Am See: Nebel und Raureif

Am See herrscht Ordnung, denn der See liegt in Bayern und in Bayern herrscht die CSU. Wenn es auch so aussieht, als hätten die Grünen oder die Freien Wähler einen Lauf, so weiß man hierzulande doch aus Erfahrung, dass zuletzt immer die CSU lacht. Steht die CSU auch nicht immer für Recht, so doch stets für Ordnung (und die Fälle, in denen es die CSU auch mit der Ordnung nicht so genau nimmt, erwähnt man tunlichst nicht in der Öffentlichkeit, wo man doch nie weiß, wer sich auf ein Kleinstblog verirrt…)

Ordnung heißt am See, dass die Wanderer auf die Wege gelenkt werden, wo sie am wenigsten stören. Entweder jagt man sie gleich auf irgendeinen Berg hinauf – dann sind sie für ein paar Stunden aus dem Weg – oder man führt sie über größtenteils asphaltierte Wirtschaftswege, über die am Sonntag die teils schon sehr gereifte Jugend ohne Rücksicht auf Verluste zur Kirche brettert. Und auch die wirkliche Jugend geht im Landkreis Miesbach eifrig in den Gottesdienst, wie ich am Ausgangspunkt meiner Runde in Agatharied feststellen durfte. Ebenfalls in Richtung Kirche bewegt sich eine Blaskapelle, unter deren Mitgliedern ich den Feuerwehrmann zu erkennen glaube, der seinerzeit meine ohnehin zweifelhaften Bayerischkenntnisse auf eine so harte Probe gestellt hatte. Die Blaskapelle übrigens musiziert zart und melodisch und beschränkt sich nicht auf die übliche knallchargenmäßige Dicke-Backen-Musik mit Humtata. 

Die Wegbeschreibung sagt, man solle rechts an der Kirche vorbeigehen, aber rechts ist kein Weg. Also gehe ich über den Friedhof, dann eine lange Treppe hinunter und stelle fest, dass ich doch auf dem richtigen Weg bin. Am Fuß der Treppe begegnet mir ein sehr zierlicher älterer Herr in feinster Tracht, und in meinem Hirn taucht sofort eine Geschichte auf, eine über einen kleinwüchsigen Bauernsohn und einen reichen Hof wie den, der unmittelbar vor mir liegt. 

Wiesen und Bäume sind vom Raureif versilbert. Der Weg führt an mehreren Höfen vorbei, die gerade so in Sichtweite voneinander liegen. Kein Mensch ist unterwegs, aber mitunter hört man im Nebel in der Ferne Kuhglocken. Auf einer Anhöhe ist die Silhouette eines Fuchses mit buschigem Schweif zu sehen. Ich finde die vermutlich letzten Brombeeren. Reif sind sie nicht mehr geworden, aber ziemlich hart. In der Nacht hat es gefroren, auf den Pfützen hat sich ein dünne Eisschicht gebildet. Ein Weißdornbusch scheint zu blühen, aber das kann nicht sein. Als ich näher komme, sehe ich, dass an den Zweigen ungewöhnlich viel Raureif hängt. 

Ein Rabe sitzt auf einem Baum vor einem Gehöft, ein Lastwagen holt die Bergbauernmilch ab. Ich wundere mich über Hundehütten an der Stallwand und vor allem darüber, dass die Hunde nicht anschlagen. Beim Näherkommen sehe ich jedoch, dass es sich mitnichten um Hundehütten, sondern um eine Art Unterstände für schon etwas größere Kälber handelt. Die Wegbeschreibung erwähnt eine Haflingerweide, über die man auf eigene Gefahr gehen könne. Als ich dort ankomme, bin ich jedoch recht froh, auf einem Pfad zwischen zwei Weiden weiterwandern zu dürfen. Nicht wegen der Haflinger, mit Pferden komme ich zurecht. Allerdings habe ich Hemmungen, mit meinen Wanderstiefeln über die Ländereien fremder Leute zu stapfen.  

