Die Sprache des Meers

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade „Europa und das Meer“, die vom Deutschen Historischen Museum in Berlin veranstaltet wird.

Mein erstes Meer, capitán, sprach noch deutsch. Das war auf Baltrum, wo ich Quallen, Seesterne und die Prielwürmer im Watt kennen lernte. Das zweite war in Oostende und sprach flämisch. Da ritten die Krabbenfischer auf Pferden mit Schleppnetzen ins Meer. In Frankreich, bei den Sch’tis, wo man Stella Artois trinkt,  lernte ich, Miesmuscheln zu essen und zu sagen: „Bonjour, Madame!“ Meine Schwester, damals noch so klein, dass sie nicht einmal Deutsch fehlerfrei sprechen konnte, glaubte tagelang, unsere Vermieterin hieße „Bonjourmadame“.  Eines Tages, als sie ein buntes Tuch in den Haaren trug, verkündete meine Schwester: „Bonjourmadame“ hat sich hübsch ‚macht!“ Die Bonjourmadame sprach ein wenig Deutsch, und wenn ich darüber nachdenke und dabei ihr damaliges Alter berücksichtige, hatte sie es wahrscheinlich im Krieg unter deutscher Besatzung gelernt. Der Krieg war ja gerade einmal dreißig Jahre her. Trotzdem schlossen meine Eltern Freundschaften und hörten als Deutsche kein böses Wort. Ich beobachtete derweil die französischen Kinder, und versuchte, Wörter und Sätze zu verstehen, leider mit wenig Erfolg. Zumindest  die Melodie blieb und verhalf mir ein paar Jahre später zu einer ordentlichen Aussprache.

Auch das nächste Meer sprach Französisch, aber in einem ganz anderen Tonfall. Am Atlantik lernte ich, dass man beim Schwimmen Wellen schräg anschneiden muss, um nicht unter Wasser gedrückt zu werden. Oder man stellte sich mit dem Rücken zur Brandung, linste mit einem halben Auge über die Schulter und sprang hoch, wenn die Welle herankam wie eine mächtige grüne Walze. Dann ließ man sich ans Ufer tragen. Manchmal tauchten wir in die grüne Walze hinein, dabei verloren wir mitunter die Orientierung und stießen uns den Kopf am Meeresgrund, wo wir doch glaubten, aufzutauchen. So spielten wir als Kinder mit den Wellen, oder das Meer spielte mit uns. Wir waren privilegiert, insofern, als wir schon als Kinder reisen und Sprachen lernen konnten. Andere durften nicht mit dem Meer spielen, sondern kamen darin um. In einer Kirche in Kiel gibt es Tafeln, die an zwei im 19. Jahrhundert gesunkene Schiffe erinnern. Die jüngsten Toten waren dreizehnjährige Schiffsjungen. Noch früher, im 18. Jahrhundert, ließ die spanische Marine ihre Galeeren von Zwangsarbeitern, den galeotes, rudern. Die wenigsten überlebten das. Diejenigen, die überlebten, galten als danach als harte Hunde, mit denen man sich besser nicht anlegte.

Ich habe das Mittelmeer gesehen, capitán, die Adria, die Nord- und die Ostsee, das Tyrrhenische und das Ionische Meer wie auch die Irische See. Auch sterbende Schiffe habe ich gesehen, die kamen aus der ehemaligen Sowjetunion, um im Hafen von Triest ausgeschlachtet und verschrottet zu werden. Später las ich Jean Claude Izzos „Aldebaran“, und mir schnürte sich die Kehle zu wie zuvor am Hafen von Triest. Irgendwann in dieser Zeit kamen Sie, capitán, ein Tänzer, ein Segler und ein Leser. Sie brachten mir den Atlantik zurück, und dieses Mal sprach er Spanisch. Von Ihnen lernte ich noch etwas anderes über das Meer, nämlich, dass das Meer eine Mutter ist, die uns alle ernährt, aber auch ein wildes, grausames Lebewesen, das mit uns zu spielen scheint und uns so leichthin tötet, wie wir ein lästiges Insekt erschlagen.

