Fundsachen 35

Die Rosenblatts mit dem bisher schönsten Text des Sommers: unterwegs. Der Sommer ist ja noch jung, aber ich glaube, das ist und bleibt mein Favorit.

Für Freund_innen der Fantasy: Die geschätzte Blognachbarin Carmilla de Winter liest.

Was geschieht auf der Aquarius?

Ich weiß, es wird langweilig, weil ich es immer wieder sage. Aber gehen Sie in den Botanischen Garten, wenn Sie in Berlin sind. Wirklich. Creezy hat es getan.

Die Donnerbella mag Schnaps, Dirndl und Fußball. Dinge, mit denen Sie mich bis nach Zinnowitz jagen könnten. Aber sie schreibt auch solche Texte.

Er schreibt wieder: der Schizophrenist übers Scheitern.

Dazu passt mal wieder eine Petenera, heute gesungen von Curro Malena. (In der Petenera geht es nämlich oft ums Scheitern. Wie überhaupt im Flamenco. Außerdem ist der Schizophrenist „un hombre muy flamenco“.)

Kleine Dinge, die glücklich machen

z.B. mit einem Fächer, der kein Tanzfächer ist, tanzen und feststellen, dass auch das geht. Die Wirkung ist aber eine völlig andere. Der Fächer ist zwar bei manchen Bewegungen leichter zu handhaben, aber das ungewöhnlich geringe Gewicht irritiert.

Natürlich kann ich mit dem großen Tanzfächer („pericón“) üben, aber der kleine mit dem Rosenmuster bereitet  im Moment einfach viel mehr Vergnügen. Mein Spiegelbild im Studio bringt mich zum Lächeln, wenn ich den kleinen Fächer mit dem Rosenmuster bewege, indem ich mein Handgelenk drehe.

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z.B. Flieder. Ich hätte zu gern ein paar duftende Zweige in einem Glas auf meinem Tisch, aber ich kann mich nicht überwinden, sie von einem der vielen Sträucher im Viertel zu zu schneiden. Verzweifeln Maler, weil sie nur die Fliederblüten, nicht aber deren Duft malen können? Malen muss das elendeste Handwerk überhaupt sein. Andererseits: da hängt ein niederländisches Stillleben im Prado, da kann man die Zitrone schmecken.

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z.B. Sie alle, Ihre Texte, Ihre Bilder, Ihre Kommentare.

8. Mai 2018

Keine Worte finden für die Erschöpfung. Von sechs Kolleginnen sind vier abwesend. Ich nehme mir vor, in einem vernünftigen Tempo zu arbeiten, so dass ich nach dem Arbeitstag noch Kraft für den Abend habe, aber es gelingt mir nicht.

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Eine Stunde Training ist besser als gar kein Training, markieren besser als gar nicht tanzen.  Markieren, um wenigstens nicht die Choreographien zu vergessen. Um die Schritte auszutanzen, fehlt die Energie. Peteneras, Siguiriyas, Tientos. Meine Bewegungen sind furchtbar hart geworden; ich wäre jetzt eine gute Bernarda Alba.

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Auf Twitter ist die Rede vom Tag der Befreiung. Die Spannweite der Tweets reicht von sentimental bis widerlich. Ich denke darüber nach, die Geschichte von den drei erschossenen russischen Jungen zu erzählen, aber diese Geschichte gehört nicht mir.

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02. Dezember 2017

In letzter Zeit bin ich oft erleichtert, dass ich mein Wochenpensum erfüllt habe und zumindest in der betreffenden Woche nicht mehr tanzen muss. Ich wünsche mir vier Wochen ohne einen Schritt zu tanzen und fühle mich undankbar, gerade jetzt, wo ich lerne, den ständigen Schwindel zu kompensieren. Die Kraft kommt wieder und ich kann das Tanzen in meinen Zeitplan wieder einigermaßen integrieren. Weder das Tanzen noch das Leben waren ein Vergnügen in den letzten beiden Jahren. Sollte ich das Tanzen aufgeben, würde ich es aber in spätestens zwei Jahren wieder bereuen. Es wäre ja nicht das erste Mal.

25. November 2017

Siguiriyas getanzt. Außerdem Tientos und Farruca, die richtig schweren Brocken also. Sehr tief im Plié, aus den Oberschenkeln, wie die alten Leute früher. Und plötzlich finde ich mich wieder. Die Energie ist wieder da, wird vom Tanzboden sozusagen reflektiert. Die Siguiriya habe ich, wie mir jetzt klar wird, vollkommen falsch angefangen. Das tiefe Plié ist richtig, außerdem muss ich die Schultern mehr einsetzen sowie insgesamt freier und expressiver tanzen. Die Bewegung geht aber dennoch nach unten, in den Boden hinein. Wie konnte mir das entgehen? Oder vielmehr: wie konnte ich vergessen, was ich eigentlich schon wusste?

 

Kreativitätsschub und mürrische Kastagnetten

Meine Fußtechnik ist immer noch wacklig, und wenn ich nicht bald am Tempo arbeiten kann, werde ich mich auch diesen Winter in den Workshops blamieren. Nein, ich tanze zur Zeit nicht gut, und weil der immer wieder auftretende Schwindel mir das Tanzen noch schwerer macht, neige ich dazu, das zu üben, was ich ohnehin schon gut kann: Arme, Hände, Kastagnetten. Nicht nur mir, auch den Kastagnetten scheint das Üben gut zu tun: der Klang ist wieder voller und weicher, was nicht allein an meiner verbesserten Technik liegt. Holz arbeitet anscheinend noch nach Jahren, und Kastagnetten werden mürrisch, wenn man sie zu lange herumliegen lässt. Dann klingen sie schrill und spröde, und keiner will sie hören.