Schließlich stelle ich fest, dass ich auf einem Wanderweg gelandet bin, den ich schon beim letzten Mal, aber in entgegengesetzter Richtung, gehen wollte. Damals bin ich wohl irgendwo falsch abgebogen, denn schon nach kurzer Zeit war nicht nur der Weg sondern anscheinend sogar die Welt zu Ende. Heute jedoch finde ich mich ohne Schwierigkeiten zurecht. In Gmund angekommen, begegnet mir auch dieses Mal die örtliche Geistlichkeit. Allerdings ist es der lutherische Pfarrer, der genau in dem Moment, als ich an der Kirche vorbeigehe, die Türen aufreißt und mich böse anschaut. Weil ich aber nicht zu seiner Gemeinde gehöre, kann mir das egal sein. Die Katholiken sind mit Singen und Beten noch nicht fertig, so muss ich auf den Besuch bei der kleinen Schutzmantelmadonna verzichten. Keine frischen Gräber auf dem Friedhof. Wenn ich aber all die Geschichten aufschriebe, die sich mir beim Betrachten der Grabsteine aufdrängen, könnte ich mich am See nicht mehr sehen lassen. Mein Blick bleibt an einem Familiengrab hängen. Zwillingsschwestern, die eine mit gerade einmal einem Jahr, die andere in ihren Zwanzigern gestorben. Ein Sohn von einem wohlhabenden Hof, an dem ich heute vorbeigewandert bin, dem Bild nach zu urteilen lebenslustig, wenn auch nicht mehr ganz jung. Geheiratet hat er anscheinend nie, und auch dazu fiele mir  – da ich ja Dorfgemeinschaften kenne – das eine oder andere ein. Wieder einmal muss ich mich selbst daran hindern, mir Lebensgeschichten zu Grabsteinen auszudenken. 

Wanderweg. (teilweise über den Großen Rundwanderweg Schwärzenbach)

Keine Zug- und Pausenlektüre dieses Mal. 

Am See: Abschied

Zwei Stunden länger als üblich habe ich geschlafen, denn die Nacht war keine erholsame. Deshalb nehme ich den Zug um kurz nach neun, den, mit dem die Massen zum See fahren. Und die Massen sind da, an diesem voraussichtlich letzten schönen Sonntag im Oktober und vielleicht im ganzen Herbst. Sie plappern, allesamt und ununterbrochen. Fahrradfahrer suchen ihren Platz; die böse Kommandeuse in Gestalt einer Bahnangestellten scheucht sie in einen Wagen, der ohnehin überfüllt ist.  In Holzkirchen fährt der Zug nicht mehr weiter, aber der nächste steht schon am selben Bahnsteig gegenüber. Finsterwald hat nun auch eine Bahnstation. Vor Gmund liegt noch leichter Nebel auf den Wiesen. In Tegernsee springe ich als eine der ersten aus dem Zug und bin im Wald, bevor sich die Horden auf dem Wanderweg drängeln. Der Wind kommt vom See her und trägt den Duft der Misthaufen bis tief zwischen die Bäume. Trotz allem ist das hier immer noch Bauernland. Ich weiche vom Wanderweg ab und folge einem Pfad, den ich bei einer der vorigen