Der Fünfte im Mai

Frau Brüllen stellt mich heute vor die Frage: was schreibt frau bloß über einen ereignislosen Tag. Wer Frau Brüllen nicht kennt, der lese hier: WMDEDGT.

Der Nachbarsbub drückt sich an mir vorbei und sagt weder Grüß Gott noch Sch…dreck. Allerdings straft der liebe Gott hart, aber gerecht, und in Kleinigkeiten bekanntermaßen sofort. Ein Getöse verrät, dass der ungehobelte kleine Klotz mit Rucksack und Zeichensachen die Treppe hinaufgefallen ist. Ein kurzer Blick nach hinten zeigt mir, dass er weder bewusstlos ist noch in seinem Blute schwimmt, deshalb setze ich meinen Weg ziemlich ungerührt fort. Er wird weiter zeichnen können, und vielleicht wird er mal ein neuer Michelangelo. Dann kann er sich ja immer noch ein besseres Benehmen angewöhnen.

Draußen duftet der Flieder über Benzin und Autoreifengummi hinweg. Meisen und Spatzen randalieren in den Löchern der Pfarrgartenmauer. Die Schatzis* sind noch nicht unterwegs und so kann ich mit den anderen alten Weibern in Ruhe einkaufen.

Hinterher lese ich ein bisschen Twitter und ärgere mich über Leute, die Fotos von Kolja Bonke oder Deutschlandfahnen im Profil haben, und über Leute, die solchen Leuten folgen. Andererseits lese ich ja auch den einen oder anderen, der meiner Filterblase übel aufstößt, und da lasse ich mir auch nicht hineinreden.

Die Schlaflosigkeit, die daraus folgende Übermüdung und der wiederum hieraus resultierende Schwindel strecken mich nach dem Mittagessen nieder. An Tanztraining ist nicht einmal zu denken. Ich schlafe zwei Stunden, dann ist es zu spät, um doch noch zum Training zu gehen. Statt Farruca und Tientos also halbherziges Putzen, was das Turmstübchen, das ich meine Wohnung nenne, definitiv verschönert. Nach vierwöchigem Halbkranksein mit Dauerschlappheit sah die Bude nämlich aus wie ein Fall fürs Gesundheitsamt.

Bei leichtem Wind genieße ich später den Ausblick in die grüne Hölle vorm Balkon; auf dem Balkon selbst sprießt das Grün erst zaghaft. In einem Blumenkasten wächst etwas, das eigentlich Mohn werden sollte, aber viel zu groß ist und außerdem leicht nach Tomate duftet. Eine Tomatenpflanze ist es jedoch auch nicht. Wir werden sehen. Die Samen der Werratal**-Mischung sind schon aufgegangen, ein abgebrochener Lavendelzweig, den ich einfach in die Erde gesteckt habe, wächst und gedeiht. Spilleriges Schnittlauch und leicht derangiertes Basilikum hängen in Töpfen am Paravent, ebenso wie Petersilie, aber lassen wir das: Petersilie kann ich so wenig wie Kapuzinerkresse. Dafür hat die Pfefferminze anscheinend den richtigen Platz gefunden (Halbschatten hinter dem Paravent? Ernsthaft? Na, von mir aus!) und kräftig ausgeschlagen.

Für die Besuchskrähe lasse ich einen übriggebliebenen Meisenknödel vom vergangenen Winter auf dem Balkonregal liegen. Wo Krähen sind, sind keine Tauben, und Krähen sind definitiv reinlicher. Die Meisenknödel gebe ich gern als Tribut für die neuen Herrscherinnen des Viertels, denn die schwarzen Biester amüsieren mich. Und sie lieben Meisenknödel. Ich weiß nicht, ob die Meisen im Winter überhaupt ein Bröckchen Knödel bekommen haben.

Die Obstvorräte sind definitiv zu knapp für das Wochenende. Grund genug für einen Ausflug ins Erdgeschoss. Der Laden ist fast leergekauft. Neben Obst finde ich noch zwei Packungen Ramen (Ich gestehe: ich bin süchtig nach Ramen aus der Tüte. Steinigen Sie mich ruhig. Andere spritzen Heroin oder saufen Wodka. Dagegen ist Ramen ein äußerst altjüngferliches und betschwesternhaftes Laster.)

Inzwischen ist es spät genug für ein frühes Abendessen, und damit ziehe ich den Vorhang zu und überlasse Sie Ihren abendlichen Beschäftigungen.

