Seit Tagen macht man sich anderswo über mich lustig, weil ich eine Parodie nicht als solche erkannt habe. Es mag daran liegen, dass ich mich nicht in den höheren Sphären der Literatur bewege, sondern bei den Gebrauchstexten herumkrebse, wo ich aus nächster Nähe mit ansehen darf, wie Menschen mit Abitur und Studium ihre Muttersprache verhunzen. Was für die höheren Stände eine Parodie ist, ist hier unten bei mir bittere Realität.

Auf Twitter trendet der Hashtag #RIPJKRowling. Nein, J.K. Rowling ist nicht gestorben, aber es gehört nun anscheinend in gewissen Kreisen zum guten Ton, ihr öffentlich den Tod zu wünschen. J.K. Rowling ist eine Autorin, die fast völlig an mir vorbei gegangen ist. Die Abenteuer minderjähriger Zauberlehrlinge haben mich nie interessiert. Ihre Haltung gegenüber trans Menschen konnte ich nicht nachvollziehen. Ihr deswegen den Tod zu wünschen, ist jedoch falsch und geschmacklos. Nennen Sie mich altmodisch.

Die Freundin, die lange nichts von sich hören ließ, schreibt mir. Mit dem Freund, der kein Freund ist, streite ich über Moria. Wir streiten mit aller Sanftmut, zu der wir beide fähig sind. Dabei bleibt manches auf der Strecke und wird nicht ausgesprochen.

Das Flüchtlingslager Moria brennt. Mir geht dazu das eine oder andere durch den Kopf, was ich gar nicht denken will.

Vor meinem Fenster bringt die Sonne am Morgen die ersten herbstgelben Blätter zum Leuchten. Ich habe den Herbst nie gemocht, den Winter geradezu gehasst, aber dieses Jahr freue ich mich auf den Herbst. Weil ich mir wünsche, dass das Jahr vorbeigehen möge? Das Datum, das wir schreiben, ändert ja nichts.

Sominore über Linguistik und Heimat. Ich denke gerade über eine andere Art Heimat nach, einen Ort, der mir gehört. Aber dann springen mir anderswo zwei Sätze ins Gesicht: „In Roux’s world, property is dangerous, In Roux’s world, life is frictionless, slipping by like the river, picking up flotsam and setting it down quietly, gently, further downstream.“ (Joanne Harris, The Strawberry Thief) So bin ich auch, ich traue dem Frieden nicht, ich traue dem Privatbesitz nicht und am allerwenigsten traue ich den Sesshaften, die nicht wissen, dass man innerhalb einer Stunde alles – Heimat, Familie und Geburtsrecht – verlieren kann. Selbst, wenn man erst zwei Jahre alt ist.

Auf mich selbst zurückgeworfen, ohne Reisen, Theater, Kino und fast ohne Menschen, lerne ich das Altwerden. Alt werden heißt wohl auch, dass die Welt kleiner wird. Nun gut, auch diese Pandemie wird enden, und dann bleibt hoffentlich noch Zeit.

Der Freund, der kein Freund ist, gibt sich seinem entschiedenen Hang zur Sottise hin, und ich beiße mir auf die Zunge.

Auf Twitter frage ich eine Mutter nach Sinn und Zweck eines dieser pädagogisch wertvollen Elternabendspielchen. Sie vermutet „pure Boshaftigkeit und Erniedrigung“ und jetzt wird mir in Bezug auf eine firmeninterne Fortbildung zum Thema „Digitalisierung“, an der ich im letzten Jahr teilnehmen durfte, einiges klar.

Der Tod von David Graeber und die Nachrufe, mit denen er bedacht wurde, stoßen Gedanken an. Ich habe definitiv einen Bullshit-Job, in dem ich Probleme löse, mit denen meine Kundschaft auch ohne mich zurechtkäme, wenn sie ein bisschen nachdächte. Nur verdiene ich meinen Lebensunterhalt damit, und insofern ist der Job zumindest für eine Person notwendig. Kein schönes Gefühl, aber leider die Realität.

München ist dunkler geworden auf der Corona-Landkarte in der Süddeutschen Zeitung. Manche nennen mich ja übervorsichtig, aber das hier bestärkt mich in meiner derzeitigen Zurückgezogenheit.

