Frau B und Fräulein A

Frau B, Mitte 50 und bis vor kurzem in einer Autobahnraststättenküche beschäftigt, ahnte nichts Böses, als sie die Küche des vage asiatischen Imbisslokals betrat. Fräulein A, vage asiatisch und irgendwo zwischen zwanzig und dreißig oder eher doch etwas darüber, ahnte sehr wohl Böses, als sie Frau B betrachtete, die  – vom Arbeitsamt gesandt – sich an diesem Tag um eine Stelle als Küchenhilfe bewerben sollte.

„Ich hoffe, Sie können wenigstens Reis kochen!“ zischte sie und deutete auf die dunkelste Ecke der Küche. „Natürlich!“ schnauzte Frau B und nahm ihren Arbeitsplatz in Augenschein. Was sie sah, gefiel ihr gar nicht: Küchengerätschaften, die sie nur vom Hörensagen kannte, Regale voller Gläser und Dosen, die auf eine Weise beschriftet waren, die sie verwirrte, und die noch dazu Dinge enthielten, die sie gar nicht kennen wollte. Und natürlich Fräulein A, die – klapperdürr und freudlos – auf keinen Fall eine fähige Köchin sein konnte. Unnötig zu sagen, dass Frau B den Reis absolut nicht zur Zufriedenheit von Fräulein A kochte. Ebenso unnötig wäre allerdings der Hinweis, dass Fräulein A mit ihrer Nörgelei sämtliche Küchenhilfen einschließlich einer schüchternen japanischen Studentin vertrieben hatte, wobei die ansonsten so schüchterne japanische Studentin zum Abschied eine Suppenkelle haarscharf am Ohr des Fräulein A vorbeisausen ließ. Auch schüchternen japanischen Studentinnen reißt irgendwann einmal der Geduldsfaden.

Einen einzigen Punkt gab es jedoch, in dem sich Frau B und Fräulein A einig waren: Sauberkeit und Ordnung. Beide betrachteten Präzision als unabdingbar für eine anständige Küche, und ohne Sauberkeit und Ordnung gab es keine Präzision. Frau B brachte eigenmächtig eine helle Lampe über ihrem Arbeitsplatz an. Fräulein A quittierte dies nur mit einer kaum hochgezogenen Augenbraue, denn sie wollte sich kein zweites Mal sagen lassen, dass man in ihrer Küche weder mit den Augen noch mit dem Hintern sehen könne. Fräulein A ließ Frau B die Schriftzeichen auf den Gläsern und Dosen mit den unabdingbaren Zutaten auswendig lernen. Um sicher zu gehen, dass Frau B sich nicht nur die Position der Behälter gemerkt hatte, mischte sie Gläser und Dosen mitunter neu, obwohl das natürlich etwas ist, was man in einer Küche besser nicht tut, denn Köchin und Küchenhilfe müssen blind ins Regal greifen  und sofort das richtige Gewürz in der Hand haben. Frau B hatte zwar Mühe, sich die laut Fräulein A einzig richtige Art des Reiskochens anzugewöhnen. Was sie aber fast sofort beherrschte, war die Verwendung der fremden Gewürze. Das wiederum war kein Wunder, denn Frau B stammte aus einer Gegend, in der Jahrhunderte zuvor zwei sehr unterschiedliche kulinarische Kulturen aufeinander getroffen waren. Aus diesem Zusammenstoß war eine gleichzeitig kräftige und raffinierte Küche entstanden, in deren Rezepten und Verfahren Frau B sich von Kindesbeinen an geübt hatte. Da Frau B Fräulein As Sprache und Schrift nicht kannte, wiederholte Fräulein A Zutaten und Rezepte immer wieder auf Deutsch, und Frau B tat gut daran, sich beides zu merken. In der Tat merkte sie sich diese Dinge so gut, dass sie Fräulein A vertreten konnte, als die wegen einer Operation mehrere Wochen ausfiel. Fräulein A hatte zwar insgeheim Albträume, denn Frau B war mitunter auf eine Art kreativ, die dem traditionsverbundenen Fräulein A gar nicht gefiel. Trotzdem waren, als Fräulein A wieder auf den Beinen war, sämtliche Stammgäste noch da. Dennoch unterband Fräulein A jegliche Freiheiten, die Frau B sich mit dem Menü herausgenommen hatte. Obwohl das Lokal nur vage asiatisch und sehr auf den Geschmack der einheimischen Bevölkerung ausgerichtet war, hatten Rindswürste dort nichts zu suchen, nicht einmal, wenn sie in hauchfeinen Streifen zu einer raffinierten Füllung verarbeitet worden waren. Nicht einmal, wenn es sich um die nachweislich besten Rindswürste des Landes handelte.