Wanderungen entdeckt habe. Er ist weder gekennzeichnet noch finde ich ihn in der Karte, also muss ich wohl nachsehen, wohin er führt. Er führt zum Unterstand eines Jägers, der anscheinend das Wild  anfüttert, um sich die Jagd zu erleichtern. Es ist aber kein Jäger da, und so gehe ich weiter. Der Pfad wird immer schmaler und verschwindet schließlich ganz. Auch weiter oben ist kein Pfad, nicht einmal ein Holzweg, also kehre ich um auf den regulären Wanderweg.  Der ist heute allzu gut besucht, und ich, die ich beim Wandern doch eigentlich keine Menschen sehen mag, komme aus dem Grüß-Gott-, Servus- und Hallo-Sagen nicht heraus. Der See ist metallisch-grau und ein einzelnes Segelboot kreuzt vor schwachem Wind. Keine zehn Pferde bekommen mich heute auf die Neureuth. Bei diesem Wetter und um die Uhrzeit sind alle echten Wanderer da; eine Dilettantin wie ich hält sich da besser diskret zurück. Am Hof mit dem schönen Vieh ist die Altbäuerin mit ihren Blumen beschäftigt. Ihr Haar ist nun ganz weiß geworden. Den ganzen Sommer habe ich sie nicht gesehen; und manchmal habe ich auf dem Friedhof nachgeschaut, ob da vielleicht ein frisches Grab ist. Die Altbäuerin redet nicht mit jedem, und schon gar nicht mit mir;  der Altbauer ist da anders, aber der ist nicht zu sehen. Man muss die Leute eben so nehmen, wie sie sind. Dem Vieh wächst schon ein Winterfell, vielleicht kriegen wir wirklich einen frühen Winter, auch wenn das Wetter noch nicht so aussieht. Ein Jungrind, kein Kalb mehr, aber auch noch nicht ganz ausgewachsen, liegt im Gras und hat seinen Kopf aufs Hinterteil seiner ebenfalls im Gras liegenden Mutter gestützt. Beide kauen in einer Seelenruhe, zu der nur Rinder fähig sind, wieder.  Ich gehe über Oberbuchberg, Niemandsbichl und Schwärzenbach zurück. Ältere Herren überwinden scheinbar ohne Anstrengung Steigungen mit dem Fahrrad, aber ein Surren verrät mir, dass es nicht allein Muskelkraft ist, sondern auch Elektrizität, die sie antreibt.  In Gmund strahlt die Sonne und lässt den See silbern glitzern. Auf dem Weg zum Friedhof kommt mir der örtliche Klerus entgegen, der auch zu Mittag essen will. In der Kirche Reste der Dekoration vom Erntedankfest sowie das Ergebnis eines Brainstormings der Ministranten, die sich mit dem Konzept des Dienens beschäftigt haben. Für einen Ministranten bedeutet Dienen: „da Depp sei“ (was er genau so und in genau dieser Schreibweise vermerkt hat). Seine Ministrantenzeit wird sicher für alle Seiten ein Gewinn. (Ich hege einen vagen Verdacht, wer seine Großmutter sein könnte – dieser Hang zur Respektlosigkeit und einer klaren Sprache lässt mich an eine gewisse Altbäuerin denken…)