Als hätte ich mir nicht gerade sozusagen mit der Machete einen Weg durchs Balkongestrüpp gebahnt, stecke ich drei Mirabellenkerne in einen Blumentopf. Es ist ja noch ein Platz auf dem Balkon frei, und Mirabellen mag ich lieber als Erdbeeren. Sollte ein Bäumchen wachsen, wäre es eine „Belle de Nancy“, was eine durchaus anständige und wohlschmeckende Sorte ist.

Viel gearbeitet, mich vergleichsweise wenig geärgert. Abends todmüde, oder wie die Mutter meiner Kindheitsfreundin gesagt hätte: schlagskaputt.

Ansonsten lerne ich jetzt, glaube ich, das Altwerden.

Ich wache früh genug auf; ich hätte an den See fahren und wandern können, bevor die Massen da sind, aber ich drehe mich noch einmal auf die Seite, ziehe die Decke bis fast zu den Ohren und schlafe noch ein paar Stunden.

Das Wetter kann sich nicht entscheiden, also bleibe ich zu Hause und kämpfe mich durch das Balkongestrüpp. Die Erdbeeren haben fast den ganzen Balkon überwuchert, aber das alles für ein paar eher fade schmeckende Früchtchen? Ich mache alle Erdbeerpflanzen aus; sollen sie anderswo Wurzeln schlagen, für den Balkon sind sie nichts. Dann schneide ich Kräuter zurück und hänge Pfefferminze und Salbei zum Trocknen auf. Die schwarze Johannisbeere bleibt, sie trägt äußerst sparsam, aber auch äußerst wohlschmeckend. Ich plane fürs nächste Jahr: Küchenkräuter und Bienenfreundliches, alles mit genug Platz dazwischen, außerdem eine Vogeltränke und ein Futterplatz. Dieses Jahr war es zuletzt sogar fast zu eng zum Gießen. Der alte Holzstuhl aus Norddeutschland soll einen wetterfesten Anstrich bekommen.

Kurz schaue ich bei LinkedIn hinein und sehe, dass der Oberchef mein Profil besucht hat. Für einen Moment erschrecke ich, aber dann fällt mir ein, dass ich ja vor ein paar Tagen auch schon geschaut habe, was er für seinen Job überhaupt für eine Qualifikation hat. Danach mache ich den Haushalt, das ist ungefähr genauso interessant.

Ich wäre gern woanders, aber ich verreise nicht, nicht in diesen Zeiten.

Ein schlimmer Tag im Büro. Anderswo kämpfen Flüchtende um ihr Leben, das ist schlimmer. Die Verzweiflung, die mich packt, weil ich am Schreibtisch sitze und nichts für die Ertrinkenden tun kann, ist immer noch lächerlich, wenn man sich überlegt, welche Verzweiflung diese spüren müssen.

Ich weiß, ich schreibe hier selten über solche Dinge, manchmal muss es aber sein. Obwohl Worte nichts und niemanden retten können.

Immer noch gilt morgens der erste Blick den Corona-Zahlen. Erst Spanien, dann Frankreich wurden in der Grafik der Süddeutschen Zeitung tiefschwarz; ich gehe davon aus, dass die Entwicklung sich nach Osten fortsetzt.

Es ist noch kühler geworden. Am Schreibtisch trage ich Wollsocken und eine Strickjacke. Nach der Arbeit gehe ich in die Apotheke. Eine Ordensschwester erkundigt sich nach FFP2-Masken und fragt, wie lange man sie tragen darf. Die Apothekerin erklärt es ihr und erzählt, dass sie und ihre Kolleginnen die Masken viel länger tragen als sie es dürften. Es scheint also wieder eine gewisse Knappheit zu herrschen.

Zu Hause bügele ich, wasche ich und dann reicht es mir mit dem Haushalt. Nur noch das Paravent auf dem Balkon abmontieren und zusammenklappen. Im Herbst bin ich froh um jeden Sonnenstrahl.

Abends höre ich eine Bach-Kantate: Ich hatte viel Bekümmernis.

Als ich aus dem Haus trete, riecht es nach brackigem Wasser. Am Kirchgarten meine ich einen Duft nach faulenden Birnen wahrzunehmen. Im Laden besteht ein Mann darauf, ohne Maske einzukaufen. Die Verkäuferin bietet ihm eine Einwegmaske an, aber er schlägt das Angebot aus. „Dann können Sie hier leider nicht einkaufen.“ sagt sie freundlich, und er verlässt stumm und eilig das Geschäft.