Herrn C hatten die Teigtaschen mit der Rindswurstfüllung geschmeckt. Aber Herr C war ohnehin ein Sonderfall. Jeden dritten Tag, außer am Wochenende, sah man ihn am zweiten Tisch am Fenster zur Straße sitzen. Das Fräulein A, das er seit Jahren ebenso innig wie hoffnungslos liebte, erlaubte ihm, die Bücher des Lokals zu führen, denn der klare Kopf, den sie in der Küche bewies, ließ sie angesichts einer Reihe von Zahlen im Stich. Auch Frau B wäre, was Zahlen betraf, alles andere als eine Hilfe gewesen. Eine von LKW-Fahrern aus aller Welt frequentierte Autobahnraststätte pleitegehen zu lassen, ist keine Kleinigkeit und konnte im Falle von Frau B nur mit einem völligen Mangel an mathematischem Verständnis erklärt werden. Herr C aber lebte für Zahlen, und deshalb betrachtete er die Aufgabe, die das Fräulein A ihm übertragen hatte, nicht als eine Aufgabe, sondern als Geschenk. Teil des Geschenks, und womöglich sogar der größere Teil, war natürlich das Lächeln, mit dem Fräulein A die auf Vordermann gebrachten Geschäftsbücher in Empfang nahm. Dieses Lächeln verwandelte das scharfzüngige Fräulein A in eine blühende Rose, jedenfalls in den Augen des Herrn C. Andere hätten die etwas schief stehenden Zähne des Fräuleins bemerkt, ihr leichtes Schielen oder die scharfen Falten um ihre Mundwinkel herum, aber für Herrn C waren ohnehin nur Primzahlen vollkommen. Auf dieser Welt war Fräulein A möglicherweise das lebende Wesen, das einer Primzahl am ähnlichsten war. Aber ach, die Primzahlen genügen sich selbst, wie auch das Fräulein A. Dachte das Fräulein A.

Herr C aber dachte anders. Herr C dachte, das Fräulein A gäbe eine gute Ehefrau und liebevolle Mutter ab. Er war wohl der einzige, der das dachte. Vielleicht ahnte Frau B auch so etwas, aber sie sagte es nicht. Das schroffe und scharfzüngige Fräulein A musste jedoch erst überzeugt werden, und sie hatte nicht die Absicht, dies geschehen zu lassen. Ich weiß nicht, ob es dem Fräulein A anfangs überhaupt bewusst war, dass Herr C um sie warb. Als er schließlich deutlicher wurde, lehnte sie rundheraus ab. Sie wollte nicht Frau C werden. Tatsächlich bestand sie auch mit über dreißig Jahren darauf, „Fräulein“ genannt zu werden. Der Begriff „Fräulein“ war die Fahne ihrer Unabhängigkeit, die sie stolz vor sich her trug. Frau B, obwohl gleichermaßen unverheiratet und unabhängig, fand das albern, aber auch das sagte sie nicht.

