In diesem Winter, der nicht schön war (wenn auch besser als die davor), dachte ich immer: wenn der Frühling kommt, dann…

…gehe ich endlich wieder öfter ins Museum, ins Konzert und ins Theater

…fahre ich beim ersten Sonnenstrahl an den See und wandere

…besuche ich den alten Patenonkel

…verreise ich öfter einfach so über das Wochenende

…fahre ich wieder mehr Rad

Aber mit dem Frühling kam erst einmal Corona.

Nun gut, Rad fahren geht derzeit aus anderen Gründen nicht. Aber es kommt noch der Sommer, und irgendwann kommt auch wieder ein Frühling. Sie werden schon sehen.

 

Früh am Morgen scheint die Sonne und die Luft riecht nach Regen.

Einkaufen: Pilze und Parmesan für Risotto, Käse zum Abendbrot, Quark für eine Süßspeise, Milch. Alles andere habe ich zu Hause.

Der (kleine Um- )Weg zum Einkaufen führt über den Südfriedhof. Eichhörnchen und Singvögel randalieren, von einem Grünspecht sehe ich leider nur noch den Hintern. Passanten grüßen einander ein bisschen schüchtern und mit viel Abstand. Die erste Bärlauchsammlerin ist unterwegs. Es gibt einen jungen Kirschbaum, anscheinend sogar gepfropft, der mir nie aufgefallen ist. Jemand scheint tatsächlich im Sommer Kirschen ernten zu wollen.

Ein Pärchen aus dem Haus hat sich gegenüber auf einen Behälter für Streumaterial gesetzt. Sie wohnen zum Hinterhof, wo kaum Sonne ist. Die Polizei fährt durch die Straßen, findet aber nichts zu beanstanden. Alle sitzen oder stehen in geziemendem Abstand.

Frau Mutter ist wohlauf und erzählt mir den neuesten Tratsch aus dem Dorf. Keine Ahnung, wie es diese alten Damen schaffen, immer und über alles auf dem Laufenden zu sein.

Leichte Migränewolken im Hirn, keine Ahnung, ob es die Büro-Querelen der letzten Woche waren oder der Bärlauchduft. Letzterer ist ein nahezu unfehlbarer Migräneauslöser.

Bei der Dienstplanbesprechung im Büro sage ich, dass ich eigentlich sehr gut die Randschichten besetzen kann. Hintergrund ist, dass zu diesen Zeiten die öffentlichen Verkehrsmittel, auf die ich als eine von zwei Kolleginnen noch angewiesen bin, relativ leer sind. Susi Südzucker, bei der Home-Office funktioniert und die wie immer taub auf allen Ohren ist, schreit dazwischen, dass sie ja von zu Hause problemlos in den Randschichten arbeiten kann und ich deshalb keine machen soll. Ich streite nicht mit Susi, die jetzt stolz wie Bolle ist, weil sie mir ja freundlicherweise die Randschichten abgenommen hat. Was soll ich sagen? Ich bin ja schon froh, dass sie zur Zeit nicht am Schreibtisch gegenüber sitzt. Man kann auch nicht alles haben.

Die japanischen Zierkirschen und –pflaumen im verglasten Innenhof verlieren die Blüten. Die rosa Blütenblätter  fallen nicht gleich zu Boden, sondern steigen erst einmal gen Himmel. Da der Himmel himmelblau ist, sieht das sehr schön aus.

Auf dem Heimweg kommt mir ein Mann mit Toilettenpapier unterm Arm entgegen. Kein Hamsterer mit fünf Packungen, nur einer, der eben die zur Neige gegangenen Vorräte auffüllt, nehme ich an. Wir lächeln einander zu, gleichzeitig verschämt und amüsiert.

Das winzige griechische Restaurant nebenan, das ein junges Paar erst letzten Herbst eröffnet hat, ist wegen Corona geschlossen. Ich wünsche den beiden, dass sie die Krise überstehen, aber ich wage nicht, daran zu glauben.

