November: Was ist der Alltag?

Ulli vom Café Weltenall hatte eine Idee. Erfahren habe ich davon auf dem Blog von Zoé.

Der Alltag ist nicht ein langsamer Morgen im November, mit Kaffee und Blogtexten, mit der Zeitung und einer warmen Decke. Das ist ein Festtag, oder ein Ferientag

Mein Blick auf den Alltag ist härter geworden seit Plagiat* und Verrat. Freundschaften tragen nicht mehr, oder zumindest mag ich nicht mehr ausprobieren, ob sie noch tragen.

Seltene Festtage wie der heutige, zweiter in einer Reihe (arbeits-)freier Tage, sind sie nicht auch eine Form von Eskapismus, und ist der Eskapismus nicht eine Art von Egoismus? Andererseits: Darf man gegen den Einzug einer gewählten Partei in den Landtag demonstrieren? Die Partei ist gewählt, gewählt in einer Demokratie, wir können und dürfen nicht verhindern, dass ihre Abgeordneten ihre Plätze einnehmen. Aber wir können und dürfen unser Missfallen und unsere Sorge ausdrücken.

Gedankensplitter beim ersten Kaffee. Alltäglich, irrelevant und nicht ganz ernst zu nehmen.

(*Noch einmal: mir ist immer noch nicht klar, ob das Plagiat ein absichtliches Plagiat oder nur eine unbewusste Reminiszenz war. Letzteres passiert. Mir auch. Aber mein Misstrauen lässt sich nicht mehr ausschalten.)

Die Sprache des Meers

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade „Europa und das Meer“, die vom Deutschen Historischen Museum in Berlin veranstaltet wird.

Mein erstes Meer, capitán, sprach noch deutsch. Das war auf Baltrum, wo ich Quallen, Seesterne und die Prielwürmer im Watt kennen lernte. Das zweite war in Oostende und sprach flämisch. Da ritten die Krabbenfischer auf Pferden mit Schleppnetzen ins Meer. In Frankreich, bei den Sch’tis, wo man Stella Artois trinkt,  lernte ich, Miesmuscheln zu essen und zu sagen: „Bonjour, Madame!“ Meine Schwester, damals noch so klein, dass sie nicht einmal Deutsch fehlerfrei sprechen konnte, glaubte tagelang, unsere Vermieterin hieße „Bonjourmadame“.  Eines Tages, als sie ein buntes Tuch in den Haaren trug, verkündete meine Schwester: „Bonjourmadame“ hat sich hübsch ‚macht!“ Die Bonjourmadame sprach ein wenig Deutsch, und wenn ich darüber nachdenke und dabei ihr damaliges Alter berücksichtige, hatte sie es wahrscheinlich im Krieg unter deutscher Besatzung gelernt. Der Krieg war ja gerade einmal dreißig Jahre her. Trotzdem schlossen meine Eltern Freundschaften und hörten als Deutsche kein böses Wort. Ich beobachtete derweil die französischen Kinder, und versuchte, Wörter und Sätze zu verstehen, leider mit wenig Erfolg. Zumindest  die Melodie blieb und verhalf mir ein paar Jahre später zu einer ordentlichen Aussprache.

Auch das nächste Meer sprach Französisch, aber in einem ganz anderen Tonfall. Am Atlantik lernte ich, dass man beim Schwimmen Wellen schräg anschneiden muss, um nicht unter Wasser gedrückt zu werden. Oder man stellte sich mit dem Rücken zur Brandung, linste mit einem halben Auge über die Schulter und sprang hoch, wenn die Welle herankam wie eine mächtige grüne Walze. Dann ließ man sich ans Ufer tragen. Manchmal tauchten wir in die grüne Walze hinein, dabei verloren wir mitunter die Orientierung und stießen uns den Kopf am Meeresgrund, wo wir doch glaubten, aufzutauchen. So spielten wir als Kinder mit den Wellen, oder das Meer spielte mit uns. Wir waren privilegiert, insofern, als wir schon als Kinder reisen und Sprachen lernen konnten. Andere durften nicht mit dem Meer spielen, sondern kamen darin um. In einer Kirche in Kiel gibt es Tafeln, die an zwei im 19. Jahrhundert gesunkene Schiffe erinnern. Die jüngsten Toten waren dreizehnjährige Schiffsjungen. Noch früher, im 18. Jahrhundert, ließ die spanische Marine ihre Galeeren von Zwangsarbeitern, den galeotes, rudern. Die wenigsten überlebten das. Diejenigen, die überlebten, galten als danach als harte Hunde, mit denen man sich besser nicht anlegte.

Ich habe das Mittelmeer gesehen, capitán, die Adria, die Nord- und die Ostsee, das Tyrrhenische und das Ionische Meer wie auch die Irische See. Auch sterbende Schiffe habe ich gesehen, die kamen aus der ehemaligen Sowjetunion, um im Hafen von Triest ausgeschlachtet und verschrottet zu werden. Später las ich Jean Claude Izzos „Aldebaran“, und mir schnürte sich die Kehle zu wie zuvor am Hafen von Triest. Irgendwann in dieser Zeit kamen Sie, capitán, ein Tänzer, ein Segler und ein Leser. Sie brachten mir den Atlantik zurück, und dieses Mal sprach er Spanisch. Von Ihnen lernte ich noch etwas anderes über das Meer, nämlich, dass das Meer eine Mutter ist, die uns alle ernährt, aber auch ein wildes, grausames Lebewesen, das mit uns zu spielen scheint und uns so leichthin tötet, wie wir ein lästiges Insekt erschlagen.

In Ihrer Heimat, die an drei Seiten Küsten hat und eine Seefahrernation war, sagt man, der Teufel sei nicht klug, weil er der Teufel, sondern weil er alt ist. Das Meer aber ist noch älter als der Teufel. Es sieht alles, weiß alles und gibt nur manchmal etwas preis. An seinen Ufern lässt es sich gut leben, jedenfalls so lange es nicht zornig wird. Denn dann brüllt es und tobt es, und verschlingt, was sich ihm in den Weg stellt oder gar glaubt, es bezwingen zu können.

Natürlich ist das Meer älter als der Teufel, hätten Sie gesagt, capitán, denn der Teufel ist ja eine Erfindung der Menschen. Ich finde das tröstlich, und für die Stunde meines Todes wünsche ich mir insgeheim, dass das Meer mich hielte wie damals in Madrid, ganz und gar fern vom Meer, Ihre Augen.

(Während ich dies schreibe, wartet ein Schiff voller Flüchtlinge auf die Genehmigung, in einen Hafen einlaufen zu dürfen.  Hier ist es nicht das Meer, das mit Menschenleben spielt, sondern die europäischen Regierungen.)