21. Woche

Das Maßhalten werden wir in den nächsten Jahren wieder lernen müssen. Weniger Auto, weniger Fleisch und Fisch, weniger Wohnraum. Unsere Unvernunft und die Ausbeutung des Planeten und seiner Geschöpfe auf das absolut notwendige Minimum zurückfahren.

Für den Urlaub kaufe ich einen Badeanzug mit Beinchen. So schön wie der von Frau Lakritze ist er allerdings nicht. Aber er hat Beinchen.

Da es so scheint, als werde das schöne Wetter nicht allzu lange halten, fahre ich zum See und spaziere auf meinem Lieblingsweg von Agatharied nach Gmund. Ich sehe einen Bussard, ein Rotschwänzchen, eine Mehlschwalbe, einen Distelfink(?) und vier Aurorafalter. Der Feuerwehrmann warnt vor schlechtem Wetter am Nachmittag und beschwert sich über die Unzuverlässigkeit hundertjähriger Kalender.  Die Wiesen blühen, die Sonne brennt und ich überquere gleich zwei Kuhweiden. Nicht absichtlich, aber der im vorigen Jahr vom Feuerwehrmann empfohlene Weg führt genau da entlang. Die Rindviecher schauen mich zwar wieder an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank, aber da sie gerade beim Verdauen sind, überquere ich beide Weiden ohne Kuhhörner im Rücken. Eventuell höre ich im Wald eine ausgebüxte Kuh ohne Glocke oder aber einen Hirsch. Ich sehe aber nicht nach.

Auf meinem Balkon blüht der Thymian. Ich rette ein paar nützliche, aber anscheinend mäßig intelligente Insekten vor einem frühen Tod, indem ich sie mit Hilfe eines Glases und einer Karteikarte wieder aus der Wohnung bugsiere. Hinein kommen sie immer irgendwie, aber dann finden sie den Ausgang nicht mehr.

Es regnet. Ich verwerfe einen Text für eine Blogparade. Und beschließe wieder einmal, mein Leben außerhalb des Internets streng von meinen Internetaktivitäten zu trennen.

Es regnet weiter. Ich sage mir, dass weniger mehr ist und gehe bis auf weiteres  nur noch einmal die Woche zum Flamencotanzen. Die Chancen, dass ich in meinem Alter noch beim Spanischen Nationalballett engagiert werde, sind vergleichsweise gering, also kann ich es auch ruhiger angehen lassen.

Die Isar tritt über die Ufer. Majestätisch und unbeeindruckt schwimmen Schwäne über die Wiese.

In meinem Portemonnaie befindet sich eine neue Plastikkarte. Sie stellt die moderne Version meiner Jahreskarte für den hiesigen ÖPNV dar und ist – entgegen den Angaben auf der Website des hiesigen ÖPNV-Anbieters – schon seit dem 1. Mai 2019 gültig. Da ich den Kontrolleuren und -eusen zutraue, sich doch eher an die Angaben auf der Website zu halten, führe ich das Schreiben, das die tatsächliche Gültigkeit bestätigt, stets mit. Heute morgen stellte sich jedoch ein ganz anderes Problem. Das Kontrollpersonal hat tatsächlich schon die Lesegeräte für die neuen Karten, nur brauchen die Geräte eine Internetverbindung, um lesen zu können. Die war heute morgen in der U-Bahn recht wacklig, wie es schien, und so las das Gerät gefühlt fünf Minuten an der Karte herum, bis Herr Kontrolleur schließlich erleichtert „Zone 1-3“ seufzen konnte.

Gelesen: immer noch Martin Mosebach, Westend.  (Mosebach erzählt so gemächlich, dass man sich beim Lesen dem langsamen Tempo anpassen muss.)

Juna über Judentum und Aneignung.

Frau Fundevogel über schwärmende Bienen.

