Anderswo

Das wohl einzige Thema, bei dem ich eine Triggerwarnung setze: Suizid. Aus der Sueddeutschen Zeitung: Das Höhenphänomen oder der Drang, zu springen.

Zora über Pflege in Corona-Zeiten.

Wo Tabak angebaut wurde.

Eine der schönsten Stimmen des Flamenco: Pies de Plomo (1924-2012), por Soleá. (Wenn Sie sonst nie Flamenco hören, hören Sie sich zumindest das an. Die Soleá ist die Mutter des Flamencogesangs und in dieser hier ist alles drin, was man über die Soleá wissen muss.)

Auf dem Weg zum Einkaufen, aber noch im dunklen Hausflur, begegne ich (bereits maskiert) meinem ebenfalls maskierten Nachbarn. Wir beide zucken merklich zusammen ob der etwas unheimlichen Situation. Eine andere Nachbarin erkennt mich mit Maske gar nicht und siezt mich, obwohl wir uns sonst duzen.

Ich frage die Kassiererin, ob sie ein schönes Wochende hatte. Ja, sagt sie, aber ab Sonntagmittag ist es doch immer wieder schrecklich, weil man an die Arbeit denkt.

Neue Büroquerelen zeichnen sich am Horizont ab. Ich ziehe mit freundlichem Lächeln wieder einmal Stacheldraht um mich. Präzise Fragen erhalten präzise Antworten. Wer fragt, ist selbst schuld. Ich schwöre mir zum xten Mal, in Telefonkonferenzen nichts mehr zu sagen.

Gibt es etwas Trostloseres als unnütz herumliegende Tanzschuhe?

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Heute nur drei Videos

Bei Christine habe ich ein Video gefunden. Sie können sagen, der Walzer Nr. 2 sei ein abgenudelter alter Schleifer, aber abgesehen davon, dass es eine sehr schöne Idee ist, auf diese Art (Hobby-)Musiker zusammenzubringen, verbinde ich gerade mit diesem Walzer eine Erinnerung: An einem Nachmittag zwischen zwei Kursen durften ich und eine Freundin dabei sein, als der Herr Lehrer zu diesem Walzer choreographierte. Man kann darauf nämlich auch Bulerías tanzen. Leider gibt es von dieser Choreographie kein öffentlich zugängliches Video, aber dafür eines von María Pagés.

Ergänzung: Tangotänzer und Schostakowitsch. (via @amiable)

Zwanzig Minuten lang übe ich. Das ist nicht viel, aber mehr, als ich seit Mitte Februar getanzt habe. Ich übe braceo und marcajes auf Soleà. Carmen Ledesma erzählte einmal in einem Workshop, dass es in ihrer Jugend keine Spiegel in den Tanzschulen gegeben habe. Man habe den Anweisungen und Korrekturen der Lehrerin blind vertraut und allmählich ein sehr gutes Körpergefühl entwickelt. Sie profitiere heute noch davon, wenn sie auf der Bühne stehe, wo sie sich ja auch nicht im Spiegel kontrollieren könne.

Es dauert einige Minuten, bis ich mich entspanne und den Spiegel nicht mehr vermisse. Eigentlich wollte ich mich auf die Körpertechnik beschränken, aber dann fange ich mit den Grundschritten an, in dicken Socken und auf dem Teppich. Das dämpft den Schall, aber meine Oberschenkel spüre ich trotzdem. Danach sind Schwindel und Kopfschmerzen fast verflogen.

Am Abend regnet es.

 

Zum Frauentag: Tía Anica La Piriñaca

Ellas dan el cante. Frauen singen Flamenco. So heißt eine Anthologie auf zwei CDs mit historischen Aufnahmen von Sängerinnen, die für die Flamencogeschichte des 20. Jahrhunderts wichtig waren. Nicht alle von ihnen sind heute noch bekannt, aber auch die, an die man sich noch erinnert, sind zum großen Teil aus der Mode gekommen.

Zum Beispiel Tía Anica La Piriñaca, geboren als Ana Blanco Soto am 11. April 1899 in Jerez de la Frontera, wo sie am 4. November 1987 auch starb. Das Andalusische neigt, wie auch das Nordhessische, zu Diminutiven. So wie meine nordhessische Großmutter Maria Magdalena zeitlebens „Mariechen“ gerufen wurde, wird aus einer Ana in Andalusien schnell ein „Ännchen“, also eine Anica. Eine Piriñaca ist ein Salat aus Tomaten, Paprika und Zwiebeln, aber auch eine witzige schlagfertige Person. (Letzteres habe ich irgendwo gelesen, aber ich kann im Moment keine Quelle nennen.)

Wie viele ihrer Zeitgenossinnen aus dem Jerezaner Flamenco-Milieu begann sie ihre Laufbahn als Erntehelferin und Landarbeiterin. Es gibt einige wenige Flamencotexte, die die Bedeutung einer bezahlten Arbeit für junge Frauen aus diesem Milieu unterstreichen. So singt z.B. Inez Bacán über ihre Tätigkeit in einem Schlachthof, und betont, dass nun niemand mehr das Recht habe, sie nach Woher und Wohin zu fragen, denn sie gehe ja zur Arbeit.

