Geschichten und Meer

(Irrelevantes von den billigen Plätzen)


3 Kommentare

08.02.2018

Ein Dienstleister schickt eine zwei DIN A4 – Seiten lange Aufstellung angeblich nicht bezahlter Rechnungen für die Jahre 2015 bis 2017. Falsche Vorgangsnummern, doppelt abgerechnete Leistungen, nicht erbrachte Leistungen, nicht in Auftrag gegebene Leistungen, Daten, Kundennummern und Leistungen, die nicht zu den Vorgängen passen, denen der Dienstleister sie zugeordnet hat…zwei Stunden tüftele ich, bis ich glaube, alle Unklarheiten beseitigt zu haben. Ich sende also eine korrigierte Aufstellung zurück, fordere zwei Rechnungen an, die wir nie erhalten hatten und lehne in drei Fällen die Zahlung ab, da die Leistung nicht den vertraglichen Vereinbarungen entspricht. Eine Stunde später erhalte ich eine wütende Mail. Der Dienstleister beschwert sich,  weil ich mich in einem Fall beim Datum vertippt habe. Es ist nicht einfach…

***

Zwei ältere Damen stapfen durch den Schnee. Zwei kleine Jungen bezeichnen sie als „alte Tanten“ und  werfen mit Schneebällen. Nonchalant greift sich jede der Damen einen Buben und seift ihn kräftig mit Schnee ein. Solche alten Tanten darf man halt nicht unterschätzen.

***

Der neue Lebensmittelladen meines Vertrauens hat auf einer Seite einen barrierefreien Zugang. Das heißt, er hätte einen, wenn nicht nebenan ein schickes Hotel wäre, dessen Gäste ihre Nobelkarossen auf dem Gehweg unmittelbar davor parken würden. Glauben Sie, es nützt etwas, wenn man den Kauf von Fahrzeugen ab soundsoviel KW mit einem obligatorischen Benimmkurs verknüpft? Ich fürchte, eher nein.

***

Nicht April, Februar ist der grausamste Monat. Wie ich auf der Fahrt von L nach M lernte, heißt er irgendwo in der Nähe von Fulda ’s klee Mintje (das kleine Monatchen), und dort sagt man auch, es sei ihm nicht zu trauen. Nach den vergangenen milden Wintermonaten muss der Kleine anscheinend dieses Jahr noch einmal richtig auf den Putz hauen und zeigen, was er kann.


8 Kommentare

Splitter

Satt und warm werden von dem, was Du schriebst. Beinahe weinen wollen, weil Du nicht mehr schreibst. Viele Male hat Dein Schreiben mich durch den Alltag getragen, mich ein Stück blauen Himmel zwischen bleischweren und bleigrauen Wolken sehen lassen. Ich habe Deinen gerechten und Deinen ungerechten Zorn gelesen, Deine fast kindliche Freude, Deine Erfolge, Deine Enttäuschungen, Deine Wärme und Deine eisige Abwehr. Habe Dich schützen wollen, obwohl Du selbst das viel besser kannst. Diese Melancholie, die mich nicht mehr loslässt seit fast einem Jahr, die gehört zu einem Teil auch Dir. Erhielte ich nicht auch auf anderen Wegen Nachricht von Dir, wüsste ich nicht, dass Du im Innersten stark bist, ließest Du mich nicht von Zeit zu Zeit einen Fetzen Deiner Gedanken sehen, so wäre da nichts als schwarzes Wasser, betrachtet durch ein im Mondschein ins Eis geschlagenes Loch.


Hinterlasse einen Kommentar

Weißröckchen

Unmöglich, die im Schein der Laterne fallenden Flocken zu fotografieren. Auch der doppelte Adventskranz – doppelt, weil er sich in der Scheibe spiegelt – lässt sich nicht festhalten. Vom Weihnachtsmarkt auf dem Viehhof bin ich an der Hähnchenbraterei, an der Post und am Friedhof vorbei nach Hause geschlichen. Der Sonntagabendverkehr macht die Luft stumpf. Der Freund ist weit fort. Angst und Bangen.

