Der Garten ohne uns

Der Garten ist wieder geöffnet, aber nur ein kleiner Teil ist Besuchern zugänglich. Zwei Damen gärtnern, ein Paar in meinem Alter klettert über Steine ans andere Ufer des Bachs und ein weißhaariger Mann sitzt auf der Wiese und liest.

Um ein Rondell mit Holzbänken blühen Glyzinien. Jemand hat eine orangefarbene, runde Scheibe mit einem Loch in der Mitte in die Glyzinien gehängt. Vögel singen.

Ich setze mich auf einen großen Stein am Bachufer und schaue den Kräuseln an der Wasseroberfläche nach. Zwei Singdrosseln (?), eine Amsel und ein Buchfink lassen sich kaum stören. Stockenten schwimmen majestätisch vorbei. Bilde ich mir ein, dass sie mich missbilligend betrachten? Garten und Bach hatten sie ja nun lange für sich allein.

Das schöne Haus neben dem Garten ist fertig und eingerichtet. Im länglichen Anbau, der mir so gut gefällt, befinden sich  Küche und Esszimmer. Erst zu Hause fällt mir auf, dass ich vergessen habe, mich nach dem geschnitzten Holzrahmen umzusehen, der früher eines der Seitenfenster schmückte. Er würde nicht zum neuen Stil des Gebäudes passen. Dafür hat jemand eine Leiter montiert, über die man vom Dach des Anbaus zu einem der Fenster im ersten Stock klettern könnte. Die Wäsche der rumänischen Bauarbeiter flattert nicht mehr auf der Leine. Auch der lange Holztisch ist weg, an dem die Arbeiter im letzten Sommer ihre Mittagspause verbrachten.

Heute nur drei Videos

Bei Christine habe ich ein Video gefunden. Sie können sagen, der Walzer Nr. 2 sei ein abgenudelter alter Schleifer, aber abgesehen davon, dass es eine sehr schöne Idee ist, auf diese Art (Hobby-)Musiker zusammenzubringen, verbinde ich gerade mit diesem Walzer eine Erinnerung: An einem Nachmittag zwischen zwei Kursen durften ich und eine Freundin dabei sein, als der Herr Lehrer zu diesem Walzer choreographierte. Man kann darauf nämlich auch Bulerías tanzen. Leider gibt es von dieser Choreographie kein öffentlich zugängliches Video, aber dafür eines von María Pagés.

Ergänzung: Tangotänzer und Schostakowitsch. (via @amiable)

Viernes Santo / Karfreitag

El Cristo de la Expiración / El Cachorro

Die Skulptur soll den letzten Atemzug Christi zeigen. Modell war, so heißt es,  ein Flamencosänger und -gitarrist,  genannt „El Cachorro“, der von einem eifersüchtigen Ehemann erstochen wurde. Der Legende nach wurde der  Bildhauer Francisco Rúiz Gijón Zeuge des Verbrechens und skizzierte das Opfer unmittelbar nach dessen Tod. Diese Legende wird allerdings in mehreren Orten und über unterschiedliche Kruzifixe und deren Schöpfer erzählt.

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Auf dem Südfriedhof, der im Moment mein Auslauf ist, blühen blässliche Veilchen. Vor dem gusseisernen Kruzifix zünden Menschen Kerzen an wie sonst nur an Allerseelen. Beinahe trete ich in ein tiefes Loch, wo früher ein Grab war. Das hätte übel ausgehen können. Auf solchen alten Friedhöfen senkt sich manchmal der Boden, wo man es am wenigsten erwartet. (Ich kann mich erinnern, wie meine Mutter einmal ein fünfzig Jahre altes Grab bepflanzte und dabei Handknochen zum Vorschein kamen. Meine damals noch  kleinen Geschwister haben sie zum Entsetzen anderer Friedhofsbesucher sorgfältig auf der Grabeinfassung aufgereiht, bevor meine Mutter sie wieder vergrub. Wenn man schon als Kind zum „Tanten gießen“ geschickt wird, entwickelt man ein recht unbefangenes Verhältnis zu Friedhöfen. )

Ich plündere die Samenkiste und säe alles, was noch da ist, in die  leeren Gefäße auf dem Balkon.