***

*Pärchen, deren Komponenten anscheinend beide Schatzi heißen. 

**Heimat. Naja, fast, am Ende des Tals. (Für den geschätzten Blognachbarn gäbe es da sogar einen Radweg.)

Der Fünfte im April

Frau Brüllen möchte nach fünf Jahren immer noch wissen, was wir so machen. (Ich hoffe ja, das wird als Tagebuchblogpost anerkannt, zu mehr war ich nicht in der Lage.)

Rumjammern, die Fortsetzung.

Leichte Besserung der Symptome. Muskelkater vom vielen Husten. Zähneputzen, ausruhen. Katzenwäsche, ausruhen. Kämmen, ausruhen, usw. Die nötigsten Dinge einkaufen, davon aber nur die, bei deren Anblick mich nicht Übelkeit befällt. Lust auf Mandarinen aus der Dose. Die bleiben auch im Magen. Den Hustensaft bringe ich immer noch nicht hinunter.  Ausgiebig schlafen nach der kleinsten Anstrengung. Den Blogtext einer Heldin der Arbeit lesen, die sich krank ins Büro schleppt. Ja, habe ich früher auch gemacht und mit Fieber nachts im Notruf gesessen. Tue ich nicht mehr. Aus Gründen.

Zu allem Überfluss meldet sich auch ein schon mehrfach behandelter Zahn zu Wort. Lauthals. Krakeelend. Randalierend. Der wird warten müssen. Mein Zahnärztin ist mit mir zwar Kummer gewöhnt, aber mit Husten im Sekundentakt kann ich kaum auf ihrem Stuhl Platz nehmen.

Nur den Anfang von sicher wunderbar geschriebenen Blogtexten überfliegen. Keine Energie für tiefergehendes Eintauchen, für Kommentare, ein „like“ ist fast schon zu viel Mühe. Das Vorhaben, bei der nächsten Erkrankung die Arte-Mediathek leerzugucken, wird verschoben. Selbst dafür fehlt die Energie. So geschwächelt habe ich schon lange nicht mehr. Ist das das nahende Alter?

Da ich am Wochenende unter anderem bei zwei Notaufnahmeschwestern zu Gast war, hier ein Text einer weiteren.

Der Fünfte im März

(Sie kennen das doch: WMDEDGT?)

In der Nacht von Sonntag auf Montag schlafe ich stets schlecht. Habe ich gar Frühdienst, wache ich spätestens um drei Uhr morgens auf. Übernächtigt schleiche ich an solchen Tagen ins inzwischen schon ganz und gar verhasste neue, alte Büro.

Vor das Büro hat das Schicksal jedoch die Fahrt dorthin gesetzt. Der Bus um 6.20 Uhr fällt aus, ich hechte zur anderen Haltestelle, wo ebenfalls jeden Moment ein brauchbarer Bus abfahren sollte, aber auch der kommt laut Anzeige nicht. Also im Dauerlauf zur U-Bahn, die Tasche quer überm Bauch, der Beutel mit der Amtsstubenpflanze (die heute wieder in die Amtsstube zieht) fliegt hinterher. Ich hätte nicht hetzen müssen, denn auch die U-Bahn ist zu spät. Schon an der nächsten Station springe ich wieder aus der Bahn und erwische eine, die eine andere Strecke fährt. Das stellt sich als klug heraus, denn auf der eigentlichen Strecke gibt es wieder Ausfälle und Verspätungen zuhauf. Ich komme gerade noch rechtzeitig im Büro an.

Der erkrankte Kollege ist wieder im Dienst. Hinter zwei Computerbildschirmen und der Amtstubenpflanze mache ich mich so klein wie möglich,. Man möchte ja die Übellaunigkeit nicht unnötig provozieren, nicht einmal durch bloße Existenz. Dieser Montag ist ein typischer Montag. Morgens klappt nichts, am Nachmittag lösen sich Probleme auf wunderbare Weise nahezu von selbst.

Auf dem Heimweg laufe ich in zwei Geschäfte, um drei Backzutaten zu besorgen. Die Frau Oberkassier aus dem ersten Laden begegnet mir mit der ihr eigenen Arroganz und geheuchelten Freundlichkeit. Mit mir als Kundin ist auch nicht viel Staat zu machen. Wäre ich Herr oder Frau Doktor aus der benachbarten Klinik, ja, das wäre etwas anderes. Die Arroganz heckt sich fort bis ins dritte und vierte Glied, oder zumindest bis in den zweiten Laden, wo ein übel duftender Verkäufer mich behandelt, als hätte ich den Gestank persönlich in den Laden getragen. Verunsichert schnuppere ich zu Hause an Mantel und Bluse, aber ich rieche nur das Waschmittel von gestern und das Deo von heute morgen.