Gehört: Brass Banda (allerdings weiß ich nicht, wie der Milchpreis gerade steht)

 

 

Ein Samstag im April

alltag-001-2018

Um drei Uhr wache ich auf. Das sind fünf Stunden Schlaf und damit schon besser als in der Nacht davor. Da habe ich nur dreieinhalb Stunden geschlafen. In den letzten zwei Jahren hatte sich eigentlich ein Rhythmus eingependelt, der so ging: erstes Einschlafen gegen 22 Uhr, aufwachen gegen drei, eine Stunde lesen,  aufräumen oder im Internet herumsandeln, dann wieder schlafen. Das erste Einschlafen geht leicht, aber der Punkt „dann wieder schlafen“ macht mir seit einiger Zeit zu schaffen. Es ist ja nicht so, dass ich um vier hellwach wäre. Ich bin quälend und nervenzerfetzend müde, kann kaum geradeaus laufen oder einen kohärenten Satz schreiben.

Ich muss doch noch eingeschlafen sein, denn der Wecker reißt mich um sieben Uhr aus wüst-schönen Träumen. Draußen ist der Himmel grau, trotzdem singen Amseln um die Wette. (Oder brüllen herum, wie meine Schwester sagen würde.) Drei Löffel Müesli, vier Löffel Joghurt, anderthalb Espressi, aufgefüllt mit Milch. Duschen mit Haarewaschen, Proviant in den Rucksack, alles hopp-hopp, der Zug wartet nicht.

Auf dem Weg zum See sehe ich noch Schneeflecken in schattigen Waldwinkeln, aber als ich am See ankomme, strahlt und wärmt bereits die Sonne. Tatsächlich habe ich den See noch nie so schön gesehen. Der Wald ist frühlingsgrün. Es blühen Veilchen, Schlüsselblumen und noch eine andere wilde oder verwilderte Primelart, außerdem ein Pflänzchen, das ich nicht kenne und das aussieht wie eine sehr kleine Anemone. In den Dörfern werfen Forsythien ihre feurig-gelbe Schönheit in den Himmel. Die ruhigeren Magnolien aber sehen aus, als habe man sie auf zartblauen Stoff gestickt. Am schönen Hof hat jemand die ehrenvolle Aufgabe, Wurzelstöcke zu zerkleinern. Das ist keine Sinekure, und mein fröhliches „Grüß Gott“ wird etwas säuerlich beantwortet. Die Berge am anderen Ufer erscheinen mir höher als im vergangenen Jahr, obwohl das ja nicht sein kann und ich meinen Aussichtspunkt nicht niedriger gewählt habe als sonst. Ich wandere kurz oder spaziere lange, je nachdem, wie Sie das sehen wollen.

Weil aber auch noch Flohmarkt ist, beeile ich mich und gehe Abkürzungen. Auf dem Flohmarkt lockt mich erst ein Emaillesieb,  aber dann entscheide ich mich für einen indischen Schal, der die ideale Größe für einen mantoncillo hat. Sollte ich noch jemals auf eine Flamenco-Bühne zurückkehren, hätte ich endlich einmal einen mantoncillo, der nicht zu kurz ist für meine 1,80 m. Ein mantoncillo ist ein kleiner, dreieckiger Schal, der über die Schultern gelegt wird und mit einer nicht zu auffälligen Brosche festgesteckt wird. Ist der Rockbund etwas zu weit, kann man den mantoncillo daran befestigen. Dann fungiert er als eine Art Hosenträger. Er kann Fransen haben oder einen kleinen Volant oder auch keines von beiden. (Diese Dame hier trägt einen sehr schönen mantoncillo.)

Am Nachmittag überfällt mich eine Gier nach Erdbeeren und Tomaten. Für beides ist es eigentlich noch zu früh im Jahr, trotzdem nehme ich den Bus zum Obst- und Gemüseladen und kaufe ein. Neben Erdbeeren und Tomaten erstehe ich noch eine Tüte italienisches Gebäck. Dann fahre ich mit der Straßenbahn ins Stadtzentrum und suche nach einem Buch, das gerade erschienen ist und das ich unbedingt lesen will. Im zweiten Geschäft finde ich es.