Am Bahnhof bittet ein Skandinavier (?) mit einem Sweatshirt einer von Neonazis bevorzugten Marke und einem Hutbürgergesicht mich um Hilfe beim Fahrkartenkauf. Sein Ziel ist der Münchner Flughafen Einen Moment lang überlege ich, ihn irgendwo ans Ende der Welt zu schicken, einfach aus Prinzip, aber Fahrkarten in die Walachei verkauft der Automat nicht. Im Zug sitzt eine junge, offensichtlich geistig behinderte Frau in Begleitung ihres Vaters. Sie hat Schwierigkeiten, mehrsilbige Wörter zu bilden. Ihr Vater ignoriert sie hartnäckig, aber sie gibt nicht auf.

Zuglektüre auf der Rückfahrt: der Pfarrbrief des Katholischen Pfarrverbands Gmund-Bad Wiessee, in dem überraschenderweise eine Lanze für Asylbewerber und gegen die Abschiebung einer Schwangeren gebrochen wird.

Am See: müde

Tiefblau ist der See, zarte Wolken hängen knapp über dem unteren Drittel der Berge. An den Weidezäunen Spinnweben mit Perlen aus Tau. Ich aber bin müde und nicht gut beieinander; der kleinste Anstieg macht mir heute zu schaffen. Wie immer, gehe ich zuerst über den älteren der beiden Friedhöfe, dann am neuen, hässlicheren vorbei. Den ersten Wegweiser finde ich sofort und folge dem angezeigten Weg zwischen Viehweiden. Bussarde fliegen, aber auch Störche (was tun denn die noch da?) Kühe schauen mich verständnislos an, als ich auf einem schmalen Pfad ihr Habitat passiere. Einhundert Meter danach ist die Welt zu Ende, d.h. der Wanderweg endet an einem Gatter neben einem sehr schönen hölzernen Kruzifix und einer Bank, von der aus ich erst einmal übers Land schaue. Möglicherweise darf man die Weide überqueren, aber ich bin mir unsicher, und deshalb gehe ich zurück zur letzten Wegkreuzung. Ich komme mir sehr dumm vor, die Kühe haben mich anscheinend nicht ohne Grund so entgeistert angeschaut. Ich begegne einem Bauern, mag aber nicht nach dem Weg fragen. Er jedoch fragt mich, nach dem Woher und Wohin, wie ich es als allein wandernde Frau in dieser Gegend schon gewohnt bin. Die Richtung, in die der Wegweiser zeigt, ist eigentlich eindeutig. Die Wanderkarte löst das Rätsel nicht, also beschließe ich, abzubiegen auf einen Weg, den ich früher schon einmal gewandert bin. Soweit ich weiß, berührt auch dieser Weg einige der Punkte, die ich erreichen wollte. Habe ich im Zug noch gefroren, so wird es beim Gehen durch die Felder bei schon praller Sonne schnell zu warm. Die Jeans, die ich anhabe, weil ich annahm, es werde kühl, ist nach einem Sommer, in dem ich der Stadt nur Röcke und beim Wandern dünne weite Hosen aus meinen Tanzbeständen  getragen habe, steif und unbequem. Auf einem Holzplatz lagert noch viel mehr Holz als beim letzten Mal. Ich wundere mich über die Art der Stapelung: anscheinend werden die geschnittenen Bretter eines Stammes in einer Art Rolle mit dickem Draht zusammengefasst und die Rollen übereinander gestapelt wie viele einzelne Baumstammpuzzles. Das Auto des Feuerwehrmanns steht wieder am Gerätehaus, aber ihn selbst sehe ich nicht. Dieses Mal gehe ich langsam, mit einigen zusätzlichen Schleifen. Ganz oben in  einem Kapellchen hat sich anscheinend ein Bienenschwarm eingenistet. Orchideen (?) blühen tiefrosa bis violett. Ein Hund schlägt an, als ich ein abgelegenes Gehöft passiere, ein zweiter antwortet ihm aus einiger Entfernung. Ich weiß, dass sich dort noch ein zweiter Hof befindet. Die Namen zweier weiterer Höfe erinnern daran, dass dort erst Wald gerodet werden musste, damit sich Bauern ansiedeln konnten. Beim letzten Mal hat mich dort die Inschrift eines Wegkreuzes berührt, dieses Mal sehe ich mir die Figuren genauer an. Sie scheinen mir aus verschiedenen Epochen zu stammen, was man am See häufiger sieht. (Man darf nicht vergessen, dass der See trotz allem bäuerlich ist Man verwendet zuerst, das, was ohnehin zur Hand ist.) Als Kind habe ich die Geschichten der Großelterngeneration gehört, in denen viele Male die Rede davon war, wie Frauen abends an Wegkreuzungen Ausschau hielten, ob denn der vermisste Sohn, Ehemann oder Bruder nicht doch noch aus Krieg und Gefangenschaft  zurück kommen wollte. Irgendwann werde ich die Geschichte des Kreuzes erfahren. Weiter gehe ich auf Wirtschaftswegen, durch ein Wäldchen, in dem es nach Fuchs riecht. Ein neues Ziel lockt, aber ich weiß nicht, ob ich meine Fahrkarte von dort aus nutzen kann. Nächstes Mal, vielleicht. Mir sind diese Rundwege durch die Wiesen lieber als die Berge. Letztere sind spektakulärer, aber da muss ich mich auch mehr auf den Weg selbst konzentrieren. Radfahrer in scheußlichfarbenen Hosen begegnen mir. Üblicherweise grüßen die nicht, nur einer wirft mir im letzten Moment ein „Griaß di“ zu, ist aber weg, bevor ich antworten kann.  Vorbei an einem anderen Kreuz, das an eine schlimme Geschichte erinnert, an einem naiv bemalten Bildstock, einer Fischzucht und ehemaligen Mühlen gehe ich zum Ausgangspunkt zurück und erwische gerade noch den Zug nach München.

(Das verhältnismäßige Glück, das sich im Moment in meinem Leben breit macht, kann mich nicht vergessen lassen, dass es anderswo nicht so ist.)

