Geschichten und Meer

(Irrelevantes von den billigen Plätzen)


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23022018

Im neuen alten Büro, d.h. in dem Büro, in dem mich jeder Quadratmeter an meinem mobbenden Ex-Chef erinnert, funktionieren weder Drucker noch Heizung. Nach einer schlaflosen Nacht und einem kalten Vormittag mit einem unterdrückten Wutanfall wegen des Druckers und einer seit langem nur noch sporadisch funktionierenden Tastatur habe ich ausreichend Kopf- und Halsschmerzen, um mich unwohl zu fühlen, jedoch nicht genug, um das Unwohlsein medikamentös bekämpfen zu wollen. Mittags ist von den derzeitigen Chefs nicht einmal mehr eine Staubwolke am Horizont zu sehen. In Ermangelung eines Druckers kann ich einige anstehende Arbeiten nicht erledigen, so dass ich ab Mittag versuche, unauffällig herumzusitzen und ein intelligentes Gesicht zu machen. Nicht zu intelligent, das wird im neuen alten Büro nicht so gerne gesehen. In der Pause unterhalte ich mich mit einem Kollegen, der sonst immer das Feuer zu meinem Wasser darstellt, über die Frustration, die uns beide befallen hat. Nicht nachvollziehbare, dazu noch alle paar Wochen wechselnde Arbeitsanweisungen erleichtern das Leben nicht gerade. In der Praxis sieht das so aus, dass man eine aufwendige Auslandsakte mitunter unter einer anderen Prämisse beendet als man sie begonnen hat. Die Kundschaft freut sich eher nicht darüber.  

Ich erfahre, dass das ganze Haus einem (innen-)architektonischem Konzept unterworfen ist, an dem nicht das geringste Detail verändert werden darf. In jedem Zimmer steht an der gleichen Stelle eine Palme. „Meine“ erweckt den  Eindruck, Selbstmord begehen zu wollen, sobald man ihr ein Fenster öffnet. Konzept hin oder her, am Montag kommt meine Amtsstubenpflanze wieder mit ins Büro. 

Die Amtsstubenpflanze

Im verschneiten Innenhof wird Baumaterial gelagert, denn das Dach ist undicht. Zum Glück sind noch einige Stockwerke über mir. Die diesjährige Schneeschmelze wird mich also vermutlich ungeschoren lassen; für die Kollegen im obersten Stock getraue ich mich jedoch nicht zu garantieren. Die großen Fenster versprechen Hitze, sobald die Sonne scheint, das kann mir nur recht sein.   

Allerdings ist zu vermerken, dass ich in den zehn Jahren, in denen ich  mich zwischen altem, neuem und neuem alten Büro verlustiert habe, zum ersten Mal einen nicht in irgendeiner Weise defekten Bürostuhl habe. Man könnte ihn sogar „ bequem“ nennen. Außerdem sieht er nicht einmal aus, als hätte der Vorbesitzer in einer undichten Windel darauf gesessen. Das ist viel, wenn man es recht bedenkt, und vielleicht sollte ich mich darum über Drucker und Heizung nicht grämen.

 


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Herr M macht nicht mehr mit.

„Que no te pase lo que a Paco

Se fue a comprar tabaco

Y Paco no volvió más” (Sevillana)

 Warum der stille, vielleicht ein wenig farblose Kollege M eines Tages nicht ins Büro zurückkam, wusste niemand. Ich bin auch nicht sicher, ob sich irgendjemand ernsthaft Gedanken darüber gemacht hat. Alles, was man wusste, war, dass er eines Mittags den üblichen Satz „ich geh‘ essen“ in die Runde warf, aufstand und in Richtung Kantine davonging. Der M war ein unauffälliger Kollege, der häufig allein in die Kantine ging. Meistens höflich, immer engagiert, aber – besonders in der letzten Zeit – stets mit einem  kleinen Anflug von Ironie, den sich niemand erklären konnte.

Der M hatte studiert, und – im Gegensatz zu den meisten anderen Kollegen – auch abgeschlossen und zwar nicht einmal schlecht. Die großer Karriere allerdings war ihm verwehrt geblieben, und im Nachhinein frage ich mich, ob es nicht an diesem Hauch Ironie lag, an dieser offensichtlichen Unfähigkeit, Vorgesetzte und deren Wasserträger zu fürchten, dass man ihn nie für eine Beförderung in Betracht gezogen hatte. Denn sowohl Vorgesetzte als auch Wasserträger wollen respektiert werden, und liegt nicht im Respekt auch immer ein wenig Furcht? Der M aber, obwohl still und zurückhaltend, schien vor nichts und niemandem Angst zu haben.