In Ihrer Heimat, die an drei Seiten Küsten hat und eine Seefahrernation war, sagt man, der Teufel sei nicht klug, weil er der Teufel, sondern weil er alt ist. Das Meer aber ist noch älter als der Teufel. Es sieht alles, weiß alles und gibt nur manchmal etwas preis. An seinen Ufern lässt es sich gut leben, jedenfalls so lange es nicht zornig wird. Denn dann brüllt es und tobt es, und verschlingt, was sich ihm in den Weg stellt oder gar glaubt, es bezwingen zu können.

Natürlich ist das Meer älter als der Teufel, hätten Sie gesagt, capitán, denn der Teufel ist ja eine Erfindung der Menschen. Ich finde das tröstlich, und für die Stunde meines Todes wünsche ich mir insgeheim, dass das Meer mich hielte wie damals in Madrid, ganz und gar fern vom Meer, Ihre Augen.

(Während ich dies schreibe, wartet ein Schiff voller Flüchtlinge auf die Genehmigung, in einen Hafen einlaufen zu dürfen.  Hier ist es nicht das Meer, das mit Menschenleben spielt, sondern die europäischen Regierungen.)

Der Fünfte im Mai

Frau Brüllen stellt mich heute vor die Frage: was schreibt frau bloß über einen ereignislosen Tag. Wer Frau Brüllen nicht kennt, der lese hier: WMDEDGT.

Der Nachbarsbub drückt sich an mir vorbei und sagt weder Grüß Gott noch Sch…dreck. Allerdings straft der liebe Gott hart, aber gerecht, und in Kleinigkeiten bekanntermaßen sofort. Ein Getöse verrät, dass der ungehobelte kleine Klotz mit Rucksack und Zeichensachen die Treppe hinaufgefallen ist. Ein kurzer Blick nach hinten zeigt mir, dass er weder bewusstlos ist noch in seinem Blute schwimmt, deshalb setze ich meinen Weg ziemlich ungerührt fort. Er wird weiter zeichnen können, und vielleicht wird er mal ein neuer Michelangelo. Dann kann er sich ja immer noch ein besseres Benehmen angewöhnen.

Draußen duftet der Flieder über Benzin und Autoreifengummi hinweg. Meisen und Spatzen randalieren in den Löchern der Pfarrgartenmauer. Die Schatzis* sind noch nicht unterwegs und so kann ich mit den anderen alten Weibern in Ruhe einkaufen.

Hinterher lese ich ein bisschen Twitter und ärgere mich über Leute, die Fotos von Kolja Bonke oder Deutschlandfahnen im Profil haben, und über Leute, die solchen Leuten folgen. Andererseits lese ich ja auch den einen oder anderen, der meiner Filterblase übel aufstößt, und da lasse ich mir auch nicht hineinreden.

Die Schlaflosigkeit, die daraus folgende Übermüdung und der wiederum hieraus resultierende Schwindel strecken mich nach dem Mittagessen nieder. An Tanztraining ist nicht einmal zu denken. Ich schlafe zwei Stunden, dann ist es zu spät, um doch noch zum Training zu gehen. Statt Farruca und Tientos also halbherziges Putzen, was das Turmstübchen, das ich meine Wohnung nenne, definitiv verschönert. Nach vierwöchigem Halbkranksein mit Dauerschlappheit sah die Bude nämlich aus wie ein Fall fürs Gesundheitsamt.

