Ein Samstag im Dezember

Ulli vom Café Weltenall fragt  am ersten Wochenende im Monat nach unserem Alltag.  

Nachdem es im November schon ein bisschen geschneit hat, haben wir am heutigen 1. Dezember echtes Novemberwetter mit Regen, tief hängenden Wolken und lautstark missgestimmten Passanten unten auf der Straße. Nur die Amseln singen und der Jasmin auf meinem Balkon blüht unverdrossen. Der Jasmin nämlich scheint meine vor kurzem geäußerte Vermutung, wir bekämen einen langen und harten Winter, Lügen strafen zu wollen. Für einen langen Winter ist es zu spät, außer er reicht bis in den Mai hinein, was hierzulande auch schon vorgekommen ist. Hart kann er immer noch werden. 

Beim Frühstück wundere ich mich über einen Beigeschmack, den ich nicht zu kennen glaube, erinnere mich aber dann, dass ich ja zuletzt Ziegenjoghurt gekauft habe. Mit ein bisschen Honig wird er besser schmecken, glaube ich. Nachdem ich die üblichen morgendlichen Verrichtungen erledigt habe, lese ich ein bisschen im Internet und gehe einkaufen. Auf dem Rückweg hat die schwere Wolkendecke ein paar Löcher bekommen und die Sonne schielt – noch ein bisschen blass und müde – auf unsere kleine Stadt hinunter.

Zum Mittagessen gibt es Pellkartoffeln mit „Schnippchen“, also Quark mit Schnittlauch. Danach wiederhole ich die Sevillanas mit und ohne Kastagnetten, den Tango de Málaga und die Guajira,  übe  an der Soleá de Alcalá weiter und skizziere die Choreographie für die 2. Strophe. Ich verwende zwei marcajes, mit denen der Herr Lehrer mich einmal so getriezt hat, dass ich beinahe… aber lassen wir das. Nur so viel: der Herr Lehrer und ich hatten mitunter unsere Differenzen. Das lag vor allem daran, dass er mir Fähigkeiten zutraute, die ich weder hatte noch habe. Inzwischen hat er resigniert, glaube ich. Im Probenraum Kabuff nebenan üben ein Gitarrist und ein Pianist Weihnachtslieder. Bis Weihnachten ist ja zum Glück noch ein bisschen Zeit. 

Auf dem Heimweg kaufe ich Fichten-, Buchsbaum- und Koniferenzweige für die Adventsdekoration. Dieses Jahr gibt es keinen Kranz, sondern ein Gesteck mit roten Kerzen in Gläsern für meinen Balkontisch. Ich habe ein Foto eines solchen Gestecks gesehen und hoffe, dass ich es hinkriege. Am Abend ruft der Konzertgitarrenbesitzer an und erzählt, dass seine Mutter wunderbarerweise außer Lebensgefahr sei. Vor ein paar Tagen sah es noch nicht danach aus. Ich lasse Grüße ausrichten, dann bricht das Gespräch ab. 

Ich richte Brot und Gänserillettes her und esse zu Abend. Der Abend gehört, wie immer, mir und nicht dem Blog. 

November: Was ist der Alltag?

Ulli vom Café Weltenall hatte eine Idee. Erfahren habe ich davon auf dem Blog von Zoé.

Der Alltag ist nicht ein langsamer Morgen im November, mit Kaffee und Blogtexten, mit der Zeitung und einer warmen Decke. Das ist ein Festtag, oder ein Ferientag

Mein Blick auf den Alltag ist härter geworden seit Plagiat* und Verrat. Freundschaften tragen nicht mehr, oder zumindest mag ich nicht mehr ausprobieren, ob sie noch tragen.

Seltene Festtage wie der heutige, zweiter in einer Reihe (arbeits-)freier Tage, sind sie nicht auch eine Form von Eskapismus, und ist der Eskapismus nicht eine Art von Egoismus? Andererseits: Darf man gegen den Einzug einer gewählten Partei in den Landtag demonstrieren? Die Partei ist gewählt, gewählt in einer Demokratie, wir können und dürfen nicht verhindern, dass ihre Abgeordneten ihre Plätze einnehmen. Aber wir können und dürfen unser Missfallen und unsere Sorge ausdrücken.

Gedankensplitter beim ersten Kaffee. Alltäglich, irrelevant und nicht ganz ernst zu nehmen.

(*Noch einmal: mir ist immer noch nicht klar, ob das Plagiat ein absichtliches Plagiat oder nur eine unbewusste Reminiszenz war. Letzteres passiert. Mir auch. Aber mein Misstrauen lässt sich nicht mehr ausschalten.)