 

Am See: Düstere Gedanken

Vor düsteren Gedanken an den See fliehen wollen hilft nichts, denn die Gedanken kommen mit. Der Wald kann sie nicht schlucken, das Wasser nicht wegwaschen, die Füchse sie nicht fressen. Außerdem sind im Wald Leute, und meine düsteren Gedanken und ich mögen keine Leute. Ich bin todmüde – das kommt davon, wenn man nachts nicht schläft. Unter diesen Umständen ändere ich meine Pläne und schlendere nur ein wenig am See herum. Erst am Bergfriedhof vorbei in Richtung Niemandsbichl, dann ein Bogen zwischen Viehweiden, wo der Spitzwegerich wächst und gedeiht, als sollte es nach diesem niemals wieder einen Sommer geben. Mehlschwalben sitzen auf Stromleitungen, dunkelbraun geflecktes Vieh erinnert mich an meinen Großvater, der eine seiner Lieblingskühe Katharina von Bora nannte; einen Bauwagen mit abenteuerlicher Bemalung verdächtige ich, Teil einer längst obsoleten Dorfdisco gewesen zu sein. Ein Wegweiser verweist auf einen Wanderweg, den mir ein Feuerwehrmann einmal empfohlen hatte, aber ich folge ihm nicht, denn ich habe die Wanderkarte nicht dabei und bin mir nicht sicher über die Entfernung. An der Neureuth haben sich dicke graue Wolken verhakt. Ich gehe nicht hinauf, denn ich befürchte einen Regenguss. Im Wald sind noch ein paar kleine, zuckersüße, nahezu blauschwarze Brombeeren übrig. Nur einen winzigen Schmetterling sehe ich, aber er ist zu schnell verschwunden, ich kann nicht sehen, was es für einer ist. Meinen Lieblingsaussichtspunkt lasse ich links oder vielmehr rechts liegen, denn dort sind – Sie haben es sicher erraten – Leute. Statt dessen schlendere ich weiter Richtung Tegernsee, aber weder auf dem Weg dahin noch im Ort selbst bekomme ich viel von meiner Umgebung mit. Neben dem Schild, das verbietet, Schutt oder Gartenabfälle abzuladen, prangt ein riesiger Haufen aus eben diesen. Auf dem Weg zu einer der Schiffsanlegestellen begegnen mir mehrfach  Pariser Schuhe an Bornheimer Füßen. Der See selbst ist heute aus türkisgrünem Milchglas. Auf dem Schiff, das mich an den Ausgangspunkt meiner missgelaunten Schlenderei bringt, unterhalte ich mich mit dem Kartenverkäufer über Trockenheit und Regen. Anscheinend ist die Landwirtschaft am See nicht allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen worden. Darüber bin ich froh, denn ich hänge an den seltsamen Leuten hier am See, von denen eine ganze Menge noch von der Landwirtschaft lebt. (Der Kartenverkäufer hat mir schließlich mit seiner Freundlichkeit die schlechte Laune vertrieben. So etwas können sie, da am See.)

 

 

29. Juli 2018

Die Luft ist stumpf in der Stadt, und dabei wohne ich mehr oder weniger  im Grünen. Vorne der Friedhof, seitlich der Pfarrgarten mit großen alten Bäumen. Mein endlich einmal (fast) fertig bepflanzter Balkon lockt Hummeln, Bienen, Wespen, Meisen und Krähen an. Sogar Schmetterlinge scheinen dort ein temporäres Zuhause suchen zu wollen. Bis jetzt war der einzige Dauergast jedoch eine Raupe.