Ich kämpfe immer noch mit der Farruca und beschließe, einige Schritte durch leichtere zu ersetzen. Ehrgeiz ist zur Zeit eher kontraproduktiv; ich muss erst einmal die Freude am Tanzen wiederfinden. Bei den Tientos improvisiere ich ab der dritten Strophe noch vor mich hin und probiere Verschiedenes aus. Ein Schritt hat es mir besonders angetan, aber ich weiß nicht, wo ich ihn einbauen soll. Immerhin tut sich wieder etwas, nachdem ich Wochen und Monate buchstäblich und im übertragenen Sinne nicht vom Fleck kam.

Plan B

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„Ja, mach nur einen Plan!
Sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch’nen zweiten Plan
Gehn tun sie beide nicht.“ (B. Brecht)

Für Amiable, den Tangotänzer, mit dem ich mich vor einiger Zeit auf Twitter über Fehler beim Tanzen und deren Kompensation unterhielt. 

Flamenco, so schreibt Fernanda Eberstadt, ist die Kunst der verzweifelten Maßnahmen, und erzählt von der schüchternen Sängerin  Inez Bacán, die spät im Leben anfing, aufzutreten und die bei einem ihrer ersten Konzerte zunächst schlecht sang. Zu allem Überfluss fiel sie noch von der Bühne und landete auf ihrem mehr als gut gepolsterten Hintern. Nachdem das geschehen war, nachdem es also nicht mehr schlimmer werden konnte, sang sie schlagartig besser.

Beim Tanzen ist es so: in der Regel haben  Flamencotänzer komplett ausgearbeitete  Choreographien im Kopf, die sie entsprechend den Gegebenheiten variieren können. Eine große Bühne verlangt große Bewegungen, auf der kleinen können Sie ziselieren. Auch das Publikum ist wichtig: sind es Kenner, die Feinheiten bemerken oder muss ich sie mit der Nase darauf stoßen. Werden sie einen desplante (Frechheit) verstehen, einen engaño (Täuschung) überhaupt bemerken? Will ich, dass sie weinen oder lachen oder beides zugleich? Beim Grillfest des Kleingartenvereins sind andere palos gefragt als wenn Flamencoleute unter sich sind und sich mit ihren Körpern Geschichten erzählen. Das sind die Dinge, die man bis zu einen gewissen Grad planen kann.

Nicht einplanen kann man den Schuh, den man verliert, den Absatz, der abbricht, oder weniger dramatisch: den Stolperer, die Unebenheit im Boden, den Irrtum, den Fehler…eben tanzten Sie noch wie eine Göttin, und plötzlich enden Sie auf dem linken Fuß statt auf dem rechten. Sie wollten nun eigentlich nach rechts drehen, aber das geht nicht, dazu müsste Ihr  nicht unbeträchtliches Gewicht auf dem rechten Fuß sein, aber da ist es nicht, somit haben Sie keine Basis für eine Rechtsdrehung. Statt dessen steht der linke Fuß, der, mit dem Sie Schwung holen wollten, wie festgemauert auf dem Boden. Flamenco, so heißt es, braucht Gewicht – selbst wenn Sie im Alltag die Leichtigkeit einer Elfe besitzen, müssen Sie beim Flamencotanzen geerdet sein und fest stehen wie die Mauern von Cádiz.

Das sind die Momente, in denen Ihnen das Herz stehen zu bleiben scheint, aber verzweifeln Sie nicht, es gibt fast immer einen Ausweg. Der Herr Lehrer hat sich einmal zwei Stunden Zeit genommen, uns zu zeigen, was man in solchen Fällen tut. Da hatte ich es allerdings schon gelernt, und zwar auf die harte Tour, denn ich kann mir nicht einmal meine eigenen Choreographien merken, geschweige denn die von fremden Leuten. Daher waren meine seltenen Auftritte zwar immer sehr inspiriert, aber auch sehr prekär. Der Herr Lehrer ist übrigens einer, der zu ausgedehnten Improvisationen neigt, was den ebenfalls auf der Bühne anwesenden Kolleg_innen mitunter den kalten Schweiß auf die Stirn treibt. Wer ihn gut kennt, bemerkt sofort, wenn er einmal gepatzt hat: er tanzt dann sehr schnell einen kleinen Halbkreis, bis er wieder da steht, wo er hingehört,  und grinst am Ende meist ziemlich dreckig.

Was hilft: wenn beim Üben ein Fehler passiert, nicht abbrechen und von vorne anfangen, sondern einfach versuchen, darüber hinweg zu tanzen. Im äußersten Notfall kann man auch schlicht stehen bleiben, wenn man nicht mehr weiter weiß –  stolz und hoch aufgerichtet – und einen unverschämten Blick ins Publikum richten, bis man sich wieder gefangen hat. Länger als ein, zwei Takte lange funktioniert das aber nur bei den ganz alten Tänzern, die sowieso Narrenfreiheit haben. (Nicht, dass El Peregrino das nötig hätte, aber er nimmt sich hier seine kleinen Pausen und macht auch den einen oder anderen desplante oder engaño) Wenn man das beim Üben praktiziert, entstehen ganz von selbst Variationen, die man zu bestimmten Gelegenheiten geplant oder eben als Notlösung einbauen kann. Wie überall ist es die Routine, die den Ausschlag gibt.

Aber eine Garantie gibt es nicht, weder für Plan A noch für Plan B.