mailwechsel wurde von ihr angeregt, aber ich ging gerne darauf ein. Ich mochte sie.  Die Geschichten, die sie mir in ihren Mails erzählte, widersprachen manchmal denen, die sie bloggte. Ich nahm das als dichterische Freiheit hin. Auch die gebloggten Geschichten passten mitunter nicht zusammen. Aber das passiert nun einmal beim Bloggen, auch hier bei mir. Ein Blog ist subjektiv, und subjektive Sichtweisen können sich ändern. Oder man verfremdet, und vergisst, was man wo und wie verfremdet hat.

Wie wir uns erinnerten. Die Synagoge und die Reformierte Kirche im Westend, die letzten Pelzhändler im Bahnhofsviertel, einzelne jiddische Wörter, und von wem ich sie gelernt hatte.

Aber auch, wie ich falsche Töne in ihren Mails zu hören begann. Wie ich eines Tages auf ihrem Blog einen Text las, der in Stil und Thema sehr den Texten ähnelte, die ich zu der Zeit schrieb. Wie ich Magenschmerzen bekam und mir der Schweiß ausbrach. Wie ich mich fragte, ob das ein beabsichtigtes oder unbeabsichtigtes Plagiat war. Oder ob es überhaupt eins war. Und zu keinem Ergebnis kam. Oder jeden Tag zu einem anderen.  Wie ich Texte voller böser Seitenhiebe veröffentlichte und wieder löschte. Wie ich den Kontakt abbrach. Wie sie mir eine letzte Mail schrieb, im Ton einer höheren Tochter, die eine Untergebene zurechtweist.

Wie ich erst einzelne Texte, dann mein ganzes Blog löschte.

Wie ich das Gefühl hatte, nicht mehr schreiben zu können. Wie ich mich trotzdem zum Schreiben zwang, in einem anderen Stil, und wie schlecht meine Texte wurden.

Wie sie irgendwann ihren eigenen Stil fand und Bloggerin des Jahres 2017 wurde.

Wie ich ihr Blog weiterhin las und an mir selbst und meiner Wahrnehmung zweifelte. Wie ich die böse Hexe von Klein-Bloggersdorf wurde. Wie ihre Freundinnen mitunter mein Blog und meinen Twitteraccount heimsuchten, scheinbar in aller Unschuld. Wie es jedes Mal unmittelbar danach Zugriffe aus Irland gab. Wie ich Ihnen, meinen Leser_inne_n, misstraute.

Wie ich anfing, nachzuforschen. Nicht in Bezug auf ihre angeblich jüdischen Vorfahren. Die Geschichten glaubte ich ihr. Aufs Wort. Denn wer würde so etwas erfinden?

Wie der Tierarzt starb und mir ein Satz durch den Kopf schoss, den ich irgendwo einmal gelesen hatte, bezogen auf eine Autorin und deren Romanfigur: „She killed him off conveniently.“ Ich kenne das Dorf, wo sie angeblich lebte, und ich kenne das Nachbardorf, wo sie vielleicht tatsächlich lebte. Wie ich keinen Nachruf, keine Todesanzeige und keinen Hinweis auf eine Messe für den Tierarzt fand. Wie ich mich selbst zur Ordnung rief und mir sagte, dass ich wahrscheinlich an der falschen Stelle suchte. Wie ich mir selbst das Suchen verbot und mich eine missgünstige Person schalt. Und überhaupt, steckt nicht in jeder Bloggerin ein wenig Sheherazade? Und was ging es mich überhaupt an? Edit vom 15.06.2019: Anscheinend hat jemand einen Beleg für die Existenz des Tierarzts gefunden. Ist mir auch Recht.

Wie das moralische Ross, auf das sie sich setzte, immer höher wurde.

***

Am 24.05.2019 gab es laut meiner Blogstatistik nach langer Zeit wieder zwei Zugriffe aus Irland. Am Tag zuvor schien wieder jemand etwas gesucht zu haben.

Am 31.05.2019 explodierte Twitter. Hier eine Zusammenfassung.

