Am Morgen ist die Luft wie an der See. 15 Grad, Sonne, leicht bewölkter Himmel; bei solchem Wetter gingen wir früher an den Strand. Tatsächlich kann ich im Moment keine Bilder vom Meer sehen. Theoretisch ist es erreichbar, aber man kann, darf oder sollte besser nicht hin.

Der Chef ruft an und druckst herum. Ich erwarte einen weiteren Tritt vors Schienbein, aber nein. Er kündigt eine Sonderzahlung wegen überdurchschnittlicher Leistungen an. Ich bin überrascht, und er ist überrascht, weil ich überrascht bin.

Ich habe mich verändert, oder vielmehr lerne ich, eine neue Rolle zu spielen. Wie es innen aussieht, geht keinen etwas an.

Am Abend rufe ich die Cousine an, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren. Wir sprechen über meine dank Corona veränderte Arbeitssituation und darüber, wie ich mit dem Home Office zurecht komme. Ich bin verwundert, dass sie das Thema überhaupt anspricht, arbeitet sie doch seit Jahren allein in der eigenen Kanzlei. Sie erzählt, dass ihr das seit ebenso vielen Jahren schwer fällt.

Es sind Winden. Die Bohnen sind dann wohl im anderen Topf gelandet. Aus dem wachsen jedoch keine Bohnen, sondern etwas, das aussieht wie Koriander, aber nicht so duftet. Dieses Jahr habe ich Erde vom letzten Jahr und teilweise unbeschriftete Restbestände aus meiner Samenkiste verwertet, weil Blumenerde und Pflanzensamen in der näheren Umgebung zunächst nicht zu bekommen waren. Ich erinnere mich auch, vor Jahren einmal Windensamen gesammelt zu haben. Das waren dann wohl die undefinierbaren Körnchen, die ich in Ermangelung von Besserem im Frühling in einen Topf mit Erde gesteckt habe. Jedenfalls sind die Winden sehr hübsch anzusehen. Die Blüten öffnen sich anscheinend nur, wenn sie von der Sonne beschienen werden, das wusste ich nicht.

Angesichts gestiegener Corona-Fallzahlen verzichte ich diese Woche aufs Tanztraining. Zwar würde ich allein trainieren, aber ich vermeide unter diesen Umständen gerne unnötige Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln während des Berufsverkehrs.

In sechs Monaten ist Weihnachten.

Erster Arbeitstag nach dem Urlaub. Früh morgens gehe ich als erstes auf den Balkon. Die Bohnen/Winden haben eine weitere Blüte, beim Lavendel kann es jetzt nicht mehr lange dauern, und auch der weiße Korallenstrauch hat bereits winzig kleine Knospen. Vor bewölktem Himmel gehen Krähen und Tauben ihren jeweiligen Geschäften nach. Der Autoverkehr tobt; der Banker von nebenan fährt in Anzughose und weißem Hemd auf einem Damenrad zur Arbeit.

Der Arbeitstag im Home-Office verläuft vergleichsweise ruhig. Ich informiere die drei Kolleginnen, mit denen ich am engsten zusammenarbeite, dass ich wieder da bin. Alle anderen werden es merken oder auch nicht.

Nach der Arbeit gehe ich einkaufen und treffe auf dem Rückweg zufällig eine Freundin, die lange nichts von sich hat hören lassen. Ihr und den beiden Töchtern geht es gut. Eine hat Abitur gemacht, die andere geht demnächst nach dreizehn Wochen wieder zur Schule. Sie selbst geht nach wie vor ins Büro, denn sie ist die einzige in ihrer Abteilung, die nicht von zu Hause arbeiten kann. So genießt sie es, das Büro für sich zu haben. Es tut gut, mich auszutauschen und zu sehen, dass sie in vielen Dingen ähnlich empfindet wie ich.

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Was von diesem Tagebuch bleiben wird? Irgendwann gibt es kein Internet mehr, sondern etwas noch viel Tolleres oder eben gar nichts. Dann ist das Tagebuch – ohnehin anspruchslos und schlampig geführt – verloren. Wie viele Artefakte aus früheren Zeiten haben sich irgendwann in ihre Bestandteile aufgelöst? Wie viel Papier wurde von Ungeziefer gefressen, wie viele Zeichnungen sind verblasst? Wissen, das uns in späteren Zeiten fehlt, ist möglicherweise schlicht in einem feuchten Wandschrank verschimmelt. Wenn es wahr ist, dass sich ohnehin alles wiederholt, wird irgendwann wieder jemand auf eine Lösung kommen, die ein anderer schon vor 500 Jahren gefunden hatte.

