Jetzt reicht’s aber

Der Spam meckert an meinen Überschriften herum. Räuber und Pistolen sind dem zu bieder? Sonst noch was?

I think what you posted was actually very reasonable. However,
think about this, what if you were to write a awesome title?
I am not suggesting your information is not solid., but
suppose you added a headline that makes people desire more?
I mean Eine Räuberpistole möchte ich – Geschichten und Meer
is kinda vanilla.“

 

 

 

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Hinter Isenburg zieht sich’s.

Ich weiß nicht, wie sich der Weg von Frankfurt nach Italien gezogen hat, wenn man ihn in der Kutsche zurücklegte, aber der Frankfurter Honoratior, an dessen Namen ich mich nicht erinnere und dem die Zeit bereits nach zehn Kilometern lang wurde, hätte sich wahrscheinlich am eigenen Telefonkabel erhängt, hätte er die Online-Diagnose des Telefonanbieters meines Misstrauens (im Folgenden: TmM) abwarten müssen. Ich weiß nicht, ob letzterer vor oder hinter Isenburg ansässig ist, und ich weiß auch nicht, ob Sie sich noch an den laufenden Camembert aus der frühen Fernsehwerbung erinnern, aber diese Assoziationen drängen sich mir auf, während ich auf die Diagnose/das Urteil warte.

Den direkten Kontakt mit TmM versuche ich zu vermeiden, wo es nur geht, aber eine Störung, die zunächst nur sporadisch, jetzt aber bei jedem Telefonat auftaucht, zwingt mich dazu. Deshalb suche ich zuerst in einschlägigen Foren, wobei ich es strikt vermeide, selbst eine Frage zu stellen. Beim letzten Mal nämlich wurde ich dort für meine Dummerhaftigkeit arg beschimpft. TmM bietet jedoch eine Online-Diagnose an. Leider bricht diese bei drei Versuchen nach ziemlich genau einer Stunde ohne Ergebnis ab. Da werde ich wohl morgen doch einmal anrufen müssen.

Ob man wohl glücklicher war, als Nachrichten noch durch einen Boten überbracht wurden, der – wie Bettine von Arnim irgendwo schrieb – „alle Tage von Frankfurt nach Hanau (Offenbach? Ich erinnere mich nicht mehr.)“ ging.

(Und so etwas schreibe ich, wenn mir langweilig ist, weil ich auf TmM warte.  Aber Sie müssen das nicht lesen. Wirklich nicht.)

Fortsetzung folgt. Falls ich nach meinem Gespräch mit TmM noch Internet habe. 

 

Fundsachen 42

Christa Pfafferott war in Buchenwald.

Die AfD befiehlt versehentlich das Nacktbaden.

Ich erinnere mich an einen Sommer, in dem der Teer/Asphalt floss und die weißen Markierungen auf der Straße plötzlich Kurven bekamen. Später fuhr ich in La Rochelle bei 42 Grad mit dem Fahrrad von der Schule zu meiner Gastfamilie. Noch später war ich in Sevilla, als gerade der neue Bahnhof Santa Justa gebaut worden war. Beim Ankommen dachte ich noch, hui, ist das warm, wie ein angewärmtes Handtuch, aber draußen wird es sicherlich kühler. Draußen schlug mir eine Hitze ins Gesicht, wie ich sie nie zuvor und nie danach gespürt habe. Für Regina Tauschek  ist das aber anscheinend Alltag bei Mitte Vierzig.

Für die dubiose Dame Mirabellen und Berge.

Sogar Ella Fitzgerald ist es zu warm.

Eine Räuberpistole möchte ich

schreiben wie es, glaube ich, nur die Frau Wildgans kann, aber woher nehmen aus diesem gerade sehr sommertrockenheitsdürr gewordenen Leben? Die Spreu hat sich letzthin wieder einmal vom Weizen getrennt, und was übrig blieb, macht mich ein wenig nervös.