Die Sprache des Meers

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade „Europa und das Meer“, die vom Deutschen Historischen Museum in Berlin veranstaltet wird.

Mein erstes Meer, capitán, sprach noch deutsch. Das war auf Baltrum, wo ich Quallen, Seesterne und die Prielwürmer im Watt kennen lernte. Das zweite war in Oostende und sprach flämisch. Da ritten die Krabbenfischer auf Pferden mit Schleppnetzen ins Meer. In Frankreich, bei den Sch’tis, wo man Stella Artois trinkt,  lernte ich, Miesmuscheln zu essen und zu sagen: „Bonjour, Madame!“ Meine Schwester, damals noch so klein, dass sie nicht einmal Deutsch fehlerfrei sprechen konnte, glaubte tagelang, unsere Vermieterin hieße „Bonjourmadame“.  Eines Tages, als sie ein buntes Tuch in den Haaren trug, verkündete meine Schwester: „Bonjourmadame“ hat sich hübsch ‚macht!“ Die Bonjourmadame sprach ein wenig Deutsch, und wenn ich darüber nachdenke und dabei ihr damaliges Alter berücksichtige, hatte sie es wahrscheinlich im Krieg unter deutscher Besatzung gelernt. Der Krieg war ja gerade einmal dreißig Jahre her. Trotzdem schlossen meine Eltern Freundschaften und hörten als Deutsche kein böses Wort. Ich beobachtete derweil die französischen Kinder, und versuchte, Wörter und Sätze zu verstehen, leider mit wenig Erfolg. Zumindest  die Melodie blieb und verhalf mir ein paar Jahre später zu einer ordentlichen Aussprache.

Auch das nächste Meer sprach Französisch, aber in einem ganz anderen Tonfall. Am Atlantik lernte ich, dass man beim Schwimmen Wellen schräg anschneiden muss, um nicht unter Wasser gedrückt zu werden. Oder man stellte sich mit dem Rücken zur Brandung, linste mit einem halben Auge über die Schulter und sprang hoch, wenn die Welle herankam wie eine mächtige grüne Walze. Dann ließ man sich ans Ufer tragen. Manchmal tauchten wir in die grüne Walze hinein, dabei verloren wir mitunter die Orientierung und stießen uns den Kopf am Meeresgrund, wo wir doch glaubten, aufzutauchen. So spielten wir als Kinder mit den Wellen, oder das Meer spielte mit uns. Wir waren privilegiert, insofern, als wir schon als Kinder reisen und Sprachen lernen konnten. Andere durften nicht mit dem Meer spielen, sondern kamen darin um. In einer Kirche in Kiel gibt es Tafeln, die an zwei im 19. Jahrhundert gesunkene Schiffe erinnern. Die jüngsten Toten waren dreizehnjährige Schiffsjungen. Noch früher, im 18. Jahrhundert, ließ die spanische Marine ihre Galeeren von Zwangsarbeitern, den galeotes, rudern. Die wenigsten überlebten das. Diejenigen, die überlebten, galten als danach als harte Hunde, mit denen man sich besser nicht anlegte.

Ich habe das Mittelmeer gesehen, capitán, die Adria, die Nord- und die Ostsee, das Tyrrhenische und das Ionische Meer wie auch die Irische See. Auch sterbende Schiffe habe ich gesehen, die kamen aus der ehemaligen Sowjetunion, um im Hafen von Triest ausgeschlachtet und verschrottet zu werden. Später las ich Jean Claude Izzos „Aldebaran“, und mir schnürte sich die Kehle zu wie zuvor am Hafen von Triest. Irgendwann in dieser Zeit kamen Sie, capitán, ein Tänzer, ein Segler und ein Leser. Sie brachten mir den Atlantik zurück, und dieses Mal sprach er Spanisch. Von Ihnen lernte ich noch etwas anderes über das Meer, nämlich, dass das Meer eine Mutter ist, die uns alle ernährt, aber auch ein wildes, grausames Lebewesen, das mit uns zu spielen scheint und uns so leichthin tötet, wie wir ein lästiges Insekt erschlagen.

In Ihrer Heimat, die an drei Seiten Küsten hat und eine Seefahrernation war, sagt man, der Teufel sei nicht klug, weil er der Teufel, sondern weil er alt ist. Das Meer aber ist noch älter als der Teufel. Es sieht alles, weiß alles und gibt nur manchmal etwas preis. An seinen Ufern lässt es sich gut leben, jedenfalls so lange es nicht zornig wird. Denn dann brüllt es und tobt es, und verschlingt, was sich ihm in den Weg stellt oder gar glaubt, es bezwingen zu können.

