Der Sog

Frau Lakritze wünscht sich Geschichten. Kann sie haben, aber leider habe ich gerade keine bessere als diese hier.

Logo erzähl mir eine Geschichte

Alles rächt sich, früher oder später. Das muss man wissen, wenn man Böses tut oder Böses wünscht.

Es begann damit, dass der Wasserkessel pfiff, obwohl die Herdplatte nicht eingeschaltet war. Anderntags fiel im Bad eine Flasche mit Putzmittel um. Im Bad war niemand, und die Fläche, auf der die Flasche gestanden hatte, war vollkommen eben.

Nachts wachte ich von Schritten auf, aber außer mir war kein Mensch in der Wohnung. Mitunter hatte ich beim Einschlafen das Gefühl, jemand beuge sich über mich. Mehrmals stand ich auf und überprüfte alle Türen und Nebenräume. Ich schloss sämtliche Küchenmesser über Nacht ein.

Dinge wurden verräumt oder verlegt, aber das schrieb ich anfangs noch meiner Geistesabwesenheit oder Schlamperei zu. Anfangs. Ich begann, peinlich genau Ordnung zu halten, mir bewusst zu merken, wo ich diesen oder jenen Gegenstand abgestellt hatte. Ich führte ein Tagebuch, machte mir Notizen zu Alltagsdingen. Wann die Wäsche gewaschen, den Teppich gereinigt, die Fahrkarte gekauft? Was gehört, gesehen, gerochen?

Die Wahrnehmungen beschränkten sich schließlich nicht mehr nur auf die Nacht. Am helllichten Tag spürte ich einen Atem im Nacken, hörte jemanden sprechen, aber wenn ich mich umwandte, war niemand da. Manchmal schien jemand nach mir zu rufen, zu greifen, mich in die Tiefe ziehen zu wollen. In die Tiefe, auf die andere Seite, ins Dunkle. Einmal sah ich für einen kurzen Augenblick sogar ein Gesicht, das im Zusammenhang mit den Wahrnehmungen stand. Angezogen, angesogen, machte ich einen Schritt auf das Gesicht zu, da verschwand es.

Angst hatte ich nicht. Was geschehen musste, würde geschehen. Es wartete, wie auch ich, auf den richtigen Moment.

Es gibt Schuld durch Unterlassen. Schuld durch Wegsehen. Schuld durch Schwäche, durch Unentschlossenheit. Schuld durch den Wunsch nach Vergeltung. Die Hand, die man bewusst nicht rührt, obwohl man es könnte. Dieser Gedanke: “ So mag er fallen.“ Paul Bowles hat ihn gedacht, aber das tut nun auch nichts mehr zur Sache.

Jemand sitzt auf dem Balkon, ich weiß nicht, ob Mann oder Frau, aber wohlgesonnen ist er (oder sie) mir nicht. Ich stehe auf, gehe die wenigen Schritte und öffne die Tür.

Es ist da. Sie ist da.

08.12.2019 Sonntagssachen gemacht

An einen See gefahren, der silbern in der Sonne lag. Eineinhalb Stunden spaziert. Mich gefreut, dass mir am See jetzt alles vertraut ist. Auf dem Nikolausmarkt, der in diesem Jahr nicht verregnet war, eine Leberkässemmel gegessen und grüne Socken beim Katholischen Frauenbund gekauft. Leider sind die Socken alles andere als fotogen und die Leberkässemmel schon weg, deshalb gibt es heute keine Fotos. Um drei Uhr nachmittags bei schon sinkender Sonne mit dem Zug nach Hause gefahren.

 

43. Woche

Der Zug zum See um 8 Uhr ist entsetzlich voll. Die echten Wanderer, so scheint mir, wechseln jedoch bald in den Wagen nach Bayrischzell, nur solche Dilettantinnen wie ich steigen in Gmund aus. Der Herbst leuchtet, der Wanderweg ist kaum genutzt, nur auf dem befestigten Teil schwirren von Zeit zu Zeit E-Bikes vorbei. Ich mag diesen Weg wegen der abwechslungsreichen Landschaft und der geringen Steigungen. Es gibt dort eine Stelle, an der man weit übers Landschauen und Raubvögel beobachten kann. In Antenloh mache ich eine Pause und gehe dann weiter Richtung Grund. Hinter den Waldhöfen kommt mir eine Kutsche entgegen und erinnert mich an die Zeit, als ich „Ferienkind“ auf dem Hof eines Großonkels war. Der Himmel zieht sich zu, als ich den Rückweg antrete.

