Wenn alle Welt stirbt

Die A und ich waren Kolleginnen, aber keine Freundinnen. Grundsätzlich kamen wir miteinander aus. Das eine oder andere Mal sind wir aneinandergerasselt. Zwei Dickschädel, zwei Arbeitstiere, zwei eher explosive Charaktere – unser Konkurrieren wurde von unseren Vorgesetzten seinerzeit nicht ungern gesehen, denn wir trieben uns gegenseitig zu Höchstleistungen an. Die A verließ die Firma vor mir. Sie begann eine Weiterbildung in einer anderen Stadt und fand dort bald eine Stelle, die ihr zu gefallen schien. Dann verlor ich sie aus den Augen und hörte nur noch gelegentlich über Dritte und Vierte von ihr. Kürzlich habe ich sie aus einer Laune heraus gegoogelt. Gefunden habe ich eine Todesanzeige, drei Jahre alt. Gestorben ist sie, als sie so alt war wie ich jetzt. Anscheinend unverheiratet und kinderlos, aber eingebunden in eine Familie von Brüdern, Schwestern, Nichten und Neffen. Nicht mehr jung, aber doch noch zu jung zum Sterben. 

Wenige Tage, bevor ich die Anzeige fand, sagte ich zu meiner Mutter, dass ich doch jetzt in das Alter käme, wo man eigentlich  einen dezenten Regenschirm für Beerdigungen braucht. Ich habe nämlich nur einen blauen mit einem Rosenmuster. Aber wenn ich es recht bedenke, hätte der der A wahrscheinlich viel besser gefallen als ein schwarzer oder grauer. 

Ist die Lehrerin transgender?

Gestern war Transgender Day of Remembrance. Keine Ahnung, ob es damit zu tun hat, aber seit einigen Tagen oder vielmehr fast zwei Wochen wird in meinem Umfeld diskutiert, ob es Transgender überhaupt gibt (ja), ob es sie geben sollte (ja) oder ob sie über ihr Leben und ihre Körper selbst entscheiden dürfen (ja). Und auch ja, die Diskussion ist absurd. Man diskutiert als anständiger Mensch nicht über die Existenz(- berechtigung) anderer Menschen. 

In diesem Zusammenhang fragten einige besorgte Bürger Menschen sich und ihr Publikum, was es denn für Auswirkungen auf zarte Kinderseelchen hätte, wenn Lehrer oder Lehrerin Transmenschen seien. Aus eigener Anschauung kann ich Ihnen versichern: gar keine.

Als ich zwölf Jahre alt war, kriegten wir in Geschichte eine Lehrerin, die eine Transfrau war.  Wir haben zwei Minuten lang dumm geschaut, zwei Wochen lang getuschelt, und dann war das Thema erledigt bzw. gar kein Thema mehr. Wir fanden Frau C. nett oder doof, je nachdem, wie viele Hausaufgaben oder was für Noten wir bekamen. Von ihr unterrichtet zu werden, hat uns nicht im Geringsten geschadet. Die meisten von uns haben später etwas Gescheites gelernt oder studiert und wurden irgendwann nützliche Mitglieder der Gesellschaft. 

Sie können sich jetzt also wieder beruhigen und sich  Ihren täglichen Verrichtungen widmen, es ist absolut nichts Schlimmes passiert und es wird auch nichts passieren, bloß weil die Lehrerin Ihrer Nachkommen trans ist. Ihre Kinder kriegen das hin. Wenn Sie als Eltern nicht quer schießen. 

(Entschuldigung, ich weiß, mein Stammpublikum hat diese Gardinenpredigt eigentlich gar nicht nötig. Falls ich die Terminologie nicht ganz korrekt verwendet habe, bitte ich auch dafür um Entschuldigung. Ich bin in dem Thema nicht wirklich „drin“. )

Drei Dinge

Nach drei Dingen, die eine Frau auf eine einsame Insel mitnehmen würde, fragte eine Frauenzeitschrift (ja, so etwas lese ich, wenn der Zug so viel Verspätung hat, dass die eigentlich wohlkalkulierte Menge Lesestoff nicht ausreicht). Die Antwort der befragten Dame lautete: Augencreme.  

Der Witz an einer einsamen Insel ist doch, dass da niemand ist, oder? Folglich sieht einen keiner, der eine ungepflegte Augenpartie beanstanden könnte. Ich bin ja so unbedarft, dass mir vor nicht allzu langer Zeit die Existenz von Augencreme völlig unbekannt war. Bei einsamen Inseln denke ich an Streichhölzer, Messer und vielleicht einen Kochtopf.  Aber was weiß ich schon? Vielleicht möchte die Dame einem potentiellen Retter in der Not bloß nicht verschrecken. Nicht auszudenken, wenn der Retter, schockiert vom Anblick einer ungestylten Schiffbrüchigen, wieder in sein Boot spränge und davonruderte.