Kurz und gut, auch wenn ich mein verehrtes Publikum enttäusche: Fräulein A und Herr C heirateten nicht. Nie. Aber sie besuchten einander regelmäßig. Herr C sorgte dafür, dass die finanziellen und juristischen Verhältnisse des vage asiatischen Lokals etwaigen Anstürmen des Geschäftslebens gewachsen waren. Frau B investierte eine kleine Erbschaft, die ihr in jenen Jahren zufiel, und aus dem vage asiatischen Imbisslokal wurde ein gut geführtes chinesisches Restaurant, eines, das sogar von den chinesischen Familien des Ortes gerne aufgesucht wurde. Als Frau B das Rentenalter erreichte, war sie stille Teilhaberin. Herr C hängte ihr Foto – als Foto der „Chefin“ – im Gastraum auf. Das war Frau B zwar ein wenig peinlich, aber sie nahm es hin. Auch Fräulein A nahm es – klug, wie sie nun einmal war – hin. Die mütterlich wirkende Frau B war ein besseres Aushängeschild für das Restaurant als das primzahlartige Fräulein A, das war allen Beteiligten bewusst.

So lebten sie, das wollen wir doch hoffen, glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute. Aber die Geschichten, das muss man wissen, sind nie die ganze Wahrheit. Nicht einmal, wenn sie von viel besseren Menschen als mir erzählt werden. Oder zumindest von solchen, die sich dafür halten.

Erste Liebe

Ich will doch nur dein Bestes, sagt die Mutter. Damit du hinterher nicht enttäuscht bist.

Du bist dick und dumm, hört die Tochter. Aber Andreas findet mich hübsch, rechtfertigt sie sich.

Das meint der nicht ehrlich, antwortet die Mutter und wirft einen Mutterblick auf Brille, Zahnspange, Pickel und breite Hüften. Du kennst doch Andreas. Heulst Du schon wieder? Hast Du schon den Abwasch gemacht? Den Müll runtergetragen? Etwas anderes getan als gelesen?

Mutterliebe. So überzeugt von sich.

Nachts, wenn die Geschichten kommen

Nachts. wenn die Sterne über der Kreuzung leuchten, wenn nur noch ein Taxi und eine einsame Radfahrerin unterwegs sind,  kommen die Geschichten.  Also, nachts, wenn Sie auf dem Balkon stehen, weil Sie ohnehin nicht schlafen können, dann tun sich manchmal seltsame Dinge in der Vorstadt. Da könnte es geschehen, dass die grundsätzlich gutartige, jedoch etwas verschrobene Nachbarin S aus dem dritten Stock, verpackt in ein unförmiges Regencape, aus dem Haus schlüpft.

Warum die S das tut, weiß man nicht. Man kann sie auch nicht fragen, denn die S antwortet nur freundlich Unverbindliches, und hinterher ist man so schlau wie vorher. Also fragt man sie nicht, sondern man bleibt, ganz unschuldig und unauffällig hinter dem Paravent stehen, an dem die Töpfe mit dem Basilikum, der Petersilie und dem Schnittlauch hängen und wartet ab, was sich da tut. Die S, in ihrem unförmigen Cape, bewegt sich entlang eines Grasstreifens vorm Haus. Sie scheint etwas in der Hand zu halten, und wenn man es recht betrachtet, scheint sie auch ein bisschen mit der Hand zu schlenkern. Dabei sieht sie sich vorsichtig um und ist wohl sehr darauf bedacht, dass niemand erkennt, was sie da tut. Nur ein paar Minuten dauert es, und dann schleicht sie wieder ins Haus, leise wie ein Schatten. Habe ich erwähnt, dass es ein ganz klein wenig regnet?

Zwei Monate später wachsen Blumen aus dem Grasstreifen.

***

Die Tüte mit den Blumensamen habe ich selbst gekauft, bezahlt und extra für diesen Blogeintrag fotografiert. Affiliate links gibt es hier nach wie vor nicht. 