Übrigens war er durchaus kompetent, mehr als das, außerdem überaus fleißig und von schneller Auffassungsgabe. Knirschte es im Getriebe, war der M stets der erste, der es bemerkte und bereits einen Vorschlag zur Verbesserung in der Schublade hatte. Allerdings rückte der M mit seinen durchaus konstruktiven Vorschlägen mitunter heraus, bevor der Chef das Problem überhaupt identifiziert hatte. Auch neigte der M zur Ungeduld und konnte bisweilen nicht verstehen, dass ein Sachverhalt, der in seinem Verstand schon längst geordnet und sonnenklar „vorlag“, nochmals durchdacht, besprochen und von den richtigen Leuten für gut befunden werden musste. Tatsächlich hatte der M neben dem vollständig ausgearbeiteten Vorschlag stets auch Belege, bereits ausgewertete Statistiken und alle nötigen Nachweise zur Hand, hatte geltende Richtlinien geprüft und Lösungen für mögliche Probleme parat. Oh, es war ihm durchaus klar, dass seine Vorschläge zunächst geprüft werden mussten. Jedoch ertrug er es nur schwer, wenn seine Vorschläge als nutzlos vom Tisch gewischt, aber zwei Jahre später als Ideen des Chefs oder eines der Wasserträger wieder auftauchten und von allen Seiten beifällig zur Kenntnis genommen wurden.

Irgendwann, vielleicht etwa ein bis zwei Jahre vor seinem Verschwinden, begann der M, sich zu verändern. Vorschläge und Ideen blieben aus, das leichte, ironische Lächeln zeigte sich häufiger, Überstunden machte er nur noch, wenn er dazu aufgefordert wurde. Dabei arbeitete er ansonsten gewissenhaft und schnell. Faulheit und Schlamperei erregten nach wie vor seinen Zorn, aber außer mir, die ich acht Jahre lang am Schreibtisch ihm gegenüber gesessen hatte, bemerkte niemand mehr seinen Ärger. Dabei war der M in jüngeren Jahren anscheinend aufbrausend, in späteren von bissiger Höflichkeit gewesen. In den letzten Jahren vor seinem Verschwinden legte er sich Hobbies zu, besuchte Theater und Konzerte, begann Sport zu treiben und sich besser zu kleiden. Gereist war er schon immer, seltsame und leichtfertige Reisen an ungastliche Orte, wo er ein bestimmtes Bild oder eine alte Handschrift zu sehen hoffte. Nun begann er – auf seine alten Tage, wie er lächelnd sagte – Orte aufzusuchen, über die er früher die Nase gerümpft hatte. Dabei galt seine Vorliebe dem Süden Spaniens, Frankreichs und Italiens. Sprachbegabt und –kundig wie er war, schien er auf seinen Reisen schnell Bekanntschaft mit Ortsansässigen und auch Touristen zu schließen. Er habe, so sagte er, ja stets sparsam gelebt, so dass er sich – auf seine alten Tage – mehrere Reisen pro Jahr leisten konnte. Dabei war der M noch nicht alt, Ende vierzig, Anfang fünfzig, aber er kokettierte, wenn auch auf sehr dezente Weise, mit der Verschrobenheit eines sehr viel älteren Mannes.

Ob der M eine Geliebte hatte? Verheiratet war er nicht, so viel ist sicher. In jenen letzten beiden Jahren zeigte er jedoch eine gewisse Weichheit, ein stilles Glück, das mich vermuten lässt, dass er geliebt wurde. Er sprach jedoch nicht darüber. Einmal erzählte er von einem Film, den er gesehen hatte und der von einem fliegenden Händler in der Provence handelte. Er verstehe nichts vom Einzelhandel und könne auch nicht besonders gut ein großes Auto fahren, aber so ein Leben, ließ er durchblicken, hätte ihm gefallen können. „Sie, Herr M, würden allerhöchstens mit gebrauchten Büchern handeln, und wer will die heutzutage noch kaufen?“ spöttelte ich. Von mir ließ er sich den Spott gefallen.