Natürlich ist das Meer älter als der Teufel, hätten Sie gesagt, capitán, denn der Teufel ist ja eine Erfindung der Menschen. Ich finde das tröstlich, und für die Stunde meines Todes wünsche ich mir insgeheim, dass das Meer mich hielte wie damals in Madrid, ganz und gar fern vom Meer, Ihre Augen.

(Während ich dies schreibe, wartet ein Schiff voller Flüchtlinge auf die Genehmigung, in einen Hafen einlaufen zu dürfen.  Hier ist es nicht das Meer, das mit Menschenleben spielt, sondern die europäischen Regierungen.)

„Let’s talk about vegs“ oder: Moralinsäure ist kein Gewürz

 Bei Frau Lakritze habe ich gelesen, dass der Herr Ackerbau  gerne etwas über Gemüse lesen will, aber nur über eine Sorte. Über nur eine Sorte Gemüse zu schreiben, wird mir zu meinem allergrößten Bedauern unmöglich sein, denn hat man jemals einen Gemüsegarten gesehen, in dem nur eine Sorte Gemüse wächst? (Stellen Sie sich den vorigen Satz  im spitzmäuligsten Frankfurterinnenton gesprochen vor.) Außerdem sagt der Herr Ackerbau, Mettwurst sei kein Gemüse, und da hätte mindestens eine Person, die ich kenne, widersprochen. Um jedoch zumindest guten Willen zu zeigen, hier das Bild zur Blogaktion (so, wie ich es beim oben verlinkten Herrn Ackerbau gefunden habe): 

Und nun der zu nächtlicher Stunde schnell zusammengehauene Gemüse-Text: 

Wurst und Fleisch sind das schönste Gemüse, pflegte mein Großonkel, der das Leben und vor allem das Essen liebte,  zu sagen. Dieser Ausspruch fand meine volle Zustimmung, als ich noch ein Kind war. Das ist nicht verwunderlich, denn da, wo ich aufgewachsen bin, kocht man Gemüse in Salzwasser, bis es mausetot ist. Gemüse sei gesund, sagte man mir, aber das wusste ich mit fünf Jahren nicht zu schätzen, und so würgte ich am Spinat, bis ich das Gefühl hatte, er käme mir zu den Ohren heraus. Erst spät im Leben habe ich angefangen, mich für Gemüse zu begeistern. Schuld daran sind vermutlich  ost- oder südeuropäische Gerichte mit ihren Farben und Gewürzen. Paprika, Tomaten, Zucchini, Auberginen, frische oder getrocknete Kräuter als Abrundung und Kontrapunkt, geschmort und nicht gekocht – das unterschied sich deutlich von den Erbsen und Möhren meiner Kindheit. Fenchelgemüse lernte ich während eines Schüleraustauschs in Mailand kennen; eine italienisch-spanisch-algerischstämmige Gastmutter in La Rochelle zelebrierte Gemüse-Reis-Variationen als Feste aus Farben und Texturen. Die Küche spanischer Gitanos lehrte mich Eintöpfe mit Hülsenfrüchten lieben. Dass man mit Gemüse eine pikante Tarte belegen oder Blätterteig füllen kann, muss einem, wenn man der Erbsen-und-Möhren-in-Salzwasser-Kultur entstammt, erst einmal gesagt werden. Mit Schafskäse und Tomaten wird sogar Spinat erträglich. Rosenkohl esse ich am liebsten pur, ohne Beilage, nicht zu lange gekocht, etwas knackig und ein bisschen bitter muss er noch sein, sonst wird er mir  schnell zu fad. Überhaupt halte ich nichts davon, Gemüse totzukochen. Gemüse muss auf dem Teller leuchten, auf der Zunge singen und den Zähnen etwas entgegensetzen. „Aus der Hand“ knabbere ich rohe Karotten – meine Oma sagte „Gelberüben“ – oder Gurken, es darf nur niemand vorbeikommen und sagen, das wäre „Rohkost“, denn mit dem, was hierzulande in Mensen, Kantinen und Restaurants als Rohkost serviert wird,  könnten Sie mich  bis zu den Antipoden jagen, aber bestimmt habe die Antipoden auch Rohkost, so dass mir das Weglaufen gar nichts nützen würde. Sagen Sie mir bitte auch nicht, Gemüse sei gesund und mache schlank. Das mag ja sein, aber ich mag das nicht hören, sonst schmeckt mir das ganze schöne Gemüse nur noch nach Moralinsäure. Wenn man aber die Moralinsäure weglässt, dann ist Gemüse eigentlich sehr viel sinnlicher und raffinierter als jedes Stück Fleisch.

