Auf dem Balkon grünt und knospt es. Der Dill hat sich zur Gruppe der Blühwilligen gesellt. Ich stelle das Paravent auf den Balkon und will eigentlich in seinem Schatten zu Mittag essen. Leider windet es so sehr, dass mir das (oder laut Duden auch: der) Paravent fast in den Teller fällt. Da ich die Gerätschaften zur Befestigung erst suchen müsste, trage ich den Teller wieder in die Wohnung.

Eine Kreuzung weiter haben Menschen eine „Piazza“ mit Büchertauschschrank, Pinnwand, Pflanzkisten und einem Behälter für Werkzeug zum Ausleihen gestaltet. Ich nehme zwei Bücher mit und lasse zwei andere da. In diesem Zusammenhang eine Bitte an die geneigte Leserschaft (obwohl ich nahezu sicher bin, dass Sie so etwas nie tun würden): Stellen Sie doch bitte keinen Ramsch, der besser in der Mülltonne aufgehoben wäre, in öffentliche Bücherschränke. Ein bisschen Hirn und Freude an Literatur dürfen Sie auch Menschen unterstellen, die Bücher tauschen wollen.

Am Abend ruft die R, eine Freundin und Kollegin, an. Wir tauschen uns aus über unsere Arbeit und unsere Arbeitgeber. Der R geht es gut, das war lange Zeit anders.

Um sicher zu sein, dass meine Abwesenheitsnotiz korrekt eingestellt ist, sende ich eine Testmail ans Büro. Dann kaufe ich ein, anders als während der vergangenen Wochen. Da ich frei habe und mich nicht an Präsenzzeiten halten muss, kann ich mir mehr Zeit zum Kochen nehmen. Also weniger Konserven, weniger Nudelsuppe. Zur Feier des Urlaubsbeginns leiste ich mir ein Eis.

Der Alte Südfriedhof entwickelt sich dank Regen zu einem Urwald. Ein Baum wird gefällt, deshalb muss ich auf Nebenwege ausweichen. Dabei stoße ich auf den Grabstein der Malerin Lina Foltz. Auf die Schnelle finde ich nur Informationen über deren Vater Ludwig Foltz. Der Download der bei MAGEDA vorhandenen Angaben ergibt nicht viel Neues. Demnach war sie eine Landschaftsmalerin. Das einzige bei MAGEDA genannte Bild ist eine Zeichnung mit dem Titel „Billardspieler“.

Ich trainiere ein bisschen im angemieteten Keller, allein und bei guter Lüftung. Nach fast viermonatiger Pause geht es besser als erwartet, aber nicht wirklich gut. Aber die Rückenschmerzen verschwinden und meine Laune hebt sich.

Was tue ich sonst in diesem Urlaub? Bücher lesen. Ab und zu einen schönen Film ansehen. Virtuell Museen besuchen. Bei Regen auf dem Balkon sitzen oder spazieren. Es könnte mir schlechter gehen. Mehr Meer wäre schön, aber nicht möglich.

Den Sonntagvormittag verfaulenze ich am Fenster und auf dem Balkon. Eine Frau im roten Anorak führt einen schwarzen Hund spazieren; eine weißbärtiger Mann rennt, um den Bus noch zu erwischen. Zwei Radwanderer mit Rucksäcken und Satteltaschen brechen auf. Es hat in der Nacht geregnet, die Straße ist noch feucht. Der neue WordPress-Editor gefällt mir gut. Für den Notfall, schnelle Korrekturen und wegen der Nostalgie bleibt mir noch WP-Admin.

Auf einem Blog, das ich aus Gründen nicht verlinke, schlimme Kommentare zum Thema „(mögliche) Depression“. Eine Depression schien mir immer ähnlich wie die Sünde des Dorian Gray, von der Oscar Wilde (sinngemäß) sagt: wer sie kannte, hatte sie begangen. Die erste depressive Episode erlebte ich mit fünfzehn, ein Jahr später las ich „The Picture of Dorian Gray“ in der Schule, und der oben erwähnte Satz traf mich wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Damals schwieg man über psychische Erkrankungen lieber.

Wieder unendlich viele Spamkommentare in wenigen Tagen. Ich schaue bei über einhundert Stück im Spamordner nicht mehr nach, ob vielleicht ein echter dazwischen gerutscht ist. Falls Sie auch WordPress nutzen: kommt bei Ihnen zurzeit auch so viel Spam an? Gibt es ein Mittel dagegen?