Auf dem Rückweg steige ich versehentlich in eine Wagen voller Polizisten und Fußballfans ein. Beide Gruppen sind ja meiner Erfahrung nach nicht für ihre guten Umgangsformen bekannt. Ich bin also froh, dass ich schon nach zwei Stationen wieder aussteigen darf.

Zu Hause angekommen, lege ich mich zum Lesen aufs Sofa, bis mir einfällt, dass ich ja noch etwas für Ulli schreiben muss.

50. Woche

Da ich ohnehin in der Gegend bin, mache ich einen Abstecher zum See. Es regnet, aber die freiwillige Feuerwehr und die katholischen Landfrauen bieten unverdrossen Glühwein und Wollsocken feil. Ich kaufe ein herzförmiges Lavendelsäckchen aus Dirndlstoff. Auf die Socken muss ich verzichten, denn ich habe nur ein paar Euro eingesteckt. Im Vorraum der Kirche ist eine Landschaft mit Krippe aufgebaut. Ein mittelalter Herr streicht knapp an mir vorbei und spuckt nach landestypischer Art im allerletzten Moment ein „Grüß Gott“ aus dem Mundwinkel wie einen Priem. Wie jedes Mal bin ich zu verdattert, um zu antworten. Ludwig Erhard trägt eine rote Zipfelmütze. Ob Thomas Mann auch eine bekommen hat, weiß ich nicht. 

Frau Mutter beschwert sich, dass der Weihnachtsbaum, den sie vor Jahren im Topf gekauft und nach Weihnachten in den Garten gepflanzt hat, zu sehr gewachsen sei und ihm „die Lichterkette nur noch bis zu den Knien“ gehe, was ja doch zu dumm aussehe. 

Der Balkonadventskranz bekommt Teelichte in kleinen Marmeladengläsern. Das sieht sehr  viel schöner aus als die dicken, roten Kerzen, die ich zuerst aufgestellt hatte. In der Stadt haben die Zierkirschen an einigen geschützten Stellen wieder angefangen, zu blühen. Dann fällt Schnee. Wäre ich eine kultivierte Japanerin, schriebe ich ein Gedicht. 

Im Büro häufen sich die Krankheitsfälle, wodurch ich zu einer Extra-Notruf-Spätschicht komme. Haben andere auch ein schlechtes Gewissen, wenn sie den Vormittag über frei haben? Ich habe immer das Gefühl, die fleißigen Angestellten schauen mich böse an, wenn ich früh morgens nicht ins Büro renne. Komme ich hingegen abends spät nach Hause, fühle ich mich wie eine Herumtreiberin, die bis in die Nacht hinein gesoffen hat. Vermutlich hat man mir ohnehin längst einen liederlichen Lebenswandel angedichtet. Wandelte ich tatsächlich liederlich durchs Leben, sollte ich mich vielleicht mit der Dame von Unterwelt zusammentun, die nebenan wohnt und demnächst in den Ruhestand tritt. Vielleicht könnte ich ihr Geschäft übernehmen, wer weiß. Aber ich habe kein Talent zur Geschäftsfrau und schon gar nicht zur Dame von Unterwelt.

Zum ersten Mal seit gut eineinhalb Jahren habe ich wieder Lust, zu schreiben. Ja, ich habe in der ganzen Zeit weitergeschrieben. Die Texte waren auch danach. (So eine Geschichte wie damals die eine über die Sachsenhäuser Taschendiebin kriege ich nie wieder hin.)

Eine Frage an das hochverehrte Publikum: Geht Ihnen das eigentlich auch so? Sie stoßen zufällig auf ein WordPress-Blog, dem Sie nicht via WordPress folgen; Sie finden einige Texte wunderschön, aber Sie können weder Likes vergeben noch kommentieren?