Um der Hitze der Großstadt zu entkommen, breche ich früh morgens zum See auf. Früh morgens ist relativ, aber auf jeden Fall klingelt der Wecker um fünf Uhr. Um sieben Uhr sitze ich im Zug, um halb acht fällt ein Baum auf die Gleise, weswegen die Fahrt per Schienenersatzverkehr fortgesetzt werden muss. Um halb neun bin ich am Zielbahnhof. Vorbei an einem Friedhof, auf dem ich nicht einmal begraben sein möchte, an Kuhweiden, auf die die Sonne brennt, hügelauf, hügelab, geschützt von einem roten Kopftuch. Ich begegne keiner Menschenseele, der erste Heuschnitt ist lange vorbei, die Kühe stehen schon auf der Weide, in den Wiesen ist erst einmal nichts mehr zu tun bis zum nächsten Melken. Rotschwänzchen jagen sich um die wenigen Bäume. Am Hof mit dem schönen Vieh beginnt der Waldweg. Ab da ist es kühl und schattig. Wildschweinspuren, ach nein, doch Menschen, mit einem Quad. Etwas oder jemand folgt mir, ein Reh, ein Mensch? Aus den Augenwinkeln meine ich, ein Wildschwein zu sehen, aber es ist dann doch bloß ein Baumstumpf. Das Rascheln neben mir begleitet mich bis zur nächsten Steigung. Abbiegende Waldpfade locken, aber ich habe heute nicht viel Zeit. Den Weg gehe ich sonst in umgekehrter Richtung. Der See ist blaugrün, an der Wiese, auf der in der Dämmerung sicher Rehe sein werden, bleibe ich stehen und versuche wieder einmal, mir vorzustellen, was der erste Mensch, der je in dieses Tal kam, gesehen haben mag. Die Brombeeren werden reif, noch ein, zwei Wochen und man wird sie pflücken können. Nicht ich, ich habe hier kein Heimatrecht und deshalb auch keine Brombeerstellen.

Der Wald setzt einem den Kopf zurecht, fast so wie das Meer. Schwierig nur, die Lektion im Gedächtnis zu bewahren, mitten im Großstadtalltag.

Sich vom See entfernen

Es muss nicht immer der Blick auf den See sein, und so breche ich auf, das Hinterland zu erkunden. Kann irgendjemand Ortsnamen wie Niemandsbichl, Jäger auf der Eben oder Mayer in der Eck widerstehen? In Niemandsbichl erinnert der noch erhalten gebliebene Sockel eines Wegkreuzes an einen, der hinging, aber nicht mehr herkam. Abgebildet ist der heilige Stefan, was darauf hindeuten könnte, dass der Vermisste oder Verstorbene Stefan geheißen hat. Oder vielleicht hat man nur gehofft, der heilige Stefan möge ihn besonders behüten. Man wird jedenfalls Gründe gehabt haben, die ich, da mir es mir an Kenntnis der örtlichen Gebräuche fehlt, nicht nachvollziehen kann.

Der Frühsommer verschönt jede Landschaft, so auch diese. Der Blick ist hier weiter als in Seenähe. Ich bin früh losgegangen, außer mir ist kein Wanderer unterwegs. Mitten in der Gegend steht ein Feuerwehrgerätehaus herum, was nur auf den ersten Blick unlogisch ist. Tatsächlich sind ja ringsum Aussiedlerhöfe, die längst abgebrannt wären, bis die Feuerwehr aus Gmund die Brandstelle erreicht hätte. Ein Mann scheint die Aufgabe zu haben, die Geräte zu überprüfen und ist der Dritte an diesem Morgen, der mich nach dem Woher und Wohin fragt. Sein „Du“ ist nicht das vielbeschworene  „Bergsteiger-Du“, sondern kommt ganz natürlich, und deshalb ist es sogar mir, die ich mitunter Duzer frage, wann und wo wir miteinander die Schweine gehütet hätten, nicht unangenehm. Er empfiehlt mir für das nächste Mal einen landschaftlich noch schöneren Weg. Für dieses Mal richte ich mich jedoch nach den Wegweisern, denn ich bin ja bekanntermaßen ohne Orientierungssinn geboren. Hofhunde, Raubvögel, ein Storch und (möglicherweise) Kolkraben begegnen mir. Walderdbeeren wachsen am Wegrand. Ich überlege, ob es in der Gegend eigentlich Kreuzottern gibt und vertraue darauf, dass eine derart ungeschickte und unerfahrene Wanderin wie ich genug Lärm macht, dass die geräuschempfindlichen Reptilien das Weite suchen, bevor ich sie auch nur sehen könnte.

