Anderswo

Büronymus über Anweisungen.

Solminore über Regeln.

Der Tagesspiegel über Maskenverweigerer. (Die „eigene Entscheidung“ mitsamt Verstoß gegen Regeln und Konventionen hat ja gerade in diesem Fall auch Auswirkungen auf andere, die man möglicherweise infiziert, ohne es zu wissen.) Gefunden habe ich den Link in einem Kommentar beim Kinderdok. Auf den bin ich gekommen, weil Herr Buddenbohm ihn verlinkt hatte.

Jacques Brel, einmal nicht melancholisch.

Am Morgen ist die Luft wie an der See. 15 Grad, Sonne, leicht bewölkter Himmel; bei solchem Wetter gingen wir früher an den Strand. Tatsächlich kann ich im Moment keine Bilder vom Meer sehen. Theoretisch ist es erreichbar, aber man kann, darf oder sollte besser nicht hin.

Der Chef ruft an und druckst herum. Ich erwarte einen weiteren Tritt vors Schienbein, aber nein. Er kündigt eine Sonderzahlung wegen überdurchschnittlicher Leistungen an. Ich bin überrascht, und er ist überrascht, weil ich überrascht bin.

Ich habe mich verändert, oder vielmehr lerne ich, eine neue Rolle zu spielen. Wie es innen aussieht, geht keinen etwas an.

Am Abend rufe ich die Cousine an, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren. Wir sprechen über meine dank Corona veränderte Arbeitssituation und darüber, wie ich mit dem Home Office zurecht komme. Ich bin verwundert, dass sie das Thema überhaupt anspricht, arbeitet sie doch seit Jahren allein in der eigenen Kanzlei. Sie erzählt, dass ihr das seit ebenso vielen Jahren schwer fällt.

Es sind Winden. Die Bohnen sind dann wohl im anderen Topf gelandet. Aus dem wachsen jedoch keine Bohnen, sondern etwas, das aussieht wie Koriander, aber nicht so duftet. Dieses Jahr habe ich Erde vom letzten Jahr und teilweise unbeschriftete Restbestände aus meiner Samenkiste verwertet, weil Blumenerde und Pflanzensamen in der näheren Umgebung zunächst nicht zu bekommen waren. Ich erinnere mich auch, vor Jahren einmal Windensamen gesammelt zu haben. Das waren dann wohl die undefinierbaren Körnchen, die ich in Ermangelung von Besserem im Frühling in einen Topf mit Erde gesteckt habe. Jedenfalls sind die Winden sehr hübsch anzusehen. Die Blüten öffnen sich anscheinend nur, wenn sie von der Sonne beschienen werden, das wusste ich nicht.

Angesichts gestiegener Corona-Fallzahlen verzichte ich diese Woche aufs Tanztraining. Zwar würde ich allein trainieren, aber ich vermeide unter diesen Umständen gerne unnötige Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln während des Berufsverkehrs.

In sechs Monaten ist Weihnachten.

Erster Arbeitstag nach dem Urlaub. Früh morgens gehe ich als erstes auf den Balkon. Die Bohnen/Winden haben eine weitere Blüte, beim Lavendel kann es jetzt nicht mehr lange dauern, und auch der weiße Korallenstrauch hat bereits winzig kleine Knospen. Vor bewölktem Himmel gehen Krähen und Tauben ihren jeweiligen Geschäften nach. Der Autoverkehr tobt; der Banker von nebenan fährt in Anzughose und weißem Hemd auf einem Damenrad zur Arbeit.

Der Arbeitstag im Home-Office verläuft vergleichsweise ruhig. Ich informiere die drei Kolleginnen, mit denen ich am engsten zusammenarbeite, dass ich wieder da bin. Alle anderen werden es merken oder auch nicht.

Nach der Arbeit gehe ich einkaufen und treffe auf dem Rückweg zufällig eine Freundin, die lange nichts von sich hat hören lassen. Ihr und den beiden Töchtern geht es gut. Eine hat Abitur gemacht, die andere geht demnächst nach dreizehn Wochen wieder zur Schule. Sie selbst geht nach wie vor ins Büro, denn sie ist die einzige in ihrer Abteilung, die nicht von zu Hause arbeiten kann. So genießt sie es, das Büro für sich zu haben. Es tut gut, mich auszutauschen und zu sehen, dass sie in vielen Dingen ähnlich empfindet wie ich.

***

Was von diesem Tagebuch bleiben wird? Irgendwann gibt es kein Internet mehr, sondern etwas noch viel Tolleres oder eben gar nichts. Dann ist das Tagebuch – ohnehin anspruchslos und schlampig geführt – verloren. Wie viele Artefakte aus früheren Zeiten haben sich irgendwann in ihre Bestandteile aufgelöst? Wie viel Papier wurde von Ungeziefer gefressen, wie viele Zeichnungen sind verblasst? Wissen, das uns in späteren Zeiten fehlt, ist möglicherweise schlicht in einem feuchten Wandschrank verschimmelt. Wenn es wahr ist, dass sich ohnehin alles wiederholt, wird irgendwann wieder jemand auf eine Lösung kommen, die ein anderer schon vor 500 Jahren gefunden hatte.

Zu Beginn der Kontaktbeschränkungen hatte ich eine Handvoll Bohnen einer mir unbekannten Sorte in einen Topf mit Erde gelegt. Viel Hoffnung habe ich mir nicht gemacht, denn beim letzten Versuch waren sie nicht aufgegangen. Am Samstag zeigt sich die erste Blüte, die aber nicht nach Bohne, sondern nach Winde aussieht. Auch im Kasten mit der „alten“ Erde blüht etwas, ich weiß aber nicht, was.