Zu Hause angekommen, lese ich eine Stunde Blogs und Twitter nach, telefoniere mit dem besten Ex der Welt und backe den Kuchen, um dessen Ingredienzen ich mit den  furchterregenden Einzelhandelsdrachen gekämpft habe. Ich vergesse, die Form einzufetten; trotzdem löst er sich ohne Murren und gleitet aus der Form aufs Küchenhandtuch, und ebenso leicht  vom Handtuch aufs Kuchengitter.

Der Abend gehört mir und nicht dem Blog.

 

 

 

 

 

Achtzehn Worte

für die Oecherin: 

Sturm. Sehnsucht. Hoffnung. Melancholie. Angst. Grauen. Tanzen. Laufen. Essen. Lesen. Leben. Freude. Amaryllis. Schreiben. Rosenduft. Reisen. Freiheit. Du.

(Die Autorin bittet höflichst, die Abgrenzung „Worte/Wörter“ für diesen Blogeintrag ausnahmsweise außer Acht zu lassen. Vielen Dank.)

„Let’s talk about vegs“ oder: Moralinsäure ist kein Gewürz

 Bei Frau Lakritze habe ich gelesen, dass der Herr Ackerbau  gerne etwas über Gemüse lesen will, aber nur über eine Sorte. Über nur eine Sorte Gemüse zu schreiben, wird mir zu meinem allergrößten Bedauern unmöglich sein, denn hat man jemals einen Gemüsegarten gesehen, in dem nur eine Sorte Gemüse wächst? (Stellen Sie sich den vorigen Satz  im spitzmäuligsten Frankfurterinnenton gesprochen vor.) Außerdem sagt der Herr Ackerbau, Mettwurst sei kein Gemüse, und da hätte mindestens eine Person, die ich kenne, widersprochen. Um jedoch zumindest guten Willen zu zeigen, hier das Bild zur Blogaktion (so, wie ich es beim oben verlinkten Herrn Ackerbau gefunden habe): 

Und nun der zu nächtlicher Stunde schnell zusammengehauene Gemüse-Text: 

Wurst und Fleisch sind das schönste Gemüse, pflegte mein Großonkel, der das Leben und vor allem das Essen liebte,  zu sagen. Dieser Ausspruch fand meine volle Zustimmung, als ich noch ein Kind war. Das ist nicht verwunderlich, denn da, wo ich aufgewachsen bin, kocht man Gemüse in Salzwasser, bis es mausetot ist. Gemüse sei gesund, sagte man mir, aber das wusste ich mit fünf Jahren nicht zu schätzen, und so würgte ich am Spinat, bis ich das Gefühl hatte, er käme mir zu den Ohren heraus. Erst spät im Leben habe ich angefangen, mich für Gemüse zu begeistern. Schuld daran sind vermutlich  ost- oder südeuropäische Gerichte mit ihren Farben und Gewürzen. Paprika, Tomaten, Zucchini, Auberginen, frische oder getrocknete Kräuter als Abrundung und Kontrapunkt, geschmort und nicht gekocht – das unterschied sich deutlich von den Erbsen und Möhren meiner Kindheit. Fenchelgemüse lernte ich während eines Schüleraustauschs in Mailand kennen; eine italienisch-spanisch-algerischstämmige Gastmutter in La Rochelle zelebrierte Gemüse-Reis-Variationen als Feste aus Farben und Texturen. Die Küche spanischer Gitanos lehrte mich Eintöpfe mit Hülsenfrüchten lieben. Dass man mit Gemüse eine pikante Tarte belegen oder Blätterteig füllen kann, muss einem, wenn man der Erbsen-und-Möhren-in-Salzwasser-Kultur entstammt, erst einmal gesagt werden. Mit Schafskäse und Tomaten wird sogar Spinat erträglich. Rosenkohl esse ich am liebsten pur, ohne Beilage, nicht zu lange gekocht, etwas knackig und ein bisschen bitter muss er noch sein, sonst wird er mir  schnell zu fad. Überhaupt halte ich nichts davon, Gemüse totzukochen. Gemüse muss auf dem Teller leuchten, auf der Zunge singen und den Zähnen etwas entgegensetzen. „Aus der Hand“ knabbere ich rohe Karotten – meine Oma sagte „Gelberüben“ – oder Gurken, es darf nur niemand vorbeikommen und sagen, das wäre „Rohkost“, denn mit dem, was hierzulande in Mensen, Kantinen und Restaurants als Rohkost serviert wird,  könnten Sie mich  bis zu den Antipoden jagen, aber bestimmt habe die Antipoden auch Rohkost, so dass mir das Weglaufen gar nichts nützen würde. Sagen Sie mir bitte auch nicht, Gemüse sei gesund und mache schlank. Das mag ja sein, aber ich mag das nicht hören, sonst schmeckt mir das ganze schöne Gemüse nur noch nach Moralinsäure. Wenn man aber die Moralinsäure weglässt, dann ist Gemüse eigentlich sehr viel sinnlicher und raffinierter als jedes Stück Fleisch.

