Anderswo

Onkel Emil konnte den Hitler nicht leiden.

Pauline Berlin, eine fast vergessene Gewerkschafterin.

Und dann die Freiheit.

Bei Herrn Hauptschulblues gibt es Fuchsbilder (und ich mag Füchse sehr).

Herr Glumm geht spazieren.

Falls Sie noch oder wieder auf Twitter sind: auch @tikerscherk geht spazieren und fotografiert dabei Berlin.

Ein bisschen unbezahlte und unverlangte Werbung: Auf Arte habe ich einen wunderschönen Film aus Japan gefunden, leider nur noch bis zum 21.06.2020 verfügbar: Kirschblüten und rote Bohnen. (In Japan wurden übrigens Leprakranke noch nach ihrer Heilung isoliert, weil man meinte, sie der Gesellschaft nicht zumuten zu können, auch wenn sie nachweislich gar nicht mehr ansteckend waren. Das ging anscheinend so weit, dass Leprakranke, welche die Kliniken hatten verlassen dürfen, zurückkehrten, weil sie die Anfeindungen außerhalb der Kliniken nicht ertragen konnten. Zu diesem Thema gibt es auch einen lesenswerten Roman: Jeff Talarigo, Die Perlentaucherin.)

Der beste Ex der Welt will sich mit mir treffen. Ich habe kein gutes Gefühl dabei, denn der beste Ex der Welt gehört zu einer Risikogruppe. Deshalb bin ich fast erleichtert, als einen Tag vor dem Termin die Nase läuft und der Hals kratzt. Beides nur ein wenig, aber genug, um das Treffen abzusagen.

Frau Croco und ich sind anscheinend die einzigen, die zur Zeit nicht mehr backen und kochen als sonst. Genau wie ohne Corona muss ich meine acht Stunden am Schreibtisch verbringen und telefonisch erreichbar sein. Das geht schlecht, während ich mit Hingabe rühre. Allenfalls werfe ich in ruhigen Zeiten zwischendurch die Waschmaschine an oder wische Staub auf dem Regal neben dem Schreibtisch. Abgesehen davon kann ich nur einkaufen, was ich tragen kann, und Backzutaten hatten – man möge es mir verzeihen – keine Priorität.

Da ich aber zur Zeit noch Urlaub habe und es gerade einmal nicht regnet, gehe ich an die frische Luft. Auf der Theresienwiese ist am frühen Nachmittag wenig los. Ein paar Skater, ein paar Jogger und ein Grüppchen, das Passanten zum Kunstgenuss zwingt, indem es die Musik so laut dreht, dass man sie bis fast ans andere Ende der Wiese hört. Rundum duften Linden, außerdem blühen Kamille, Kornblumen und Mohn. Ich hatte die Hoffnung, diesen Sommer roten Klatschmohn zu sehen, schon fast aufgegeben.

Der rumänische Bettler ist zurück. Wir lachen uns an, verständigen können wir uns immer noch nicht.

Entschuldigen Sie bitte, dass ich derzeit nur auf wenige Kommentare antworte. Das ist nicht böse gemeint. Ich freue mich über Ihre Kommentare und Lebenszeichen, bin aber derzeit etwas mitgenommen.

Im Home Office kann ich eigentlich meine geflickten Hosen tragen, oder? Der Wäschekorb steht neben dem „Arbeitsplatz“, notwendige Unterlagen liegen auf dem Bett, der Computer hat seinen Platz auf der alten Kommode meiner Großmutter gefunden, deren Platte sich nach vorne ziehen lässt. Alles andere als ergonomisch korrekt, aber mein Rücken ist ja dank Flamenco aus Eisen.

Ich hole meinen Bankauszug ab und drehe eine Runde durchs Viertel. Frische Luft und Sonne. Vor dem geschlossenen Hotel welkt die Blumendekoration vor sich hin. Der Schuhmacher hat ebenfalls geschlossen. Vor der Bäckerei steht der Inhaber und raucht eine Zigarette. Ich bemerke, dass mich der Geruch von Bärlauch anwidert.

Zu Hause storniere ich meine Bahnfahrkarten.

Schön war’s, und nichts für ungut.

Ich sortiere mich neu. Meinen Twitter-Account wird es in 2020 voraussichtlich nicht mehr geben. Twitter tut mir eigentlich schon seit Längerem nicht mehr gut. Sicher werde ich viele Twitter-Menschen vermissen.(Ihr seid mir hier im Blog aber immer herzlich willkommen, und E-Mail habe ich ja auch.)

