Geschichten und Meer

(Irrelevantes von den billigen Plätzen)


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Fundsachen 23

Bügeltipps vom Kaffeehaussitzer.

Bloglesetipp von IrgendwieJuna

Herr Solminore ist nicht allein im finsteren Wald. Was mich übrigens hieran erinnert.

Bella über Depressionen.

Der Historiker des Flamenco, Pepe el de la Matrona, hat fast unendlich viele Varianten und Stile gekannt und gesungen. Hier einer der schönsten Tientos. An der Gitarre übrigens Pedro Soler.

 


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23022018

Im neuen alten Büro, d.h. in dem Büro, in dem mich jeder Quadratmeter an meinem mobbenden Ex-Chef erinnert, funktionieren weder Drucker noch Heizung. Nach einer schlaflosen Nacht und einem kalten Vormittag mit einem unterdrückten Wutanfall wegen des Druckers und einer seit langem nur noch sporadisch funktionierenden Tastatur habe ich ausreichend Kopf- und Halsschmerzen, um mich unwohl zu fühlen, jedoch nicht genug, um das Unwohlsein medikamentös bekämpfen zu wollen. Mittags ist von den derzeitigen Chefs nicht einmal mehr eine Staubwolke am Horizont zu sehen. In Ermangelung eines Druckers kann ich einige anstehende Arbeiten nicht erledigen, so dass ich ab Mittag versuche, unauffällig herumzusitzen und ein intelligentes Gesicht zu machen. Nicht zu intelligent, das wird im neuen alten Büro nicht so gerne gesehen. In der Pause unterhalte ich mich mit einem Kollegen, der sonst immer das Feuer zu meinem Wasser darstellt, über die Frustration, die uns beide befallen hat. Nicht nachvollziehbare, dazu noch alle paar Wochen wechselnde Arbeitsanweisungen erleichtern das Leben nicht gerade. In der Praxis sieht das so aus, dass man eine aufwendige Auslandsakte mitunter unter einer anderen Prämisse beendet als man sie begonnen hat. Die Kundschaft freut sich eher nicht darüber.  

Ich erfahre, dass das ganze Haus einem (innen-)architektonischem Konzept unterworfen ist, an dem nicht das geringste Detail verändert werden darf. In jedem Zimmer steht an der gleichen Stelle eine Palme. „Meine“ erweckt den  Eindruck, Selbstmord begehen zu wollen, sobald man ihr ein Fenster öffnet. Konzept hin oder her, am Montag kommt meine Amtsstubenpflanze wieder mit ins Büro. 

Die Amtsstubenpflanze

Im verschneiten Innenhof wird Baumaterial gelagert, denn das Dach ist undicht. Zum Glück sind noch einige Stockwerke über mir. Die diesjährige Schneeschmelze wird mich also vermutlich ungeschoren lassen; für die Kollegen im obersten Stock getraue ich mich jedoch nicht zu garantieren. Die großen Fenster versprechen Hitze, sobald die Sonne scheint, das kann mir nur recht sein.   

Allerdings ist zu vermerken, dass ich in den zehn Jahren, in denen ich  mich zwischen altem, neuem und neuem alten Büro verlustiert habe, zum ersten Mal einen nicht in irgendeiner Weise defekten Bürostuhl habe. Man könnte ihn sogar „ bequem“ nennen. Außerdem sieht er nicht einmal aus, als hätte der Vorbesitzer in einer undichten Windel darauf gesessen. Das ist viel, wenn man es recht bedenkt, und vielleicht sollte ich mich darum über Drucker und Heizung nicht grämen.

 


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Tag der Muttersprache

Der Tag der Muttersprache begann für mich damit, dass der geschätzte, aber entfernte Blognachbar virtuell auf Bayerisch fluchte. Ich war versucht, ihm mit einem herzhaften „Dunnerstock  nochemoh!“ zu antworten, aber auf die Idee waren schon andere gekommen.