In den Unterkünften der Landarbeiter wurde geschlafen, gegessen, gesungen*, getanzt, und es wurden Ehen gestiftet. Auch Anica heiratete. Eine professionelle Laufbahn als Sängerin kam für sie zunächst nicht in Frage. Ob sie überhaupt daran gedacht hat, weiß ich nicht.  Vorerst sang sie weiterhin im privaten Kreis. Das änderte sich erst, als sie mit etwas über fünfzig Jahren Witwe wurde. Ein Cousin ihres damals schon bekannten Kollegen Tío Gregorio el Borrico verschaffte ihr erste Auftritte in seinem Gasthaus. Nach und nach wurde man auf sie aufmerksam und schließlich  nahm sie Antonio Mairena für eine Anthologie des Flamenco unter Vertrag.

Ihr Gesangsstil war traditionell, rauh und emotional. Ihre kraftvolle Stimme erlaubte es ihr, ein breiter gefächertes Repertoire zu singen als die meisten anderen Sängerinnen ihrer Generation. Häufig nahm sie an privaten Soireen teil, deren Gastgeber ihren Gästen das „Ursprüngliche“, am besten eine echte Gitana bieten wollten. Nur war sie gar keine Gitana, wenn auch mit einem Gitano verheiratet und mit Gitanos aufgewachsen. (Hier könnte nun ein Exkurs über eine Besonderheit der Stadt Jerez folgen, aber so viel Zeit haben Sie ja sicher nicht. Ich auch nicht). Diese Ursprünglichkeit suchte wohl auch Mario Bois, der sie für das französische Label Le Chant du Monde unter Vertrag nahm. Bereits über 80 Jahre alt war sie da, und sie bohrte ganz sicher keine dünnen Bretter. Der Cante Chico, sozusagen eher die leichte Muse im Flamenco, war ihre Sache nicht. Schon ihre Bulerías waren kraftvoll bis zornig, ihre Siguiriyas aber großes Drama.  Mario Bois ist es auch, der folgende Sätze schreibt: An der Straße vom Ganges zum Guadalquivir ist ein Wegweiser, auf dem steht geschrieben: Da wohnt die Piriñaca. Wenn Sie sie besuchen, bitten Sie sie um eine Soleà.

Es heißt, sie sei eine im Grunde handfeste und fröhliche Person gewesen, die sich die Butter nicht vom Brot nehmen ließ, aber über ihrem Gesang**habe immer eine gewisse Melancholie gelegen. Reich ist sie mit dem Flamenco nicht geworden, aber er hat sie wohl vor der bitteren Armut einer andalusischen Witwe aus einfachsten Verhältnissen geschützt. Befreundet war sie übrigens unter anderem mit der Tänzerin Tía Juana la del Pipa, der Großmutter meines Tanzlehrers, die ebenfalls erst spät im Leben anfing, öffentlich aufzutreten.

Hört man ihren Gesang mit unseren heutigen Ohren, muss man sich sehr konzentrieren. Zu fern liegt den meisten von uns wohl diese Wildheit, dieser ständige Kampf nicht nur um die künstlerische Existenz.

*Bulería de Jerez

**Alegría

Wochenendworkshopsfazit:

Ich muss wohl doch weitertanzen, denn

  • ich weiß jetzt, wie der Schritt geht, der vor dem Schritt kommt, bei dem man sich mit der Hand über die Schuhspitze wischt. Was nicht heißt, dass ich auch nur einen der beiden Schritte in der Praxis kann. Ich rede hier erst einmal nur von der Theorie.
  •  ich bin vielleicht alt, aber ich kann trotzdem noch die Mitschüler_innen im Workshop zu Szenenapplaus verleiten (Ich muss allerdings zugeben, dass der Herr Lehrer mitgemacht hat. Es war so eine Art Pas de deux, aber improvisiert.)
  •  mir tun weder Knie noch Knöchel weh, dabei habe ich an drei Tagen so viel getanzt wie sonst in zwei Wochen
  •  mir wird nicht mehr schwindelig, auch wenn ich fast nicht geschlafen habe (Ob ich mich da mal nicht zu früh freue?)

Ansonsten: 

  • Die Menschheit kann immer noch nicht Zug fahren
  •  Schmerbäuchige Kerle im Zug schauen jeder jungen, schlanken Frau auf den Hintern und kommen sich dabei anscheinend kein bisschen blöd vor.
  •  Der Hamburger Hauptbahnhof ist menschenfeindlich konstruiert.
  •  Es regnet und, wie Sie wissen, liebe ich Regen

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Noah Sow, Die Schwarze Madonna – Fatou Falls erster Fall

Kübra Gümüşay, Sprache und Sein

Peter Wyden, Stella Goldschlag