(Wenn ich Gelberüben esse, muss ich übrigens an Friedrich Stoltze und das hugenottische Friedrichsdorf im Hochtaunus denken:

„Hélas, Martin! Hélas, Martin!
Chassez le Gickel aus dem jardin!
Il verkratzt mer, häst tu le Steuwe!
Toutes les nouveaux gehle Reuwe!“

Aber das ist eine andere Geschichte, für eine andere Nacht.)

 

Der Fünfte im Januar

Manchmal brauche ich nur einen Anlass zum Schreiben. Zwar hatte ich auf dem Vorgängerblog geschworen, nur einmal im Leben an WMDEDGT teilzunehmen, aber nachdem ich zur Zeit so vielen Prinzipien untreu werde, kommt es  auch nicht mehr darauf an. 

Die dritte Frühschicht in Folge, und schon kann ich wieder ohne Wecker um kurz vor fünf aufwachen. Tatsächlich habe ich heute aber Spätschicht, so dass das ganze schöne Frühaufgewachtsein rein gar nichts bringt.

Zuerst Einkaufen fürs Wochenende. Der Lebensmittelladen im Erdgeschoss hat vorübergehend geschlossen. Ich bedaure das ein wenig, obzwar* ich nicht zu den Hausbewohnerinnen gehörte, die in Pantoffeln ins Erdgeschoss schlurften, um noch vor der morgendlichen Dusche ihre Einkäufe zu erledigen. Auf dem Rückweg begegne ich Herrn von Oben, der mir ein weiteres Lebensmittelgeschäft in der Nähe nennt. Ich glaube aber, ich werde – solange ich es mir leisten kann – bei dem Familienbetrieb einige Straßen weiter Kundin bleiben.

Der Fluss führt ein wenig Hochwasser. Ich nehme den Bus zur Arbeit, da das Fahrrad zur Reparatur muss. Um diese Zeit fahren viele ältere Herrschaften mit dem Rad herum. Manche wirken zögerlich und unsicher, aber glücklich, und erinnern mich an einen lieben Twitterfreund, der steif und fest behauptet, Radfahren sei der Weg zu Glück und Zufriedenheit. Grauhaarige Damen lassen die Haare im Wind flattern, und ich denke wieder einmal, dass viele „Gefärbte“ eigentlich sogar älter wirken als die, die der Natur ihren Lauf lassen.

Den Anschlussbus verpasse ich knapp, aber auf diese Weise habe ich Zeit, an der Haltestelle ein paar Stichpunkte für diesen Text zu notieren. Schon randalieren die Amseln wieder, denn die Sonne strahlt. Der Himmel schickt einen Windhauch, der an den Frühling denken lässt, aber hierzulande kommt der Winter erst noch, und so verbiete ich mir das Träumen.

Im Büro heißt es wieder „Zwei-Jobs-zum-Preis-von-einem“. Noch dazu hat die Kollegin während meiner kurzen Abwesenheit anscheinend keine der Aufgaben, bei denen sie mich vertreten sollte, erledigt. Des weiteren schwatzt sie unentwegt vor sich hin, wobei sie in regelmäßigen Abständen Zustimmung und Antworten erwartet. Schließlich stoppe ich ihren Wortschwall mit dem Hinweis, dass ich mich nicht auf zwei Jobs und den Firmentratsch gleichzeitig konzentrieren kann, und bis zur Mittagspause arbeitet sie nahezu schweigend. Nach der Mittagspause springt die Wortmaschine wieder an, aber da habe ich schon einigermaßen Ordnung in den Aktenstapel gebracht, so dass ich das Geschwätz an mir vorbei rauschen lassen kann. Meine neue Lieblingsspätschichtgenossin, eine Thüringerin von wirklich angenehmer Wesensart, hat einen Auslandsfall, bei dem sie meine Hilfe braucht. Ich schubse sie in die richtige Richtung, und  binnen kurzer Zeit löst sie das Problem bravourös.