Das Blog wird wohl bleiben, aber möglicherweise etwas anders als bisher. Auch hier muss ich mich erst einmal wieder sortieren, hoffentlich Neues entdecken und vielleicht am Ende doch wieder zum Bekannten und Bewährten zurückkehren.

Allen Lesenden wünsche ich alles Gute für 2020 und darüber hinaus.

(Einen ordentlichen Jahresrückblick, wie sich das in Kleinbloggersdorf gehört, habe ich also auch dieses Jahr nicht hinbekommen. Ich kann’s einfach nicht.)

Haltestellenblues

Sogar die örtlichen Verkehrsbetriebe wissen inzwischen, dass die an den Bushaltestellen ausgehängten Fahrpläne nicht eingehalten werden (können?). Deshalb gibt es in unserer kleinen Stadt elektrische Anzeigetafeln, auf denen die (angeblich) tatsächliche Ankunftszeit zu lesen ist. Sie erreichen also „Ihre“ Haltestelle und freuen sich, dass Ihr Bus schon in sechs Minuten kommt. Nach ungefähr zehn Minuten soll die Wartezeit nur noch drei Minuten betragen, dann eine, dann null, nach weiteren vier Minuten erhöht sich die Wartezeit wieder auf acht Minuten. Gekommen ist  in der Zwischenzeit kein Bus, nicht einmal ein unbeleuchteter  – also einer, der entweder einen Schaden hat oder unterwegs aus Zeitgründen ein paar Haltestellen auslässt – fuhr vorbei. Sie sind nun neugierig, außerdem wissen Sie ja schon, dass die angezeigte Wartezeit reine Fantasie ist, also warten Sie ab, was sonst noch passiert. Die Tafel zeigt nun gar keine Minuten mehr an, sondern schwafelt nur noch etwas von „Verkehrsaufkommen“ und „Verspätungen“. Nach weiteren zwanzig Minuten beschließen Sie, nach Hause zu laufen, was theoretisch noch einmal zwanzig Minuten dauert. Praktisch können Sie nun aber auf dem Heimweg einkaufen gehen; so hat alles sein Gutes. Es überholt Sie übrigens auf dem Heimweg kein Bus. Vielleicht sind Busse ganz abgeschafft worden? Nur die Anzeigetafeln blinken vor sich hin, und ich stelle mir vor, wie gelangweilte Angestellte in der Zentrale so etwas wie Haltestellendomino spielen, also die Anzeige an einer Haltestelle willkürlich und bewusst ändern, wodurch sich an allen Knotenpunkten ebenfalls die Anzeige ändert, was zu Verwerfungen bis in die Außenbezirke führt.

Dabei können Sie noch froh sein, dass Sie nicht mit der S-Bahn fahren müssen, wie die geschätzte Frau Blognachbarin Mitzi Irsaj.

Haltestellentheater

(Dieses Theaterstück wird an der Haltestelle Kapuzinerstraße Richtung stadtauswärts mindestens einmal wöchentlich aufgeführt. Der Eintritt ist frei.)

Ortsfremde_r:  Wo muss ich einsteigen, wenn ich zum Hauptbahnhof will?

Anwohner_in: Auf der anderen Straßenseite, gleich hier gegenüber.

O: Aber man hat mir gesagt, ich muss hier einsteigen, wenn ich zum Hauptbahnhof will.

A: Sie können natürlich hier einsteigen, dann kommen Sie auch zum Hauptbahnhof. Das ist eine Ringlinie. Aber es dauert  von hier aus vierzig Minuten. Wenn Sie an der Haltestelle gegenüber einsteigen, dauert die Fahrt zehn Minuten.

O: Aber mir hat man gesagt, dieser Bus fährt zum Hauptbahnhof!

A: Warum fragen Sie mich eigentlich, wenn Sie es ohnehin besser wissen?

(Noch besser wird es, wenn die Ortsfremden zum Ostbahnhof wollen. Da haben sie nämlich drei Möglichkeiten, einmal mit der besagten Ringlinie in beiden Richtungen – ich weiß auch da, wie herum es am schnellsten geht – und einmal durch die Innenstadt, letzteres mit noch horrenderen Verspätungen. Aber mir glaubt ja ohnehin keiner.)