Mir fällt ein, dass ich vergessen habe, der Blognachbarin zu schreiben. Hiermit leiste ich Abbitte und gelobe baldige Besserung. Sie wissen, dass Sie gemeint sind. Bald kommt Post; wozu habe ich mir im November Briefpapier schenken lassen?

Die Sprache der Wissenschaft wird interessant werden. Wofür der Begriff „N-Wort steht“, ist ja hinreichend bekannt, vielleicht auch „M-Wort“, aber das B-Wort* und das D-Wort**? Obwohl ich nicht alles unterschreiben würde, finde ich das eine oder andere an diesem Beitrag interessant. (via @Thomas_Gutsche auf Twitter)

Weil die Sätze sich nicht fügen wollen, lösche ich den Anfang einer Geschichte. Wenn die Geschichte wichtig ist, wird sie zu gegebener Zeit von selbst wieder auftauchen. Mit Hilfe der Wayback Machine finde ich mein altes Blog wieder. Vielleicht kann ich zwei meiner Geschichten, die ich im Zorn gelöscht habe, retten und in dieses Blog übernehmen. Ansonsten sind da viele Peinlichkeiten zu lesen, eine Menge kaum Durchdachtes und einige schlecht geschriebene Texte.

Während vor meinem Balkon leise Regen fällt, erinnere ich mich, dass ich als Kind von einem Hexenhäuschen geträumt habe. Meine Wohnung, die sicher nicht viel kleiner als ein solches Häuschen ist, kommt dem schon sehr nahe: Krummes, zusammengewürfeltes Mobiliar, das bessere Zeiten gesehen hat. Der Blick aus den Fenstern fällt auf Bäume und auf leicht verwilderte Kräuter. Jetzt, zu Corona-Zeiten, scheint das eine kleine abgeschlossene Welt zu sein. Ich wünschte nur, sie wäre woanders.

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*Barbaren **Dschungel

(Nachtrag Freitag/Samstag)

Wuttränen im Home Office. Wieder einmal. Davor und danach auch, aus Gründen. Der vage Plan, zu kündigen und wieder in einem Call Center anzuheuern.

Flamenco getanzt, dabei die Zapateos nur markiert; wegen eines Hexenschusses kann ich mich immer noch nicht wieder bewegen.

Erinnerungen an die Zeit vor dem Verrat. Erinnerungen an die Zeit unmittelbar danach, an Menschen, die mich beschuldigten, ohne etwas zu wissen. An den einen, der mich nie gefragt, aber mich meines Wissens auch nie diffamiert hat, und der der einzige ist, dem ich nach dieser Sache noch traue.

Um 18 Uhr steht der Mond schon überm Kirchendach. Wolken ziehen, ansonsten ist der Himmel strahlend blau; es windet, und anderswo wird jemand Französin.

Noch anderswo spricht jemand von Gschwerl, und das ist ein bayerisches Wort, das ich sehr hasse, schon seit ich es kenne. Ich habe Lust, Fahrrad zu fahren bei dem Wind, aber da fällt mir ein, dass ich kein sauberes T-Shirt mehr habe. Also wasche ich Wäsche und genieße den Wind auf dem Balkon. Zum Abendessen wärme ich Suppe auf. In diesen Zeiten gehe ich nicht ins Büro und folglich auch nicht in die Kantine. Mittags esse ich ein Brot, abends einen Salat oder eine Suppe.

Ein Kollege aus einer anderen Abteilung erzählt am Telefon von seinem mobbenden Chef und plaudert aus dem Nähkästchen. Mein Chef war einmal sein Kollege, und nun wundert mich gar nichts mehr.

Ich gieße Pflanzen, schneide Verblühtes ab und sammele die Samen meiner Lieblingsblumen fürs nächste Jahr. Der Balkon sieht verwildert aus; alles ist in diesem Jahr üppiger gewachsen als gewöhnlich. Gegenüber zeigen Bäume die ersten Spuren des kommenden Herbsts. Im September werde ich den Balkon in Ordnung bringen müssen, aber zuvor noch dies.