Das Schöne am Alleinleben ist, dass man nach der Arbeit keine gute Laune haben muss. Ich lese ein paar Blogartikel von fremden und bekannten Leuten; dazwischen verfolge ich meine ausgesprochen nette Twitter-Timeline. Allerdings habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich den besten Ex der Welt heute nicht mehr anrufen werde, aber mein Bedarf an Gesprächen ist dank der oben erwähnten Schwatzliese mehr als gedeckt.

Nach ausgiebigem Blog- und Twitterlesen falle ich todmüde ins Bett.

*Entschuldigung, aber das ist meine Lieblingskonjunktion.

Das Salzdippchen

Bei uns in Hessen heißt ein Topf (jeglicher Art und Größe) „Dippen“. Deshalb gibt es in Frankfurt eine Dippemess, d.h. eine Veranstaltung, auf der früher Geschirr verkauft wurde. Heute ist die Dippemess so eine Art Oktoberfest. Zwischendrin war ja auch einmal ein Bayer für  die Festorganisation verantwortlich, was die Dinge nicht besser gemacht hat. In Nordhessen ist „Dippen“ außerdem so etwas wie die weibliche Form von „Depp“. Bevor Sie mich aber jetzt ein Dippen schimpfen, komme ich besser zur Sache: Der Zwetschgenmann, der auf gut Frankfurterisch „Quetschemännche“ heißen würde, hat zur Blogparade aufgerufen. Gegenstand derselben sollen „Kleine Rituale“ sein. Kann sich ein kleines Ritual an einem Gegenstand festmachen? Ich denke schon:

Die Küche meiner Großmutter ist verloren und vergangen, aber ich erinnere mich noch an ihre Farben und ihren Geruch: weiß und blau, letzteres gegen die Fliegen, denn Blau mögen die Viecher angeblich nicht.  Die Fliegen kamen aber trotzdem, denn schließlich war die Küche meiner Großmutter auf dem Land, aber vielleicht wären es noch mehr Fliegen gewesen, wenn die Küchentapete gelb gewesen wäre. Dann der Geruch: nach Liebstöckel, Brot, Seife und – weil auf dem Land ja ein Stall nie weit entfernt ist – nach Vieh. Die dunkelblaue Schürze meiner Großmutter und das hellblaue Salzdippen, vielmehr ein Salzdippchen. Seine Tage hatte das Salzdippchen nicht als Salzstreuer begonnen. Tatsächlich war es überhaupt kein Irgendwasstreuer sondern ein Messbecher für ein Medikament, das dem Vieh eingeflößt werden musste. Als dieser Zweck schließlich wegfiel, wurde es sorgfältig gespült und begann anschließend ein neues Leben als Salzdippchen. Es bestand aus hellblauem Plastik, hatte einen Durchmesser von ungefähr viereinhalb Zentimeter, eine Höhe von circa drei, und einen etwa vier Zentimeter langen Griff an der Seite. Immer, wenn wir in den Ferien die Oma besuchten, verlangte meine Mutter schon bei der ersten Mahlzeit nach dem Salzdippchen, auch wenn in späteren Jahren schon ein perfekter, gutbürgerlicher Salzstreuer auf dem Tisch stand. Meine Oma brachte – kopfschüttelnd – das Salzdippchen, und jeder griff mit sauberen Fingern hinein und streute eine Prise über das ohnehin schon gut gewürzte Essen.

Wo das Salzdippchen geblieben ist, weiß ich nicht. Vielleicht sollte ich meine Mutter fragen. Sollten Sie aber jemals bei mir essen, so dürfen Sie sich freuen, wenn auf dem Tisch kein Salzstreuer, sonden ein kleines, mit Salz gefülltes Töpfchen steht, in das Sie mit  sauberen Fingern hineinfassen dürfen. Dann nämlich sind Sie ein ganz besonderer Gast, sozusagen ein Ehren-Nordhesse.

Erfahren habe ich von der Blogparade durch Tanja Praske, und weil ich das Schreiben nach Plagiat und Verrat erst wieder neu lernen muss, nehme ich zur Zeit übungshalber jede Blogparade mit. 