Die Kistenmetapher gefällt mir. Und das hier über einen jovialen und freundlichen Mann.

Am See: Nebel und Raureif

Am See herrscht Ordnung, denn der See liegt in Bayern und in Bayern herrscht die CSU. Wenn es auch so aussieht, als hätten die Grünen oder die Freien Wähler einen Lauf, so weiß man hierzulande doch aus Erfahrung, dass zuletzt immer die CSU lacht. Steht die CSU auch nicht immer für Recht, so doch stets für Ordnung (und die Fälle, in denen es die CSU auch mit der Ordnung nicht so genau nimmt, erwähnt man tunlichst nicht in der Öffentlichkeit, wo man doch nie weiß, wer sich auf ein Kleinstblog verirrt…)

Ordnung heißt am See, dass die Wanderer auf die Wege gelenkt werden, wo sie am wenigsten stören. Entweder jagt man sie gleich auf irgendeinen Berg hinauf – dann sind sie für ein paar Stunden aus dem Weg – oder man führt sie über größtenteils asphaltierte Wirtschaftswege, über die am Sonntag die teils schon sehr gereifte Jugend ohne Rücksicht auf Verluste zur Kirche brettert. Und auch die wirkliche Jugend geht im Landkreis Miesbach eifrig in den Gottesdienst, wie ich am Ausgangspunkt meiner Runde in Agatharied feststellen durfte. Ebenfalls in Richtung Kirche bewegt sich eine Blaskapelle, unter deren Mitgliedern ich den Feuerwehrmann zu erkennen glaube, der seinerzeit meine ohnehin zweifelhaften Bayerischkenntnisse auf eine so harte Probe gestellt hatte. Die Blaskapelle übrigens musiziert zart und melodisch und beschränkt sich nicht auf die übliche knallchargenmäßige Dicke-Backen-Musik mit Humtata. 

Die Wegbeschreibung sagt, man solle rechts an der Kirche vorbeigehen, aber rechts ist kein Weg. Also gehe ich über den Friedhof, dann eine lange Treppe hinunter und stelle fest, dass ich doch auf dem richtigen Weg bin. Am Fuß der Treppe begegnet mir ein sehr zierlicher älterer Herr in feinster Tracht, und in meinem Hirn taucht sofort eine Geschichte auf, eine über einen kleinwüchsigen Bauernsohn und einen reichen Hof wie den, der unmittelbar vor mir liegt. 

Wiesen und Bäume sind vom Raureif versilbert. Der Weg führt an mehreren Höfen vorbei, die gerade so in Sichtweite voneinander liegen. Kein Mensch ist unterwegs, aber mitunter hört man im Nebel in der Ferne Kuhglocken. Auf einer Anhöhe ist die Silhouette eines Fuchses mit buschigem Schweif zu sehen. Ich finde die vermutlich letzten Brombeeren. Reif sind sie nicht mehr geworden, aber ziemlich hart. In der Nacht hat es gefroren, auf den Pfützen hat sich ein dünne Eisschicht gebildet. Ein Weißdornbusch scheint zu blühen, aber das kann nicht sein. Als ich näher komme, sehe ich, dass an den Zweigen ungewöhnlich viel Raureif hängt. 

Ein Rabe sitzt auf einem Baum vor einem Gehöft, ein Lastwagen holt die Bergbauernmilch ab. Ich wundere mich über Hundehütten an der Stallwand und vor allem darüber, dass die Hunde nicht anschlagen. Beim Näherkommen sehe ich jedoch, dass es sich mitnichten um Hundehütten, sondern um eine Art Unterstände für schon etwas größere Kälber handelt. Die Wegbeschreibung erwähnt eine Haflingerweide, über die man auf eigene Gefahr gehen könne. Als ich dort ankomme, bin ich jedoch recht froh, auf einem Pfad zwischen zwei Weiden weiterwandern zu dürfen. Nicht wegen der Haflinger, mit Pferden komme ich zurecht. Allerdings habe ich Hemmungen, mit meinen Wanderstiefeln über die Ländereien fremder Leute zu stapfen.  