 

 

Im Buchladen

Die ältere Dame dreht sich um und lächelt, hört aber sogleich wieder damit auf, als ob ihr gerade noch rechtzeitig einfiele, dass man in dieser Stadt, in solchen Buchläden niemanden anlächelt. Wer weiß, vielleicht hätte sie sich gerne in das Gespräch eingemischt, das das junge Paar gerade führt. Vielleicht hätte sie gerne eine Empfehlung ausgesprochen, ein Buch genannt, das zum Gesprächsthema passt, aber nicht bloße Unterhaltung ist. Nichts gegen Unterhaltung, solange sie auch zum Denken anregt. Die Frage ist: wollten die beiden überhaupt zum Denken angeregt werden? Warum geht man in einen Buchladen? Vermutlich gibt es dafür so viele Gründe, wie es Buchladenkunden gibt. Die beiden suchen, so höre ich, ein Geschenk für eine Bekannte, die eine höchst langweilige Person sein soll. Jedenfalls wissen die beiden nicht, ob sie ein Hobby hat, eine Leidenschaft, ob sie Gedichte mag, gerne Sport treibt oder lieber  ins Museum geht. Es scheint sich also tatsächlich um eine langweilige Person zu handeln, oder aber um eine, die ihre Angelegenheiten tunlichst für sich behält. Übrigens habe ich soeben gelogen: die beiden haben sich nicht gefragt, ob ihre Bekannte vielleicht Gedichte oder Museen liebt: sie blättern in diversen Ratgebern – dick und einsam ist sie also auch – Reiseführern und Kochbüchern. Wobei das mit den Reiseführern auch nicht einfach ist: das Pärchen weiß, dass ihre dicke, einsame Bekannte von Zeit zu Zeit verschwindet, aber nicht, wohin, geschweige denn, was sie da treibt, und warum sie oft äußerst gut gelaunt zurückkehrt. Ich bin kurz davor, Martin Mosebach oder Eva Demski zu empfehlen, aber ich bin lange genug auf der Welt, um zu wissen, dass eine mittelalte, gouvernantenhafte Person wie ich im Angesicht der Jeunesse dorée den Mund zu halten hat. Statt dessen schlendere ich wie von ungefähr um den Buchstapel, nehme ein Buch, blättere darin, lege es an die falsche Stelle zurück, gleich neben die Hand des jungen Mannes. Der greift danach, teilt seiner Begleiterin mit, dass ihm das alles zu lange dauert und er jetzt dieses Buch kaufen wird.

So kann es einem gehen, wenn man sonntagnachmittags ein Buch braucht und die Bahnhofsbuchhandlung aufsuchen muss. Manchmal findet man keines, aber dafür hat man eine Geschichte fürs Blog. Vielleicht sogar zwei, wenn mir einfallen sollte, was die dicke, einsame unbekannte Bekannte während ihrer Absencen tun könnte.

Herr M macht nicht mehr mit.

„Que no te pase lo que a Paco

Se fue a comprar tabaco

Y Paco no volvió más” (Sevillana)

 Warum der stille, vielleicht ein wenig farblose Kollege M eines Tages nicht ins Büro zurückkam, wusste niemand. Ich bin auch nicht sicher, ob sich irgendjemand ernsthaft Gedanken darüber gemacht hat. Alles, was man wusste, war, dass er eines Mittags den üblichen Satz „ich geh‘ essen“ in die Runde warf, aufstand und in Richtung Kantine davonging. Der M war ein unauffälliger Kollege, der häufig allein in die Kantine ging. Meistens höflich, immer engagiert, aber – besonders in der letzten Zeit – stets mit einem  kleinen Anflug von Ironie, den sich niemand erklären konnte.

Der M hatte studiert, und – im Gegensatz zu den meisten anderen Kollegen – auch abgeschlossen und zwar nicht einmal schlecht. Die großer Karriere allerdings war ihm verwehrt geblieben, und im Nachhinein frage ich mich, ob es nicht an diesem Hauch Ironie lag, an dieser offensichtlichen Unfähigkeit, Vorgesetzte und deren Wasserträger zu fürchten, dass man ihn nie für eine Beförderung in Betracht gezogen hatte. Denn sowohl Vorgesetzte als auch Wasserträger wollen respektiert werden, und liegt nicht im Respekt auch immer ein wenig Furcht? Der M aber, obwohl still und zurückhaltend, schien vor nichts und niemandem Angst zu haben.