Werde ich eigentlich allmählich so wie die Lemuren, denen ich auf den Gängen in der Firma begegne? Soll ich mir, wie  Bettine von Arnim für die feine Frankfurter Gesellschaft, eine quarrende Engelsstimm‘ zulegen für „Kleinbloggersdorf“?  Übrigens bin ich nach Bettine benannt, auch wenn sich meine Familie schließlich auf das gängigere „Bettina“ einigen konnte. „Bettine“ mit e nannte mich nur eine Freundin und Kollegin meiner Großmutter, und sie war auch die einzige, die das durfte.

Der Freund, der kein Freund ist, aber immer da, wenn ich ihn brauche, hat Mirabellen. Vielleicht sollte ich probieren, ob ich noch eine Tarte backen kann, wer weiß? Ich kann mir nicht einmal sicher sein, ob ich das noch kann, so, wie mir der Boden unter den Füßen weggebrochen ist. Es ist ja nicht das erste Mal, und bisher habe ich es noch jedes Mal überlebt. Anderswo übrigens redet man nicht mehr mit Engels- sondern mit Teufelszungen miteinander, und innige Freundschaften mögen wohl auseinandergehen. Ich bin nicht schadenfroh, aber die Versuchung ist groß, ein Habe-ich-es-euch-nicht-gesagt ins Kampfgetümmel zu schleudern. Das allerdings hieße, Öl ins Feuer zu gießen, und auf Flächenbrände möchte ich nicht einmal von meinem Ausguck am äußersten Rande schauen müssen.

05. August 2018 – 08. August 2018

Sonntag. Der Besuch ist bereits gestern weitergefahren. Ich wache – ohne Wecker – um fünf Uhr früh auf und freue mich über kühle Luft. Die (mit Verlaub) Klospülung hat sich anscheinend über Nacht selbst repariert: es fließt wieder Wasser, und es hört sogar auch wieder auf. Bis die Sonne hinter Wolken hervorkommt, sitze ich auf dem Balkon und lasse es mir wohl sein. Ich überfliege die Zeitung im Internet. Als Digitalabonnentin hänge ich schon morgens am Notebook, was mir nicht unbedingt gefällt. Zwischendurch Twitter und schnell ein bisschen Hausarbeit, bevor es wieder zu warm ist. (Für die Hausarbeit, nicht für Twitter.)

Frische Luft bekomme ich am Vormittag beim Lesen auf dem Südfriedhof. Man möchte es nicht glauben, aber es gibt da tatsächlich noch schattige Bänke. Außerdem gibt es einen Zaunkönig (mein erster überhaupt, diese winzigen Vögel kannte ich nur von Bildern), einen Eichelhäher und einen prächtigen Grünspecht, den ich leider durch einen Nies-Husten-Anfall vertreibe. Später sehe ich ihn wieder, ihn oder jedenfalls seinen Doppelgänger. Ein Tourist, ein finsterer Kerl, bleibt vor mir stehen, als wollte er mich erwürgen.  Schließlich schleicht er davon, nicht ohne mir im Gehen noch mörderische Blicke zuzuwerfen. Eine liebenswürdige alte Dame, die schlecht sieht, hat auf dem Friedhof die Orientierung verloren. Ich weise ihr den Weg, und sie spaziert lächelnd fort.

Dienstag Abend regnet es. Mich überrascht, wie wenige Leute sich über den Regen freuen. Ich jedenfalls laufe ohne Schirm durch die Straßen und lache mir ins Fäustchen. Nicht lange jedoch; kurze Zeit später hört der Regen auf und ein trockenes Gewitter folgt.  Am Abend überfallen mich finstere Gedanken, die ich nicht fortschieben kann.

Schon Mittwoch. Allenthalben klagt man über freche Kinder, ich auch, wobei wir alle das Problem eher bei den Müttern und Vätern sehen. Den kleinen Arroganzling aus der Nachbarwohnung übersehe ich zurzeit geflissentlich. Früher oder später wird er sich beschweren, dass die Nachbarin nie „Grüß Gott“ sagt, und dann wird er lernen müssen, dass junge Herren auch in Bayern erheblich ältere Damen, bitte schön, zuerst grüßen. Bub, ich bin so alt, dass ich schon deinem Vater das Grüßen beigebracht habe, und der war damals schon erwachsen (was es leider nicht einfacher gemacht hat).