(Wenn ich Gelberüben esse, muss ich übrigens an Friedrich Stoltze und das hugenottische Friedrichsdorf im Hochtaunus denken:

„Hélas, Martin! Hélas, Martin!
Chassez le Gickel aus dem jardin!
Il verkratzt mer, häst tu le Steuwe!
Toutes les nouveaux gehle Reuwe!“

Aber das ist eine andere Geschichte, für eine andere Nacht.)

 

Das Salzdippchen

Bei uns in Hessen heißt ein Topf (jeglicher Art und Größe) „Dippen“. Deshalb gibt es in Frankfurt eine Dippemess, d.h. eine Veranstaltung, auf der früher Geschirr verkauft wurde. Heute ist die Dippemess so eine Art Oktoberfest. Zwischendrin war ja auch einmal ein Bayer für  die Festorganisation verantwortlich, was die Dinge nicht besser gemacht hat. In Nordhessen ist „Dippen“ außerdem so etwas wie die weibliche Form von „Depp“. Bevor Sie mich aber jetzt ein Dippen schimpfen, komme ich besser zur Sache: Der Zwetschgenmann, der auf gut Frankfurterisch „Quetschemännche“ heißen würde, hat zur Blogparade aufgerufen. Gegenstand derselben sollen „Kleine Rituale“ sein. Kann sich ein kleines Ritual an einem Gegenstand festmachen? Ich denke schon:

Die Küche meiner Großmutter ist verloren und vergangen, aber ich erinnere mich noch an ihre Farben und ihren Geruch: weiß und blau, letzteres gegen die Fliegen, denn Blau mögen die Viecher angeblich nicht.  Die Fliegen kamen aber trotzdem, denn schließlich war die Küche meiner Großmutter auf dem Land, aber vielleicht wären es noch mehr Fliegen gewesen, wenn die Küchentapete gelb gewesen wäre. Dann der Geruch: nach Liebstöckel, Brot, Seife und – weil auf dem Land ja ein Stall nie weit entfernt ist – nach Vieh. Die dunkelblaue Schürze meiner Großmutter und das hellblaue Salzdippen, vielmehr ein Salzdippchen. Seine Tage hatte das Salzdippchen nicht als Salzstreuer begonnen. Tatsächlich war es überhaupt kein Irgendwasstreuer sondern ein Messbecher für ein Medikament, das dem Vieh eingeflößt werden musste. Als dieser Zweck schließlich wegfiel, wurde es sorgfältig gespült und begann anschließend ein neues Leben als Salzdippchen. Es bestand aus hellblauem Plastik, hatte einen Durchmesser von ungefähr viereinhalb Zentimeter, eine Höhe von circa drei, und einen etwa vier Zentimeter langen Griff an der Seite. Immer, wenn wir in den Ferien die Oma besuchten, verlangte meine Mutter schon bei der ersten Mahlzeit nach dem Salzdippchen, auch wenn in späteren Jahren schon ein perfekter, gutbürgerlicher Salzstreuer auf dem Tisch stand. Meine Oma brachte – kopfschüttelnd – das Salzdippchen, und jeder griff mit sauberen Fingern hinein und streute eine Prise über das ohnehin schon gut gewürzte Essen.

Wo das Salzdippchen geblieben ist, weiß ich nicht. Vielleicht sollte ich meine Mutter fragen. Sollten Sie aber jemals bei mir essen, so dürfen Sie sich freuen, wenn auf dem Tisch kein Salzstreuer, sonden ein kleines, mit Salz gefülltes Töpfchen steht, in das Sie mit  sauberen Fingern hineinfassen dürfen. Dann nämlich sind Sie ein ganz besonderer Gast, sozusagen ein Ehren-Nordhesse.

Erfahren habe ich von der Blogparade durch Tanja Praske, und weil ich das Schreiben nach Plagiat und Verrat erst wieder neu lernen muss, nehme ich zur Zeit übungshalber jede Blogparade mit. 