Schließlich stelle ich fest, dass ich auf einem Wanderweg gelandet bin, den ich schon beim letzten Mal, aber in entgegengesetzter Richtung, gehen wollte. Damals bin ich wohl irgendwo falsch abgebogen, denn schon nach kurzer Zeit war nicht nur der Weg sondern anscheinend sogar die Welt zu Ende. Heute jedoch finde ich mich ohne Schwierigkeiten zurecht. In Gmund angekommen, begegnet mir auch dieses Mal die örtliche Geistlichkeit. Allerdings ist es der lutherische Pfarrer, der genau in dem Moment, als ich an der Kirche vorbeigehe, die Türen aufreißt und mich böse anschaut. Weil ich aber nicht zu seiner Gemeinde gehöre, kann mir das egal sein. Die Katholiken sind mit Singen und Beten noch nicht fertig, so muss ich auf den Besuch bei der kleinen Schutzmantelmadonna verzichten. Keine frischen Gräber auf dem Friedhof. Wenn ich aber all die Geschichten aufschriebe, die sich mir beim Betrachten der Grabsteine aufdrängen, könnte ich mich am See nicht mehr sehen lassen. Mein Blick bleibt an einem Familiengrab hängen. Zwillingsschwestern, die eine mit gerade einmal einem Jahr, die andere in ihren Zwanzigern gestorben. Ein Sohn von einem wohlhabenden Hof, an dem ich heute vorbeigewandert bin, dem Bild nach zu urteilen lebenslustig, wenn auch nicht mehr ganz jung. Geheiratet hat er anscheinend nie, und auch dazu fiele mir  – da ich ja Dorfgemeinschaften kenne – das eine oder andere ein. Wieder einmal muss ich mich selbst daran hindern, mir Lebensgeschichten zu Grabsteinen auszudenken. 

Wanderweg. (teilweise über den Großen Rundwanderweg Schwärzenbach)

Keine Zug- und Pausenlektüre dieses Mal. 