Dann kam der Tag, an dem der M in die Kantine ging und nicht wiederkam. Man rätselte, ob man vielleicht eine Nachricht oder Notiz übersehen hatte, die sein unentschuldigtes, nachmittägliches Fehlen hätte erklären können. Man sandte eine Auszubildende in die Kantine, um ihn zu suchen. Als er auch am nächsten Tag nicht auftauchte, wurde dieselbe Auszubildende beauftragt, im halbstündlichen Abstand beim M anzurufen. Ein Kollege erbot sich, nach Dienstschluss beim M vorbeizufahren, an seiner Tür zu klingeln und sich bei den Nachbarn zu erkundigen. Am dritten Tag schließlich verständigte der direkte Vorgesetzte die Polizei. Diese war ebenso bemüht wie erfolglos, was den Aufenthalt des M betraf. Wir erfuhren jedoch, dass der M schon vor Monaten seine Wohnung gekündigt hatte und vor wenigen Tagen ein Möbelwagen vorgefahren sei und den gesamten Besitz des M abtransportiert habe. Von welcher Firma dieser Wagen gekommen war und wohin er das Mobiliar gebracht hatte, ließ sich nicht ermitteln. Einen Tag, bevor der M aus dem Büro verschwunden war, hatte er sich von seinen Vermietern verabschiedet, den Wohnungsschlüssel übergeben, die Kaution entgegengenommen und war allein davongegangen.

Manchmal stelle ich mir den M vor, mit einem Verkaufswagen, so einer fahrenden Würstelbude, nur eben mit Büchern statt Würsten. Da der M wahrscheinlich immer noch nicht ordentlich Auto fahren kann, sitzt seine Geliebte, eine kräftige Provenzalin, am Steuer, und wenn sie auf einem Flohmarkt Halt machen, dann berät der M in seinem langsamen, präzisen Französisch  die Kundschaft. Sein feines graublondes Haar fällt ihm in die Stirn, und die Provenzalin, die Bücher genauso gern hat wie er, aber nicht so gut verkaufen kann, lächelt die Kundschaft an, damit sie wiederkommt. So stelle ich mir das vor. So sollte es sein.

 


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08.02.2018

Ein Dienstleister schickt eine zwei DIN A4 – Seiten lange Aufstellung angeblich nicht bezahlter Rechnungen für die Jahre 2015 bis 2017. Falsche Vorgangsnummern, doppelt abgerechnete Leistungen, nicht erbrachte Leistungen, nicht in Auftrag gegebene Leistungen, Daten, Kundennummern und Leistungen, die nicht zu den Vorgängen passen, denen der Dienstleister sie zugeordnet hat…zwei Stunden tüftele ich, bis ich glaube, alle Unklarheiten beseitigt zu haben. Ich sende also eine korrigierte Aufstellung zurück, fordere zwei Rechnungen an, die wir nie erhalten hatten und lehne in drei Fällen die Zahlung ab, da die Leistung nicht den vertraglichen Vereinbarungen entspricht. Eine Stunde später erhalte ich eine wütende Mail. Der Dienstleister beschwert sich,  weil ich mich in einem Fall beim Datum vertippt habe. Es ist nicht einfach…

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Zwei ältere Damen stapfen durch den Schnee. Zwei kleine Jungen bezeichnen sie als „alte Tanten“ und  werfen mit Schneebällen. Nonchalant greift sich jede der Damen einen Buben und seift ihn kräftig mit Schnee ein. Solche alten Tanten darf man halt nicht unterschätzen.

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Der neue Lebensmittelladen meines Vertrauens hat auf einer Seite einen barrierefreien Zugang. Das heißt, er hätte einen, wenn nicht nebenan ein schickes Hotel wäre, dessen Gäste ihre Nobelkarossen auf dem Gehweg unmittelbar davor parken würden. Glauben Sie, es nützt etwas, wenn man den Kauf von Fahrzeugen ab soundsoviel KW mit einem obligatorischen Benimmkurs verknüpft? Ich fürchte, eher nein.

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Nicht April, Februar ist der grausamste Monat. Wie ich auf der Fahrt von L nach M lernte, heißt er irgendwo in der Nähe von Fulda ’s klee Mintje (das kleine Monatchen), und dort sagt man auch, es sei ihm nicht zu trauen. Nach den vergangenen milden Wintermonaten muss der Kleine anscheinend dieses Jahr noch einmal richtig auf den Putz hauen und zeigen, was er kann.


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Manieren

Sie rülpsen, sie furzen, sie rotzen und sie spucken. Sie  schlürfen, sie kleckern, sie hängen mit der Nase fast im Teller. Sie drängeln, sie schubsen, sie würden mich die Treppe hinunterwerfen, wenn sie nicht auch ein bisschen feige wären.

Nein, ich rede nicht von „der Jugend von heute“, einen Ausdruck, den ich noch aus meiner lang vergangenen Jugend kenne. Ich rede von den schnellen Jungs auf dem Weg nach oben, den zukünftigen Windhunden, dem mittleren Management mit Aufstiegschancenwillen. Kann denen nicht irgendjemand beibringen, mit Messer und Gabel zu essen? Aber sie würden ja doch nicht zuhören, denn sie wissen schon alles, und zwar besser.