 

Onkel Juan geht nicht ins Museum

Das Archäologische Museum Hamburg möchte gerne wissen, wie wir auf Kultur blicken. Ich dachte, ich erzähle dem Museum einfach, wie jemand, den Sie nicht kennen, meinen Blick auf Kultur verändert hat.

Für „Tío Juane“. Und für R.M., der Leuten wie Tío Juane etwas über Kunst erzählen könnte.

Die Gerechtigkeit auf den Acker tragen wollen ein Gastwirtssohn und ein Köhlerssohn bei Ernst Wiechert. Gerechtigkeit, das heißt auch: allen Zugang zu Kultur gewähren. Museen und andere Institutionen haben vergünstigte Eintrittspreise für Rentner, Studenten und Arbeitslose. Aber was, wenn die Armen gar nicht wissen, wo sie hingehen könnten? Was, wenn sie sich gar nicht in die imposanten Gebäude hineinwagen?

Vor Jahren war ich wieder einmal in Sevilla. Ich fahre da alle paar Jahre hin, um mein Spanisch und andere Fähigkeiten aufzupolieren, Bücher zu kaufen und Europa vom anderen Ende aus zu betrachten. Wenn ich Europa mal vom untersten Ende aus sehen will, fahre ich in den Süden von Sevilla. Das unterste Ende von Sevilla heißt Las Vegas und  liegt gleich an der Carretera Su Eminencia, in dem Viertel, das ganz lapidar „Tres Mil Viviendas„, Dreitausend Wohnungen, heißt. (Dreitausend sollten es werden, es sind aber noch nicht einmal tausend geworden, was ein Elend ist.)

Sie kommen da hin, indem Sie – absichtlich oder aus Versehen – in den Bus Nummer 31 steigen und bis fast zur Endstation fahren. Sie können da auf einer Art Platz herumlungern, wo alte Herren ihre Autos unabgeschlossen stehen lassen und junge Herren nicht sicher sind, ob man Sie grüßen muss, weil Sie irgendeine entfernte Tante oder Cousine sind oder ob man Sie als eine verrückte/gefährliche paya am besten ignoriert.

Wenn Sie Glück haben, erbarmt sich einer der alten Herren, nennen wir ihn „Tío Juane“ (Onkel Juan) und fragt Sie nach dem Woher und dem Wohin, nach Ehemann und Kindern, lobt Ihre Schönheit und Ihr gutes Herz.  Überhaupt ist man dort, am unteren Ende Europas, von äußerster Liebenswürdigkeit.

Liebenswürdig ist man auch im Museo de Bellas Artes in Sevilla. Der Angestellte, nur zehn oder fünfzehn Jahre jünger als Tío Juane, freut sich, als ich nach einem Murillo frage, der nicht mehr da hängt, wo ich ihn vermutete. Er zeigt mir den neuen Platz und verweist auf stilistisch und thematisch ähnliche Werke in diesem und in anderen Museen. Ich erzähle – holprig, weil ich die spanische Fachterminologie nicht kenne –  von Bildern, die ich anderswo gesehen habe. Nachdem wir uns verabschiedet haben, nachdem ich, geleitet von den Assoziationen meines Gesprächspartners, die ständige Ausstellung durchstreift habe, sitze ich noch eine Weile im Patio. Mir wird schmerzlich bewusst, dass jemand wie Tío Juane, der doch sein ganzes Leben in Sevilla verbracht hat, dies alles vermutlich nicht kennt. Dass er die Geschichten, welche die Maler mit Farben und Pinsel erzählen, nicht sehen wird. Dass niemand hören will, was er über Goya und die Pferde bei Velázquez  denkt (und er würde ganz sicher etwas denken, aber vielleicht etwas anderes als Sie und ich vermutet hätten).

Tío Juane kann nicht lesen, hat sein Leben lang mit Pferden gehandelt, hat sich beschimpfen und mit Dreck bewerfen lassen,  und niemand hat ihm je gesagt, dass die Kultur auch ihm gehört. Museen nützen gar nichts, wenn Tío Juane nichts davon erfährt. Wenn die Schwelle zu hoch ist für einen alten Romagroßvater. Tío Juane würde sogar seinen feinen Anzug anziehen und eine Krawatte umbinden, wenn er wüsste, dass er in Ihrem Museum willkommen ist. Er würde durch Ihr Museum streunen, mit seinem Gehstock und seiner finura eines alten gitanos, und die Bilder würden zu ihm sprechen, aber ganz anders als zu Ihnen oder zu mir. Und vielleicht, wenn er Ihnen vertraute, würde er Ihnen erzählen, was die Bilder sagen.