Am See: Abschied

Zwei Stunden länger als üblich habe ich geschlafen, denn die Nacht war keine erholsame. Deshalb nehme ich den Zug um kurz nach neun, den, mit dem die Massen zum See fahren. Und die Massen sind da, an diesem voraussichtlich letzten schönen Sonntag im Oktober und vielleicht im ganzen Herbst. Sie plappern, allesamt und ununterbrochen. Fahrradfahrer suchen ihren Platz; die böse Kommandeuse in Gestalt einer Bahnangestellten scheucht sie in einen Wagen, der ohnehin überfüllt ist.  In Holzkirchen fährt der Zug nicht mehr weiter, aber der nächste steht schon am selben Bahnsteig gegenüber. Finsterwald hat nun auch eine Bahnstation. Vor Gmund liegt noch leichter Nebel auf den Wiesen. In Tegernsee springe ich als eine der ersten aus dem Zug und bin im Wald, bevor sich die Horden auf dem Wanderweg drängeln. Der Wind kommt vom See her und trägt den Duft der Misthaufen bis tief zwischen die Bäume. Trotz allem ist das hier immer noch Bauernland. Ich weiche vom Wanderweg ab und folge einem Pfad, den ich bei einer der vorigen Wanderungen entdeckt habe. Er ist weder gekennzeichnet noch finde ich ihn in der Karte, also muss ich wohl nachsehen, wohin er führt. Er führt zum Unterstand eines Jägers, der anscheinend das Wild  anfüttert, um sich die Jagd zu erleichtern. Es ist aber kein Jäger da, und so gehe ich weiter. Der Pfad wird immer schmaler und verschwindet schließlich ganz. Auch weiter oben ist kein Pfad, nicht einmal ein Holzweg, also kehre ich um auf den regulären Wanderweg.  Der ist heute allzu gut besucht, und ich, die ich beim Wandern doch eigentlich keine Menschen sehen mag, komme aus dem Grüß-Gott-, Servus- und Hallo-Sagen nicht heraus. Der See ist metallisch-grau und ein einzelnes Segelboot kreuzt vor schwachem Wind. Keine zehn Pferde bekommen mich heute auf die Neureuth. Bei diesem Wetter und um die Uhrzeit sind alle echten Wanderer da; eine Dilettantin wie ich hält sich da besser diskret zurück. Am Hof mit dem schönen Vieh ist die Altbäuerin mit ihren Blumen beschäftigt. Ihr Haar ist nun ganz weiß geworden. Den ganzen Sommer habe ich sie nicht gesehen; und manchmal habe ich auf dem Friedhof nachgeschaut, ob da vielleicht ein frisches Grab ist. Die Altbäuerin redet nicht mit jedem, und schon gar nicht mit mir;  der Altbauer ist da anders, aber der ist nicht zu sehen. Man muss die Leute eben so nehmen, wie sie sind. Dem Vieh wächst schon ein Winterfell, vielleicht kriegen wir wirklich einen frühen Winter, auch wenn das Wetter noch nicht so aussieht. Ein Jungrind, kein Kalb mehr, aber auch noch nicht ganz ausgewachsen, liegt im Gras und hat seinen Kopf aufs Hinterteil seiner ebenfalls im Gras liegenden Mutter gestützt. Beide kauen in einer Seelenruhe, zu der nur Rinder fähig sind, wieder.  Ich gehe über Oberbuchberg, Niemandsbichl und Schwärzenbach zurück. Ältere Herren überwinden scheinbar ohne Anstrengung Steigungen mit dem Fahrrad, aber ein Surren verrät mir, dass es nicht allein Muskelkraft ist, sondern auch Elektrizität, die sie antreibt.  In Gmund strahlt die Sonne und lässt den See silbern glitzern. Auf dem Weg zum Friedhof kommt mir der örtliche Klerus entgegen, der auch zu Mittag essen will. In der Kirche Reste der Dekoration vom Erntedankfest sowie das Ergebnis eines Brainstormings der Ministranten, die sich mit dem Konzept des Dienens beschäftigt haben. Für einen Ministranten bedeutet Dienen: „da Depp sei“ (was er genau so und in genau dieser Schreibweise vermerkt hat). Seine Ministrantenzeit wird sicher für alle Seiten ein Gewinn. (Ich hege einen vagen Verdacht, wer seine Großmutter sein könnte – dieser Hang zur Respektlosigkeit und einer klaren Sprache lässt mich an eine gewisse Altbäuerin denken…)

Am Bahnhof bittet ein Skandinavier (?) mit einem Sweatshirt einer von Neonazis bevorzugten Marke und einem Hutbürgergesicht mich um Hilfe beim Fahrkartenkauf. Sein Ziel ist der Münchner Flughafen Einen Moment lang überlege ich, ihn irgendwo ans Ende der Welt zu schicken, einfach aus Prinzip, aber Fahrkarten in die Walachei verkauft der Automat nicht. Im Zug sitzt eine junge, offensichtlich geistig behinderte Frau in Begleitung ihres Vaters. Sie hat Schwierigkeiten, mehrsilbige Wörter zu bilden. Ihr Vater ignoriert sie hartnäckig, aber sie gibt nicht auf.

Zuglektüre auf der Rückfahrt: der Pfarrbrief des Katholischen Pfarrverbands Gmund-Bad Wiessee, in dem überraschenderweise eine Lanze für Asylbewerber und gegen die Abschiebung einer Schwangeren gebrochen wird.