Persephone aß vier Granatapfelkerne. December. Despair.

(Aber zum Glück gibt es ja Twitter, wo die Leute solche Sachen backen. Manchmal hilft ein hysterischer Lachanfall, und Sie wissen gar nicht, wie passend das Wort „hysterisch“ hier ist.)


2 Kommentare

November am See

Der geschätzte, aber etwas entfernte Blognachbar liebt die Berge. Ich hingegen finde, der See wäre sehr viel netter anzusehen, wenn jemand mal die Klötze zur Seite schieben würde, die in ungeordneter Reihe den Blick vom Seeufer ins weite Land verstellen. Noch schlimmer als einfach Berge sind nur schneebedeckte Berge.  Einfache Berge toleriere ich zeitweise, aber nur wegen des oben genannten geschätzten Blognachbarn. Schneebedeckte Berge lassen mich wünschen, dass die Hölle niemals zufrieren möchte. Flachländerinnen wie ich brauchen wenigstens ein warmes Plätzchen, und wenn es auch gleich neben dem Höllenfeuer ist.

Sie sehen, ich habe eine ausgewachsene Schnee-Berg-Phobie. Aber am See habe ich mich dieses Jahr noch nicht sattgesehen. Außerdem wollte ich wissen, ob die Friedhofsrosen noch blühen (ja), ob Altbauer und Altbäuerin wohlauf sind (keine Ahnung, aber im Vorbeigehen sah der Hof nicht aus, als sei dort etwas Schlimmes passiert), wie weit nach unten der Schnee schon vorgedrungen ist (noch nicht weit) und all die Kleinigkeiten, die sich in einem kleinen Ort, den man nur alle paar Wochen besucht, mehr oder weniger drastisch verändern können, während man nicht hinschaut.

Und dann muss man natürlich den See selbst, die Wiesen, die Kruzifixe, die Bienenhäuser und die Kirche mit der wunderhübschen kleinen Schutzmantelmadonna an der Seite des Altarraums noch einmal betrachten. Auch das Sperberpärchen, das sich unter grauem Himmel jagt, darf man nicht übersehen. Die Viehweide, die genauso aussieht wie eine Viehweide anderswo. Die fleischigen, schweren Kühe, die die falsche Farbe haben. Die Bauern, die genauso gehen wie die Bauern anderswo. Die, solange sie den Mund nicht aufmachen, die Bauern von anderswo sein könnten.

Wenn man einmal anfängt, sein Herz an etwas zu hängen, verliert man es. Also das, woran man sein Herz gehängt hat. Erfahrungsgemäß. Immer. Besser, man fängt gar nicht erst damit an.

 


Ein Kommentar

Der Goldene

Während es andernorts stürmt und man sich vor Wind und Wasser schützen muss, leuchten hier die steilen Ufer, von der Herbstsonne vergoldet. Der alte Fluss ist ruhig und ruft den Himmel, damit der seine blaue Schönheit spiegele. Die Weinlese ist im Gange im Freistaat Flaschenhals, und deshalb sind auch die Straußwirtschaften noch geöffnet, wo der letztjährige Wein erst im Glas und dann auf der Zunge tanzt. Vielleicht ist es auch der aus dem Jahr davor oder ein noch älterer. Sehr viel älter sind  einige Gäste, beinahe alt genug, um als Kleinkinder den Freistaat noch erlebt zu haben. Im Flur hängt das Portrait einer Weinkönigin, die der Bertel in Zuckmayers Fastnachtsbeichte zu ähneln scheint.

Wenige Kilometer weiter glänzen zwei ganz andere Arten von Gold: das Gold, welches  man an Hals und Handgelenken trägt, und das aus den Gruben, die der Tourismus gefüllt hat. Letztere beginnen schon, sich zu leeren. In zwanzig Jahren, vielleicht schon in zehn, werden hier nur noch der Wein und der Oktober golden leuchten.