Übrigens war er durchaus kompetent, mehr als das, außerdem überaus fleißig und von schneller Auffassungsgabe. Knirschte es im Getriebe, war der M stets der erste, der es bemerkte und bereits einen Vorschlag zur Verbesserung in der Schublade hatte. Allerdings rückte der M mit seinen durchaus konstruktiven Vorschlägen mitunter heraus, bevor der Chef das Problem überhaupt identifiziert hatte. Auch neigte der M zur Ungeduld und konnte bisweilen nicht verstehen, dass ein Sachverhalt, der in seinem Verstand schon längst geordnet und sonnenklar „vorlag“, nochmals durchdacht, besprochen und von den richtigen Leuten für gut befunden werden musste. Tatsächlich hatte der M neben dem vollständig ausgearbeiteten Vorschlag stets auch Belege, bereits ausgewertete Statistiken und alle nötigen Nachweise zur Hand, hatte geltende Richtlinien geprüft und Lösungen für mögliche Probleme parat. Oh, es war ihm durchaus klar, dass seine Vorschläge zunächst geprüft werden mussten. Jedoch ertrug er es nur schwer, wenn seine Vorschläge als nutzlos vom Tisch gewischt, aber zwei Jahre später als Ideen des Chefs oder eines der Wasserträger wieder auftauchten und von allen Seiten beifällig zur Kenntnis genommen wurden.

Irgendwann, vielleicht etwa ein bis zwei Jahre vor seinem Verschwinden, begann der M, sich zu verändern. Vorschläge und Ideen blieben aus, das leichte, ironische Lächeln zeigte sich häufiger, Überstunden machte er nur noch, wenn er dazu aufgefordert wurde. Dabei arbeitete er ansonsten gewissenhaft und schnell. Faulheit und Schlamperei erregten nach wie vor seinen Zorn, aber außer mir, die ich acht Jahre lang am Schreibtisch ihm gegenüber gesessen hatte, bemerkte niemand mehr seinen Ärger. Dabei war der M in jüngeren Jahren anscheinend aufbrausend, in späteren von bissiger Höflichkeit gewesen. In den letzten Jahren vor seinem Verschwinden legte er sich Hobbies zu, besuchte Theater und Konzerte, begann Sport zu treiben und sich besser zu kleiden. Gereist war er schon immer, seltsame und leichtfertige Reisen an ungastliche Orte, wo er ein bestimmtes Bild oder eine alte Handschrift zu sehen hoffte. Nun begann er – auf seine alten Tage, wie er lächelnd sagte – Orte aufzusuchen, über die er früher die Nase gerümpft hatte. Dabei galt seine Vorliebe dem Süden Spaniens, Frankreichs und Italiens. Sprachbegabt und –kundig wie er war, schien er auf seinen Reisen schnell Bekanntschaft mit Ortsansässigen und auch Touristen zu schließen. Er habe, so sagte er, ja stets sparsam gelebt, so dass er sich – auf seine alten Tage – mehrere Reisen pro Jahr leisten konnte. Dabei war der M noch nicht alt, Ende vierzig, Anfang fünfzig, aber er kokettierte, wenn auch auf sehr dezente Weise, mit der Verschrobenheit eines sehr viel älteren Mannes.

Ob der M eine Geliebte hatte? Verheiratet war er nicht, so viel ist sicher. In jenen letzten beiden Jahren zeigte er jedoch eine gewisse Weichheit, ein stilles Glück, das mich vermuten lässt, dass er geliebt wurde. Er sprach jedoch nicht darüber. Einmal erzählte er von einem Film, den er gesehen hatte und der von einem fliegenden Händler in der Provence handelte. Er verstehe nichts vom Einzelhandel und könne auch nicht besonders gut ein großes Auto fahren, aber so ein Leben, ließ er durchblicken, hätte ihm gefallen können. „Sie, Herr M, würden allerhöchstens mit gebrauchten Büchern handeln, und wer will die heutzutage noch kaufen?“ spöttelte ich. Von mir ließ er sich den Spott gefallen.

