Ein Samstag im Oktober

alltag-001-2018

Dies ist der letzte Beitrag zu Ullis Samstagen.

Um 6.00 wache ich auf. Das ist einerseits ärgerlich, weil ich ausschlafen könnte, andererseits gut, denn am Montag und Dienstag muss ich um 5.00 Uhr aufstehen, und so gewöhne ich mich gar nicht erst an einen anderen Rhythmus. Als Schlaflose und Migränegeplagte muss ich mich zu einem einigermaßen regelmäßigen Lebensrhythmus aufraffen. Der soll in beiden Fällen helfen.

Wieder einmal ärgere ich mich über die alte undichte Espressokanne, für deren Dichtung es anscheinend nur noch beim Gottseibeiuns Ersatz gibt, und so weit, dass ich dort bestelle, bin ich noch nicht. Beim Dehnen der vorletzten, nicht passenden Dichtung (fragen Sie nicht) ist diese zerrissen; die jetzige, letzte, dehne ich lieber nicht, sondern verwende sie mit dem für die Kanne eigentlich zu kleinen Sieb, auf das die Dichtung aber passt.

Ich frühstücke und grusele mich vor einer bevorstehenden Reise. Ohne Eifer und Freude erledige ich selbst auferlegte Pflichten. Selbst auferlegt, weil niemand mir sie aufträgt und niemand bemerken würde, wenn ich sie nicht erledigte. Ich lese einen sehr guten, sehr harten und sehr persönlichen Text über „Erinnerungskultur“ und „besondere Verantwortung“ und frage mich, wie man einen solchen Text schreiben kann, wenn der persönliche Teil auf einer Lebenslüge basiert. Danach telefoniere ich und spreche über Banalitäten.

Es regnet, und ich tue, was ich schon lange wieder einmal tun wollte: mich mit einer Tasse Kaffee ans Fenster setzen und in den Regen hinausschauen. Anders als sonst bereitet es mir keine Freude.  Als der Regen aufhört, gehe ich spazieren und besuche das teuflische Engelchen auf dem Friedhof. Ich sehe keinen Nachbarn und auch sonst kein bekanntes Gesicht. Später lese ich auf Papier, dann wieder im Netz.

Am späten Nachmittag überfällt mich Müdigkeit. Ich lege mich hin und schlafe fast zwei Stunden. Währenddessen wäscht die Maschine die Kochwäsche. Ich kürze meine Haare, was bei meiner Frisur auch für eine Laiin problemlos machbar ist.

Zum Abendessen wärme ich Linsensuppe auf, weil frau ja auch einmal Gemüse braucht. Menschen ertrage ich heute nicht. Am Abend ist der Himmel dramatisch bewölkt, und am Ende der Straße leuchtet die Frauenkirche.

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Ein Samstag im September

alltag-001-2018

Ulli vom Café Weltenall möchte den Alltag sichtbar machen.

Ich wache spät auf. Es regnet, das Thermometer zeigt 13 Grad. Auf dem Balkon blühen Astern, Bartnelken, Lavendel und Nachtschatten, die Sonnenblume welkt vor sich hin. Kaffee, Müesli und dazu Twitter. Ich trage Socken und sogar ein Unterhemd, womit ich die Behauptung meines Vaters, eine nordhessische Frau trüge höchstens drei Kleidungsstücke* gleichzeitig, im hohen Bogen auf die Sottisenmüllhalde werfe.

Beim Metzger gibt es Knoblauchstracke und beim Lebensmittelladen das erste Marzipanbrot der Saison. Zu Hause angekommen, probiere ich beides, und beides zergeht auf der Zunge, was beim Marzipanbrot gut und bei der Stracken schlecht ist. Letztere schmeckt aber trotzdem „richtig“, was beweist, dass die nordhessische Wurst- Entwicklungshilfe  in Bayern doch noch Erfolg hatte. Bayern können vieles, aber keine Wurst. Widersprechen Sie mir nicht! Ich weiß das mit Sicherheit**.

Das Tor zum Friedhof sieht aus wie der Eingang zu einem verwunschenen Garten. Es hat in den letzten zwei Wochen häufiger ausgiebig geregnet, so dass Bäume, Büsche und Gras sich erholt haben.

Zum Mittagessen brate ich Halloumi und bereite Spinat mit Knoblauch und Tomaten zu. Danach lese ich, trinke Kaffee und erfreue mich am beginnenden Herbst.

Am Nachmittag gehe ich Flamenco tanzen. Diesmal gelingt nicht nur die Farruca, sondern auch die Tientos. Bei beiden ist der Schluss immer noch improvisiert, aber er nimmt auch bei beiden allmählich Form an.

Am Abend echauffiere ich mich beim Internetlesen. Es gibt Leute, die behaupten, das Internet habe etwas von einem Verkehrsunfall: man müsse einfach hinsehen. Bei Verkehrsunfällen passiert mir das eher selten, dass ich nicht wegschauen kann. Das Internet jedoch…

In der Nacht schreibe ich eine Geschichte, aber da ist eigentlich schon Sonntag.