 

Winter

Kalt ist es geworden, der Winter ist da, wenn auch etwas später als hierzulande üblich. Mit ihm sind die dramatischen rot-blauen Sonnenaufgänge zurückgekommen. Beim geschätzten Blognachbarn am See hat es schon geschneit. Die Menschheit teilt sich in solche, die sich auf Weihnachten freuen und solche, für die es der blanke Horror ist. Ich kenne beides. Früher war der Advent in meiner Familie eine schlimme Zeit voller Sorgen und Streit.

Die Familie plant die alljährliche vorweihnachtliche Fahrt ins Elsass. Ich habe eigentlich keine Lust, aber der Frau Mutter ist es ein Herzensanliegen. Inzwischen ist sie so alt, dass jedes Weihnachtsfest das letzte sein könnte.

Ich schmücke einen Adventskranz mit weißgoldenem Band und stecke die vor Jahren von meiner Mutter für irgendeinen Basar gebastelten (und übriggebliebenen) Fröbelsterne mit Nadeln hinein. Das hält, weil der Körper des Kranzes aus Stroh ist. Rundherum stelle ich kleine Gläser mit Teelichten. In die Mitte kommt ein Keramikherz, ebenfalls ein Basarüberbleibsel.

Fürs Büro backe ich Zitronenherzen und Zimtsterne. Keine Bethmännchen dieses Jahr, die mache ich für die Familie. Für Zimtsterne braucht man Zimt. Wie jedes Jahr fällt mir das erst kurz vorm Kneten des Teigs ein. Ich habe Zimt, ich habe immer Zimt, nur wo? Während ich mich – wie jedes Jahr –  frage, ob Curry vielleicht auch geht, fällt mein Blick auf ein unscheinbares Töpfchen ganz hinten im Küchenschrank. Das werte Kollegium muss also doch keine Currysterne essen.

Bald muss ich die Pflanzen auf dem Balkon abdecken. Noch blühen Astern, Bartnelken und Nachtschatten.

Und dann

Und dann wieder einmal diese Wut, die im Bauch explodiert, weil sie nicht herauskommen darf. Der feste Vorsatz, keine Zugeständnisse mehr zu machen. Zu gewinnen gibt es ohnehin nichts mehr, zu verlieren nichts, worauf ich noch Wert lege. Man wird mich nicht gerecht behandeln, egal, was ich tue. Also tue ich nicht, zumindest nicht mehr als das, wozu ich verpflichtet bin.

Ich kann viel verzeihen, aber keine Lügen.

Frau Nachbarin

Frau Nachbarin klingelt, während ich noch die auf dem Heimweg eingekauften Lebensmittel wegräume. Sie backt einen Kuchen und ihr fehlen zwei Eier. Ausnahmsweise habe ich tatsächlich Eier gekauft – zum Glück, denn die temporäre Abwesenheit von Mehl, Zwiebeln und sehr speziellen Putzmitteln hat mir schon mehr als eine hochgezogene Augenbraue eingebracht. Vorratshaltung ist nicht meine Stärke, und zum Putzteufel fehlt mir der nötige Ernst.

Während ich die Eier hole, sieht sie sich um. Ich wünschte, ich könnte sagen, ihr Blick habe Bände gesprochen, aber im Grunde sagte er nur ein einziges Wort, das aber höchst akzentuiert: Lie.der.lich!

Der Stein des Anstoßes sind Kaffeetasse und Müeslischüssel, die ich am Morgen in der Eile des Aufbruchs auf dem Esstisch stehen ließ. Mit gerümpfter Nase entfernt sie sich, und im Interesse einer guten Nachbarschaft verkneife ich mir den Hinweis, dass ich vielleicht nicht gerade Hausfrau des Jahres bin, aber zumindest Eier kaufe, bevor ich anfange, den Teig herzustellen.

Am Abend bügele ich Taschentücher und bin froh, dass Frau Nachbarin meine Taschentuchschublade nur von außen kennt. Ein zerschlissenes Männertaschentuch mit einem Monogramm, das nicht meines ist, liegt dort über Heiligenbildern aus Spanien und unter feinen alten Spitzentaschentüchern. Früher lag da noch eine Batschkapp, ehemals typische Kopfbedeckung des Frankfurter Kleinbürgers, aber da sind die Motten hineingekommen.