Familiengeschichtensplitter

Meine Urgroßmutter, so erzählt man mir, war einmal sehr entrüstet, als sie die Gemeindezeitung aufschlug: „Diss ahle Mensche soll ich sin?“ (Diese alte Frau soll ich sein?). Betagte Gemeindemitglieder wurden nämlich mitunter in Wort und Bild im Gemeindeblatt verewigt. Ihre Kinder hatten, wie sie meinten, ein besonders schönes Foto der alten Dame ausgewählt. Diese aber fühlte sich anscheinend viel jünger als sie war und aussah. (Tun wir das nicht alle? Wenn nicht, sind Sie entweder vom Glück begünstigt oder noch unter vierzig.)

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Einer meiner Urgroßväter, aber von der anderen Seite der Familie, hatte mit 36 Jahren eine Glatze. Oder eigentlich hatte er keine Glatze, sondern schlohweißes Haar, für das er sich aber schämte und das er deshalb abrasierte. Sein Haar war im 1. Weltkrieg weiß geworden.

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Ich erzähle das nicht Ihnen, sondern mir selbst, damit ich es nicht vergesse. Kleinigkeiten. Allenfalls Kuriosa, wenn Sie so wollen. Aber ich baue mir aus diesen Splittern meine vor langer Zeit verlorengegangene Heimat wieder zusammen.

Banalitäten

Warum ich zögere, Dinge ins Internet zu schreiben, die über simpelste Banalitäten hinausgehen? Kürzlich habe ich eine Diskussion unter Bloggern mitbekommen, wo meinem Gefühl nach alle Beteiligten guten Willens waren, jedoch – auf zunächst sehr zivilisierte Weise – unterschiedlicher Meinung. Ein Text, den ich nicht verlinke, weil ich ihn nicht unbedingt für lesenswert halte, war unterschiedlich interpretiert worden. Die Diskussion entgleiste, Menschen unterstellten einander Dinge, die nie gesagt wurden, einige nahmen für sich selbst in Anspruch, was sie anderen zuvor nicht zugestehen wollten, ein Wort gab das andere…Sie kennen das, und ich habe keine Lust mehr darauf.

Möglicherweise hätte es geholfen, den Text noch einmal zu lesen, die eigene Haltung durch Arbeit am Text noch einmal zu überprüfen, aber das ist mühsam. Viel einfacher ist es doch, die eigene moralische und intellektuelle Überlegenheit durch Wortgeklingel zu demonstrieren.

Soll man?

Soll man, so fragt jemand auf Twitter, den Kontakt abbrechen zu den Eltern, wenn diese AfD wählen? Mein Vater lebt nicht mehr, aber er hat sein ganzes Leben nichts anderes als SPD gewählt. Bei meiner Mutter ist keine Gefahr:  sie hat nie eine rechte Partei gewählt und wird das auch auf ihre alten Tage nicht tun. Ich habe aber zwei angeheiratete Cousins, die mit der AfD zumindest sympathisieren. So entfernte Cousins, dass man sie außerhalb Nordhessens wohl nicht einmal mehr Cousins nennen würde.

Die Frage, die auf Twitter gestellt wurde, war eine rhetorische. Der Fragende, der sich betont christlich gab, war der Meinung, man müsse sich auf jeden Fall von solchen Eltern distanzieren. Er konnte das sogar mit einem Bibelzitat untermauern. Nun, wenn ich noch so bibelfest wäre wie in meinen frommen Zeiten, könnte ich sicher einen Bibelvers finden, mit dem sich das Gegenteil belegen ließe.

Obwohl ich ziemlich sicher bin, dass man es nicht mit dem Christentum vereinbaren kann, die AfD zu wählen, und obwohl ich sicher nur noch kulturell Christin bin, möchte ich doch zu bedenken geben, dass es auf keinen Fall christlich ist, Menschen zu verteufeln und zu verstoßen, weil sie einen falschen Weg gehen.

Wäre meine Großmutter katholisch gewesen, hätte man sie wahrscheinlich eine Herz-Jesu-Sozialistin nennen dürfen. Ihre zahlreichen Brüder vertraten, soweit ich weiß, sehr unterschiedliche Meinungen. Was sie nicht hinderte, miteinander und mit meinem bekanntermaßen roten  Großvater zu trinken. Eine Familienlegende erzählt von einem Gespräch zwischen meinem Großvater und seinem Schwager. Letzterer – ein NSDAP-Mitglied der ersten Stunde – tatsächlich oder nur gespielt stockbesoffen, sagte es meinem Großvater auf den Kopf zu: „Martin, du bist Schuhmacher.“  Und mein Großvater: „Nein, Martin, ich bin doch Schmied!“ „Schuhmacher“ bezog sich natürlich auf Kurt Schumacher. Der eine Martin hat den anderen Martin übrigens nicht denunziert. Familie eben. Oder vielleicht hatte der eine Martin auch nur ein bisschen Angst vor seiner Schwester.

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Wissen Sie eigentlich, wer der Apfelpfarrer war?

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Und weil man nicht nur melancholisch sein kann: Video