Noch bevor ich das Wort „Muttersprache“ kannte, hatte ich schon entdeckt, dass es eine Muttersprache und eine Vatersprache gab. Die Muttersprache war rauh, sinnlich und tief, dabei  gluckerte sie  wie Wasser über rundgeschliffene Steine. Die Vatersprache war hingegen hell, geschwind und fast immer ein wenig spöttisch. Auf dem Gymnasium kamen Englisch, Latein, Französisch und Italienisch hinzu, außerdem lernte ich von den Mitschülerinnen Brocken Serbokroatisch, Koreanisch, Polnisch, Albanisch, Romanes…. Für die französische Sprache empfand ich jahrelang innigen Hass, denn eigentlich hatte ich Russisch lernen wollen, was aber durch ein Machtwort meines Vaters, der Zeit seines Lebens eine unerwiderte Liebe zum Französischen hegte, verhindert wurde. Angefreundet habe ich mich mit Frankreich und seiner Sprache erst, als ich während meines Studiums an der französischen Grenze lebte. In meinem Studiengang gab es die Muttersprache, die erste Fremdsprache, die zweite Fremdsprache und, für die Studenten, deren Muttersprache weder Deutsch noch Französisch war, die „Wahlmuttersprache“. Das hieß, polnisch- oder arabischsprachige Studentinnen konnte entscheiden, ob sie bestimmte Vorlesungen auf Deutsch oder auf Französisch hören wollten – beides wurde angeboten. Für sogenannte „Bildungsinländer“, also Student_innen nichtdeutscher Herkunft, die ihre Schulbildung in Deutschland absolviert hatten, war übrigens automatisch Deutsch die Wahlmuttersprache. Die Wahlmuttersprache war jedoch keine Fessel; das  eine oder andere Seminar absolvierte ich „bei den Franzosen“. Ich war nicht die einzige, und die meisten Vorlesungen und Seminare waren ohnehin ein fröhliches Sprachgemisch. Einer meiner Dozenten, der z.B. für Hans-Dietrich Genscher dolmetschte, wenn dieser in die USA reiste, witzelte, dass Englisch nicht seine „mother tongue“, sondern „mother in law’s tongue“ sei. Demnach wäre meine Schwiegermuttersprache Spanisch gewesen, wenn ich denn den nunmehr besten Ex der Welt geheiratet hätte. Wie Sie wissen, kam es nicht dazu.

In jenen Zeiten schrieb ich einmal ein Märchen auf Französisch für eine aus einem afrikanischen Land stammende Mitstudentin portugiesischer Muttersprache. Damals lebten wir in der französischen Schweiz, und unsere Clique war der Schrecken einer respektablen Kleinstadt. Nicht, weil wir uns danebenbenahmen, aber das pure Chaos aus teilweise exotischer Kleidung, unterschiedlichen Hautfarben und Sprachen, verwirrte und befremdete anscheinend.

Dem Südbayerischen konnte ich viele Jahre lang nichts abgewinnen. Diese Diphtonge machen mich wahnsinnig. Und erst dieses R! Es zerreißt mir die Trommelfelle, und ich möchte mein Heil in der Flucht suchen. Aber ich mache eine Ausnahme für die Leute am See.

Sprache ist nicht nur ein Mittel der Verständigung, sondern auch eines der Abgrenzung. Da muss man nicht einmal die Soziolekte bemühen. Es reicht, mit Landsleuten über einen hiesigen belebten Platz zu schlendern und ein paar rasche Sätze in der Vater- oder der Muttersprache zu wechseln. Die Blicke, die Sie treffen werden, sind unbezahlbar. Denn in unserer kleinen Stadt ist man gar sehr darauf bedacht, neben der eigenen um Gottes willen keine fremde Identität hochkommen zu lassen.