Dann kam der Tag, an dem der M in die Kantine ging und nicht wiederkam. Man rätselte, ob man vielleicht eine Nachricht oder Notiz übersehen hatte, die sein unentschuldigtes, nachmittägliches Fehlen hätte erklären können. Man sandte eine Auszubildende in die Kantine, um ihn zu suchen. Als er auch am nächsten Tag nicht auftauchte, wurde dieselbe Auszubildende beauftragt, im halbstündlichen Abstand beim M anzurufen. Ein Kollege erbot sich, nach Dienstschluss beim M vorbeizufahren, an seiner Tür zu klingeln und sich bei den Nachbarn zu erkundigen. Am dritten Tag schließlich verständigte der direkte Vorgesetzte die Polizei. Diese war ebenso bemüht wie erfolglos, was den Aufenthalt des M betraf. Wir erfuhren jedoch, dass der M schon vor Monaten seine Wohnung gekündigt hatte und vor wenigen Tagen ein Möbelwagen vorgefahren sei und den gesamten Besitz des M abtransportiert habe. Von welcher Firma dieser Wagen gekommen war und wohin er das Mobiliar gebracht hatte, ließ sich nicht ermitteln. Einen Tag, bevor der M aus dem Büro verschwunden war, hatte er sich von seinen Vermietern verabschiedet, den Wohnungsschlüssel übergeben, die Kaution entgegengenommen und war allein davongegangen.

Manchmal stelle ich mir den M vor, mit einem Verkaufswagen, so einer fahrenden Würstelbude, nur eben mit Büchern statt Würsten. Da der M wahrscheinlich immer noch nicht ordentlich Auto fahren kann, sitzt seine Geliebte, eine kräftige Provenzalin, am Steuer, und wenn sie auf einem Flohmarkt Halt machen, dann berät der M in seinem langsamen, präzisen Französisch  die Kundschaft. Sein feines graublondes Haar fällt ihm in die Stirn, und die Provenzalin, die Bücher genauso gern hat wie er, aber nicht so gut verkaufen kann, lächelt die Kundschaft an, damit sie wiederkommt. So stelle ich mir das vor. So sollte es sein.

 

Allerseelen

„Rufen Sie  an, wenn Sie das Zimmer wollen. Fragen Sie nach Adelfa.“ sagt die Dame und zeigt auf ihr Namensschild. „Adelfa, wie die Bulería.“ sage ich, und sie lacht, wie ältere sevillanos lachen, wenn man die abseitigeren Anekdoten aus der Vergangenheit ihrer Stadt kennt. Ich werde umziehen müssen, aber erst in der nächsten Woche. Heute Abend wird gefeiert, mein Cousin wird 30, und die Familie feiert das mit einer ausgiebigen Grillorgie.

Während ich mich umziehe, versuche ich, mich an die Geschichte der schönen, aber unheilbringenden Adelfa zu erinnern. Es heißt, ihr Kuss habe den Männern, die sie liebten, den Tod gebracht. Drei Verlobte seien ihr hintereinander weggestorben, und sie habe sich daraufhin von aller Welt ferngehalten, eine schwarz gekleidete alte Jungfer.  Aber dann sei ein sevillano gekommen, castizo y valiente, der weder Vorurteile noch Aberglauben kennen wollte, und habe ihr den Hof gemacht. Er sei gewarnt worden, aber vergeblich. Adelfa, wie man sich denken kann, lebte auf, und für eine Weile sah die Welt ein ganz gewöhnliches verliebtes junges Paar. Aber eines Abends trug der Wind, wie schon drei Mal zuvor, Gitarrenklänge in den Garten unterhalb der Torre de la Vela und …

