08.12.2019 Sonntagssachen gemacht

An einen See gefahren, der silbern in der Sonne lag. Eineinhalb Stunden spaziert. Mich gefreut, dass mir am See jetzt alles vertraut ist. Auf dem Nikolausmarkt, der in diesem Jahr nicht verregnet war, eine Leberkässemmel gegessen und grüne Socken beim Katholischen Frauenbund gekauft. Leider sind die Socken alles andere als fotogen und die Leberkässemmel schon weg, deshalb gibt es heute keine Fotos. Um drei Uhr nachmittags bei schon sinkender Sonne mit dem Zug nach Hause gefahren.

 

Samstagslinks 07.12.2019

Gehören Sie auch zu den Menschen, die bei den unpassendsten Gelegenheiten lachen müssen? Ich ja, und sie auch.

Der Landpfarrer erzählt vom Gruß einer Dame.

Uli fotografiert den Winteranfang.

Die Proteste gegen Gewalt an Frauen nehmen zu: Hier ein Video aus Chile. Die Zeit über Femizid. ( via Twitter, von verschiedenen Menschen verlinkt)

Sie kennen die Malerin Anita Rée? Hier ein Video von einem Kunstprojekt, das sich mit ihr auseinandersetzte: Anita tanzt. ( ebenfalls via Twitter, wo es mehr als eine_r verlinkt hatte)

Sara Baras ist zweifellos eine der beeindruckendsten Flamencotänzerinnen, die ich gesehen habe, und diese moderne Alegría ist etwas Besonderes.

 

Haltestellentheater

(Dieses Theaterstück wird an der Haltestelle Kapuzinerstraße Richtung stadtauswärts mindestens einmal wöchentlich aufgeführt. Der Eintritt ist frei.)

Ortsfremde_r:  Wo muss ich einsteigen, wenn ich zum Hauptbahnhof will?

Anwohner_in: Auf der anderen Straßenseite, gleich hier gegenüber.

O: Aber man hat mir gesagt, ich muss hier einsteigen, wenn ich zum Hauptbahnhof will.

A: Sie können natürlich hier einsteigen, dann kommen Sie auch zum Hauptbahnhof. Das ist eine Ringlinie. Aber es dauert  von hier aus vierzig Minuten. Wenn Sie an der Haltestelle gegenüber einsteigen, dauert die Fahrt zehn Minuten.

O: Aber mir hat man gesagt, dieser Bus fährt zum Hauptbahnhof!

A: Warum fragen Sie mich eigentlich, wenn Sie es ohnehin besser wissen?

(Noch besser wird es, wenn die Ortsfremden zum Ostbahnhof wollen. Da haben sie nämlich drei Möglichkeiten, einmal mit der besagten Ringlinie in beiden Richtungen – ich weiß auch da, wie herum es am schnellsten geht – und einmal durch die Innenstadt, letzteres mit noch horrenderen Verspätungen. Aber mir glaubt ja ohnehin keiner.)

 

Winter

Kalt ist es geworden, der Winter ist da, wenn auch etwas später als hierzulande üblich. Mit ihm sind die dramatischen rot-blauen Sonnenaufgänge zurückgekommen. Beim geschätzten Blognachbarn am See hat es schon geschneit. Die Menschheit teilt sich in solche, die sich auf Weihnachten freuen und solche, für die es der blanke Horror ist. Ich kenne beides. Früher war der Advent in meiner Familie eine schlimme Zeit voller Sorgen und Streit.

Die Familie plant die alljährliche vorweihnachtliche Fahrt ins Elsass. Ich habe eigentlich keine Lust, aber der Frau Mutter ist es ein Herzensanliegen. Inzwischen ist sie so alt, dass jedes Weihnachtsfest das letzte sein könnte.

Ich schmücke einen Adventskranz mit weißgoldenem Band und stecke die vor Jahren von meiner Mutter für irgendeinen Basar gebastelten (und übriggebliebenen) Fröbelsterne mit Nadeln hinein. Das hält, weil der Körper des Kranzes aus Stroh ist. Rundherum stelle ich kleine Gläser mit Teelichten. In die Mitte kommt ein Keramikherz, ebenfalls ein Basarüberbleibsel.

Fürs Büro backe ich Zitronenherzen und Zimtsterne. Keine Bethmännchen dieses Jahr, die mache ich für die Familie. Für Zimtsterne braucht man Zimt. Wie jedes Jahr fällt mir das erst kurz vorm Kneten des Teigs ein. Ich habe Zimt, ich habe immer Zimt, nur wo? Während ich mich – wie jedes Jahr –  frage, ob Curry vielleicht auch geht, fällt mein Blick auf ein unscheinbares Töpfchen ganz hinten im Küchenschrank. Das werte Kollegium muss also doch keine Currysterne essen.