Am Nachmittag regnet es so stark, dass ich mir die Friedhofsrunde verkneife. Stattdessen trinke ich lieber ein Glas Wein auf dem überdachten Balkon. Der Wein kommt aus der Gascogne, der Heimat von „unserem Heinrich (noutre Henric)“. Sie kennen ihn als Henri IV, und er war ein Hugenotte (mehr oder weniger, er wechselte mehrmals die Konfession). Ich nähe einen weiteren Mundschutz – die Dinger machen mich wahnsinnig, mehr als einer pro Sonntag geht nicht. Außerdem wasche ich Wäsche, telefoniere mit der Frau Mutter und lese einen Krimi. Notgedrungen bestelle ich eine neue Jeans, denn mit durchgewetztem Hosenboden gehe ich nicht auf die Straße. Leider gibt es die einzige Sorte, die an meiner eher rustikalen Figur gut aussieht, nur mehr im Internet.

Die Königin: Rosemary Clooney mit „Sway„. Finden Sie ihren Akzent beim spanischen Teil nicht auch goldig?

Am Samstag fahre ich zum ersten Mal nach Wochen zur Apotheke. In der Stadt ist es leer, ich hätte das Rad nehmen können, aber das habe ich nicht bedacht. Wieder zwei Menschen, die ihre Masken nur beim Einsteigen tragen und sie im Bus sofort abnehmen, um in Ruhe telefonieren zu können. Der eine hat noch dazu eine ziemlich feuchte Aussprache. Ich wechsele den Platz, als die Spucketropfen anfangen, in meine Nähe zu fliegen.

Zuvor habe ich Obst und eine Flasche Wein gekauft. Der Obststand ist wieder geöffnet, den Wein gibt es anderswo. Auf dem Balkon kommt die Pfefferminze wieder, der Lavendel und die Trippmadam haben Knospen, nur die Erdbeeren „machen so komisch“, wie meine Patentante gesagt hätte.

Tanzschulen in Bayern dürfen ab Montag wieder öffnen. Ich verzichte, nehme dies aber zum Anlass, wieder im Keller zu üben .Zuvor habe ich micht nicht getraut, obwohl ich da unten ja auch allein gewesen wäre. Es schien mir im Rahmen der Umstände allzu frivol.

Zum Spaß probiere ich den neuen WordPress-Editor aus. Den Firmen-Laptop packe ich für zwei Wochen in die Tasche. Ich nehme mir Zeit zum Mittagessen (auch im Home Office habe ich nur dreißig Minuten Mittagspause, das wird vermutlich kontrolliert), ich hole Schlaf nach. Am Abend gewittert es.

Falls Sie Herrn Ackerbau nicht kennen: Herr Ackerbau hat eine Katze. Die Katze hat(te) eine Maus. Nicht, dass es in Berlin irgendjemand stören würde, wenn man nachts barfuß und in Unterhosen Mäuse spazieren trägt.

Morgens kratzt der Hals. Über den Tag verteilt trinke ich viel heißen Tee, am Nachmittag wird die Kratzerei tatsächlich besser. Da ich in der Nacht gefroren habe, gehe ich davon aus, dass ich mich nur erkältet habe.

Hundertundein Spam-Kommentar. Ich lösche alle unbesehen. Wenn der eine oder andere Nicht-Spam dabei war, tut es mir Leid. Sie können es ja noch einmal versuchen.

Der Arbeitstag ist unspektakulär. Kein Notruf, keine Telefonkonferenz. Nach meinem Urlaub soll nach und nach der Bürobetrieb wieder anlaufen. Ich möchte einmal pro Woche ins Büro, weil es doch Dinge gibt, die man auf dem winzigen Notebook nicht gut hinkriegt, wenn man normalerweise an zwei riesengroßen Bildschirmen arbeitet. Diese Dinge könnte ich dann auf den Bürotag verschieben. Der Chef ist einverstanden, aber das Prozedere wird während meines Urlaubs erst getestet. Das heißt, ich erfahre erst nach dem Urlaub, wie es weitergehen wird.

Die Menschheit nutzt die Lockerungen aus und verreist über Pfingsten. Ich bleibe zu Hause und hoffe, dass das alles gut geht.