Zu Beginn der Kontaktbeschränkungen hatte ich eine Handvoll Bohnen einer mir unbekannten Sorte in einen Topf mit Erde gelegt. Viel Hoffnung habe ich mir nicht gemacht, denn beim letzten Versuch waren sie nicht aufgegangen. Am Samstag zeigt sich die erste Blüte, die aber nicht nach Bohne, sondern nach Winde aussieht. Auch im Kasten mit der „alten“ Erde blüht etwas, ich weiß aber nicht, was.

Es gibt nun einen weiteren Büchertauschschrank im Viertel. Keine Liebesromane dieses Mal, dafür ausgemusterte Lehrbücher der Soziologie. Das lässt erste Rückschlüsse auf die Bewohner_innen der Straße zu. Ich werde das weiterhin beobachten. Später spaziere ich im Regen an der Isar.

Am Sonntag besuche ich das Gelände der ehemaligen Bundesgartenschau (2005). Die Fahrt mit Bus und U-Bahn ist recht langwierig. Entschädigt wird man mit einem immer noch weitläufigen Gelände, auf dem Gehölze und Wildpflanzen gedeihen. Die Senkgärten sind zumindest teilweise erhalten. Es weht ein leichter Wind. Bienen summen, die Sonne scheint. Rundum ist ein Wohnviertel entstanden, aber es gibt auch Landwirtschaft. Auf dem Rückweg stelle ich fest, dass der Kinnschutz noch immer in Mode ist.

Melancholische Gedanken, aber auch eine nette Unterhaltung mit einer Internetbekanntschaft. Am Sonntagabend telefoniere ich mit meiner Mutter. Es geht ihr gut. Die Organisator_innen des Seniorenkreises in der Gemeinde treffen sich (mit gebührendem Abstand und Maske). Ich habe das Gefühl, dass es dem Mütterlein gut tut, selbst etwas in die Hand nehmen zu können.

Tausend Dinge gibt es, die ich an Dir hasse, München, und der Schlosspark Nymphenburg gehört garantiert dazu. Trotzdem brauche ich frische Luft, deshalb nehme ich den Bus und dann die Straßenbahn, und dann bin ich positiv überrascht von der Leere und Ruhe im Park. Ich schlage mich dieses Mal nicht in die Büsche, sondern gehe am Kanal entlang bis zum Pasinger Tor. Viele Gänse, auch ein paar Enten und Menschen watscheln herum; ein großer Schwan mit sechs kleinen Schwänen gleitet übers Wasser. Keine hässlichen Entlein übrigens, nur etwas grau und zerzaust. Die größeren versuchen schon, ihre noch kurzen Hälschen in einem eleganten Bogen zu halten.

Geübte Jogger, unbeholfene Jogger, die einen springen wie die Hirschlein, die anderen haben Mühe, einen Fuß vor den anderen zu setzen, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren. Wollte ich es versuchen, würde ich zur zweiten Gruppe gehören, aber ich würde mich beim Joggen ohnehin tödlich langweilen. Dabei kann ich doch beim Tanzen eine Sequenz sechzig Mal wiederholen, ohne unleidlich zu werden.

Die Beetbepflanzung am Kanal ist eher eintönig, dafür gibt es aber eine Gondel mit Gondoliere und Insassen. Das Amt des Gondoliere scheint ein mühseliges zu sein, auch die Passagiere scheinen die Fahrt nicht übermäßig zu genießen. Das Schloss darf man nicht betreten. Ich beneide die Putzfrau darum, dort jetzt in Ruhe schalten und walten zu dürfen. Allein wäre ich im Schloss auch gerne einmal gewesen.