Bei leichtem Wind genieße ich später den Ausblick in die grüne Hölle vorm Balkon; auf dem Balkon selbst sprießt das Grün erst zaghaft. In einem Blumenkasten wächst etwas, das eigentlich Mohn werden sollte, aber viel zu groß ist und außerdem leicht nach Tomate duftet. Eine Tomatenpflanze ist es jedoch auch nicht. Wir werden sehen. Die Samen der Werratal**-Mischung sind schon aufgegangen, ein abgebrochener Lavendelzweig, den ich einfach in die Erde gesteckt habe, wächst und gedeiht. Spilleriges Schnittlauch und leicht derangiertes Basilikum hängen in Töpfen am Paravent, ebenso wie Petersilie, aber lassen wir das: Petersilie kann ich so wenig wie Kapuzinerkresse. Dafür hat die Pfefferminze anscheinend den richtigen Platz gefunden (Halbschatten hinter dem Paravent? Ernsthaft? Na, von mir aus!) und kräftig ausgeschlagen.

Für die Besuchskrähe lasse ich einen übriggebliebenen Meisenknödel vom vergangenen Winter auf dem Balkonregal liegen. Wo Krähen sind, sind keine Tauben, und Krähen sind definitiv reinlicher. Die Meisenknödel gebe ich gern als Tribut für die neuen Herrscherinnen des Viertels, denn die schwarzen Biester amüsieren mich. Und sie lieben Meisenknödel. Ich weiß nicht, ob die Meisen im Winter überhaupt ein Bröckchen Knödel bekommen haben.

Die Obstvorräte sind definitiv zu knapp für das Wochenende. Grund genug für einen Ausflug ins Erdgeschoss. Der Laden ist fast leergekauft. Neben Obst finde ich noch zwei Packungen Ramen (Ich gestehe: ich bin süchtig nach Ramen aus der Tüte. Steinigen Sie mich ruhig. Andere spritzen Heroin oder saufen Wodka. Dagegen ist Ramen ein äußerst altjüngferliches und betschwesternhaftes Laster.)

Inzwischen ist es spät genug für ein frühes Abendessen, und damit ziehe ich den Vorhang zu und überlasse Sie Ihren abendlichen Beschäftigungen.

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*Pärchen, deren Komponenten anscheinend beide Schatzi heißen. 

**Heimat. Naja, fast, am Ende des Tals. (Für den geschätzten Blognachbarn gäbe es da sogar einen Radweg.)

Der Fünfte im April

Frau Brüllen möchte nach fünf Jahren immer noch wissen, was wir so machen. (Ich hoffe ja, das wird als Tagebuchblogpost anerkannt, zu mehr war ich nicht in der Lage.)

Rumjammern, die Fortsetzung.

Leichte Besserung der Symptome. Muskelkater vom vielen Husten. Zähneputzen, ausruhen. Katzenwäsche, ausruhen. Kämmen, ausruhen, usw. Die nötigsten Dinge einkaufen, davon aber nur die, bei deren Anblick mich nicht Übelkeit befällt. Lust auf Mandarinen aus der Dose. Die bleiben auch im Magen. Den Hustensaft bringe ich immer noch nicht hinunter.  Ausgiebig schlafen nach der kleinsten Anstrengung. Den Blogtext einer Heldin der Arbeit lesen, die sich krank ins Büro schleppt. Ja, habe ich früher auch gemacht und mit Fieber nachts im Notruf gesessen. Tue ich nicht mehr. Aus Gründen.

Zu allem Überfluss meldet sich auch ein schon mehrfach behandelter Zahn zu Wort. Lauthals. Krakeelend. Randalierend. Der wird warten müssen. Mein Zahnärztin ist mit mir zwar Kummer gewöhnt, aber mit Husten im Sekundentakt kann ich kaum auf ihrem Stuhl Platz nehmen.

Nur den Anfang von sicher wunderbar geschriebenen Blogtexten überfliegen. Keine Energie für tiefergehendes Eintauchen, für Kommentare, ein „like“ ist fast schon zu viel Mühe. Das Vorhaben, bei der nächsten Erkrankung die Arte-Mediathek leerzugucken, wird verschoben. Selbst dafür fehlt die Energie. So geschwächelt habe ich schon lange nicht mehr. Ist das das nahende Alter?

Da ich am Wochenende unter anderem bei zwei Notaufnahmeschwestern zu Gast war, hier ein Text einer weiteren.