Ein bisschen neidisch bin ich auf die, die am Meer leben dürfen. Andererseits weiß ich von jemandem, der sich – frisch geschieden – kurz vor Beginn der Krise den Traum vom Häuschen am Meer erfüllt hatte. Der sitzt, wie er erzählt, nun allein im Häuschen am Meer in einem Ort, wo er noch fast niemanden kennt und dank der Einschränkungen auch fast niemanden kennen lernen oder treffen kann bzw. konnte. Wer weiß, ob mir nicht irgendwann sogar die Brandung und der Wind auf die Nerven gehen würden?

Schwesterlein möchte auf Weihnachten mit der Familie verzichten, damit ich Mutter und Bruder (eine Küche, ein Haushalt, wenn auch auf zwei Etagen) besuchen kann. Ich halte das für unsinnig: Schwesterlein wohnt im Nachbardorf, ich hingegen müsste 500 km mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen und hätte während der Reise reichlich Gelegenheit, etwaige Viren über halb Deutschland zu verstreuen. Ob ich kurz vor der Reise noch einen der sogenannten „Jedermann-Tests“ bekäme und ob ich das Ergebnis rechtzeitig hätte? Würde ich meine Mutter anstecken, könnte ich mir das nicht verzeihen.

Nach dem Einkauf bin ich heiterer gestimmt.

Mittags schon wieder Verdruss: Ich habe ein Video einer spanischen Organisation geteilt, die mit Hilfe von Musik versucht, bei Demenzpatienten Erinnerungen zu wecken. Das Video zeigt Marta C. González, eine ehemalige Tänzerin des New York City Ballet, die Oberkörper und Arme zu Musik aus Schwanensee bewegt. Da tanzt eine alte Frau, deren Körper ihr Grenzen setzt, aber ihre Musikalität, ihre Leidenschaft, ihre Konzentration und ihre Linien trotzen Demenz und Alter. „Anmut und Würde“ kommentiert jemand auf Twitter. Ein anderer findet das Video hingegen ganz entsetzlich. Aber sagt es nicht eher etwas über uns und unseren Blickwinkel aus, wenn wir den Anblick einer alten Tänzerin entsetzlich finden? Als ich noch jünger war, unterrichtete mein Lehrer eine Gruppe älterer Anfänger_innen, und ich durfte hospitieren. „Älter“ hieß in diesem Fall: über 50 Jahre. Keine_r von ihnen hatte jemals getanzt, und mir, die ich praktisch mein ganzes Leben lang getanzt habe, erschienen sie anfangs schrecklich ungelenk. Ob sie nach dem Workshop weiter getanzt haben, weiß ich nicht, aber am Ende des Workshops hatten sie, zusammen mit unserem Lehrer und im Rahmen ihrer Möglichkeiten, Schönheit erschaffen. Seitdem faszinieren mich ältere Tänzer_innen.

Das Video und seine Verbreitung wurden jedoch auch aus anderen Gründen kritisiert: es sei nicht sicher, ob die gezeigte Tänzerin der Verbreitung zugestimmt habe oder überhaupt zustimmen konnte. Das ist sicher ein Punkt, den ich hätte bedenken sollen, bevor auch ich das Video weiterverbreitet habe. Ich bin davon ausgegangen, dass die Organisation, die dieses Video gefilmt hat, das mit der Patientin und deren Angehörigen geregelt hat. Vielleicht war und ist dieser Gedanke naiv, ich weiß es nicht.

Was mir jedoch wichtig war, als ich das Video auf Twitter gepostet habe: Wir dürfen demente Menschen nicht auf ihre Demenz reduzieren. Sie sind so viel mehr. Die gezeigte Person wird übrigens in keiner Weise lächerlich gemacht. Wäre das der Fall, wäre ich die erste, die auf die Barrikaden ginge. Jemand sagte sinngemäß, sie sehe das Video als Würdigung der Lebensleistung der Tänzerin, und auch das ist ein möglicher Aspekt. Für mich als (Hobby-)Tänzerin sagt das Video nicht zuletzt, dass etwas von unseren Leidenschaften und Talenten bleibt, was auch Alter und Demenz nicht zerstören können.

(Und ja, ich hatte demente Angehörige, und ich weiß natürlich auch nicht, ob ich selbst oder meine Familie der Veröffentlichung eines solchen Videos zugestimmt hätten.)

4 Gedanken zu „

  1. Nur kurz eine Info zu dem „Jedermannstest“ hier in München: Vorlaufzeit ca. 3-5 Tage, von der Onlinebuchung bis zum Termin. Dauer des Tests 5 Minuten, wenn du ohne Auto kommst. Wartezeit aufs Ergebnis 2-4 Werktage.
    Liebe Grüße aus der Ludwigsvorstadt!

  2. „Wohne am Meer“, sprach mein Großvater, „und fern von aller Verwandtschaft.“ Für ihn war es ein Traum. Ich habe diesen, seinen Traum, gelebt: zwei Kilometer vom Meer, das Meeresrauschen war zu hören, sobald ich die Fenster öffnete, an der Atlantikküste bei Royan.
    Aber der Traum hat seine Schattenseiten, denn wenn man fern von aller Verwandtschaft ist, dann kann man eben auch nicht mal eben hinfahren. Auch nicht, wenn der Vater im Sterben liegt – dann kommt man zu spät. Wir haben darum das Meer wieder verlassen.

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