Am Abend auf Twitter viel Unvernunft, aber auch viel Trauer; bei mir nach wie vor Zwiespalt. Blognachbarin Xeniana schreibt anderswo vom „Kartenhaus als Überlebensstrategie“, das schließlich zusammengebrochen sei, und das ist wahrscheinlich das Klügste, was ich zu dem Thema gelesen habe. Die Vertrauensseligkeit scheint sich in meiner Familie übrigens zu vererben: seinerzeit hielt mein Vater Günter Guillaume, den er zu kennen glaubte,  für einen integren Menschen.

Meine steinalte Waschmaschine scheint in den letzte Zügen zu liegen. Da freut man sich über eine kürzlich erhaltene Steuerrückerstattung, denn Reparatur oder schlimmstenfalls eine neue Maschine werden nicht ganz billig.

Auf dem Weg vom Büro nach Hause sehe ich eine Dame, die in Kleidung und Auftreten dem Klischee „Ehemalige Chefsekretärin“ entspricht, und in jeden Mülleimer hineinschaut, ob da nicht etwas Nützliches zu finden sei. Verdeckte Altersarmut.

Der Kollege wird der sexuellen Belästigung einer Auszubildenden beschuldigt. Wenn die Dinge sich so abgespielt haben, wie er sagt, dann war es in meinen Augen eine flapsige Bemerkung und eine Dummheit, aber ohne böse Absicht. Ich bin mir nicht sicher, ob es immer nötig ist, „Feuer!“ zu schreien, wenn eine nicht allzu helle Kerze brennt.

Gelesen: Irgendwann zwischendrin und vermutlich parallel zu etwas anderem: Margaret Atwood, The Testaments. Ich habe aber wohl vergessen, es zu erwähnen. Ich weiß also nicht mehr, wann das war. Ansonsten lese ich stückchenweise ein bereits in der vorigen Woche begonnenes Buch weiter. Daneben Zeitschriften, Zeitung und sehr viel (zu viel) Internet.

Gehört:

Un falsito testimonio

Im Netz gefischt:

Warum keine Notunterkünfte, die auch am Tag geöffnet sind? (via @thomas_gutsche auf Twitter)

Tabucchis Lehrer

38. Woche

Am Sonntagmorgen wandere ich. Von Gmund über Kaltenbrunn und Holz nach Bad Wiessee, vorbei an einem Kapellchen, auf dessen Außenwänden Helden der Lyrik diverse historische Ereignisse rezensiert haben. Was ausgelassen wird, ist ebenso interessant wie das, was erwähnt wird. In Bad Wiessee nehme ich ein Schiffchen nach Tegernsee, von dort spaziere ich über den Höhenweg zurück nach Gmund. Die ersten Blätter werden gelb oder auch rot, das letzte Heu wird gemacht; träges Vieh hat sich den ganzen Sommer über den Bauch vollschlagen dürfen. Die Holzeralm hätte ich dieses Mal sicher geschafft, aber ich hatte andere Pläne. Oktober ist auch noch ein Monat, und die Alm läuft nicht weg.

Der Stand der Damenwäscheverkäuferin ist sicher von Gott als eine Geißel der  Menschheit geschaffen worden. Ich scheine eine Reihe körperlicher Mängel zu haben, von denen ich bisher nichts wusste. Sie wurden mir, da können Sie sicher sein, nun vor Publikum in ihrer Gänze aufgezählt. Dabei wollte ich doch nur einen BH ohne Bügel. Den ich nun – Förderung des stationären Einzelhandels hin oder her – im Internet bestellen werde. Übrigens habe ich den stationären Einzelhandel dann doch noch durch den Kauf eines Nachthemds gefördert. Das muss für dieses Mal reichen.

Die Busse üben schon für den Oktoberfestfahrplan, der da lautet:

Bus kommt mit Verspätung – kommt vielleicht – kommt gar nicht.

Das eine Ende meiner Straße hat sich diesen Sommer fast zu einem Szene-Viertelchen entwickelt. Im Septemberabendlicht gehe ich nach meinen Spätdiensten an der langen Friedhofsmauer entlang. Efeubehangene Bäume ähneln aus diesem Blickwinkel Zeige- oder gar Mittelfingern.

Wenn es stimmt, was ich vermute, habe ich mir eine Sehnenscheidenentzündung zugezogen. Ich werde wohl die Kastagnetten eine Weile ruhen lassen.

Gelesen: Miriam Toews, Ein komplizierter Akt der Liebe

Im Netz gefischt: 

Ich jammere hier ja immer herum, dass ich es nicht einmal schaffe, alle Blogs auf meiner Blogroll zu lesen. Trotzdem möchte ich Ihnen das Chaosqueenlein ans Herz legen. Sie ist Rettungssanitäterin und Medizinstudentin, aber sie ist auch Patientin.