Eine überwiegend englischsprachige Blogplattform, auf der ich früher einmal unterwegs war,  veranstaltete einmal im Jahr einen Tag der Muttersprache. Einmal im Jahr bloggte man also nicht auf Englisch, sondern in seiner Muttersprache. Man sagt, so viele Sprachen, wie der Mensch spricht, so viele Seelen hat er. Wahr ist, dass die Art, wie ein Mensch schreibt, sich mit der verwendeten Sprache ändert. Wer auf Russisch kühl und präzise ist, kann z.B. auf Niederländisch oder Dänisch ein echter Romantiker sein, je nach dem, was für Emotionen er oder sie bewusst oder unbewusst mit der jeweiligen Sprache verbindet. Eine italienische Kollegin behauptet sogar, mein Stimme verändere sich, wenn ich vom Deutschen ins Italienische wechsele. Ob das stimmt, weiß ich nicht, sicher ist jedoch, dass Sprache nicht nur aus Vokabular und Grammatik besteht, sondern doch auch aus einem großen Teil purer Emotion.


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19022018

Übernächtigt, unausgeschlafen, mit einem nach Rauch und Teer schmeckenden doppelten Espresso im Magen, falle ich in den Bus, nicht wie sonst auf der Synagogenseite, sondern auf der Seite mit den lärmenden Schaufenstern. Der Februar hat sich noch einmal einen Eisbärpelz angezogen. An den Straßenrändern wird der Pelz aber schon fadenscheinig. Ein Fenster einer Kanzlei ist  erleuchtet; an der Wand lese ich: „Heute wird ein guter Tag.“ Wer hat das wohl an die Wand geschrieben, und woher will der das wissen?

Das Eis auf den Radwegen glitzert, das Radeln fehlt mir, aber im Herbst wurde es mir verleidet durch rücksichtslose Autofahrer und zu viele Abgase. Im Büro stehen die Umzugskisten. Ob ich im Frühling zum neuen Büro radeln werde, weiß ich noch nicht. Der Ausblick auf den kleinen Park wird mir fehlen.

Die muslimische Kollegin, die lange und schwer erkrankt war, ist wieder da. Sie trägt ein schwarzes Kopftuch, das Schultern und Brust bedeckt. Gläubig war sie schon immer, aber ein Kopftuch hat sie zuvor nie getragen. Es ist ja häufig so, dass der Glaube stärker wird, wenn man Schweres überstanden hat. In der Vergangenheit wünschte die Geschäftsleitung grundsätzlich keine Glaubenssymbole an ihren Mitarbeiterinnen zu sehen. Ich hoffe, dass man für diese Kollegin eine Ausnahme macht, denn ihr Kopftuch scheint mir Folge oder Bestandteil eines Gelübdes zu sein und außerdem ihrer Psyche gut zu tun.

Meine Firma ist eine, die die Sünden der Väter an den Söhnen zu rächen sucht, aber ein Täterregress muss erfolglos bleiben, wenn der Täter stirbt und die Söhne das Erbe ausschlagen.

Auf dem Heimweg kaufe ich Orangen, Milch und Käse. Daheim angekommen, habe ich gerade noch genug Energie, den Müll hinunterzubringen. Dabei rutscht mir der Mülleimer aus den Händen. Schalen vom gestrigen Muschelessen verteilen sich, garniert mit den Tempotaschentücherbergen von der letzten Erkältung, im Hof. Der Nachbar feixt dazu; das ist der Nachteil eines Gebäudes, das vage einer corrala ähnelt: jeder sieht und weiß alles.  Ich wünsche ihm die Krätze auf den Buckel und so kurze Arme, wie man das im Rheingau eben so macht, aber da ich meine bösen Wünsche nur in Gedanken formuliere, beeindruckt ihn das kein bisschen.

War das nun ein guter Tag? Es gab wohl schon schlechtere. Auf jeden Fall muss man der winterlichen Tristesse etwas entgegensetzen.

 

 

 

 

 


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Fundsachen 22

zum Thema Heimat. Sehr unterschiedliche Texte, sehr unterschiedliche Ansätze.

Zunächst Daniel Schreiber in der Zeit.

Irgendwie (keine) Heimat.

Verssprünge in die Heimat.

Unheimlich sehnsüchtig ist der Herr Bersarin nach Heimat.

