Geschichten und Meer

Die gnädige Frau wundert sich.


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Armut

Ein Mann um die Sechzig, weder abgerissen noch schmutzig, aber durchaus ärmlich gekleidet, nähert sich zwei Hipstern (sagt man noch Hipster?) in der U-Bahn. Höflich fragt er, ob er die Zeitung, die zwischen den beiden auf dem Boden liegt, aufheben dürfe. Es ist nicht die Bildzeitung, es ist eine Zeitung mit viel Text und wenigen Bildern. Die Hipster starren ihn an und geben ihm die Erlaubnis. (Sie hätten die Zeitung auch aufheben und ihm reichen können, aber vielleicht sitzen ja die Zacken in ihren Kronen sowieso schon locker. Vielleicht sind sie aber auch nur jung, dumm und ungehobelt wie so viele hierzulande.)

„Ob der die wirklich liest?“  „Kannst Du sehen, was der damit macht?“

Es gibt viele Leute, die sich keine Tageszeitung leisten können, möchte ich den beiden Hipstern sagen. Leute, denen es vielleicht früher einmal ebenso gut gegangen ist wie Ihnen oder mir. Aber ich sage nichts. Es nützt ja doch nichts.


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Die Dame an der Treppe

Die Dame an der Treppe ist eine alte Dame. Keine ältere Dame, sondern eine wirklich alte Dame. (Ist es nicht seltsam, dass ältere Damen im Deutschen üblicherweise  jünger sind als alte?)

Die alte Dame trägt schwer am Alter und an den Einkaufstaschen. Zum nächstgelegenen Lebensmittelgeschäft fährt sie zwei Stationen mit der U-Bahn. Ob sie jemals ein Auto besessen hat, weiß ich nicht. Ob sie, besäße sie jetzt noch eines, immer noch fahren könnte oder auch nur wollte, weiß ich auch nicht. Wenn ich sage „sie trägt schwer“, dann meine ich nicht, dass die Last der Jahre und der Taschen sie beugt. Trotz ihres Alters ist diese Dame eine kräftige Dame, die wahrscheinlich in jüngeren Jahren ganz andere Lasten getragen hat. Man sieht das an der Art, wie sie den Rücken hält und auch Hüften und Oberschenkel mittragen lässt. Die meisten anderen Leute benutzen zum Tragen nur Arme und Hände und wundern sich, wenn sie ihnen lahm werden.

Am Fuß der Rolltreppe bleibt sie stehen. Es ist eine Rolltreppe, die je nach Bedarf die Richtung wechselt. Meist stehen unten alte Damen mit schweren Einkaufstaschen oder müde Mütter mit Kinderwagen und warten, dass die Rolltreppe frei wird und sie nach oben fahren können. Aber immer wieder kommt eine junge Dame mit einem winzigen Handtäschchen oder ein junger Herr mit leeren Händen oder jemand mit nichts als einem Smartphone in den Händen ganz gemütlich abwärts gefahren, als gäbe es keine müden Mütter und alte Damen am Fuß der Treppe. Die alten Damen geben schließlich auf und schleppen sich und ihre Einkäufe die andere Treppe, also die,  die nicht rollt, hinauf. Die müden Mütter sehen sich um, ob da niemand ist, der ihnen hilft, den Kinderwagen die andere Treppe hinauf zu tragen.

Die alte Dame  hat an vielen Orten gelebt, mehr als einen Namen getragen und mehr Sprachen gesprochen als die meisten in ihrem Leben zu lernen versuchen. Sie kennt, da bin ich sicher, fast alle Varianten der Unhöflichkeit. Sie ist alt genug, um zu wissen, dass sogar die sorglosen jungen Menschen, die mit den Smartphones und den winzigen Handtäschchen, eines Tages alt sein werden. Wenn sie Glück haben. Wenn sie kein Glück haben, sterben sie früh und haben nichts gelernt und nichts gewusst, nicht einmal, dass es möglich ist, Rücksicht auf einander zu nehmen.


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Don Alphonso und ein fataler Tweet

Leser_innen dieses unbedeutenden kleinen Blogs wissen, ich schätze den Menschen hinter der Kunstfigur Don Alphonso sehr, wenn ich auch seine Tweets und Texte häufig grundfalsch finde.