 

*Rock, Hemd, Unterhose

**Außer Weißwurst. Die lasse ich gelten.

Ein Samstag im August

alltag-001-2018

(nach einer Idee von Ulli)

Ich wache zu früh auf, mag aber nicht wieder schlafen gehen. In der Nacht habe ich Twitter gelesen. Der gesunde Volkszorn ergeht sich in Schuldzuweisungen. Auch lese ich die #twomplet vom Vorabend nach. Das tue ich nicht täglich, und manchmal muss ich lächeln, wenn mir wieder einmal der Unterschied zu den vergleichsweise gottlosen Pfarrern meiner Kindheit auffällt. Wirklich gottlos waren diese Pfarrer sicher nicht, aber sie vertraten die Sache Gottes unter Bauern, die sich viel mehr dafür interessierten, warum ihres Nächsten Ochse ein schiefes Horn hatte als für die Predigt. So entwickelten die Pfarrer mit den Jahren eine gewisse handfeste Toleranz für die Sündhaftigkeit ihrer Gemeindemitglieder.

Die Müdigkeit überfällt mich schon am Vormittag wieder und ich schlafe knapp zwei Stunden, vollständig angezogen auf dem ungemachten Bett. Dann gieße ich die Balkonblumen, die es bitter nötig haben. Der Jasminblütige Nachtschatten bekommt wieder Knospen. Er hatte  schon Ende Mai welche, aber dann kam eine urlaubsbedingte Dürreperiode. An meinen Balkonpflanzen mag ich besonders, dass sie einfach nicht aufgeben. Trockenheit, Überschwemmung und generell schlechte Pflege beeindrucken die kein bisschen.

Ich tanze Flamenco und stelle fest, dass ich Kraft aufbauen muss. Wie ich das schaffen soll, wenn ich so wenig Energie und Zeit habe, weiß ich nicht. Am frühen Abend koche ich Nudeln mit Pesto Calabrese. Dazu gibt es ein Glas Wein, das erste seit vielen Monaten.

Gerade bin ich sehr lesefaul, dabei lese ich parallel und  halbherzig an zwei Büchern herum, Näheres dazu vielleicht im nächsten Wochenmäander.

Am Abend höre ich Antonio Campos por Tangos. Wenn ich mich nicht täusche, beginnt er mit Tangos de Triana und schließt mit einem Tango de Málaga ab, aber das muss ich mir noch einmal genauer anhören.

Über allem hängen düstere Gedanken, und meine Texte bleiben ungelenke Fragmente.

Ein Samstag im Juli

alltag-001-2018

Wir wissen nicht, ob es ein Samstag war, als eine Mutter ein Spiel mit ihren zwei Töchtern spielte. Das Spiel hieß Verstecken, das Versteck war ein in die Erde gegrabener Stollen, und hoch am Himmel über dem Stollen flogen Flugzeuge, die Bomben warfen.

Wir wissen nicht, ob es ein Samstag war, als ein jüdisches Mädchen in der Ukraine, frischgebackene Absolventin eines Lyzeums, ihr Zeugnis mit anderen wichtigen Dingen in einen Koffer packte und sich zusammen mit ihren Eltern aufmachte zu dem Ort, den man ihnen angegeben hatte. Man hatte ihnen gesagt, dass alle Juden die Stadt verlassen müssten, hatte ihnen aber auch Wohnung und Arbeit an dem neuen Ort versprochen.

Wir wissen auch nicht, ob es ein Samstag war, als ein Vater seiner kleinen Tochter von einer langen Reise erzählt, die sie miteinander unternehmen würden. Eine Reise über Land und Wasser in ein besseres Land, eine Reise, die vielleicht gefährlich und mühsam scheinen mochte, aber dann doch nicht so schlimm sein würde, denn er, der Vater, wäre ja bei seinem Kind und würde es beschützen zu Wasser und zu Land.

Was wir wissen: Die Mutter und die zwei Töchter überlebten diesen Bombenangriff und noch viele weitere. Das jüdische Mädchen in der Ukraine wurde erschossen mit ihren Eltern und allen jüdischen Nachbarn aus der kleinen Stadt. Der Vater des kleinen Mädchens ertrank, wie auch das kleine Mädchen. Als man sie fand, hatte das Mädchen noch den Arm um den Nacken des Vaters gelegt.

Was wir auch wissen: Dass wir so nicht weitermachen können. Dass es viel zu viele Orte auf der Welt gibt, wo Krieg, Völkermord, Elend und Flucht Alltag sind. Dass es auch uns treffen kann (oder schon getroffen hat, je nachdem, wo Sie sich befinden, wenn Sie diesen Text lesen), und dann gnade uns Gott, wenn wir Hilfe suchen müssen bei denen, denen wir nicht geholfen haben.

Näheres hier.