Geschichten und Meer

Die gnädige Frau wundert sich.


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Frauen lesen

Kerstin Herbert fragt nach unserer Lektüre des Jahres 2018, speziell nach Büchern von Frauen (was ja – wohlgemerkt – nicht dasselbe ist wie „Frauenbücher“). Teilnehmen kann man noch bis zum 12.01.2019. Erfahren habe ich davon bei Philea.

Ich erlaube mir, Kerstin Herberts Fragen einfach hier hineinzukopieren und sie der Reihe nach zu beantworten:

  • Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Die erste Frage, und ich habe schon keine Antwort. Jedenfalls keine gescheite. Ich rezensiere ja nicht (mehr). Einerseits können das andere Bloggerinnen viel besser als ich, andererseits möchte ich nicht in Verdacht geraten, auf einem eigentlich werbungsfreien Blog für Bücher, Autoren, Verlage etc. zu werben. Das fällt schwer, denn es gibt so viele wunderbare Autoren und Verlage, und man möchte denen doch gerne etwas „Geschäft“ zukommen lassen. Stattdessen gibt es  hier auf dem Blog die Kategorie „Lieblingssätze“. Aber im vergangenen Jahr habe ich mir nur sechs Lieblingssätze notiert, und alle bis auf einen waren von Männern. Ich würde ja Besserung geloben, aber meine Lieblingssätze sind immer solche, die mich treffen wie ein Klavier, das aus dem sechsten Stock fällt. Ich kann also nicht planen, z.B. jeden Monat einen Lieblingssatz von einer Autorin zu notieren. (Das mit dem Klavier hat sinngemäß übrigens Sandra Cisneros in Bezug auf die Liebe gesagt, und das war lange Zeit mein liebster Lieblingssatz überhaupt.)

Wie viele Bücher ich gelesen habe? Das ist ebenfalls schwer zu sagen. Das vergangene Jahr habe ich gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen. Ich habe Bücher nicht gelesen, sondern konsumiert. Das nennt man „Eskapismuslesen“, glaube ich. Womit wir bei der lebens- oder zumindest verstandesrettenden Wirkung von Literatur wären, aber damit könnte man wahrscheinlich ein ganzes eigenes Buch füllen.

  • Welches Buch einer Autorin ist Dein diesjähriges Lesehighlight? (Warum?)

Das wäre dann wohl „Geisterbahn“ von Ursula Krechel. Im Mittelpunkt steht die Schauerstellerfamilie Dorn, eine Sintifamilie aus Trier. Krechel schildert das Leben dieser Familie von den zwanziger Jahren bis in die Nachkriegszeit. Sie erzählt von Beziehungen zu Sinti und Nichtsinti, Arbeit und kleinen Erfolgen, aber auch von Flucht, Schikanen durch Behörden und Konkurrenten, KZ und Zwangsterilisation einer Tochter.

  • Welche Autorin hast Du in diesem Jahr für Dich entdeckt und was macht sie für Dich so besonders?

Ursula Krechel, weil sie das Dramatische und das Tragische schildert, als erfülle sie eine Pflicht. Die Pflicht der Chronistin und die Pflicht zur Wahrheit.

  • Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich in diesem Jahr besonders beeindruckt (und warum?)

Da bin ich vollkommen unoriginell und nenne „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve. Karen Duve fand ich früher furchtbar, und auch über dieses Buch habe ich mich anfangs geärgert. Wie es scheint, musste sich Duve aber erst warm schreiben und nachdem die ersten, etwas schwerfälligen Seiten überwunden waren, gefiel mir das Buch sehr viel besser. Warum? Weil Duve das Fräulein Nette als eine Person von sanfter Sturheit schildert, als eine, die sich ihren Weg erkämpft und dabei Steine umdreht, an die seit Menschengedenken niemand gerührt hat. Weil Duve (nach den anfänglichen Schwierigkeiten) einen Stil findet, der perfekt zum Gegenstand passt.

Außerdem weiß ich jetzt, was es mit dem „altdeutschen Kragen“ auf dem von Ludwig Grimm gezeichneten Portrait der Bettine von Arnim auf sich hatte. (Und ich weiß Dinge über die Grimms und ihre Freunde, die ich nie wissen wollte.) Aber natürlich ist das keine Biographie im eigentlichen Sinne, sondern ein Roman. Zählt das trotzdem?

  • Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2019 unbedingt lesen?

Mehr von Annette von Droste-Hülshoff. Von ihr kenne ich nur sehr wenig. Vorbestellt habe ich „Eure Heimat ist unser Albtraum“ (Hrsg. Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah). Im vergangen Jahr habe ich mich – nachdem ich ganz unverhofft eine neue kleine Ersatzheimat bekommen habe –  in Gedanken viel mit Heimat und den unterschiedlichen Assoziationen dieses Begriffs beschäftigt, und so richtig weiß ich immer noch nicht, was Heimat ist oder sein könnte.


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Ein Samstag im Januar.

Ulli vom Café Weltenall möchte zum dritten Mal wissen, was wir am ersten Samstag des Monats so machen.

Logo nachträglich eingefügt (mea culpa):

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Ich lasse den Morgen langsam anfangen und lese erst einmal ein halbes Stündchen mit dem neuen, wasserdichten E-Book-Reader in der Badewanne. Ich hätte ja gerne mehr Bücher auf Papier, aber die Wohnung ist klein und die Regale voll. Von Zeit zu Zeit miste ich aus, und dann kann ich auch wieder das eine oder andere Herzensbuch auf Papier unterbringen. Aber nicht heute. Schwesterchen hat mir zu Weihnachten einen Büchergutschein geschenkt. Den löse ich ein für ein E-Book, für das ich ansonsten kein Geld ausgeben würde. Als ordentliche Feministin sollte man dieses Buch gelesen haben, heißt es jedoch allenthalben. („Allenthalben“ in einer Filterbubble, die ich gelegentlich zum eigenen Amüsement besuche, von der ich mich aber größtenteils fernhalte. Gewisse Extreme sind nichts mehr für meine Nerven.)

Vorm Balkon schneit es weiterhin, aber mir gelingt kein Foto. Auf dem Weg zum Einkaufen sehe ich die erste Tankstelle für Elektrofahrzeuge. Bestimmt gibt es dafür einen Fachausdruck, aber er fällt mir gerade nicht ein, und ich bin auch gar nicht mehr sicher, ob ich ihn kenne.

Mittags gibt es einen Rest spanischen Birneneintopf mit Würstchen. Wie jeden Samstagnachmittag gehe ich Tanzen (oder wie immer man das in meinem Fall nennen mag). Mir gelingen Sevillanas mit Kastagnetten, Tango de Málaga und Guajira. Petenera, Farruca und Siguiriya sind – wie einmal eine nette Lehrerin sagte – ausbaufähig, d.h. ich muss wohl wieder mehr daran arbeiten. Immerhin rutscht mir in den Peteneras nicht mehr dauernd der Mantón von den Schultern, was natürlich auch an dem alten T-Shirt liegen kann, das ich darunter trage.  Für die Tientos bin ich zu geschafft; ich verschiebe sie auf nächste Woche. Zufällig erfahre ich, dass die Tänzerin Milagros Mengíbar im Februar bei München auftritt und auch Tanzunterricht geben wird. Ich kaufe eine Karte für den Auftritt. Für den Workshop bin ich zur Zeit leider rein körperlich nicht fit genug. Wahrscheinlich ist das die letzte Gelegenheit, bei ihr Unterricht zu nehmen. Immerhin ist die Dame 66 Jahre alt, und das ist ein Alter, in dem sogar Flamencotänzerinnen langsam in Rente gehen. Dabei gefällt mir ihr Stil sehr.

In Ungarn protestieren Tausende gegen Orbán. Endlich. Ich schreibe an diesem Blogeintrag und parallel an einem anderen, der am 11. Januar fertig sein soll. Und höre Musik: Istambul


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Ein Samstag im Dezember

Ulli vom Café Weltenall fragt  am ersten Wochenende im Monat nach unserem Alltag.  