Ebenso wie die Feuerwehr ist auch die Religion dezentralisiert: der praktische Nutzen der meist etwas entfernt von den Gehöften gelegenen Kapellchen, Wegkreuzen und Bildstöcken geht mir später auf, als mir ein alter Mann entgegenkommt, für den die Pfarrkirche wohl zu weit entfernt ist und der einen der heiligen Anna selbdritt geweihten Bildstock aufsucht, um dort sein sonntägliches Gebet zu verrichten. Die heilige Anna hält in einem Arm das Jesuskind und im anderen die gleichgroße, sehr jugendliche Maria. Das schönste Wegkreuz steht aber schon an der Zufahrt zu den beiden Waldhöfen und trägt die Inschrift A. und S. St. 1946. Hat man solche Kreuze vielleicht auch anlässlich einer Hochzeit errichtet, und hat hier ein Paar vielleicht Kriegsende und Rückkehr aus der Gefangenschaft abwarten müssen, um heiraten zu können? Das Kreuz, verziert mit auf Holz gemalten Rosen, scheint jedenfalls zu jubilieren.

Grund, wo die Jägerschlacht stattfand, ist schön und immer noch unheimlich. Mir kommt dort der Gedanke, dass es vielleicht nicht klug war, allen Fragenden bereitwillig Auskunft über mein Ziel und den geplanten Weg  zu geben. Aber meine Reize halten sich inzwischen in Grenzen und wenn mir jemand gefolgt wäre, hätte ich es bemerkt. Der Rückweg führt an einer Kläranlage, einem Fischereibetrieb und einer Papierfabrik vorbei. Ich bin mir nun nicht mehr sicher, ob ich in der Gegend Fisch essen möchte. Einige Gebäude jedoch erzählen von früher Industrialisierung, die sicher dem einen oder anderen, der keinen Hof zu erben hatte, ein Auskommen bot. Die Brücke über die Mangfall wird überprüft und ist eigentlich gesperrt, was auch schon Kilometer zuvor angekündigt war. Allerdings habe ich dank meines Mangels an Ortskenntnis angenommen, eine andere Brücke sei gemeint. Ich schleiche hinter den in ihre Arbeit vertieften Männern vorbei. Wenn die Brücke deren Wagen trägt, wird sie auch unter mir nicht zusammenbrechen. Ein Radfahrer scheint ähnliche Gedanken zu haben, aber auch er wird weder aufgehalten noch zurechtgewiesen.

Wieder in Gmund angekommen, reicht die Zeit leider nicht mehr für das Nach-Wanderungs-Eis. Unter wolkigem Himmel nehme ich den Zug in Richtung München. Regnen wird es, wenn überhaupt, erst später, hier wie dort.

Wanderweg: Großer Rundwanderweg Gmund

 

Wie dann doch noch alles gut wurde

Morgens ging das WLAN nicht. Das ist normalerweise kein Drama, außer, Sie glauben, vergessen zu haben, wann das Boot ablegt, das Sie zum Ausgangspunkt Ihrer Wanderung bringen soll. Also Stecker raus, Stecker rein, in unterschiedlicher Reihenfolge. Nichts tut sich. Router neu starten (der Haarnadeltrick). Nach geraumer Zeit blinken die richtigen Lichtlein grün. Kaffeemaschine anwerfen, Müsli zubereiten, Seeschifffahrtsfahrplan studieren, noch einmal den Inhalt des Rucksacks überprüfen, alles da, o.k.

Kaffee und Twitter. Auf Twitter haben sich über Nacht einige Leute die sofortige Stummschaltung verdient. Dabei ärgere ich mich so sehr, dass ich fast das Duschen-Anziehen-an-den-See-fahren vergesse. In vorletzter Minute hetze ich auf den Bahnsteig, in letzter Minute entlocke ich dem störrischen Fahrkartenautomaten doch noch einen Fahrschein. Der Herr Schaffner wirft mir böse Blicke zu, als ich die Fahrkarte erst ausfülle, als der Zug schon in Bewegung ist. Auf das Oberland-Ticket muss man nämlich seinen Namen schreiben, sonst gilt es nicht. Theoretisch bin ich also mindestens zwanzig Meter schwarz gefahren.