Frau Kapitän auf dem Tegernsee.

Klaus vom Podcast „Klausgesprochen“ hat eine meiner Geschichten gelesen. Wenn einem der eigene Text vorgelesen wird, ist das schön und seltsam zugleich. Vielen Dank, Klaus!

Der blaue Brief

Am Abend meines 75. Geburtstags genehmige ich mir eine Tasse heiße Milch mit Honig, obwohl der Verzehr tierischer Produkte inzwischen verpönt ist. Milch, Käse und Joghurt sind rationiert, Fleisch ganz verboten. Die Pflicht zur gesunden Lebensweise und die moderne Medizin haben viele Krankheiten fast ausgerottet, nur gegen Husten und Schnupfen scheint kein Kraut gewachsen zu sein. Die Alten, denen ja nicht mehr viel Zeit bleibt, behandelt man mit etwas mehr Nachsicht und drückt ein Auge zu, wenn sie auf dem Schwarzmarkt um ein paar zusätzliche Tassen Milch handeln.

Der blaue Brief ist noch nicht gekommen. Übrigens wird der Umschlag nicht blau sein, sondern amtliches Hellgrau. Auf E-Mails verlässt man sich in dieser Angelegenheit nicht. Andere Kommunikationsmethoden haben sich als noch weniger zuverlässig erwiesen. Ich erinnere mich an die blauen Briefe, von denen mir meine Großmutter erzählt hat. Die waren auch nicht blau, sondern hellgrün. Darin stand, die Versetzung der Schülerin sei gefährdet. Diese blauen Briefe hat es schon zu meiner Schulzeit nicht mehr gegeben. Jedes Kind lernte in seinem eigenen Tempo, so etwas wie Versetzung in die nächste Klasse gab es nicht, und deshalb gab es auch keine Sitzenbleiber mehr.

Man lässt den Menschen ein paar Wochen Zeit und „verlegt“ sie nicht sofort nach Vollendung des 75. Lebensjahrs. Sie sollen noch einmal Geburtstag feiern dürfen, mit veganem Kuchen und Sahne, die einen leichten Beigeschmack nach Mottenpulver hat. Ich habe meinen Geburtstag schon lange nicht mehr gefeiert. Eine Familie habe ich  nicht, meine Freundinnen sind tot oder schon vor vielen Jahren „abgeholt“ worden.

Nach einigen Wochen, wenn damit zu rechnen ist, dass wieder Routine eingekehrt ist, kommt der Brief. Tag und Stunde kennt man nicht. Nur Großeltern bekommen auf Antrag ihrer leiblichen Kinder mitunter etwas mehr Zeit, sofern sie gesund und ihre Enkel noch nicht volljährig sind.

***

Der Brief ist da. Ich öffne ihn sofort. Man teilt mir mit, wann und wo ich mich zur „Verlegung“ einzufinden und was ich mitzubringen habe. Ein Nachthemd, Wäsche zum Wechseln, Zahnbürste, Kamm etc. Es sei mit einigen Tagen Wartezeit zu rechnen, denn ich gehöre einem geburtenstarken Jahrgang an. Medikamente seien nur erlaubt, wenn sie zur Linderung akuter Beschwerden verschrieben wurden. Die „Behandlung“ selbst werde vollkommen schmerzlos sein.

Meine Angelegenheiten sind geordnet, wie die Angelegenheiten einer jeden Staatsbürgerin. So verlangt es das Gesetz, und die Behörden wachen darüber. Seit meiner Verrentung vor fünf Jahren habe ich jedes Jahr mindestens drei Briefe erhalten, in denen mir mitgeteilt wurde, was ich abzugeben und welche Gebühren ich für die Ordnung meiner Angelegenheiten zu bezahlen hätte. Sozialarbeiterinnen erschienen zu  angekündigten Terminen und kontrollierten die Erfüllung meiner jeweiligen Verpflichtungen. Sie teilten mir mit, dass ich im Alter ja immer weniger Dinge benötige, und so besitze ich kaum noch etwas. Da ich keine Erben habe, wird das wenige Vorhandene an den Staat fallen, sobald ich „verlegt“ wurde. Ich hoffe nur, dass sie die verbotene Literatur, die ich in meinem wuchtigen Sessel versteckt habe, erst nach der „Behandlung“ finden. Repressalien wegen unangemessener Lektüre so kurz noch vor dem Ende wären sehr unangenehm. Auch die Tagebuchnotizen nähe ich nun in die Sesselpolster ein. Einen Sessel gesteht man den Alten zu. Dazu ein Bett, zwei Stühle, einen Tisch, ein paar Regalbretter. Ein Notebook steht jedem Haushalt kostenlos zur Verfügung. Blumentöpfe auf der Fensterbank sind geduldet. Da, wo ich nun hingehe, werde ich nicht einmal das haben.