Auf dem Balkon grünt und knospt es. Der Dill hat sich zur Gruppe der Blühwilligen gesellt. Ich stelle das Paravent auf den Balkon und will eigentlich in seinem Schatten zu Mittag essen. Leider windet es so sehr, dass mir das (oder laut Duden auch: der) Paravent fast in den Teller fällt. Da ich die Gerätschaften zur Befestigung erst suchen müsste, trage ich den Teller wieder in die Wohnung.

Eine Kreuzung weiter haben Menschen eine „Piazza“ mit Büchertauschschrank, Pinnwand, Pflanzkisten und einem Behälter für Werkzeug zum Ausleihen gestaltet. Ich nehme zwei Bücher mit und lasse zwei andere da. In diesem Zusammenhang eine Bitte an die geneigte Leserschaft (obwohl ich nahezu sicher bin, dass Sie so etwas nie tun würden): Stellen Sie doch bitte keinen Ramsch, der besser in der Mülltonne aufgehoben wäre, in öffentliche Bücherschränke. Ein bisschen Hirn und Freude an Literatur dürfen Sie auch Menschen unterstellen, die Bücher tauschen wollen.

Am Abend ruft die R, eine Freundin und Kollegin, an. Wir tauschen uns aus über unsere Arbeit und unsere Arbeitgeber. Der R geht es gut, das war lange Zeit anders.

Um sicher zu sein, dass meine Abwesenheitsnotiz korrekt eingestellt ist, sende ich eine Testmail ans Büro. Dann kaufe ich ein, anders als während der vergangenen Wochen. Da ich frei habe und mich nicht an Präsenzzeiten halten muss, kann ich mir mehr Zeit zum Kochen nehmen. Also weniger Konserven, weniger Nudelsuppe. Zur Feier des Urlaubsbeginns leiste ich mir ein Eis.

Der Alte Südfriedhof entwickelt sich dank Regen zu einem Urwald. Ein Baum wird gefällt, deshalb muss ich auf Nebenwege ausweichen. Dabei stoße ich auf den Grabstein der Malerin Lina Foltz. Auf die Schnelle finde ich nur Informationen über deren Vater Ludwig Foltz. Der Download der bei MAGEDA vorhandenen Angaben ergibt nicht viel Neues. Demnach war sie eine Landschaftsmalerin. Das einzige bei MAGEDA genannte Bild ist eine Zeichnung mit dem Titel „Billardspieler“.

Ich trainiere ein bisschen im angemieteten Keller, allein und bei guter Lüftung. Nach fast viermonatiger Pause geht es besser als erwartet, aber nicht wirklich gut. Aber die Rückenschmerzen verschwinden und meine Laune hebt sich.

Was tue ich sonst in diesem Urlaub? Bücher lesen. Ab und zu einen schönen Film ansehen. Virtuell Museen besuchen. Bei Regen auf dem Balkon sitzen oder spazieren. Es könnte mir schlechter gehen. Mehr Meer wäre schön, aber nicht möglich.

Den Sonntagvormittag verfaulenze ich am Fenster und auf dem Balkon. Eine Frau im roten Anorak führt einen schwarzen Hund spazieren; eine weißbärtiger Mann rennt, um den Bus noch zu erwischen. Zwei Radwanderer mit Rucksäcken und Satteltaschen brechen auf. Es hat in der Nacht geregnet, die Straße ist noch feucht. Der neue WordPress-Editor gefällt mir gut. Für den Notfall, schnelle Korrekturen und wegen der Nostalgie bleibt mir noch WP-Admin.

Auf einem Blog, das ich aus Gründen nicht verlinke, schlimme Kommentare zum Thema „(mögliche) Depression“. Eine Depression schien mir immer ähnlich wie die Sünde des Dorian Gray, von der Oscar Wilde (sinngemäß) sagt: wer sie kannte, hatte sie begangen. Die erste depressive Episode erlebte ich mit fünfzehn, ein Jahr später las ich „The Picture of Dorian Gray“ in der Schule, und der oben erwähnte Satz traf mich wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Damals schwieg man über psychische Erkrankungen lieber.

Wieder unendlich viele Spamkommentare in wenigen Tagen. Ich schaue bei über einhundert Stück im Spamordner nicht mehr nach, ob vielleicht ein echter dazwischen gerutscht ist. Falls Sie auch WordPress nutzen: kommt bei Ihnen zurzeit auch so viel Spam an? Gibt es ein Mittel dagegen?