Hätte ich mir je träumen lassen, dass ich einmal Mund-Nasen-Schutze bügeln würde? Aber andererseits war eine Pandemie auch immer etwas, das woanders passiert. So setzt das Leben eine privilegierte Westeuropäerin zurück auf ihren Hintern.

Es ist frivol, aber dank Pandemie habe ich Freude am Nähen gefunden. Nicht, dass ich jetzt Masken für fremde Leute nähen würde: meine Fähigkeiten sind definitiv begrenzt und ich müsste mich schämen ob schlampiger Nähte und schiefer Zuschnitte. Aber ich lerne mit jeder Maske hinzu.

Die Rückkehr ins Büro wird in kleinen Schritten vorbereitet. Der Vorstand grüßt aus dem Yachthafen. Ich betrachte erstaunt Fotos leitender Mitarbeiter aus den obersten Etagen der Firma  im Home Office und frage mich, warum diese Leute alle keine anständigen Arbeits- und Schreibtische zu Hause haben. Geld und Platz sollten in dieser gesellschaftlichen Schicht doch vorhanden sein.

Noch zehn Tage, dann habe ich Urlaub.

***

Meine Mutter erzählt, dass nach dem Krieg in einer Schule gegenüber von ihrem Haus eine Außenstelle des Arbeitsamt eingerichtet wurde. Einmal in der Woche kamen die Arbeitslosen, um zu „stempeln“. Die Schlange sei so lang gewesen wie die Straße.

Dann schimpft sie über die Politik und plant den Umsturz. Meine Mutter ist nämlich eine dunkelrote Socke.

 

Der Garten ohne uns

Der Garten ist wieder geöffnet, aber nur ein kleiner Teil ist Besuchern zugänglich. Zwei Damen gärtnern, ein Paar in meinem Alter klettert über Steine ans andere Ufer des Bachs und ein weißhaariger Mann sitzt auf der Wiese und liest.

Um ein Rondell mit Holzbänken blühen Glyzinien. Jemand hat eine orangefarbene, runde Scheibe mit einem Loch in der Mitte in die Glyzinien gehängt. Vögel singen.

Ich setze mich auf einen großen Stein am Bachufer und schaue den Kräuseln an der Wasseroberfläche nach. Zwei Singdrosseln (?), eine Amsel und ein Buchfink lassen sich kaum stören. Stockenten schwimmen majestätisch vorbei. Bilde ich mir ein, dass sie mich missbilligend betrachten? Garten und Bach hatten sie ja nun lange für sich allein.

Das schöne Haus neben dem Garten ist fertig und eingerichtet. Im länglichen Anbau, der mir so gut gefällt, befinden sich  Küche und Esszimmer. Erst zu Hause fällt mir auf, dass ich vergessen habe, mich nach dem geschnitzten Holzrahmen umzusehen, der früher eines der Seitenfenster schmückte. Er würde nicht zum neuen Stil des Gebäudes passen. Dafür hat jemand eine Leiter montiert, über die man vom Dach des Anbaus zu einem der Fenster im ersten Stock klettern könnte. Die Wäsche der rumänischen Bauarbeiter flattert nicht mehr auf der Leine. Auch der lange Holztisch ist weg, an dem die Arbeiter im letzten Sommer ihre Mittagspause verbrachten.

„Posso cambiare una testa, non tutte le teste.“ (Lara Cardella)

Ich schreibe nicht über das Kriegsende, das können andere besser. Was ich denke, behalte ich für mich. Ich mag weder staatstragend ausgesprochene große Worte hören, noch selbst Worte verlieren, weder große noch kleine.

Ich schreibe nicht darüber, wer in Deutschland mühelos an einen Corona-Test kommt und wer nicht.

Ich schreibe nicht darüber, wer auf der Flucht ertrinkt und warum.

Ich bin so müde.

Ich verabscheue mich selbst, weil ich nichts sage und wenig tue.

„Ich kann einen Kopf verändern, nicht alle.“ sagte Lara Cardella. Für sie hat sich übrigens auch das als Illusion erwiesen.

***

Da Sie sich zuletzt sehr für meine Pfefferminze interessierten: sie ist einem Schädling zum Opfer gefallen.