Seit zwei Wochen habe ich nicht mehr getanzt. Ich bin zu alt für die handelsüblichen Tanzkurse, aber das einsame Vor-mich-hin-Choreographieren, wobei die Ergebnisse nie das Licht der Welt erblicken, langweilt mich auch schon seit längerem. Dabei hätte ich das Üben bitter nötig. Andererseits kann man im Flamenco nichts erzwingen, und deshalb beschließe ich  – ich, die ich schon im Hochsommer unter einem andalusischen Wellblechdach den Beton zu Brei gestampft habe – dass es auch heute einfach zu heiß zum Tanzen ist.

 

Landwirt

„Sünd’ und Hölle mag sich grämen,
Tod und Teufel mag sich schämen.“ (Paul Gerhardt, 1667)

An einem Tag wie heute ist er gestorben, einer, über den ich im Vorgängerblog einmal geschrieben habe, wobei ich wohl den Eindruck erweckt habe, er sei so eine Art freundlicher Gartenzwerg gewesen. Aber das war er ganz und gar nicht. Vielmehr war er einer, der das Gewicht eines Ochsen aufs Pfund genau schätzen konnte. Ohne viel formale Bildung, aber blitzschnell im Kopf, was ihm erlaubte, mitten im „Bauernsterben“ einen nicht sehr großen Hof zu halten. Überhaupt, der Hof. Jahrhunderte alt, einmal fast zerstört, wegen einer Religion oder besser gesagt, wegen zweier Konfessionen, die sich nur in Nuancen unterschieden. Von da an soll auf dem Hof ein Geist umgegangen sein, bis eines Tages das Gebäude, in dem der Geist zu Lebzeiten gewohnt hatte, abgerissen wurde. Die Balken wurden in einem Elektrizitätswerk verbaut, und da spukt der Vorfahr bis auf den heutigen Tag.  Zweimal wurde der Hof geteilt und wieder zusammengefügt.  Ein inoffizieller Zusatz zum Familiennamen weist dem einigermaßen Kundigen einen Weg durch einen Stammbaum, der eher ein Gestrüpp zu nennen ist.  Lange Zeit war der Hof ein Unglückshof, wo die Männer starben und das Vieh fiel. Das Gerücht ging, der Hof stehe über einem Quecksilberbrunnen, und tatsächlich gibt es im ältesten Teil des Hofs eine kreisrunde Eisenplatte im Kellerboden, die niemand zu heben versucht. Was darunter ist, weiß schon lange keiner mehr. Zu seinen Lebzeiten aber prosperierte der Hof, was seiner Arbeit und der seiner überlebenden Brüder zu verdanken war. Eine Schwester gab es unter den sieben, die konnte auch arbeiten und fürchtete Tod und Teufel so wenig wie ihre Brüder. Der Quecksilberbrunnen, der jahrhundertelang an  Tod und Unglück schuld sein sollte, muss damals angesichts so viel jugendlicher Energie kampflos versiegt sein. Denn die Brüder waren jung, aus dem Krieg zurückgekehrt, wollten leben, arbeiten und ihre zerbrochene  Welt wieder zusammensetzen.  Der, von dem hier die Rede ist, hatte aus dem Krieg ein steifes Bein behalten, was ihn im Alter nicht daran hinderte, mit seinen Großnichten „Schieber“ zu tanzen. Er war ein „Apostel“, was mit Frömmigkeit nichts zu tun hatte, sondern damit, dass er und seine Brüder zu den zwölf jungen Männern des Dorfes gehörten, die den Krieg überlebt hatten. „Das rentiert sich doch nicht.“ pflegte er zu sagen, wenn man einen Vorschlag, der größere Ausgaben notwendig gemacht hätte, an ihn herantrug, und in den meisten Fällen hatte er Recht damit. Das Risiko war nicht seine Sache, lieber aß und schlief er gut. So verschwenderisch er mit seiner Zuneigung und seiner Freude am Leben  umging, so besonnen war er im Geschäftlichen.

Er starb an einem Tag wie heute, mitten in einem heißen August, mitten in der Ernte,  aus der Fülle heraus und nicht aus der Dürre. Seine Schwester, die weder Tod noch Teufel fürchtete, war meine Großmutter.