 

Onkel Juan geht nicht ins Museum

Das Archäologische Museum Hamburg möchte gerne wissen, wie wir auf Kultur blicken. Ich dachte, ich erzähle dem Museum einfach, wie jemand, den Sie nicht kennen, meinen Blick auf Kultur verändert hat.

Für „Tío Juane“. Und für R.M., der Leuten wie Tío Juane etwas über Kunst erzählen könnte.

Die Gerechtigkeit auf den Acker tragen wollen ein Gastwirtssohn und ein Köhlerssohn bei Ernst Wiechert. Gerechtigkeit, das heißt auch: allen Zugang zu Kultur gewähren. Museen und andere Institutionen haben vergünstigte Eintrittspreise für Rentner, Studenten und Arbeitslose. Aber was, wenn die Armen gar nicht wissen, wo sie hingehen könnten? Was, wenn sie sich gar nicht in die imposanten Gebäude hineinwagen?

Vor Jahren war ich wieder einmal in Sevilla. Ich fahre da alle paar Jahre hin, um mein Spanisch und andere Fähigkeiten aufzupolieren, Bücher zu kaufen und Europa vom anderen Ende aus zu betrachten. Wenn ich Europa mal vom untersten Ende aus sehen will, fahre ich in den Süden von Sevilla. Das unterste Ende von Sevilla heißt Las Vegas und  liegt gleich an der Carretera Su Eminencia, in dem Viertel, das ganz lapidar „Tres Mil Viviendas„, Dreitausend Wohnungen, heißt. (Dreitausend sollten es werden, es sind aber noch nicht einmal tausend geworden, was ein Elend ist.)

Sie kommen da hin, indem Sie – absichtlich oder aus Versehen – in den Bus Nummer 31 steigen und bis fast zur Endstation fahren. Sie können da auf einer Art Platz herumlungern, wo alte Herren ihre Autos unabgeschlossen stehen lassen und junge Herren nicht sicher sind, ob man Sie grüßen muss, weil Sie irgendeine entfernte Tante oder Cousine sind oder ob man Sie als eine verrückte/gefährliche paya am besten ignoriert.

Wenn Sie Glück haben, erbarmt sich einer der alten Herren, nennen wir ihn „Tío Juane“ (Onkel Juan) und fragt Sie nach dem Woher und dem Wohin, nach Ehemann und Kindern, lobt Ihre Schönheit und Ihr gutes Herz.  Überhaupt ist man dort, am unteren Ende Europas, von äußerster Liebenswürdigkeit.

Liebenswürdig ist man auch im Museo de Bellas Artes in Sevilla. Der Angestellte, nur zehn oder fünfzehn Jahre jünger als Tío Juane, freut sich, als ich nach einem Murillo frage, der nicht mehr da hängt, wo ich ihn vermutete. Er zeigt mir den neuen Platz und verweist auf stilistisch und thematisch ähnliche Werke in diesem und in anderen Museen. Ich erzähle – holprig, weil ich die spanische Fachterminologie nicht kenne –  von Bildern, die ich anderswo gesehen habe. Nachdem wir uns verabschiedet haben, nachdem ich, geleitet von den Assoziationen meines Gesprächspartners, die ständige Ausstellung durchstreift habe, sitze ich noch eine Weile im Patio. Mir wird schmerzlich bewusst, dass jemand wie Tío Juane, der doch sein ganzes Leben in Sevilla verbracht hat, dies alles vermutlich nicht kennt. Dass er die Geschichten, welche die Maler mit Farben und Pinsel erzählen, nicht sehen wird. Dass niemand hören will, was er über Goya und die Pferde bei Velázquez  denkt (und er würde ganz sicher etwas denken, aber vielleicht etwas anderes als Sie und ich vermutet hätten).

Tío Juane kann nicht lesen, hat sein Leben lang mit Pferden gehandelt, hat sich beschimpfen und mit Dreck bewerfen lassen,  und niemand hat ihm je gesagt, dass die Kultur auch ihm gehört. Museen nützen gar nichts, wenn Tío Juane nichts davon erfährt. Wenn die Schwelle zu hoch ist für einen alten Romagroßvater. Tío Juane würde sogar seinen feinen Anzug anziehen und eine Krawatte umbinden, wenn er wüsste, dass er in Ihrem Museum willkommen ist. Er würde durch Ihr Museum streunen, mit seinem Gehstock und seiner finura eines alten gitanos, und die Bilder würden zu ihm sprechen, aber ganz anders als zu Ihnen oder zu mir. Und vielleicht, wenn er Ihnen vertraute, würde er Ihnen erzählen, was die Bilder sagen.