Haben Sie Verspannungen, im Rücken oder Nacken, fragt mich die Mitarbeiterin in der Praxis, die ich wegen der alle zwei Jahre anstehenden Mammographie aufsuche. Wie sie wohl darauf kommt? Auf ihre grobpfotigen Griffe hat mein Körper möglicherweise nicht mit der gewünschten Flexibilität reagiert. Nun ja, mein Rücken ist aus Eisen, wie Waldtraut Lewin sagt, aber in mehr als nur einer Hinsicht.

Bei der Hoffenden finde ich einen Eintrag über eine große Familie, und wie Familie bedeuten kann, einen Ort in der Welt zu haben. Das habe ich einmal auf einem Friedhof empfunden. Auf den Grabsteinen ringsum standen nur vier verschiedene Familiennamen, und mit drei der vier Familien bin ich verwandt. Mir kam der Gedanke, dass das vielleicht endlich der Ort sei, an den ich gehöre. Ich frage mich, ob es vielleicht ein ähnlicher Gedanke war, der Marie Sophie Hingst dazu verleitet hat, sich schreibend eine (jüdische) Familie zu erfinden.

Ich lese Angelika Schrobsdorff, Du bist nicht so wie andre Mütter. Der Roman berührt mich, aber ich kann nicht sagen, wieso.

4 Gedanken zu „

  1. Der Gedanke, sich aus der Sehnsucht nach Zugehörigkeit heraus eine Familie und deren Geschichte zu erfinden, ist für mich nachvollziehbar. Warum aber gerade eine jüdische Familiengeschichte dieses Bedürfnis befriedigen soll, erschließt sich mir nicht. Ich fand die Skizzen aus dem Berliner Alltag und die Irlandgeschichten gut, teilweise berührend, aber die jüdische Großmutter und die Mali Tant waren schon sehr klischeebehaftet.

    • Soviel ich weiß, ist sie früh mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berührung gekommen und hat sich sehr mit ihrem Engagement identifiziert. Aus der Bürgerrechtsarbeit für Sinti und Roma, mit der ich in jüngeren Jahren zu tun habe, sind mir noch die „Fauxmani“ in Erinnerung. Das Wort setzt sich aus „faux“ und „romani“ zusammen und bezeichnet Menschen, die sich so sehr mit dem Schicksal der Roma und Sinti identifizieren, dass sie anfangen, sich selbst eine entsprechende Herkunft anzudichten. Eine, die ich aus dieser Zeit kenne, treibt heute noch ihr Unwesen in Berlin.

  2. Ich kann Ihre Gedanken sehr gut nachvollziehen. Schrobsdorfs Roman hat mich an Stellen gejuckt, die ich nie mit einem Kratzen lindern konnte, so fassungslos hat er mich immer wieder gemacht.
    Herzliche Grüße, Ev

  3. Der Tod von Frl. Readon treibt mich um, nun schon das ganze Jahr, seit sie tot ist. Die Todesstrafe war nicht angemessen, für das, was sie geschrieben hat. Barmherzigkeit ist des internets Sache nicht. Ein gefährlicher Ort. Für sensible Gemüter. Vielleicht sollten alle größeren Portale sich zu Beistand in seelischem Notlagen verpflichten. Enttäuscht hat mich der Goldene Blogger. Eine selbstkritische Reflexion der traurigen Ereignisse hätte ich mir gewünscht. Dort scheint nur Schadensbegrenzung in eigener Sache wichtig gewesen zu sein. Einer wissenschaftliche Aufbereitung wird das Material fehlen, weil Frau Hingst alle Zugänge verschlossen hat, bevor sie gegangen ist. So bleibt die Befürchtung, dass ihr Schicksal zukünftig auch noch anderen bevorstehen könnte.

Kommentare (Bitte beachten Sie hierzu die Datenschutzerklärung)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.