Nachdem es im November schon ein bisschen geschneit hat, haben wir am heutigen 1. Dezember echtes Novemberwetter mit Regen, tief hängenden Wolken und lautstark missgestimmten Passanten unten auf der Straße. Nur die Amseln singen und der Jasmin auf meinem Balkon blüht unverdrossen. Der Jasmin nämlich scheint meine vor kurzem geäußerte Vermutung, wir bekämen einen langen und harten Winter, Lügen strafen zu wollen. Für einen langen Winter ist es zu spät, außer er reicht bis in den Mai hinein, was hierzulande auch schon vorgekommen ist. Hart kann er immer noch werden. 

Beim Frühstück wundere ich mich über einen Beigeschmack, den ich nicht zu kennen glaube, erinnere mich aber dann, dass ich ja zuletzt Ziegenjoghurt gekauft habe. Mit ein bisschen Honig wird er besser schmecken, glaube ich. Nachdem ich die üblichen morgendlichen Verrichtungen erledigt habe, lese ich ein bisschen im Internet und gehe einkaufen. Auf dem Rückweg hat die schwere Wolkendecke ein paar Löcher bekommen und die Sonne schielt – noch ein bisschen blass und müde – auf unsere kleine Stadt hinunter.

Zum Mittagessen gibt es Pellkartoffeln mit „Schnippchen“, also Quark mit Schnittlauch. Danach wiederhole ich die Sevillanas mit und ohne Kastagnetten, den Tango de Málaga und die Guajira,  übe  an der Soleá de Alcalá weiter und skizziere die Choreographie für die 2. Strophe. Ich verwende zwei marcajes, mit denen der Herr Lehrer mich einmal so getriezt hat, dass ich beinahe… aber lassen wir das. Nur so viel: der Herr Lehrer und ich hatten mitunter unsere Differenzen. Das lag vor allem daran, dass er mir Fähigkeiten zutraute, die ich weder hatte noch habe. Inzwischen hat er resigniert, glaube ich. Im Probenraum Kabuff nebenan üben ein Gitarrist und ein Pianist Weihnachtslieder. Bis Weihnachten ist ja zum Glück noch ein bisschen Zeit. 

Auf dem Heimweg kaufe ich Fichten-, Buchsbaum- und Koniferenzweige für die Adventsdekoration. Dieses Jahr gibt es keinen Kranz, sondern ein Gesteck mit roten Kerzen in Gläsern für meinen Balkontisch. Ich habe ein Foto eines solchen Gestecks gesehen und hoffe, dass ich es hinkriege. Am Abend ruft der Konzertgitarrenbesitzer an und erzählt, dass seine Mutter wunderbarerweise außer Lebensgefahr sei. Vor ein paar Tagen sah es noch nicht danach aus. Ich lasse Grüße ausrichten, dann bricht das Gespräch ab. 

Ich richte Brot und Gänserillettes her und esse zu Abend. Der Abend gehört, wie immer, mir und nicht dem Blog. 


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November: Was ist der Alltag?

Ulli vom Café Weltenall hatte eine Idee. Erfahren habe ich davon auf dem Blog von Zoé.

Der Alltag ist nicht ein langsamer Morgen im November, mit Kaffee und Blogtexten, mit der Zeitung und einer warmen Decke. Das ist ein Festtag, oder ein Ferientag

Mein Blick auf den Alltag ist härter geworden seit Plagiat* und Verrat. Freundschaften tragen nicht mehr, oder zumindest mag ich nicht mehr ausprobieren, ob sie noch tragen.

Seltene Festtage wie der heutige, zweiter in einer Reihe (arbeits-)freier Tage, sind sie nicht auch eine Form von Eskapismus, und ist der Eskapismus nicht eine Art von Egoismus? Andererseits: Darf man gegen den Einzug einer gewählten Partei in den Landtag demonstrieren? Die Partei ist gewählt, gewählt in einer Demokratie, wir können und dürfen nicht verhindern, dass ihre Abgeordneten ihre Plätze einnehmen. Aber wir können und dürfen unser Missfallen und unsere Sorge ausdrücken.

Gedankensplitter beim ersten Kaffee. Alltäglich, irrelevant und nicht ganz ernst zu nehmen.

(*Noch einmal: mir ist immer noch nicht klar, ob das Plagiat ein absichtliches Plagiat oder nur eine unbewusste Reminiszenz war. Letzteres passiert. Mir auch. Aber mein Misstrauen lässt sich nicht mehr ausschalten.)