Ich mochte sie. Ich mag sie, glaube ich, noch heute. Gestern war da ein Impuls, der Impuls, sie in den Arm zu nehmen und zu fragen, was um Himmelswillen da eigentlich los war. Aber ich werde das nicht tun. Sie hat mich einmal manipuliert und sie ist intelligent genug, es wieder zu tun. Edit vom 03.06.2019: Nein. Gerade habe ich den Artikel im Spiegel noch einmal und mit mehr Ruhe gelesen. Da fiel mir eine kleine, unbedeutende Information auf, so klein und unbedeutend, dass Herr Doerry da gar keinen Fehler gemacht haben kann. So unbedeutend die Information ist, widerlegt sie doch eine Mail, die Marie-Sophie mir einmal schrieb. Und wirft ein sehr spezielles Licht auf ihren Charakter. 

Edit vom 15.06.2019: Wenn ihr Blog ja „Literatur“ war, was waren dann ihre Mails an mich? Ich habe inzwischen Grund zu der Annahme, dass sie auch in ihren Mails gelogen hat, dass sich die Balken bogen. Leider habe ich die Mails nicht mehr.

Warum hat sie das getan, fragt man sich allenthalben. Ich habe während unseres Mailwechsels einen fröhlichen, liebenswürdigen, intelligenten und gebildeten Menschen kennengelernt, aber auch ein kleines Mädchen, das verzweifelt nach Anerkennung und Zuneigung suchte. Ich vermute, das ist es, was sie wollte. Anerkennung und Zuneigung. Wollen wir das nicht alle?

Ich glaube, irgendwann werde ich auch wieder schreiben können.

Edit vom 15.06.2019: Würde ich sie wieder lesen, wenn sie wieder bloggen würde? Vermutlich. Sie hat einen sehr eigenwilligen und reizvollen Schreibstil. Wenig präzise, nicht sehr sauber formuliert, ein gewisser Hang zum Kitsch, aber hübsch anzusehen. Die leichte Muse hat ja auch ihre Berechtigung, und wer liest nicht heimlich ab und zu Joanne Harris und Isabel Allende? Würde ich noch einmal ein Wort mit ihr wechseln? Nein. Ich fühle mich (was unseren privaten Kontakt betrifft) belogen, benutzt und verraten. 

 

 

 

Ein kleines Blog

Ein so kleines Blog wie dieses hier hat einen Vorteil: man kennt seine Leser_innen sozusagen beim Vornamen. Ausreißer in der Blogstatistik bemerkt man  sofort. An diesem Blog hängt kein IP-Tracker. Ich weiß auch nicht, wie ein solcher mit der DSGVO vereinbar wäre. Aber aus der Blogstatistik kann man einiges herauslesen, wenn man weiß, was man sucht. Besonders viele Zugriffe bei besonders wenigen Besuchern an einem Tag, an dem man nichts veröffentlicht hat, können heißen, dass jemand das Blog gerade entdeckt hat und von Anfang bis Ende durchliest. Das kommt vor und das habe ich bei manchen Blogs auch getan. Es kann aber auch heißen: jemand sucht etwas.

Man kann auch erkennen, welche Blogeinträge wie oft aufgerufen werden.

Dann gibt es noch die Länderstatistik, in der ich sehen kann, aus welchen Ländern auf mein Blog zugegriffen wird. Wenn da nun Zugriffe aus einem Land verzeichnet sind, in dem ich eigentlich keine Leser_innen mehr habe, und das unmittelbar, nachdem jemand offensichtlich etwas  Bestimmtes gesucht hat, dann erlaubt mir das, Schlüsse zu ziehen.

Lange Rede, kurzer Sinn: ich weiß nicht, wer Sie sind, aber Sie dürfen die Person, für die Sie sich so bemüht haben, gerne auch über diesen Blogeintrag informieren. Sie freut sich sicher.

Abwesenheitsnotiz

Voraussichtlich vom 01. bis 15. Juni ist hier Internetpause. Kommentare werden erst ab dem 16. Juni wieder freigeschaltet. Keine Angst, die verschwinden nicht im Nirwana. 

Danach geht es hier weiter wie gewohnt und auf Twitter in kleinerem Rahmen. (Noch kleiner? Ja, das geht. Vielleicht mal wieder mit einem geschlossenen Account, wer weiß.)