***

Der Bus kommt. Der Tag der „Verlegung“. Wir sind etwa vierzig alte Frauen. Die Männer werden getrennt von uns transportiert. Eine Sozialarbeiterin begrüßt uns fröhlich und spricht uns Mut zu. Sie informiert uns über den Ablauf der „Verlegung“ und der „Behandlung“. Mein Nachname beginnt mit einem Buchstaben am Ende des Alphabets. Ich werde also drei oder vier Tage auf meine „Behandlung“ warten müssen. Bis dahin wird es mir an nichts fehlen. Beruhigungsmittel sind verfügbar und werden nach Rücksprache mit dem Arzt von den Pflegenden ausgegeben. „Sollten Sie sich noch nicht verabschiedet haben, werden Sie Gelegenheit haben, E-Mails zu schreiben oder zu telefonieren.“ sagt die Sozialarbeiterin. Nachdem sie sich vergewissert hat, dass wir alle unsere Wohnungsschlüssel abgegeben haben, fährt der Bus los. Ein letztes Mal fahre ich über Land.

***

Ich bekomme ein helles Einzelzimmer. An der Tür hängt der Plan mit den wenigen Terminen, die ich noch habe. Essenszeit, Schlafenszeit, Fernsehzeit. Eine ärztliche Untersuchung, ein Gespräch mit einer Sozialarbeiterin über die letzten zu regelnden Dinge. Ich entscheide mich für eine Plakette mit meinem Namen, Geburts- und Sterbedatum. Geburtsort und Sterbeort. Für den Fall, dass Du die Flucht überlebt hast. Für den Fall, dass es eine Befreiung geben wird. Damit Du weißt, wie lange ich gelebt habe und wo ich gestorben bin. Falls Du mein Grab suchen und finden wirst. Falls Du noch am Leben sein wirst, wenn die Befreiung kommt.

Die Plakette für die Urne kostet extra. Eine kleine Summe, aber doch eine Summe, die der Verwaltung entgehen wird. Die Sozialarbeiterin versucht, mich von der Unnötigkeit einer solchen Plakette zu überzeugen, aber ich lasse nicht mit mir handeln. Ich kann es mir leisten. Andere können keine Ansprüche stellen.

Am Abend verabschieden wir uns von denen, die am nächsten Morgen fort sein werden.

***

„Da waren’s nur noch zehn.“ sagt meine Zimmernachbarin. Eine der zehn schlägt vor, dass wir einander zum Abschluss Gedichte vortragen. Gedichte sind verpönt, und wir sind wohl die letzte Generation, die noch Gedichte kennt. Trotzig rezitieren wir Goethe, Shakespeare, Domin und andere „Verbotene“. Die Sozialarbeiterinnen lassen uns gewähren. Morgen werden wir nicht mehr da sein, und die Alten bäumen sich gegen Ende immer noch einmal auf. Wir umarmen einander. Dann gehen wir schlafen.

Wir werden nicht mehr aufwachen.

32. Woche

Statt eines Wochenmäanders eine Geschichte aus den Dörfern hinter dem Wald:

In einem Dorf, sehr weit entfernt von der Welt, wie wir sie kennen, lebten einst zwei Cousinen. Die eine war dunkel und schweigsam wie ein Wald, die andere aber glitzernd wie ein Bächlein, das über Steine springt. Beide mussten in lieblosen Ehen leben, und beide verliebten sich in verheiratete Männer. Eine Zeit lang oder auch ab und zu wurden sie beide geliebt, aber natürlich ist die Liebe außerhalb der von Sitte und Anstand gesetzten Grenzen in den Dörfern nicht gerne gesehen. Die dunkle Cousine leugnete die Vorwürfe nicht, denn sie waren ja wahr. Sie gab jedoch zu bedenken, dass ein Handeln wie ihres in den Dörfern nicht ungewöhnlich sei und dass die Nachbarn besser vor ihren eigenen Türen kehren möchten. Die Glitzernde aber klagte den Nachbarn ihr Leid, das sie ja größtenteils – genau wie die Dunkle – selbst über sich gebracht hatte. Dabei vergaß sie nicht, anzudeuten, dass ihre Cousine die größere Sünderin sei und sie selbst nur ein armes verführtes Menschenkind. Froh über eine derart eindeutige Situation bestrafte das Dorf die Dunkle, wie nur Dörfer strafen können. Der Glitzernden verzieh man. So geht es zu in den Dörfern hinter dem Wald, und vielleicht auch anderswo, wer kann das wissen? Was wir aber wissen: wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.