Mitunter aber werfe ich ihnen über den Rand meiner Gouvernantenbrille einen Blick zu, und weil ich nicht nur eine Gouvernantenbrille habe, sondern auch die Haltung und die funkelnden schwarzen Augen einer Gouvernante, die zum Frühstück schon ein Lineal verschluckt hat, zucken sie manchmal ein ganz kleines bisschen zusammen, geraten aus dem Tritt und stolpern. Dann lächele ich sanft, rücke Brille und Knoten zurecht und gehe meiner Wege. Ich weiß, es wird nicht lang anhalten, aber für einen kurzen Moment haben sie sich ein bisschen geniert für das, was sie sein möchten.


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Oma erzählt vom Krieg

Manchmal erzähle ich in der Mittagspause Schwänke aus dem Notruf in den 90ern: von Arxemiro mit den großen Füßen, von Erol B., dem türkischen Mafioso und vom Docteur Mehmed. Wie ein Cowboy einmal einen Patienten stahl, und wie ich dem Kommandanten des Militärflughafens von B. auf Französisch Geschichten erzählte wie weiland Sheherazade, damit er den Flughafen offen hielt, bis das Ambulanzflugzeug gelandet und wieder gestartet war. Von der Ärztekrawatte und vom israelischen Windhund, der drei Sachen gleichzeitig konnte: mit mir Fachgespräche führen, der studentischen Aushilfe auf Hintern, Beine und Busen starren, und mich seine tiefste Verachtung spüren lassen. (Ich hege seitdem gewisse Ressentiments gegenüber den israelischen Streitkräften. Und gegenüber Bürstenhaarschnitten.) Von Flora T., die den gesamten fernen Osten vom Küchentisch aus managte, und von der Schwester des toten polnischen Jungen. Von Luciano Pavarotti, dessen Unterschrift ein Arzt fälschte, damit eine psychisch kranke Patientin einwilligte, in ein Flugzeug zu steigen. Von den Zeiten ohne Internet, als man mit Telefonbüchern und Landkarten arbeitete.

Meinem jungen Chef – das ist der, der berechtigte Kritik als „Gejammer“ abtut und dem man im Laufen die Schuhe besohlen könnte – erzähle ich nichts davon. Er könnte etwas lernen aus den Geschichten, glaube ich, aber denken wir alten Weiber das nicht immer? Lieber schaue ich zu, wie er sich eine blutige Nase holt. Mancher lernt eben nur so.


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Und dann…

…sagte der Chef, dass gewisse Vergünstigungen, welche die Firma bisher Eltern und pflegenden Angehörigen gewährt hatte, in Zukunft wegfallen. Na, da ging der junge Vater aber auf die Barrikaden! Im Grunde hat er ja Recht, nur fällt mir die Solidarität mit jemandem, der selbst in den vergangenen Jahren  so wenig solidarisch war, doch etwas schwer.


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Bissige Hunde

„Lass die nicht merken, dass Du Angst vor ihnen hast, sonst tanzen sie Dir auf der Nase herum.“ sage ich, gestählt von den vielen Mobbingattacken meines Berufslebens. Sie muss lachen über die Formulierung, aber sie hat immer noch Tränen in den Augen. Die Kollegin ist älter als ich, arbeitet ebenfalls Vollzeit, und pflegt daneben ihren schwerkranken Lebensgefährten. Sie ist angreifbar, weil die pure Erschöpfung sie Fehler machen und Dinge versäumen lässt.

Und ich erschrecke, weil ich in Gedanken Kolleg_innen und Vorgesetzte mit einer bissigen Meute vergleiche, und mir plötzlich vorstellen kann, wie ganz normale Leute  Nazis werden, sich an Hexenverfolgung und Steinigungen beteiligen.

Die Meute verbeißt sich gern in dem, der gleichzeitig schwach und eine Bedrohung zu sein scheint, möglicherweise, um sich ihrer selbst zu vergewissern. Hierzu auch die Dame von Welt.

 

 


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Freitag

Als ich heute das Büro verließ, zuckte ein Gedanke – schief wie ein verkrüppelter Blitz – durch mein definitiv überhitztes Hirn: wenn ich bis Montag einen netten Millionär finde, brauche ich nie wieder hierher zu kommen.

Dann fiel mir ein, dass ich den Nachmittag damit verbracht hatte, einem solchen unrealistische Wünsche auszureden, was übrigens ein nicht unbeträchtlicher Teil meiner täglichen Arbeit ist, und ich dachte mir: nee, Trippmadam, so was willst Du nicht in der Wohnung haben!