Don Alphonso und die Früchte des Zorns im Donaumoos.

Wie aus einer Wohnung ein Zuhause wird, und irgendwie dann auch eine Heimat.

Einer geht noch. Vielen Dank an Frau Lakritze.

Sie sehen, es ist nicht einfach.

Wie cool ist das denn? Frauen auf Bäumen. Was mich an einen bestimmten, sehr alten und sehr hohen  Süßkirschbaum auf einem unbebauten Grundstück in einer meiner Heimaten erinnert. Ich war das erste Kind in der Straße, das sich hinauf traute. Dort wurde auch der Grundstein für meinen Feminismus gelegt: einmal lag ich ganz oben in einer Astgabel und beobachtete Jungen, die versuchten, die Kirschen vom Boden aus zu erreichen. Irgendwann schoben sie sich genauso langsam und unbeholfen hinauf wie ich beim ersten Mal. Oben angekommen, teilte der eine dem anderen mit: Als ich gesehen habe, dass sogar ein Mädchen da hoch kommt, dachte ich, das schaffe ich auch! (Na, danke. Übrigens kam auch nicht jedes Mädchen da hinauf.)

Ein Ziegelstein weint nicht, aber er kann auch den Takt nicht halten. Ob es eine Verbindung zu einer Heimat gibt, oder nicht, müssen Sie für sich selbst entscheiden.

 


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Luftwurzeln

Wo ist meine Heimat? Im Dorf, in dem das Großelternhaus steht, an das jemand geschrieben hat, dass mein Urgroßvater und seine Frau Gott auf vertraut und dieses Haus* gebaut haben? In der Stadt, wo ich zwei Mal gewohnt habe: einmal als Kindergartenkind und einmal als Mittel- bis Oberstufenschülerin? In der Stadt dazwischen? Ich war ein unwillkommenes Kind, in jeder Hinsicht. Bestenfalls war ich das Frankfurter Mädchen, das nicht wusste, wie man ein Kopftuch richtig band, aber andererseits hat man mir schon im Kindergarten vermittelt, dass ich mit meinem komischen Dialekt und den seltsamen Gebräuchen meiner Familie auch kein echtes Frankfurter Mädchen sein konnte.

Die Brüder Grimm, aus Hanau gebürtig, das damals zu Hessen-Kassel gehörte, sollen ihre Antrittsvorlesung in Göttingen über das Heimweh gehalten haben, und Heimweh ist ein nordhessisches Grundgefühl. Das kommt, falls Sie es nicht wussten, daher, dass Nordhessen eine ärmliche Region war, die viele verlassen mussten, um anderswo ein Auskommen zu suchen. „Wo Hessen und Holländer verderben, kann niemand Nahrung erwerben.“, heißt es. Unsereiner kommt überall zurecht, aber wenige Orte halten den Vergleich mit der nordhessischen Heimat aus. Kommt man dann aber zurück, auf Besuch oder im Alter, ist es nicht gesagt, dass man noch willkommen ist. Manchmal spiele ich mit dem Gedanken, zurückzukehren, aber stellen Sie sich vor, ich stürbe dort: dann stünde auf meinem Grabstein „geboren in Kassel“ und „gestorben in Kassel“, als hätte ich dazwischen nichts von der Welt gesehen, was doch ziemlich peinlich wäre.