Fundsachen 41

Wenn Schwester Jürgen kommt. Ein Interview mit einem Mann, der nach mehreren Berufswechseln und in schon etwas vorgerückterem Alter den Beruf des Altenpflegers erlernt hat.

Die Rosenblatts über die Mondfinsternis, was das Wort „Blutmond“ für sie bedeutet (hat), und dass Weiterleben nicht unbedingt glücklich macht, auch wenn man sich dafür entschieden hat.

Ilja Trojanow über das Fremdsein und Fremdbleiben.

Die dubiose Dame selbdritt verlangte einen Link übers Fensterputzen. Der geschätzte Blognachbar hatte keinen im Angebot, aber dafür einen über Türschlösser. Die sollen ja unter anderem nützlich sein, wenn man unliebsames Gesindel aus dem Haus halten will.

Der Gitarrist Emilio Caracafé und der Sänger Parrita: Video.

Schau mal, Papa

„Schau mal, Papa, eine Fee!“ ruft das kleine Mädchen beim Anblick der älteren Dame mit weichem Schlappstrohhut, wehendem Schal und fließendem, bunten Kleid. Die Fee hört nicht mehr so gut, und deshalb muss sie nachfragen, was die Kleine gesagt hat. Sie ist, so scheint es, zwar keine Fee, die Wünsche erfüllt, aber eines kann sie doch: kleine Mädchen glücklich machen und Erwachsene zum Lächeln bringen. Vielleicht reicht das für heute, wer weiß?

29. Juli 2018

Die Luft ist stumpf in der Stadt, und dabei wohne ich mehr oder weniger  im Grünen. Vorne der Friedhof, seitlich der Pfarrgarten mit großen alten Bäumen. Mein endlich einmal (fast) fertig bepflanzter Balkon lockt Hummeln, Bienen, Wespen, Meisen und Krähen an. Sogar Schmetterlinge scheinen dort ein temporäres Zuhause suchen zu wollen. Bis jetzt war der einzige Dauergast jedoch eine Raupe.

Um der Hitze der Großstadt zu entkommen, breche ich früh morgens zum See auf. Früh morgens ist relativ, aber auf jeden Fall klingelt der Wecker um fünf Uhr. Um sieben Uhr sitze ich im Zug, um halb acht fällt ein Baum auf die Gleise, weswegen die Fahrt per Schienenersatzverkehr fortgesetzt werden muss. Um halb neun bin ich am Zielbahnhof. Vorbei an einem Friedhof, auf dem ich nicht einmal begraben sein möchte, an Kuhweiden, auf die die Sonne brennt, hügelauf, hügelab, geschützt von einem roten Kopftuch. Ich begegne keiner Menschenseele, der erste Heuschnitt ist lange vorbei, die Kühe stehen schon auf der Weide, in den Wiesen ist erst einmal nichts mehr zu tun bis zum nächsten Melken. Rotschwänzchen jagen sich um die wenigen Bäume. Am Hof mit dem schönen Vieh beginnt der Waldweg. Ab da ist es kühl und schattig. Wildschweinspuren, ach nein, doch Menschen, mit einem Quad. Etwas oder jemand folgt mir, ein Reh, ein Mensch? Aus den Augenwinkeln meine ich, ein Wildschwein zu sehen, aber es ist dann doch bloß ein Baumstumpf. Das Rascheln neben mir begleitet mich bis zur nächsten Steigung. Abbiegende Waldpfade locken, aber ich habe heute nicht viel Zeit. Den Weg gehe ich sonst in umgekehrter Richtung. Der See ist blaugrün, an der Wiese, auf der in der Dämmerung sicher Rehe sein werden, bleibe ich stehen und versuche wieder einmal, mir vorzustellen, was der erste Mensch, der je in dieses Tal kam, gesehen haben mag. Die Brombeeren werden reif, noch ein, zwei Wochen und man wird sie pflücken können. Nicht ich, ich habe hier kein Heimatrecht und deshalb auch keine Brombeerstellen.

Der Wald setzt einem den Kopf zurecht, fast so wie das Meer. Schwierig nur, die Lektion im Gedächtnis zu bewahren, mitten im Großstadtalltag.