Ein bisschen Werbung für Twitterbruder @SolTight: Gehört habe ich diese Woche zumindest die ersten dreißig Minuten hiervon.

Im Netz gefischt: Familie Fundevogel  beim CSD.

Simone in Weimar.

Aus den Karpaten.

Wiedergelesen: Kishwar Desai, The Sea of Innocence

Fertiggelesen: Kenah Cusanit, Babel

21. Woche

Das Maßhalten werden wir in den nächsten Jahren wieder lernen müssen. Weniger Auto, weniger Fleisch und Fisch, weniger Wohnraum. Unsere Unvernunft und die Ausbeutung des Planeten und seiner Geschöpfe auf das absolut notwendige Minimum zurückfahren.

Für den Urlaub kaufe ich einen Badeanzug mit Beinchen. So schön wie der von Frau Lakritze ist er allerdings nicht. Aber er hat Beinchen.

Da es so scheint, als werde das schöne Wetter nicht allzu lange halten, fahre ich zum See und spaziere auf meinem Lieblingsweg von Agatharied nach Gmund. Ich sehe einen Bussard, ein Rotschwänzchen, eine Mehlschwalbe, einen Distelfink(?) und vier Aurorafalter. Der Feuerwehrmann warnt vor schlechtem Wetter am Nachmittag und beschwert sich über die Unzuverlässigkeit hundertjähriger Kalender.  Die Wiesen blühen, die Sonne brennt und ich überquere gleich zwei Kuhweiden. Nicht absichtlich, aber der im vorigen Jahr vom Feuerwehrmann empfohlene Weg führt genau da entlang. Die Rindviecher schauen mich zwar wieder an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank, aber da sie gerade beim Verdauen sind, überquere ich beide Weiden ohne Kuhhörner im Rücken. Eventuell höre ich im Wald eine ausgebüxte Kuh ohne Glocke oder aber einen Hirsch. Ich sehe aber nicht nach.

Auf meinem Balkon blüht der Thymian. Ich rette ein paar nützliche, aber anscheinend mäßig intelligente Insekten vor einem frühen Tod, indem ich sie mit Hilfe eines Glases und einer Karteikarte wieder aus der Wohnung bugsiere. Hinein kommen sie immer irgendwie, aber dann finden sie den Ausgang nicht mehr.

Es regnet. Ich verwerfe einen Text für eine Blogparade. Und beschließe wieder einmal, mein Leben außerhalb des Internets streng von meinen Internetaktivitäten zu trennen.

Es regnet weiter. Ich sage mir, dass weniger mehr ist und gehe bis auf weiteres  nur noch einmal die Woche zum Flamencotanzen. Die Chancen, dass ich in meinem Alter noch beim Spanischen Nationalballett engagiert werde, sind vergleichsweise gering, also kann ich es auch ruhiger angehen lassen.

Die Isar tritt über die Ufer. Majestätisch und unbeeindruckt schwimmen Schwäne über die Wiese.

In meinem Portemonnaie befindet sich eine neue Plastikkarte. Sie stellt die moderne Version meiner Jahreskarte für den hiesigen ÖPNV dar und ist – entgegen den Angaben auf der Website des hiesigen ÖPNV-Anbieters – schon seit dem 1. Mai 2019 gültig. Da ich den Kontrolleuren und -eusen zutraue, sich doch eher an die Angaben auf der Website zu halten, führe ich das Schreiben, das die tatsächliche Gültigkeit bestätigt, stets mit. Heute morgen stellte sich jedoch ein ganz anderes Problem. Das Kontrollpersonal hat tatsächlich schon die Lesegeräte für die neuen Karten, nur brauchen die Geräte eine Internetverbindung, um lesen zu können. Die war heute morgen in der U-Bahn recht wacklig, wie es schien, und so las das Gerät gefühlt fünf Minuten an der Karte herum, bis Herr Kontrolleur schließlich erleichtert „Zone 1-3“ seufzen konnte.

Gelesen: immer noch Martin Mosebach, Westend.  (Mosebach erzählt so gemächlich, dass man sich beim Lesen dem langsamen Tempo anpassen muss.)

Juna über Judentum und Aneignung.

Frau Fundevogel über schwärmende Bienen.

