Geschichten und Meer

(Irrelevantes von den billigen Plätzen)


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Lieblingssatz 11022018

„Weißt Du, Agatha, die ist nicht verrückt. Weil alle dir bestimmt gesagt haben, sie wäre verrückt. Es ist so, dass Frauen in einer Ausstellung Bilder von ihr kaputtgemacht haben. Sie ist nämlich Malerin, weißt du das?.

Ja. Brigue -au-Pot hat’s mir gesagt. Ihre Bilder sind kaputtgemacht worden?

Ja. Und zwar von Frauen. Und auf den Bildern waren Frauen! Und für Agatha, verstehst Du, sind Frauen alles! Sie wäre beinah gestorben! Seit zwei Jahren malt sie nicht mehr. Sie ist unfruchtbar geworden.

Die, die die Bilder kaputtgemacht haben, sind verrückt! Und was war auf den Bildern?

Frauen! Frauen, die Lachen, Glück, Lust ausdrückten! Im Gegenteil. Das waren Äußerungen von Freiheit. Agatha hat nie begriffen, warum sie das in die falsche Kehle bekommen haben.“

Victoria Thérame, Die Pianistin, Rowohlt, Hamburg, 1982, übersetzt von Uli Aumüller.

An diese Sätze habe ich mich erinnert, als ich das hier las. Ich bin nicht sicher, ob es richtig war, Emmett Till im Sarg zu malen. Man muss kontroverse Kunstwerke auch nicht unbedingt öffentlich zeigen. Die Arbeit einer Künstlerin zu zerstören, halte ich jedoch in jedem Fall für falsch.


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Nichts für ungut

Läse ich keine Krimis, würde ich vermutlich gewisse Fantasien in die Tat umsetzen. Da es sich dabei um Fantasien handelt, die wilder sind als die Polizei erlaubt, halte ich Kriminalromane für eine sehr nützliche Erfindung, die solche wie mich daran hindert, irgendwann tatsächlich ein Blutbad anzurichten. Die Heldinnen der Kriminalromane von Maria Benedickt sind schräge Figuren, die nicht mit beiden Beinen auf der Erde stehen, sondern eher frei flottieren, bis sie irgendwo eine Nische gefunden haben, in der sie relativ unbehelligt und gerade so überleben. Die liebste unter ihnen ist mir die Hauptperson der Geschichte, die den schönen Titel „Nichts für ungut“ trägt.  

Diese Hauptperson also ist eine Einbrecherin. Oder vielleicht ein Einbrecher? Ein Gaunerpärchen? Eine Jugendbande?  Zeitungen und Polizei stellten bereits verschiedenste Vermutungen an; sie selbst schildert sich als eine angegraute, mittelalte Dame, deren langweiliger Sachbearbeiterinnenjob und biederes Aussehen Sicherheit und Tarnung für ihre eigentlichen Aktivitäten bieten. Ihre Coups plant sie sorgfältig, sie arbeitet sauber und solide. Dabei gilt sie der Polizei als eine höchst rücksichtsvolle Diebin. Aus einem wertvollen Silberrahmen, den sie mitgehen lässt, entfernt sie zuvor das Familienfoto; ein Medaillon mit dem Bild der Mutter oder ein Schmuckstück mit einer sentimentalen Gravur lässt sie lieber liegen.  

Während einer Gruppenreise bietet sich wieder einmal eine Gelegenheit zur Aufbesserung des Angestelltengehalts, aber die unscheinbare Diebin macht einen Fehler, der zu ihrer Identifizierung führen könnte. Derart in die Enge getrieben, beginnt die Diebin zu ermitteln und findet einen Kommissar, der ihre Karriere seit ihren Anfängen verfolgt. Nebenbei wird noch ein Verbrechen aufgeklärt, das weit schwerer wiegt als der Diebstahl einiger Pretiosen.  

„Nichts für ungut“ ist keine große Literatur, eher etwas für die Badewanne oder den Strand. Das Leben der Hauptfigur ist – von außen betrachtet – ein langer ruhiger Fluss, und  ein solcher soll es auch bleiben, trotz aller krimineller Aktivitäten. Ob sie aufhören wird, zu stehlen? Ich bin mir nicht sicher. 

Maria Benedickt, Nichts für ungut, Fischer, ISBN 978-3-596-30026-6