Viele Jahre habe ich gelebt wie eine Pflanze, die man ausgraben und woanders wieder einpflanzen konnte, immer darauf bedacht, nicht zu tief zu wurzeln. Das bayerische Heimatgefühl, das die eigene Heimat für die einzig wahre hält, war und ist mir unverständlich. Jeder Ort, an dem ich gelebt habe, war Zwischenstation. Heimisch gefühlt habe ich mich an verschiedenen Orten, ohne dort wirklich beheimatet zu sein. Mein Blick auf die Welt ist der einer Passantin. Viel Gepäck mag ich nicht ansammeln. Erinnerungen, Rezepte, die eine oder andere Freundschaft. Fotos sind mir schon zu viel unnützes Gewicht. Höchstens noch den Fetzen einer Schürze, eines Hemds, wiederverwendet als Flicken oder was auch immer, so lange er eben hält. Einer hat mir eine kleine Ersatzheimat geschrieben, und dafür bin ich dankbar in meiner ewigen, inneren Diaspora. Einmal war ich auf der Beerdigung einer meiner vielen Großtanten. Da die Beisetzung ein wenig länger dauerte, ließ ich den Blick über die Grabsteine wandern. Auf dem ganzen Friedhof gab es nur vier Familiennamen. Drei davon kommen in meiner Verwandtschaft vor. Das heißt: dreimal bin ich mit diesem Ort verwurzelt. Vielleicht ist das Heimat. Vielleicht ist das der Ort, von dem man mich nicht vertreiben kann. Letzteres, so vermute ich, ist eine Illusion. Für diesen Moment jedoch halte ich an dieser Illusion fest.

Über ein Heimatministerium kann man streiten. Die Entwicklung und Förderung von Landstrichen abseits der Metropolen ist sicher in vielen Fällen wünschenswert. Einen Horst Seehofer, der allein auf das Wohl Bayerns bedacht ist und dem es vermutlich völlig egal ist, wenn der Rest des Landes unter die Räder kommt, halte ich aber für den denkbar ungeeignetsten Heimatminister. Überhaupt halte ich „Heimat“ als politischen oder administrativen Begriff für Unsinn. Der Begriff mag sich gewandelt haben, heutzutage steht er meinem Sprachgefühl nach eher für eine Emotion als für einen konkreten Ort. Der künftige Heimatminister neigt dazu, ein dumpfes Heimatgefühl zu bedienen, wenn es ihm politisch opportun erscheint. Mir macht das Sorgen, in diesen Zeiten.

*Tatsächlich wurde das Haus zweimal gebaut. Hier (Die versetzten Häuser). Das ist aber nicht das Dorf mit den vier Familiennamen. 

 

 


Ein Kommentar

Rosa

Plötzlich, mitten im winterlich grauen Schlackerwetter, eine Farbe, die knallt wie die Faust aufs Auge. „Alle mal hersehen!“ krakeelt es. „Ich bin ein Regenschirm und ich bin R.O.S.A.!“  Gestern das Kopftuch der Kollegin, heute der Regenschirm, außerdem ein Schal, ein Rucksack und ein Fahrrad. Nicht himmlisch blau, nicht leuchtend gelb, nicht strahlend grün, nicht knallig rot, nein, R.O.S.A. Das ist kein Baby- und kein Zartrosa, kein Ballettstrumpfhosen- oder Altedamenrosa, kein Rosa, mit dem sich brünette Herren schmücken, wenn sie wagemutig scheinen sein wollen. Aus dem faden Rosa meiner lang vergangenen Jugend ist eine intensive, warme Farbe geworden, die ich sogar selbst tragen würde, wenn sie mir nur zu Gesicht stünde und ich nicht erst kürzlich meine Vorliebe für Blau-, Grün- und Grautöne entdeckt hätte. Kein stinkendes Pink, keine Kleinmädchenfarbe, kein Rosé, sondern ein lärmendes Piratenrosa, das die graue Stadt entert und sich selbst als Fahne hisst. Rosenrot hat Schneeweißchen zu Hause gelassen und geht auf den Jahrmarkt.

Das, und die randalierenden Amseln. Lust auf Frühling.

Die Altbäuerin des Hofs mit dem schönsten Vieh am ganzen See wurde übrigens schon letzten Herbst mit einer leuchtend rosa Steppjacke gesehen, aber ich weiß gar nicht, ob ich das hier erzählen darf.

 


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14022018

„Da tun sich die gnädige Frau halt wundern!“ (Der Herr Permaneder zur Frau Buddenbrook.)