Gehört: Brass Banda (allerdings weiß ich nicht, wie der Milchpreis gerade steht)

 

 

Ein Samstag im April

alltag-001-2018

Um drei Uhr wache ich auf. Das sind fünf Stunden Schlaf und damit schon besser als in der Nacht davor. Da habe ich nur dreieinhalb Stunden geschlafen. In den letzten zwei Jahren hatte sich eigentlich ein Rhythmus eingependelt, der so ging: erstes Einschlafen gegen 22 Uhr, aufwachen gegen drei, eine Stunde lesen,  aufräumen oder im Internet herumsandeln, dann wieder schlafen. Das erste Einschlafen geht leicht, aber der Punkt „dann wieder schlafen“ macht mir seit einiger Zeit zu schaffen. Es ist ja nicht so, dass ich um vier hellwach wäre. Ich bin quälend und nervenzerfetzend müde, kann kaum geradeaus laufen oder einen kohärenten Satz schreiben.

Ich muss doch noch eingeschlafen sein, denn der Wecker reißt mich um sieben Uhr aus wüst-schönen Träumen. Draußen ist der Himmel grau, trotzdem singen Amseln um die Wette. (Oder brüllen herum, wie meine Schwester sagen würde.) Drei Löffel Müesli, vier Löffel Joghurt, anderthalb Espressi, aufgefüllt mit Milch. Duschen mit Haarewaschen, Proviant in den Rucksack, alles hopp-hopp, der Zug wartet nicht.

Auf dem Weg zum See sehe ich noch Schneeflecken in schattigen Waldwinkeln, aber als ich am See ankomme, strahlt und wärmt bereits die Sonne. Tatsächlich habe ich den See noch nie so schön gesehen. Der Wald ist frühlingsgrün. Es blühen Veilchen, Schlüsselblumen und noch eine andere wilde oder verwilderte Primelart, außerdem ein Pflänzchen, das ich nicht kenne und das aussieht wie eine sehr kleine Anemone. In den Dörfern werfen Forsythien ihre feurig-gelbe Schönheit in den Himmel. Die ruhigeren Magnolien aber sehen aus, als habe man sie auf zartblauen Stoff gestickt. Am schönen Hof hat jemand die ehrenvolle Aufgabe, Wurzelstöcke zu zerkleinern. Das ist keine Sinekure, und mein fröhliches „Grüß Gott“ wird etwas säuerlich beantwortet. Die Berge am anderen Ufer erscheinen mir höher als im vergangenen Jahr, obwohl das ja nicht sein kann und ich meinen Aussichtspunkt nicht niedriger gewählt habe als sonst. Ich wandere kurz oder spaziere lange, je nachdem, wie Sie das sehen wollen.

Weil aber auch noch Flohmarkt ist, beeile ich mich und gehe Abkürzungen. Auf dem Flohmarkt lockt mich erst ein Emaillesieb,  aber dann entscheide ich mich für einen indischen Schal, der die ideale Größe für einen mantoncillo hat. Sollte ich noch jemals auf eine Flamenco-Bühne zurückkehren, hätte ich endlich einmal einen mantoncillo, der nicht zu kurz ist für meine 1,80 m. Ein mantoncillo ist ein kleiner, dreieckiger Schal, der über die Schultern gelegt wird und mit einer nicht zu auffälligen Brosche festgesteckt wird. Ist der Rockbund etwas zu weit, kann man den mantoncillo daran befestigen. Dann fungiert er als eine Art Hosenträger. Er kann Fransen haben oder einen kleinen Volant oder auch keines von beiden. (Diese Dame hier trägt einen sehr schönen mantoncillo.)

Am Nachmittag überfällt mich eine Gier nach Erdbeeren und Tomaten. Für beides ist es eigentlich noch zu früh im Jahr, trotzdem nehme ich den Bus zum Obst- und Gemüseladen und kaufe ein. Neben Erdbeeren und Tomaten erstehe ich noch eine Tüte italienisches Gebäck. Dann fahre ich mit der Straßenbahn ins Stadtzentrum und suche nach einem Buch, das gerade erschienen ist und das ich unbedingt lesen will. Im zweiten Geschäft finde ich es.

Auf dem Rückweg steige ich versehentlich in eine Wagen voller Polizisten und Fußballfans ein. Beide Gruppen sind ja meiner Erfahrung nach nicht für ihre guten Umgangsformen bekannt. Ich bin also froh, dass ich schon nach zwei Stationen wieder aussteigen darf.