***

Meine Mutter erzählt, dass mein Großvater nicht beim Schlachten helfen konnte. Das habe meine Großmutter getan, die die Tiere am Ende nicht allein lassen wollte. Man habe damals in der Familie nur Schwein und Geflügel gegessen, Rinder dienten ausschließlich der Milchproduktion und wurden verkauft, wenn sie nicht mehr genug Milch gaben. Die letzte Kuh aber sei auf dem Hof geschlachtet worden; meine Großmutter sei dabei dem Schlachter zur Hand gegangen.

 

 

Mein Beileid.   Alles Gute.   Geht es Ihnen gut?

Dürre Worte, die ich Menschen schreibe, die ich nicht sehr gut kenne. Die ich nur durchs Bloggen kenne, soweit man Menschen durchs Bloggen überhaupt kennen kann. Und immer das Gefühl, zu wenig zu geben, bei gleichzeitiger Angst, mich noch einmal in einem Menschen zu täuschen und fast zu verlieren. Aber das ist die Realität: die meisten von uns kennen einander zu wenig, unverbindliche Freundlichkeit ist in in vielen Fällen alles, was möglich oder passend erscheint. Die Menschen hinter den Texten sind wahrscheinlich völlig anders als ich sie mir vorstelle. Meine Texte, Ihre Texte sind tastende Hände, die wir bei Nacht und Nebel ausstrecken. Manchmal ergreift eine Hand eine andere, für die Dauer eines Kommentars. Das ist in Ordnung, jedenfalls für mich. Mehr muss normalerweise nicht sein. Was nicht heißt, dass die Sätze oben nicht ehrlich gemeint wären. Ich hänge ja doch sehr an meinen Blognachbar_inne_n.

Beim Bloggen erlaube ich mir eine gewisse Leichtfertigkeit, die ich mir sonst im Leben selten gestatte. Nehmen Sie deshalb bitte alles, was Sie hier lesen, cum grano salis. Dass mein Blog irgendjemandem außer mir selbst etwas geben könnte, ist eine Illusion, an die ich keine Zeit verschwende.

***

Die Straße hinunter ins benachbarte Viertel, durch Grünanlagen, am Bach entlang. Einzelgänger, Familien mit Kindern; zwei junge Männer putzen die Scheiben eines Tattoo-Ladens. Plötzlich gibt es überall Blumen, aber mein Balkon ist versorgt. Höchstens, dass ich demnächst Pfefferminze pflanzen muss, meine kümmert vor sich hin. Der behinderte Sohn der syrischen Familie aus dem Viertel schreit. Der Vater versucht sehr liebevoll, ihn zu beruhigen. Ein Mann zieht den Mundschutz vom Gesicht und spuckt auf die Straße. Nach dem längeren Spaziergang, nötig wegen Rückenschmerzen und allgemeinen Lagerkollers, schlafe ich ein paar Stunden sehr gut. Mein Schlafrhythmus scheint durcheinander zu sein, aber wenigstens schlafe ich wieder. Das war auch einmal anders. Der Urlaubstag hat jedenfalls gut getan.

Zu Hause finde ich einen Stoff wieder, aus dem ich weitere Mundschutze nähen kann. Wenn ich bald wieder ins Büro muss, wo teilweise Mundschutzpflicht herrscht, werde ich noch  welche brauchen. (Ja, ich weiß, dass es Mund-Nasenschutz heißt. Das Wort ist mir aber zu lang, um es ständig zu gebrauchen. Sie wissen ja, was ich meine.)

 

 

Auf dem Weg zum Einkaufen, aber noch im dunklen Hausflur, begegne ich (bereits maskiert) meinem ebenfalls maskierten Nachbarn. Wir beide zucken merklich zusammen ob der etwas unheimlichen Situation. Eine andere Nachbarin erkennt mich mit Maske gar nicht und siezt mich, obwohl wir uns sonst duzen.

Ich frage die Kassiererin, ob sie ein schönes Wochende hatte. Ja, sagt sie, aber ab Sonntagmittag ist es doch immer wieder schrecklich, weil man an die Arbeit denkt.

Neue Büroquerelen zeichnen sich am Horizont ab. Ich ziehe mit freundlichem Lächeln wieder einmal Stacheldraht um mich. Präzise Fragen erhalten präzise Antworten. Wer fragt, ist selbst schuld. Ich schwöre mir zum xten Mal, in Telefonkonferenzen nichts mehr zu sagen.

Gibt es etwas Trostloseres als unnütz herumliegende Tanzschuhe?

WIN_20200504_10_00_55_Pro