Es gibt nun einen weiteren Büchertauschschrank im Viertel. Keine Liebesromane dieses Mal, dafür ausgemusterte Lehrbücher der Soziologie. Das lässt erste Rückschlüsse auf die Bewohner_innen der Straße zu. Ich werde das weiterhin beobachten. Später spaziere ich im Regen an der Isar.

Am Sonntag besuche ich das Gelände der ehemaligen Bundesgartenschau (2005). Die Fahrt mit Bus und U-Bahn ist recht langwierig. Entschädigt wird man mit einem immer noch weitläufigen Gelände, auf dem Gehölze und Wildpflanzen gedeihen. Die Senkgärten sind zumindest teilweise erhalten. Es weht ein leichter Wind. Bienen summen, die Sonne scheint. Rundum ist ein Wohnviertel entstanden, aber es gibt auch Landwirtschaft. Auf dem Rückweg stelle ich fest, dass der Kinnschutz noch immer in Mode ist.

Melancholische Gedanken, aber auch eine nette Unterhaltung mit einer Internetbekanntschaft. Am Sonntagabend telefoniere ich mit meiner Mutter. Es geht ihr gut. Die Organisator_innen des Seniorenkreises in der Gemeinde treffen sich (mit gebührendem Abstand und Maske). Ich habe das Gefühl, dass es dem Mütterlein gut tut, selbst etwas in die Hand nehmen zu können.

Gute Taten

Nun hat also auch Twitter seine „Spendenaffäre“. Ich will gar nicht allzu sehr darauf eingehen. Wenn Sie bei Twitter sind, wissen Sie, worum es geht. Wenn Sie nicht bei Twitter sind, haben Sie sicher gute Gründe (und jetzt vielleicht auch noch einen weiteren Grund) dafür. Ich bin sehr vorsichtig mit Spenden an Privatpersonen. Trotzdem bin ich vermutlich zweimal mit solchen Spenden auf die Nase gefallen. Beide Male handelte es sich um Beträge, die ich dank eines regelmäßigen Einkommens verschmerzen kann.

In einem Fall gehe ich davon aus, dass die Empfängerin sich tatsächlich in einer Notlage befand, jedoch möglicherweise nicht in der geschilderten. Egal, ich mag die betreffende Person und bin sicher, dass meine kleine Spende irgendwie doch für einen guten Zweck war, wenn auch nicht unbedingt für den angegebenen. Wenn sie sich dank meines Beitrags neue Hosen kaufen konnte, ist mir das auch recht.

Der andere Fall lag komplizierter. Presseberichten zufolge gab es die Notlage tatsächlich, nur bin ich im Nachhinein nicht mehr sicher, ob zwischen der Person, die zum Spenden aufgerufen hatte und dem Mann, für dessen Hinterbliebene gespendet werden sollte, tatsächlich das geschilderte enge Verhältnis bestand. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass jeder Cent bei den Hinterbliebenen angekommen ist. Warum um den verstorbenen Familienvater jedoch eine quasi-romantische Erzählung mit Andeutung einer tragischen unerfüllten Liebe gesponnen werden musste, entzieht sich meinem Verständnis. Oder auch nicht, wenn ich das ungewöhnlich starke Bedürfnis der spendensammelnden Person nach Zuneigung und Anerkennung berücksichtige. Wie auch immer, zwei der erwachsenen Beteiligten sind tot, der Aufenthalt einer dritten ist mir nicht bekannt, und die Kinder – Nutznießer der Spenden – können nichts dafür.

Spenden bringen immer ein gewisses Risiko mit sich. Ob man es eingehen will, muss man wohl im Einzelfall entscheiden. Ruinieren werden sich die wenigsten beim Spenden, und man zahlt eben mitunter Lehrgeld. Sollte tatsächlich eine Straftat vorliegen, kann Anzeige erstattet werden. Wenn nicht, schaut man eben seinem Geld hinterher und ist hoffentlich beim nächsten Mal schlauer.

Anderswo

Onkel Emil konnte den Hitler nicht leiden.

Pauline Berlin, eine fast vergessene Gewerkschafterin.

Und dann die Freiheit.

Bei Herrn Hauptschulblues gibt es Fuchsbilder (und ich mag Füchse sehr).

Herr Glumm geht spazieren.

Falls Sie noch oder wieder auf Twitter sind: auch @tikerscherk geht spazieren und fotografiert dabei Berlin.

Ein bisschen unbezahlte und unverlangte Werbung: Auf Arte habe ich einen wunderschönen Film aus Japan gefunden, leider nur noch bis zum 21.06.2020 verfügbar: Kirschblüten und rote Bohnen. (In Japan wurden übrigens Leprakranke noch nach ihrer Heilung isoliert, weil man meinte, sie der Gesellschaft nicht zumuten zu können, auch wenn sie nachweislich gar nicht mehr ansteckend waren. Das ging anscheinend so weit, dass Leprakranke, welche die Kliniken hatten verlassen dürfen, zurückkehrten, weil sie die Anfeindungen außerhalb der Kliniken nicht ertragen konnten. Zu diesem Thema gibt es auch einen lesenswerten Roman: Jeff Talarigo, Die Perlentaucherin.)