Zu Hause angekommen, lege ich mich zum Lesen aufs Sofa, bis mir einfällt, dass ich ja noch etwas für Ulli schreiben muss.

Frau B und Fräulein A

Frau B, Mitte 50 und bis vor kurzem in einer Autobahnraststättenküche beschäftigt, ahnte nichts Böses, als sie die Küche des vage asiatischen Imbisslokals betrat. Fräulein A, vage asiatisch und irgendwo zwischen zwanzig und dreißig oder eher doch etwas darüber, ahnte sehr wohl Böses, als sie Frau B betrachtete, die  – vom Arbeitsamt gesandt – sich an diesem Tag um eine Stelle als Küchenhilfe bewerben sollte.

„Ich hoffe, Sie können wenigstens Reis kochen!“ zischte sie und deutete auf die dunkelste Ecke der Küche. „Natürlich!“ schnauzte Frau B und nahm ihren Arbeitsplatz in Augenschein. Was sie sah, gefiel ihr gar nicht: Küchengerätschaften, die sie nur vom Hörensagen kannte, Regale voller Gläser und Dosen, die auf eine Weise beschriftet waren, die sie verwirrte, und die noch dazu Dinge enthielten, die sie gar nicht kennen wollte. Und natürlich Fräulein A, die – klapperdürr und freudlos – auf keinen Fall eine fähige Köchin sein konnte. Unnötig zu sagen, dass Frau B den Reis absolut nicht zur Zufriedenheit von Fräulein A kochte. Ebenso unnötig wäre allerdings der Hinweis, dass Fräulein A mit ihrer Nörgelei sämtliche Küchenhilfen einschließlich einer schüchternen japanischen Studentin vertrieben hatte, wobei die ansonsten so schüchterne japanische Studentin zum Abschied eine Suppenkelle haarscharf am Ohr des Fräulein A vorbeisausen ließ. Auch schüchternen japanischen Studentinnen reißt irgendwann einmal der Geduldsfaden.

Einen einzigen Punkt gab es jedoch, in dem sich Frau B und Fräulein A einig waren: Sauberkeit und Ordnung. Beide betrachteten Präzision als unabdingbar für eine anständige Küche, und ohne Sauberkeit und Ordnung gab es keine Präzision. Frau B brachte eigenmächtig eine helle Lampe über ihrem Arbeitsplatz an. Fräulein A quittierte dies nur mit einer kaum hochgezogenen Augenbraue, denn sie wollte sich kein zweites Mal sagen lassen, dass man in ihrer Küche weder mit den Augen noch mit dem Hintern sehen könne. Fräulein A ließ Frau B die Schriftzeichen auf den Gläsern und Dosen mit den unabdingbaren Zutaten auswendig lernen. Um sicher zu gehen, dass Frau B sich nicht nur die Position der Behälter gemerkt hatte, mischte sie Gläser und Dosen mitunter neu, obwohl das natürlich etwas ist, was man in einer Küche besser nicht tut, denn Köchin und Küchenhilfe müssen blind ins Regal greifen  und sofort das richtige Gewürz in der Hand haben. Frau B hatte zwar Mühe, sich die laut Fräulein A einzig richtige Art des Reiskochens anzugewöhnen. Was sie aber fast sofort beherrschte, war die Verwendung der fremden Gewürze. Das wiederum war kein Wunder, denn Frau B stammte aus einer Gegend, in der Jahrhunderte zuvor zwei sehr unterschiedliche kulinarische Kulturen aufeinander getroffen waren. Aus diesem Zusammenstoß war eine gleichzeitig kräftige und raffinierte Küche entstanden, in deren Rezepten und Verfahren Frau B sich von Kindesbeinen an geübt hatte. Da Frau B Fräulein As Sprache und Schrift nicht kannte, wiederholte Fräulein A Zutaten und Rezepte immer wieder auf Deutsch, und Frau B tat gut daran, sich beides zu merken. In der Tat merkte sie sich diese Dinge so gut, dass sie Fräulein A vertreten konnte, als die wegen einer Operation mehrere Wochen ausfiel. Fräulein A hatte zwar insgeheim Albträume, denn Frau B war mitunter auf eine Art kreativ, die dem traditionsverbundenen Fräulein A gar nicht gefiel. Trotzdem waren, als Fräulein A wieder auf den Beinen war, sämtliche Stammgäste noch da. Dennoch unterband Fräulein A jegliche Freiheiten, die Frau B sich mit dem Menü herausgenommen hatte. Obwohl das Lokal nur vage asiatisch und sehr auf den Geschmack der einheimischen Bevölkerung ausgerichtet war, hatten Rindswürste dort nichts zu suchen, nicht einmal, wenn sie in hauchfeinen Streifen zu einer raffinierten Füllung verarbeitet worden waren. Nicht einmal, wenn es sich um die nachweislich besten Rindswürste des Landes handelte.