Am See: müde

Tiefblau ist der See, zarte Wolken hängen knapp über dem unteren Drittel der Berge. An den Weidezäunen Spinnweben mit Perlen aus Tau. Ich aber bin müde und nicht gut beieinander; der kleinste Anstieg macht mir heute zu schaffen. Wie immer, gehe ich zuerst über den älteren der beiden Friedhöfe, dann am neuen, hässlicheren vorbei. Den ersten Wegweiser finde ich sofort und folge dem angezeigten Weg zwischen Viehweiden. Bussarde fliegen, aber auch Störche (was tun denn die noch da?) Kühe schauen mich verständnislos an, als ich auf einem schmalen Pfad ihr Habitat passiere. Einhundert Meter danach ist die Welt zu Ende, d.h. der Wanderweg endet an einem Gatter neben einem sehr schönen hölzernen Kruzifix und einer Bank, von der aus ich erst einmal übers Land schaue. Möglicherweise darf man die Weide überqueren, aber ich bin mir unsicher, und deshalb gehe ich zurück zur letzten Wegkreuzung. Ich komme mir sehr dumm vor, die Kühe haben mich anscheinend nicht ohne Grund so entgeistert angeschaut. Ich begegne einem Bauern, mag aber nicht nach dem Weg fragen. Er jedoch fragt mich, nach dem Woher und Wohin, wie ich es als allein wandernde Frau in dieser Gegend schon gewohnt bin. Die Richtung, in die der Wegweiser zeigt, ist eigentlich eindeutig. Die Wanderkarte löst das Rätsel nicht, also beschließe ich, abzubiegen auf einen Weg, den ich früher schon einmal gewandert bin. Soweit ich weiß, berührt auch dieser Weg einige der Punkte, die ich erreichen wollte. Habe ich im Zug noch gefroren, so wird es beim Gehen durch die Felder bei schon praller Sonne schnell zu warm. Die Jeans, die ich anhabe, weil ich annahm, es werde kühl, ist nach einem Sommer, in dem ich der Stadt nur Röcke und beim Wandern dünne weite Hosen aus meinen Tanzbeständen  getragen habe, steif und unbequem. Auf einem Holzplatz lagert noch viel mehr Holz als beim letzten Mal. Ich wundere mich über die Art der Stapelung: anscheinend werden die geschnittenen Bretter eines Stammes in einer Art Rolle mit dickem Draht zusammengefasst und die Rollen übereinander gestapelt wie viele einzelne Baumstammpuzzles. Das Auto des Feuerwehrmanns steht wieder am Gerätehaus, aber ihn selbst sehe ich nicht. Dieses Mal gehe ich langsam, mit einigen zusätzlichen Schleifen. Ganz oben in  einem Kapellchen hat sich anscheinend ein Bienenschwarm eingenistet. Orchideen (?) blühen tiefrosa bis violett. Ein Hund schlägt an, als ich ein abgelegenes Gehöft passiere, ein zweiter antwortet ihm aus einiger Entfernung. Ich weiß, dass sich dort noch ein zweiter Hof befindet. Die Namen zweier weiterer Höfe erinnern daran, dass dort erst Wald gerodet werden musste, damit sich Bauern ansiedeln konnten. Beim letzten Mal hat mich dort die Inschrift eines Wegkreuzes berührt, dieses Mal sehe ich mir die Figuren genauer an. Sie scheinen mir aus verschiedenen Epochen zu stammen, was man am See häufiger sieht. (Man darf nicht vergessen, dass der See trotz allem bäuerlich ist Man verwendet zuerst, das, was ohnehin zur Hand ist.) Als Kind habe ich die Geschichten der Großelterngeneration gehört, in denen viele Male die Rede davon war, wie Frauen abends an Wegkreuzungen Ausschau hielten, ob denn der vermisste Sohn, Ehemann oder Bruder nicht doch noch aus Krieg und Gefangenschaft  zurück kommen wollte. Irgendwann werde ich die Geschichte des Kreuzes erfahren. Weiter gehe ich auf Wirtschaftswegen, durch ein Wäldchen, in dem es nach Fuchs riecht. Ein neues Ziel lockt, aber ich weiß nicht, ob ich meine Fahrkarte von dort aus nutzen kann. Nächstes Mal, vielleicht. Mir sind diese Rundwege durch die Wiesen lieber als die Berge. Letztere sind spektakulärer, aber da muss ich mich auch mehr auf den Weg selbst konzentrieren. Radfahrer in scheußlichfarbenen Hosen begegnen mir. Üblicherweise grüßen die nicht, nur einer wirft mir im letzten Moment ein „Griaß di“ zu, ist aber weg, bevor ich antworten kann.  Vorbei an einem anderen Kreuz, das an eine schlimme Geschichte erinnert, an einem naiv bemalten Bildstock, einer Fischzucht und ehemaligen Mühlen gehe ich zum Ausgangspunkt zurück und erwische gerade noch den Zug nach München.