Einigermaßen fassungslos auf die gestrige Statistik gestarrt. Ich bilde mir nicht ein, dass die kleine Geschichte von gestern einen Nerv getroffen hätte. Die Zugriffszahlen – zehnmal so viele wie normalerweise – führe ich darauf zurück, dass die Geschichte von viel gelesenen Bloggern verlinkt wurde. Ich glaube, ich habe mich noch nicht bei allen Verlinkenden bedankt, also: vielen herzlichen Dank.

Auch weitere Ereignisse in Kleinbloggersdorf, Ortsteile  WordPresshausen und Twittersweiler, werfen ihre Schatten in meine Richtung und in die des geschätzten, wenn auch entfernten Blognachbarn. Die gnädige Frau wundert sich in der Tat und beschließt, in Zukunft noch weniger zu diskutieren und noch mehr stummzuschalten..

Eine korpulente Kohlmeise verschmäht die Meisenknödel, sowohl den hängenden als auch den liegenden. Dafür pickt sie eifrig auf dem nicht gekehrten Balkon herum. Meisennachricht des Tages: „Bei der geschichtenundmeer kann man vom Boden essen. Liegt ja auch genug rum.“ Ja, dann kehre ich halt nicht. Statt dessen schmeiße ich einen Meisenknödel auf den Boden. Vielleicht findet sie ihn ja dann.

Die Amseln versuchen immer noch, den Frühling mit Gewalt herbei zu singen. Die muslimische Kollegin hingegen beschwört ihn mit einem rosaweiß gestreiften, filigran bestickten und kunstvoll gewickelten Kopftuch. Am See hingegen, das entnehme ich Fotos des Seeanwohners, liegt noch dick Schnee. Aber am See dauert der Winter ja immer etwas länger. Ob die Amseln am See auch schon so lärmen, weiß ich nicht.

Im Büro gibt es die letzten Krapfen und Sachertorte. Ich, die ich mich nach den karnevalsbedingten Krapfenorgien mäßigen wollte, beschließe, dass das Fest, das man ja feiern soll, wie es fällt, erst morgen zu Ende gehen wird. Draußen ist hellblauer Himmel, aber ich sitze im Büro, so lange es sich gehört, und stampfe anschließend in einem Kellertanzstudio den Bretterboden zu Brei. Als ich damit fertig bin, ist es dunkel.

Wie alle Welt weiß (oder auch nicht) bin ich keine Freundin des Valentinstags. Nicht aus irgendwelchen ideologischen Gründen – schenken Sie mir Pralinen und Blumen, soviel Sie wollen (oder, was ich noch lieber mag: Bücher). Einem bestimmten Tag aber, an dem der Einzelhandel mit rosa Herzchen und dümmlichen Sprüchen auf Kundenfang geht und das als menschenfreundliche Aktion verkauft, stehe ich, sagen wir, ambivalent gegenüber.

 


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Herr M macht nicht mehr mit.

„Que no te pase lo que a Paco

Se fue a comprar tabaco

Y Paco no volvió más” (Sevillana)

 Warum der stille, vielleicht ein wenig farblose Kollege M eines Tages nicht ins Büro zurückkam, wusste niemand. Ich bin auch nicht sicher, ob sich irgendjemand ernsthaft Gedanken darüber gemacht hat. Alles, was man wusste, war, dass er eines Mittags den üblichen Satz „ich geh‘ essen“ in die Runde warf, aufstand und in Richtung Kantine davonging. Der M war ein unauffälliger Kollege, der häufig allein in die Kantine ging. Meistens höflich, immer engagiert, aber – besonders in der letzten Zeit – stets mit einem  kleinen Anflug von Ironie, den sich niemand erklären konnte.

Der M hatte studiert, und – im Gegensatz zu den meisten anderen Kollegen – auch abgeschlossen und zwar nicht einmal schlecht. Die großer Karriere allerdings war ihm verwehrt geblieben, und im Nachhinein frage ich mich, ob es nicht an diesem Hauch Ironie lag, an dieser offensichtlichen Unfähigkeit, Vorgesetzte und deren Wasserträger zu fürchten, dass man ihn nie für eine Beförderung in Betracht gezogen hatte. Denn sowohl Vorgesetzte als auch Wasserträger wollen respektiert werden, und liegt nicht im Respekt auch immer ein wenig Furcht? Der M aber, obwohl still und zurückhaltend, schien vor nichts und niemandem Angst zu haben.