Das Internet vergisst nichts, und so hat nun jemand einen Tweet ausgegraben, der ein Jahr alt ist. Ich fand und finde den Tweet schlimm, obwohl ich inzwischen den Kontext kenne. Es war eine Reaktion auf einen Text, der anscheinend aus der Bild-Zeitung stammt. Ob man auf die Bild-Zeitung reagieren muss, und ob man das in dieser Weise tun muss, sei dahingestellt.

Ich schaue mir jedoch schon seit einiger Zeit die Angriffe auf Don Alphonso an, und mir scheint – wie auch schon Anfang des Jahres 2018 –  dass den wechselnden Kampagnen in erster Linie persönliche Animositäten zugrunde liegen. Es mag für diese Animositäten gute Gründe geben. Es mag aber auch ein bisschen Neid dabei sein, denn ein Blogger, der Schirrmacher aufgefallen ist und von diesem gefördert wurde, muss irgendeine Fähigkeit haben, die nicht jeder hat. Lassen wir den Leuten ihren verletzten Stolz, ihren möglicherweise berechtigten Ärger etc. Was mich jedoch wundert, ist die Anzahl sonstiger Internetbewohner, die ohne weiteres auf diesen Zug aufspringen. Twitterer und Blogger, die ansonsten unter dem Radar fliegen, sehen anscheinend ihre Chance, jemandem ohne allzu großes Risiko ein Stück aus dem Pelz zu beißen. Ich frage mich: welchen Grund oder Anlass  haben diese Leute? Der Einfluss eines Feuilletonbloggers ist doch nicht so groß. Wenn die Absicht Protest ist, warum sucht man sich nicht einen schwergewichtigeren Gegner im rechtskonservativen Lager? Weil Don Alphonso das leichter zu treffende Ziel ist?

Sie dürfen natürlich in Don Alphonso die Wurzel allen Übels sehen. Aber überlegen Sie sich bitte, ob Sie dafür triftige Gründe haben oder ob Sie nicht einfach sicherheitshalber mit dem Rudel heulen, um selbst nicht gebissen zu werden. Oder um sich einmal im Leben stark und auf der richtigen Seite zu fühlen? Aber falls Sie keine triftigen Gründe haben, könnten Sie gelegentlich auch einmal schweigen.


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Und nun ist Ruhe

„Und nun ist Ruhe.“ pflegte meine Patentante, die Schwester meiner Mutter, zu sagen, wenn sie nach einem turbulenten Wochenende mit viel Besuch am Sonntag gegen 17 Uhr anrief. Das war die Zeit, zu der sich die oft aus der Ferne angereisten Gäste verabschiedet hatten und meine ebenso liebenswürdige wie gastfreundliche Tante die letzten Stunden des Sonntags genoss. Meine Tante liebte ihre Gäste allesamt, aber noch mehr liebte sie die Ruhe.

Und nun ist Ruhe, dachte ich am Abend des zweiten Feiertags, als ich in einem erstaunlich leeren Zug zurück nach München fuhr. Auch Bus und U-Bahn sind dieser Tage ungewöhnlich dünn besetzt. Wo sonst zu jeder Tageszeit Stau ist, zuckeln ein paar einsame Autos gemütlich gen Fabrik und Büro oder schon wieder nach Hause. Günstig liegende Feiertage und ein paar Resturlaubstage ermöglichen kurze Reisen, und ich, die ich schon immer gewissermaßen antizyklisch lebe, also nie Urlaub mache, wenn normale Leute das tun, genieße die Abwesenheit von Hektik und Drängelei in der Stadt.

Und Bach.

Ihnen allen wünsche ich ein wunderbares Jahr 2019. Lassen Sie sich gerne auch weiterhin hier blicken. Ich freue mich darauf.