Herrn C hatten die Teigtaschen mit der Rindswurstfüllung geschmeckt. Aber Herr C war ohnehin ein Sonderfall. Jeden dritten Tag, außer am Wochenende, sah man ihn am zweiten Tisch am Fenster zur Straße sitzen. Das Fräulein A, das er seit Jahren ebenso innig wie hoffnungslos liebte, erlaubte ihm, die Bücher des Lokals zu führen, denn der klare Kopf, den sie in der Küche bewies, ließ sie angesichts einer Reihe von Zahlen im Stich. Auch Frau B wäre, was Zahlen betraf, alles andere als eine Hilfe gewesen. Eine von LKW-Fahrern aus aller Welt frequentierte Autobahnraststätte pleitegehen zu lassen, ist keine Kleinigkeit und konnte im Falle von Frau B nur mit einem völligen Mangel an mathematischem Verständnis erklärt werden. Herr C aber lebte für Zahlen, und deshalb betrachtete er die Aufgabe, die das Fräulein A ihm übertragen hatte, nicht als eine Aufgabe, sondern als Geschenk. Teil des Geschenks, und womöglich sogar der größere Teil, war natürlich das Lächeln, mit dem Fräulein A die auf Vordermann gebrachten Geschäftsbücher in Empfang nahm. Dieses Lächeln verwandelte das scharfzüngige Fräulein A in eine blühende Rose, jedenfalls in den Augen des Herrn C. Andere hätten die etwas schief stehenden Zähne des Fräuleins bemerkt, ihr leichtes Schielen oder die scharfen Falten um ihre Mundwinkel herum, aber für Herrn C waren ohnehin nur Primzahlen vollkommen. Auf dieser Welt war Fräulein A möglicherweise das lebende Wesen, das einer Primzahl am ähnlichsten war. Aber ach, die Primzahlen genügen sich selbst, wie auch das Fräulein A. Dachte das Fräulein A.

Herr C aber dachte anders. Herr C dachte, das Fräulein A gäbe eine gute Ehefrau und liebevolle Mutter ab. Er war wohl der einzige, der das dachte. Vielleicht ahnte Frau B auch so etwas, aber sie sagte es nicht. Das schroffe und scharfzüngige Fräulein A musste jedoch erst überzeugt werden, und sie hatte nicht die Absicht, dies geschehen zu lassen. Ich weiß nicht, ob es dem Fräulein A anfangs überhaupt bewusst war, dass Herr C um sie warb. Als er schließlich deutlicher wurde, lehnte sie rundheraus ab. Sie wollte nicht Frau C werden. Tatsächlich bestand sie auch mit über dreißig Jahren darauf, „Fräulein“ genannt zu werden. Der Begriff „Fräulein“ war die Fahne ihrer Unabhängigkeit, die sie stolz vor sich her trug. Frau B, obwohl gleichermaßen unverheiratet und unabhängig, fand das albern, aber auch das sagte sie nicht.

Kurz und gut, auch wenn ich mein verehrtes Publikum enttäusche: Fräulein A und Herr C heirateten nicht. Nie. Aber sie besuchten einander regelmäßig. Herr C sorgte dafür, dass die finanziellen und juristischen Verhältnisse des vage asiatischen Lokals etwaigen Anstürmen des Geschäftslebens gewachsen waren. Frau B investierte eine kleine Erbschaft, die ihr in jenen Jahren zufiel, und aus dem vage asiatischen Imbisslokal wurde ein gut geführtes chinesisches Restaurant, eines, das sogar von den chinesischen Familien des Ortes gerne aufgesucht wurde. Als Frau B das Rentenalter erreichte, war sie stille Teilhaberin. Herr C hängte ihr Foto – als Foto der „Chefin“ – im Gastraum auf. Das war Frau B zwar ein wenig peinlich, aber sie nahm es hin. Auch Fräulein A nahm es – klug, wie sie nun einmal war – hin. Die mütterlich wirkende Frau B war ein besseres Aushängeschild für das Restaurant als das primzahlartige Fräulein A, das war allen Beteiligten bewusst.

So lebten sie, das wollen wir doch hoffen, glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute. Aber die Geschichten, das muss man wissen, sind nie die ganze Wahrheit. Nicht einmal, wenn sie von viel besseren Menschen als mir erzählt werden. Oder zumindest von solchen, die sich dafür halten.