Übrigens war er durchaus kompetent, mehr als das, außerdem überaus fleißig und von schneller Auffassungsgabe. Knirschte es im Getriebe, war der M stets der erste, der es bemerkte und bereits einen Vorschlag zur Verbesserung in der Schublade hatte. Allerdings rückte der M mit seinen durchaus konstruktiven Vorschlägen mitunter heraus, bevor der Chef das Problem überhaupt identifiziert hatte. Auch neigte der M zur Ungeduld und konnte bisweilen nicht verstehen, dass ein Sachverhalt, der in seinem Verstand schon längst geordnet und sonnenklar „vorlag“, nochmals durchdacht, besprochen und von den richtigen Leuten für gut befunden werden musste. Tatsächlich hatte der M neben dem vollständig ausgearbeiteten Vorschlag stets auch Belege, bereits ausgewertete Statistiken und alle nötigen Nachweise zur Hand, hatte geltende Richtlinien geprüft und Lösungen für mögliche Probleme parat. Oh, es war ihm durchaus klar, dass seine Vorschläge zunächst geprüft werden mussten. Jedoch ertrug er es nur schwer, wenn seine Vorschläge als nutzlos vom Tisch gewischt, aber zwei Jahre später als Ideen des Chefs oder eines der Wasserträger wieder auftauchten und von allen Seiten beifällig zur Kenntnis genommen wurden.

Irgendwann, vielleicht etwa ein bis zwei Jahre vor seinem Verschwinden, begann der M, sich zu verändern. Vorschläge und Ideen blieben aus, das leichte, ironische Lächeln zeigte sich häufiger, Überstunden machte er nur noch, wenn er dazu aufgefordert wurde. Dabei arbeitete er ansonsten gewissenhaft und schnell. Faulheit und Schlamperei erregten nach wie vor seinen Zorn, aber außer mir, die ich acht Jahre lang am Schreibtisch ihm gegenüber gesessen hatte, bemerkte niemand mehr seinen Ärger. Dabei war der M in jüngeren Jahren anscheinend aufbrausend, in späteren von bissiger Höflichkeit gewesen. In den letzten Jahren vor seinem Verschwinden legte er sich Hobbies zu, besuchte Theater und Konzerte, begann Sport zu treiben und sich besser zu kleiden. Gereist war er schon immer, seltsame und leichtfertige Reisen an ungastliche Orte, wo er ein bestimmtes Bild oder eine alte Handschrift zu sehen hoffte. Nun begann er – auf seine alten Tage, wie er lächelnd sagte – Orte aufzusuchen, über die er früher die Nase gerümpft hatte. Dabei galt seine Vorliebe dem Süden Spaniens, Frankreichs und Italiens. Sprachbegabt und –kundig wie er war, schien er auf seinen Reisen schnell Bekanntschaft mit Ortsansässigen und auch Touristen zu schließen. Er habe, so sagte er, ja stets sparsam gelebt, so dass er sich – auf seine alten Tage – mehrere Reisen pro Jahr leisten konnte. Dabei war der M noch nicht alt, Ende vierzig, Anfang fünfzig, aber er kokettierte, wenn auch auf sehr dezente Weise, mit der Verschrobenheit eines sehr viel älteren Mannes.

Ob der M eine Geliebte hatte? Verheiratet war er nicht, so viel ist sicher. In jenen letzten beiden Jahren zeigte er jedoch eine gewisse Weichheit, ein stilles Glück, das mich vermuten lässt, dass er geliebt wurde. Er sprach jedoch nicht darüber. Einmal erzählte er von einem Film, den er gesehen hatte und der von einem fliegenden Händler in der Provence handelte. Er verstehe nichts vom Einzelhandel und könne auch nicht besonders gut ein großes Auto fahren, aber so ein Leben, ließ er durchblicken, hätte ihm gefallen können. „Sie, Herr M, würden allerhöchstens mit gebrauchten Büchern handeln, und wer will die heutzutage noch kaufen?“ spöttelte ich. Von mir ließ er sich den Spott gefallen.