„Kommst Du? Heute Abend finden wir einen Ehemann für Dich, Du wirst schon sehen!“ schreit mein Cousin, der sich wie immer äußerst besorgt um meine Zukunft zeigt. „Untersteh Dich!“ „Einen Gitarristen? Einen Sänger? Einen Impresario? Du kriegst, was du willst.“ „Ich nehme nur Tänzer, das weißt du doch. Wenn er nicht tanzen kann: keine Chance!“ sage ich zu diesem Gitarristen, Sohn einer andalusischen gitana und eines deutschen Nichtsnutzes. „Tänzer sind Schweine“ sagt er, „die denken nur an sich. Außerdem sind sie zu blöd, den Takt zu halten.“

Ich bin froh, dass José Manuel mich abholt. Zu oft bin ich, beschützt und beaufsichtigt von wichtig tuenden Dreizehnjährigen, spät abends durch die Stadt gelaufen, weil eine anständige junge Frau doch nicht allein gehen kann. Angekommen am Ort der Grillorgie, bin ich erleichtert, dass keine unverheirateten Männer anwesend zu sein scheinen. Bis auf einen, aber der sitzt  ein wenig abseits und redet mit keinem ein Wort. Ein typischer sevillano, hübsch, brünett, glatt rasiert, ein wandelndes Klischee. Der Abend nimmt seinen typischen Lauf: essen, trinken, tanzen, singen; José Manuel an der Gitarre, auch ich werde zu einer pataíta gezwungen, an solchen Abenden tanzt eine jede und singt ein jeder, egal, ob gut oder schlecht. Der Hübsche allerdings bleibt stumm und nahezu unbeweglich sitzen, lächelt nur manchmal, als ob er sich an etwas erinnerte.

Lange nach Mitternacht verabschiede ich mich, nein, ich brauche wirklich keine Begleitung, ich gehe bis zum Soundso-Platz und da nehme ich ein Taxi, verspreche ich. Als ich am Taxistand ankomme, sehe ich mich kurz um, anscheinend niemand da, ich bin also frei, einen einsamen Spaziergang quer durchs nächtliche Sevilla zu machen. Aber halt, da ist der Hübsche, was will der denn? „Gehen Sie Richtung Triana?“ fragt er. „Gehen wir zusammen?“ Wir gehen zusammen, und der Hübsche erweist sich als angenehmer Gesprächspartner. Er spricht von Sevilla, wie es vor hundert Jahren ausgesehen haben muss, als die schöne Adelfa lebte, und ich frage ihn, warum in aller Welt Eltern ihre Tochter nach dem giftigen Oleander nennen. Darauf lächelt er nur und wechselt das Thema. Er spricht ohne regionalen Akzent, siezt mich, was in unserem Alter nicht üblich ist, und verwendet Wörter und Redewendungen, die ein wenig altmodisch wirken. Aber ich verstehe ihn gut, und es gefällt mir, wie er spricht. Ich denke an José Manuel und seine Versuche, mich zu verkuppeln und muss lächeln. „Sind Sie verliebt?“ fragt der Hübsche. „Nein, und Sie?“ „Ich war es.“ „Was ist passiert?“ frage ich, aber ich bekomme keine Antwort.

„El puente“, die Brücke, sagt er nach einer Weile. „In welche Richtung gehen Sie jetzt?“ Ich zeige die ungefähre Richtung und nenne den Straßennamen. Er fragt, ob er mich noch begleiten soll, und ich nicke, denn ich finde es wunderschön, so mit ihm durch die Nacht zu gehen. „Wie heißen Sie?“ frage ich, denn ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, ob José Manuel ihn mir vorgestellt hat. Er nennt einen Familiennamen, den ich aus Büchern über die Geschichte Sevillas kenne, und einen Vornamen, der fast lächerlich altmodisch klingt, aber ich habe schon lange zuvor begonnen zu träumen, und frage mich nicht, was jemand wie er auf dem Geburtstagsfest meines Cousins zu suchen hatte.