(Das verhältnismäßige Glück, das sich im Moment in meinem Leben breit macht, kann mich nicht vergessen lassen, dass es anderswo nicht so ist.)

 

Am See: Düstere Gedanken

Vor düsteren Gedanken an den See fliehen wollen hilft nichts, denn die Gedanken kommen mit. Der Wald kann sie nicht schlucken, das Wasser nicht wegwaschen, die Füchse sie nicht fressen. Außerdem sind im Wald Leute, und meine düsteren Gedanken und ich mögen keine Leute. Ich bin todmüde – das kommt davon, wenn man nachts nicht schläft. Unter diesen Umständen ändere ich meine Pläne und schlendere nur ein wenig am See herum. Erst am Bergfriedhof vorbei in Richtung Niemandsbichl, dann ein Bogen zwischen Viehweiden, wo der Spitzwegerich wächst und gedeiht, als sollte es nach diesem niemals wieder einen Sommer geben. Mehlschwalben sitzen auf Stromleitungen, dunkelbraun geflecktes Vieh erinnert mich an meinen Großvater, der eine seiner Lieblingskühe Katharina von Bora nannte; einen Bauwagen mit abenteuerlicher Bemalung verdächtige ich, Teil einer längst obsoleten Dorfdisco gewesen zu sein. Ein Wegweiser verweist auf einen Wanderweg, den mir ein Feuerwehrmann einmal empfohlen hatte, aber ich folge ihm nicht, denn ich habe die Wanderkarte nicht dabei und bin mir nicht sicher über die Entfernung. An der Neureuth haben sich dicke graue Wolken verhakt. Ich gehe nicht hinauf, denn ich befürchte einen Regenguss. Im Wald sind noch ein paar kleine, zuckersüße, nahezu blauschwarze Brombeeren übrig. Nur einen winzigen Schmetterling sehe ich, aber er ist zu schnell verschwunden, ich kann nicht sehen, was es für einer ist. Meinen Lieblingsaussichtspunkt lasse ich links oder vielmehr rechts liegen, denn dort sind – Sie haben es sicher erraten – Leute. Statt dessen schlendere ich weiter Richtung Tegernsee, aber weder auf dem Weg dahin noch im Ort selbst bekomme ich viel von meiner Umgebung mit. Neben dem Schild, das verbietet, Schutt oder Gartenabfälle abzuladen, prangt ein riesiger Haufen aus eben diesen. Auf dem Weg zu einer der Schiffsanlegestellen begegnen mir mehrfach  Pariser Schuhe an Bornheimer Füßen. Der See selbst ist heute aus türkisgrünem Milchglas. Auf dem Schiff, das mich an den Ausgangspunkt meiner missgelaunten Schlenderei bringt, unterhalte ich mich mit dem Kartenverkäufer über Trockenheit und Regen. Anscheinend ist die Landwirtschaft am See nicht allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen worden. Darüber bin ich froh, denn ich hänge an den seltsamen Leuten hier am See, von denen eine ganze Menge noch von der Landwirtschaft lebt. (Der Kartenverkäufer hat mir schließlich mit seiner Freundlichkeit die schlechte Laune vertrieben. So etwas können sie, da am See.)