Dann kam der Tag, an dem der M in die Kantine ging und nicht wiederkam. Man rätselte, ob man vielleicht eine Nachricht oder Notiz übersehen hatte, die sein unentschuldigtes, nachmittägliches Fehlen hätte erklären können. Man sandte eine Auszubildende in die Kantine, um ihn zu suchen. Als er auch am nächsten Tag nicht auftauchte, wurde dieselbe Auszubildende beauftragt, im halbstündlichen Abstand beim M anzurufen. Ein Kollege erbot sich, nach Dienstschluss beim M vorbeizufahren, an seiner Tür zu klingeln und sich bei den Nachbarn zu erkundigen. Am dritten Tag schließlich verständigte der direkte Vorgesetzte die Polizei. Diese war ebenso bemüht wie erfolglos, was den Aufenthalt des M betraf. Wir erfuhren jedoch, dass der M schon vor Monaten seine Wohnung gekündigt hatte und vor wenigen Tagen ein Möbelwagen vorgefahren sei und den gesamten Besitz des M abtransportiert habe. Von welcher Firma dieser Wagen gekommen war und wohin er das Mobiliar gebracht hatte, ließ sich nicht ermitteln. Einen Tag, bevor der M aus dem Büro verschwunden war, hatte er sich von seinen Vermietern verabschiedet, den Wohnungsschlüssel übergeben, die Kaution entgegengenommen und war allein davongegangen.

Manchmal stelle ich mir den M vor, mit einem Verkaufswagen, so einer fahrenden Würstelbude, nur eben mit Büchern statt Würsten. Da der M wahrscheinlich immer noch nicht ordentlich Auto fahren kann, sitzt seine Geliebte, eine kräftige Provenzalin, am Steuer, und wenn sie auf einem Flohmarkt Halt machen, dann berät der M in seinem langsamen, präzisen Französisch  die Kundschaft. Sein feines graublondes Haar fällt ihm in die Stirn, und die Provenzalin, die Bücher genauso gern hat wie er, aber nicht so gut verkaufen kann, lächelt die Kundschaft an, damit sie wiederkommt. So stelle ich mir das vor. So sollte es sein.

 


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Lieblingssatz 11022018

„Weißt Du, Agatha, die ist nicht verrückt. Weil alle dir bestimmt gesagt haben, sie wäre verrückt. Es ist so, dass Frauen in einer Ausstellung Bilder von ihr kaputtgemacht haben. Sie ist nämlich Malerin, weißt du das?.

Ja. Brigue -au-Pot hat’s mir gesagt. Ihre Bilder sind kaputtgemacht worden?

Ja. Und zwar von Frauen. Und auf den Bildern waren Frauen! Und für Agatha, verstehst Du, sind Frauen alles! Sie wäre beinah gestorben! Seit zwei Jahren malt sie nicht mehr. Sie ist unfruchtbar geworden.

Die, die die Bilder kaputtgemacht haben, sind verrückt! Und was war auf den Bildern?

Frauen! Frauen, die Lachen, Glück, Lust ausdrückten! Im Gegenteil. Das waren Äußerungen von Freiheit. Agatha hat nie begriffen, warum sie das in die falsche Kehle bekommen haben.“

Victoria Thérame, Die Pianistin, Rowohlt, Hamburg, 1982, übersetzt von Uli Aumüller.

An diese Sätze habe ich mich erinnert, als ich das hier las. Ich bin nicht sicher, ob es richtig war, Emmett Till im Sarg zu malen. Man muss kontroverse Kunstwerke auch nicht unbedingt öffentlich zeigen. Die Arbeit einer Künstlerin zu zerstören, halte ich jedoch in jedem Fall für falsch.