An meiner Unterkunft angekommen, treffe ich meinen Vermieter, der freundlich über junge Damen spöttelt, die sich bis Sonnenaufgang herumtreiben. Ich will mich von meinem Begleiter verabschieden, aber der ist verschwunden. „Wo ist er denn hin?“ frage ich dümmlich, und mein Vermieter sieht mich sehr lange und sehr verwundert an. „Da war niemand. Ich habe dich die ganze lange Straße herunterkommen sehen. Da war niemand. Du warst allein.“ sagt er und schüttelt wieder einmal sanft den Kopf über die komische Ausländerin, die nun schon Gespenster zu sehen scheint. Ich wiederum denke, dass wohl auch mein Vermieter eine feuchtfröhliche Nacht hinter sich hat, aber ich sage nichts.

Am darauffolgenden Tag gehe ich auf den Friedhof, um Blumen auf das Grab des Tänzers Farruco zu legen, dem ich noch etwas schuldig bin. Wie üblich bewege ich mich danach nicht direkt zum Ausgang, sondern spaziere noch eine Weile zwischen den Gräbern herum. Eine Inschrift fällt mir ins Auge: „por una mala mujer“, wegen einer bösen Frau. In Sevilla nennt man die Dinge beim Namen, auch auf dem Friedhof. Ich wische Staub und Schmutz vom Grabstein und lese ein Geburts- und ein Sterbedatum. Der Grabstein ist  fast hundert Jahre alt, der Tote jung gestorben, mit gerade einmal sechsundzwanzig Jahren.  Auf dem Grabstein ist ein Bild, ein typischer sevillano, hübsch, brünett und glattrasiert.  Auch seinen Namen kann ich noch erkennen, aber ich müsste ihn gar nicht mehr lesen, denn am Abend zuvor hat er ihn mir genannt.

Neben dem Grab wächst adelfa, der giftige Oleander.

(Mir fiel gerade ein, dass es eine ähnliche Geschichte gibt, die in Venedig spielt, allerdings in der umgekehrten Konstellation. Als ich diese Geschichte hier schrieb, wollte ich die Figur der „Adelfa“ aus dem Kopf bekommen. Da treibt sie sich nämlich schon lange herum. Die Geschichte aus Venedig, The Story of Salome von Amelia B. Edwards, habe ich wohl unbewusst als Inspiration genommen. Gestern war mir das nicht klar, aber die bloggerische Redlichkeit verlangt, dass ich Einflüsse von anderswoher offenlege. Ein Plagiat, auch ein unbewusstes, wäre mir äußerst peinlich.)

 

Einmal

 

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Einmal…

Einmal, da war sie am Meer gewesen. Das war ein Jahr vor ihrer Hochzeit. An der Ostsee. Für Italien hatte es nicht gereicht. Sie war mit Freundinnen gefahren. Eine Busreise, billig, aber doch ein Urlaub, auf den sie sparen musste. Übernachtung im Vierbettzimmer, durchgelegene Betten. Blümchenkaffee, zu dem die Saarländerin „Bodenseh-Kaffee“ sagte.

Sie sah das Meer, und sie liebte es vom ersten Moment an. Über die Strandkörbe musste sie lachen. Mit den Freundinnen ging sie tanzen, und sie tanzte mit einem, der keine Krawatte trug, dessen Scheitel nicht mit dem nassen Kamm gezogen war, der grüne Augen und braune Locken hatte. Einer, der nicht von der Tankstelle oder dem Kurzwarengeschäft sprach, das er einmal übernehmen würde, sondern von Büchern. Natürlich schien der Mond die ganze Nacht, natürlich rauschten die Wellen, natürlich kam sie erst am frühen Morgen ins Quartier, mit Sand in den feinen Schuhen und im Haar. Aber weiter geschah nichts, so dass sie guten Gewissens in einem weißen Kleid heiraten konnte.

Ihrem Mann, dem mit dem Kurzwarengeschäft, gefiel es, dass seine Frau gerne las. Es gefiel ihm auch, dass sie unternehmungslustig war, dass sie gerne tanzen ging, obwohl er selbst natürlich zwei linke Füße hatte und meist nur zusah. Später reichte es dann doch für Italien. Und Mallorca. Aber als ihr Mann tot war, sagte sie den Leuten immer, sie sei in ihrem Leben nur einmal am Meer gewesen, an der Ostsee.