Am Nachmittag regnet es so stark, dass ich mir die Friedhofsrunde verkneife. Stattdessen trinke ich lieber ein Glas Wein auf dem überdachten Balkon. Der Wein kommt aus der Gascogne, der Heimat von „unserem Heinrich (noutre Henric)“. Sie kennen ihn als Henri IV, und er war ein Hugenotte (mehr oder weniger, er wechselte mehrmals die Konfession). Ich nähe einen weiteren Mundschutz – die Dinger machen mich wahnsinnig, mehr als einer pro Sonntag geht nicht. Außerdem wasche ich Wäsche, telefoniere mit der Frau Mutter und lese einen Krimi. Notgedrungen bestelle ich eine neue Jeans, denn mit durchgewetztem Hosenboden gehe ich nicht auf die Straße. Leider gibt es die einzige Sorte, die an meiner eher rustikalen Figur gut aussieht, nur mehr im Internet.

Die Königin: Rosemary Clooney mit „Sway„. Finden Sie ihren Akzent beim spanischen Teil nicht auch goldig?

Am Samstag fahre ich zum ersten Mal nach Wochen zur Apotheke. In der Stadt ist es leer, ich hätte das Rad nehmen können, aber das habe ich nicht bedacht. Wieder zwei Menschen, die ihre Masken nur beim Einsteigen tragen und sie im Bus sofort abnehmen, um in Ruhe telefonieren zu können. Der eine hat noch dazu eine ziemlich feuchte Aussprache. Ich wechsele den Platz, als die Spucketropfen anfangen, in meine Nähe zu fliegen.

Zuvor habe ich Obst und eine Flasche Wein gekauft. Der Obststand ist wieder geöffnet, den Wein gibt es anderswo. Auf dem Balkon kommt die Pfefferminze wieder, der Lavendel und die Trippmadam haben Knospen, nur die Erdbeeren „machen so komisch“, wie meine Patentante gesagt hätte.

Tanzschulen in Bayern dürfen ab Montag wieder öffnen. Ich verzichte, nehme dies aber zum Anlass, wieder im Keller zu üben .Zuvor habe ich micht nicht getraut, obwohl ich da unten ja auch allein gewesen wäre. Es schien mir im Rahmen der Umstände allzu frivol.

Zum Spaß probiere ich den neuen WordPress-Editor aus. Den Firmen-Laptop packe ich für zwei Wochen in die Tasche. Ich nehme mir Zeit zum Mittagessen (auch im Home Office habe ich nur dreißig Minuten Mittagspause, das wird vermutlich kontrolliert), ich hole Schlaf nach. Am Abend gewittert es.

Falls Sie Herrn Ackerbau nicht kennen: Herr Ackerbau hat eine Katze. Die Katze hat(te) eine Maus. Nicht, dass es in Berlin irgendjemand stören würde, wenn man nachts barfuß und in Unterhosen Mäuse spazieren trägt.

Morgens kratzt der Hals. Über den Tag verteilt trinke ich viel heißen Tee, am Nachmittag wird die Kratzerei tatsächlich besser. Da ich in der Nacht gefroren habe, gehe ich davon aus, dass ich mich nur erkältet habe.

Hundertundein Spam-Kommentar. Ich lösche alle unbesehen. Wenn der eine oder andere Nicht-Spam dabei war, tut es mir Leid. Sie können es ja noch einmal versuchen.

Der Arbeitstag ist unspektakulär. Kein Notruf, keine Telefonkonferenz. Nach meinem Urlaub soll nach und nach der Bürobetrieb wieder anlaufen. Ich möchte einmal pro Woche ins Büro, weil es doch Dinge gibt, die man auf dem winzigen Notebook nicht gut hinkriegt, wenn man normalerweise an zwei riesengroßen Bildschirmen arbeitet. Diese Dinge könnte ich dann auf den Bürotag verschieben. Der Chef ist einverstanden, aber das Prozedere wird während meines Urlaubs erst getestet. Das heißt, ich erfahre erst nach dem Urlaub, wie es weitergehen wird.

Die Menschheit nutzt die Lockerungen aus und verreist über Pfingsten. Ich bleibe zu Hause und hoffe, dass das alles gut geht.