Bald muss ich die Pflanzen auf dem Balkon abdecken. Noch blühen Astern, Bartnelken und Nachtschatten.

Und dann

Und dann wieder einmal diese Wut, die im Bauch explodiert, weil sie nicht herauskommen darf. Der feste Vorsatz, keine Zugeständnisse mehr zu machen. Zu gewinnen gibt es ohnehin nichts mehr, zu verlieren nichts, worauf ich noch Wert lege. Man wird mich nicht gerecht behandeln, egal, was ich tue. Also tue ich nicht, zumindest nicht mehr als das, wozu ich verpflichtet bin.

Ich kann viel verzeihen, aber keine Lügen.

Frau Nachbarin

Frau Nachbarin klingelt, während ich noch die auf dem Heimweg eingekauften Lebensmittel wegräume. Sie backt einen Kuchen und ihr fehlen zwei Eier. Ausnahmsweise habe ich tatsächlich Eier gekauft – zum Glück, denn die temporäre Abwesenheit von Mehl, Zwiebeln und sehr speziellen Putzmitteln hat mir schon mehr als eine hochgezogene Augenbraue eingebracht. Vorratshaltung ist nicht meine Stärke, und zum Putzteufel fehlt mir der nötige Ernst.

Während ich die Eier hole, sieht sie sich um. Ich wünschte, ich könnte sagen, ihr Blick habe Bände gesprochen, aber im Grunde sagte er nur ein einziges Wort, das aber höchst akzentuiert: Lie.der.lich!

Der Stein des Anstoßes sind Kaffeetasse und Müeslischüssel, die ich am Morgen in der Eile des Aufbruchs auf dem Esstisch stehen ließ. Mit gerümpfter Nase entfernt sie sich, und im Interesse einer guten Nachbarschaft verkneife ich mir den Hinweis, dass ich vielleicht nicht gerade Hausfrau des Jahres bin, aber zumindest Eier kaufe, bevor ich anfange, den Teig herzustellen.

Am Abend bügele ich Taschentücher und bin froh, dass Frau Nachbarin meine Taschentuchschublade nur von außen kennt. Ein zerschlissenes Männertaschentuch mit einem Monogramm, das nicht meines ist, liegt dort über Heiligenbildern aus Spanien und unter feinen alten Spitzentaschentüchern. Früher lag da noch eine Batschkapp, ehemals typische Kopfbedeckung des Frankfurter Kleinbürgers, aber da sind die Motten hineingekommen.

 

Beim Lesen

Beim Lesen* erinnere ich mich an mein Auslandssemester in Triest und erkenne die beschriebenen Straßen, Plätze und Gebäude wieder.  Von einem Restaurant ist die Rede: die Familie der Erzählerin trifft sich im Buffet Da Pepi. Dessen früherer Wirt war der Vater der weiblichen Hauptfigur in Fulvio Tomizzas biografischem Roman „Gli sposi di Via Rossetti“ (dt. Das Liebespaar aus der Via Rossetti) war. Als ich selbst in Triest war, existierte das Restaurant noch. „Pepi“, der Wirt, war damals natürlich schon lange tot. Ich begab mich auf Spurensuche und fand unter anderem die frühere Wohnung von Pepis Witwe, die das Lokal nach 1945 weiterführte. Zu meinen Studienzeiten war die Wohnung Sitz einer slowenischen Organisation. Das Namensschild „Em(m)a Colja“ (wenn mich die Erinnerung nicht täuscht) hing noch neben der Tür.

Der erwähnte Pepi war nicht der erste Pepi. Der erste Pepi, der Gründer des Buffets Da Pepi, trug den Spitznamen Pepi Sciavo (im örtlichen Dialekt: Pepi, der Slowene). „Sciavo“ hat übrigens auch eine pejorative Bedeutung. Wenn ich mich besonders dumm anstellte, fragte meine Vermieterin: Te son sciava?!, was zum einen „Bist Du (etwa) Slowenin?“ und zum anderen „Bist Du blöd?“ bedeutet.

Studiert habe ich in zwei Grenzstädten, Triest und Saarbrücken. Zu schätzen wusste ich das erst viel später. Geblieben ist mir die Vorliebe für das Grenzgängerinnentum. Ich sollte wieder einmal nach Triest reisen.

*Ilma Rakusa, Mehr Meer