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Wenn alle Welt stirbt

Die A und ich waren Kolleginnen, aber keine Freundinnen. Grundsätzlich kamen wir miteinander aus. Das eine oder andere Mal sind wir aneinandergerasselt. Zwei Dickschädel, zwei Arbeitstiere, zwei eher explosive Charaktere – unser Konkurrieren wurde von unseren Vorgesetzten seinerzeit nicht ungern gesehen, denn wir trieben uns gegenseitig zu Höchstleistungen an. Die A verließ die Firma vor mir. Sie begann eine Weiterbildung in einer anderen Stadt und fand dort bald eine Stelle, die ihr zu gefallen schien. Dann verlor ich sie aus den Augen und hörte nur noch gelegentlich über Dritte und Vierte von ihr. Kürzlich habe ich sie aus einer Laune heraus gegoogelt. Gefunden habe ich eine Todesanzeige, drei Jahre alt. Gestorben ist sie, als sie so alt war wie ich jetzt. Anscheinend unverheiratet und kinderlos, aber eingebunden in eine Familie von Brüdern, Schwestern, Nichten und Neffen. Nicht mehr jung, aber doch noch zu jung zum Sterben. 

Wenige Tage, bevor ich die Anzeige fand, sagte ich zu meiner Mutter, dass ich doch jetzt in das Alter käme, wo man eigentlich  einen dezenten Regenschirm für Beerdigungen braucht. Ich habe nämlich nur einen blauen mit einem Rosenmuster. Aber wenn ich es recht bedenke, hätte der der A wahrscheinlich viel besser gefallen als ein schwarzer oder grauer. 


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Ist die Lehrerin transgender?

Gestern war Transgender Day of Remembrance. Keine Ahnung, ob es damit zu tun hat, aber seit einigen Tagen oder vielmehr fast zwei Wochen wird in meinem Umfeld diskutiert, ob es Transgender überhaupt gibt (ja), ob es sie geben sollte (ja) oder ob sie über ihr Leben und ihre Körper selbst entscheiden dürfen (ja). Und auch ja, die Diskussion ist absurd. Man diskutiert als anständiger Mensch nicht über die Existenz(- berechtigung) anderer Menschen. 

In diesem Zusammenhang fragten einige besorgte Bürger Menschen sich und ihr Publikum, was es denn für Auswirkungen auf zarte Kinderseelchen hätte, wenn Lehrer oder Lehrerin Transmenschen seien. Aus eigener Anschauung kann ich Ihnen versichern: gar keine.

Als ich zwölf Jahre alt war, kriegten wir in Geschichte eine Lehrerin, die eine Transfrau war.  Wir haben zwei Minuten lang dumm geschaut, zwei Wochen lang getuschelt, und dann war das Thema erledigt bzw. gar kein Thema mehr. Wir fanden Frau C. nett oder doof, je nachdem, wie viele Hausaufgaben oder was für Noten wir bekamen. Von ihr unterrichtet zu werden, hat uns nicht im Geringsten geschadet. Die meisten von uns haben später etwas Gescheites gelernt oder studiert und wurden irgendwann nützliche Mitglieder der Gesellschaft. 

Sie können sich jetzt also wieder beruhigen und sich  Ihren täglichen Verrichtungen widmen, es ist absolut nichts Schlimmes passiert und es wird auch nichts passieren, bloß weil die Lehrerin Ihrer Nachkommen trans ist. Ihre Kinder kriegen das hin. Wenn Sie als Eltern nicht quer schießen. 

(Entschuldigung, ich weiß, mein Stammpublikum hat diese Gardinenpredigt eigentlich gar nicht nötig. Falls ich die Terminologie nicht ganz korrekt verwendet habe, bitte ich auch dafür um Entschuldigung. Ich bin in dem Thema nicht wirklich „drin“. )


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Drei Dinge

Nach drei Dingen, die eine Frau auf eine einsame Insel mitnehmen würde, fragte eine Frauenzeitschrift (ja, so etwas lese ich, wenn der Zug so viel Verspätung hat, dass die eigentlich wohlkalkulierte Menge Lesestoff nicht ausreicht). Die Antwort der befragten Dame lautete: Augencreme.  

Der Witz an einer einsamen Insel ist doch, dass da niemand ist, oder? Folglich sieht einen keiner, der eine ungepflegte Augenpartie beanstanden könnte. Ich bin ja so unbedarft, dass mir vor nicht allzu langer Zeit die Existenz von Augencreme völlig unbekannt war. Bei einsamen Inseln denke ich an Streichhölzer, Messer und vielleicht einen Kochtopf.  Aber was weiß ich schon? Vielleicht möchte die Dame einem potentiellen Retter in der Not bloß nicht verschrecken. Nicht auszudenken, wenn der Retter, schockiert vom Anblick einer ungestylten Schiffbrüchigen, wieder in sein Boot spränge und davonruderte.