Mich kratzt es im Hals. Über Nacht habe ich wieder das Haus zusammengehustet. Der Zug ist klimatisiert, und wie wir alle wissen, die wir aus zivilisierteren Gegenden stammen, sitzt der Bayer an sich ja gerne im Kühlschrank. Ich friere und bin froh, dass ich die dicke Jacke mitgenommen habe. Vom Bahnhof laufe ich erst einmal zur falschen Anlegestelle. Es gibt deren zwei oder drei, und ich vergesse immer, welche die richtige ist. (Rathaus, Geschichtenundmeer, Rathaus!) Auf dem Schiff benehmen sich mehrere  meiner Landsleute daneben. Kaum haben sie den Main in Richtung Süden überquert, verlieren sie ihre sonstige, landestypische Wortkargheit und hauen auf die Sie-wissen-schon.

Wegen des überstürzten Aufbruchs habe ich mir weder zu Hause ein Brot schmieren noch am Bahnhof Proviant kaufen können. An einer Tankstelle erwische ich die vorletzte Fleischpflanzerlsemmel (das kann ich schreiben, aber nicht aussprechen. Bei uns heißt das Frikadellenbrötchen.). Auf dem Schiff sind Menschen, Menschen, Menschen, und die steigen alle da aus, wo ich auch aussteigen will. Von der Anlegestelle entferne ich mich deshalb eiligst in Richtung Wanderweg. Da Karte, Wanderführer und Wegweiser beim letzten Mal miteinander im Konflikt lagen, verlasse ich mich diesmal auf die Wegweiser und komme ohne größeren Umweg ungefähr am Anfang des Wanderwegs an. Auf diesem Wanderweg sagt man anscheinend „Griaß di“, und ich muss mir jedes Mal die Frage verkneifen, wann wir miteinander die Schweine gehütet hätten. (Ich weiß, ich weiß, aber dieses Wanderer-Du geht mir schlecht über die Lippen. Nix für ungut.) 

Der Weg ist bei trockenem Wetter sehr angenehm zu gehen. An einer Stelle lockt sogar der Aufstieg zur Holzeralm, aber da es die erste Wanderung des Jahres ist, beschließe ich, dass die Alm noch warten muss. Wir werden sehen, was der Sommer noch bringt. Holz selbst ist eines meiner liebsten Dörfer am See, und ich kann nicht einmal sagen, warum. Vielleicht wegen dieser einen, samtigen Wiese inmitten von Bergen. Nur eine Viehweide, aber eine besonders schöne. Oder wegen des Ausblicks auf die Neureuth, die von da aus gesehen weniger abweisend wirkt als von Gmund aus. Oder aber wegen der friedlichen Stimmung, die an dieser Stelle herrscht.

Wie beim letzten Mal schwirren rüstige Rentner auf E-Bikes in alle Richtungen. Auf einen längeren Blick auf das  Kapellchen, auf dessen Wänden sich Helden der Lyrik aus mehreren Generationen verewigt haben, verzichte ich diesmal und gehe lieber schnell vorbei. Die Intention und die Beharrlichkeit der Dichter_innen rühren mich.

Halsschmerzen und Husten sind vergangen, als ich in Gmund ankomme. Der Zug nach München ist gerade weg, deswegen habe ich genug Zeit, ein paar lebende Karikaturen aus dem Simplicissimus zu betrachten. Eine hebt den Rock auf Minirockhöhe und fächelt sich damit Luft zu, ja, es ist warm, und ganz bestimmt unter einem den Vorschriften des örtlichen Trachtenvereins entsprechenden Gewand. (Man möge, bei all meinen Spötteleien nicht vergessen, dass die Gegend meine kleine Ersatzheimat  geworden ist, und ich die Menschen dort herzlich gern habe.)

Ein anderer Spaziergänger schreit danach, in einer Geschichte auf diesem Blog verewigt zu werden, vielleicht zusammen mit dem Dirndlminirockmädchen…aber ich glaube, das ist dann doch zu viel. Es wäre wohl eine sehr romantische Liebesgeschichte geworden. Aber das sind jetzt auch meine Leute, die da am See, die kann ich hier nicht verhackstücken.

Gesehen: ein Nachtpfauenaugenmännchen, viele Feuerfalter, einen Fasan, einen Sperber, Primeln, Veilchen, Vergissmeinnicht, Spitzwegerich, blühende Obstbäume und viel, viel Flieder.