(Ist es falsch, zu hoffen, während so viele sterben? )

Pfefferminztee. Knäckebrot mit „Pasztet“ aus der Dose. Müde von mehreren schlaflosen Nächten.

Frau Lakritze hätte gerne Geschichten, aber gerade habe ich keine. Gerade habe ich nur Wahrheit. Und Müdigkeit. Vielleicht haben Sie ja welche und möchten sie erzählen. Bitte hier entlang.

Ich lese seit einer Woche an einem höchst banalen Krimi herum, kann mich nicht konzentrieren. Das Tanzen fehlt mir.

Die Wahlunterlagen sind gekommen. Ich wähle und bringe den roten Umschlag sofort zum Briefkasten, damit er noch mit der nächsten Leerung mitkommt.

Als ich wieder zu Hause bin, eine Hiobsbotschaft aus dem erweiterten Kreis: die Stieftochter des besten Ex der Welt, das Kuckuckskind aus seiner zweiten Ehe,  hat möglicherweise Corona, das Testergebnis steht aber noch aus. Der beste Ex der Welt ist am Boden zerstört, er liebt nämlich das Kuckuckskind als wäre es sein eigenes.

In den U-Bahn-Stationen wühlen alte Männer in den Papierkörben nach Brauchbarem oder nach Pfandflaschen, genau weiß ich es nicht. Es bricht mir das Herz, dass alte Menschen so leben müssen, in dieser Stadt, einer der reichsten des Landes.

Über allem lässt der Frühling sein blaues Band flattern, strahlend schön und ungerührt. Man müsste ihn hassen, den Frühling, wäre da nicht das Gefühl der Hoffnung, das er trotz allem vermittelt.

Von den Feldern weht der Geruch von Dung und Jauche in die Stadt.

Das Schreiben fällt mir schwer, trotzdem mache ich weiter. Ungelenke Sätze kann ich irgendwann korrigieren.

Die Firma wünscht, dass ich im Home Office arbeite. Dazu muss ich auf meinem privaten Laptop diverse Programme der Firma installieren. Leider funktioniert das nicht, fragen Sie mich nicht, warum.

Der Support – nicht zu erreichen (als ich endlich die korrekte Telefonnummer herausgefunden hatte, die angegebene war bekanntlich „nicht vergeben“).

Die Herren von der Schnittstelle – anscheinend nur mäßig kompetent, stochern genauso im Nebel wie ich.

Der IT-Service-Point erklärt sich für nicht zuständig, da es sich um meinen privaten Laptop handelt.

Mein privater Laptop, den ich auf Wunsch der Firma für Firmenangelegenheiten benutze. Und man ist unter diesen Umständen nicht bereit, mich bei Problemen zu unterstützen?

Dreckspack, elendiges.

 

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In der Nacht hat es geschneit, und es ist kalt geworden.

Zur Gottesdienstzeit läuten die Glocken von Sankt Anton, auch wenn es keinen Gottesdienst geben wird. Die Feuerwehr fährt durch unsere Straße und ermahnt die Anwohner freundlich, zu Hause zu bleiben.

In den Nachrichten Plätze und Straßen, die ich von Reisen her kenne, aber noch nie menschenleer gesehen habe.

Ich bereite ein vorgezogenes Gründonnerstagsessen zu: hartgekochte Eier, Kartoffeln und grüne Soße. Die Soße wird etwas wässrig: ich habe die im letzten Jahr eingefrorenen Kräuter verwendet, und die haben Wasser gezogen. Auf dem Balkon gibt es zwar schon frische Kräuter, aber so früh im Jahr will ich davon noch nichts nehmen.

Später am Tag begegne ich bei den Mülltonnen der Nachbarin, die sonst nie ein freundliches Wort für mich hatte. Wir unterhalten uns, in gebührendem Abstand.