Das Meer ohne uns

Meine Oma ist in ihren 79 Lebensjahren vielleicht ein- oder zweimal am Meer gewesen. Im Theater war sie wohl etwas öfter, bestimmt auch das eine oder andere Mal im Konzert. Ansonsten hatte sie zu viel Arbeit, zu wenig Geld und vermutlich auch sehr viel Mühe, vom Dorf aus zu den genannten Orten zu kommen.

Ich werde dieses Jahr nicht ans Meer fahren. So ist das mitunter, man bekommt nicht das, was man gerne hätte. Überhaupt führe ich ein Leben, das dem meiner Oma ähnelt: ich schaue, was die Erdbeeren machen, ich pflege meine Kräuter,  ich arbeite,  ich halte meinen Haushalt in Ordnung, putze, wasche, koche und lese.

Man muss wohl bedenken, dass die vermeintliche oder tatsächliche Enge, über die wir gerade so gerne jammern, vor zwei Generationen für viele Menschen die Normalität war. Wir hingegen sind unendlich privilegiert und viele von uns – ich sage bewusst nicht: wir alle – jammern auf einem vergleichsweise hohen Niveau.

Nix für ungut.

 

17 Gedanken zu „Das Meer ohne uns

  1. Das könnte glatt von mir sein. Meine Gedanken in Worte gegossen. Einfach als Beobachtung. Wertfrei. Dankeschön!

  2. Wenn bei mir der innere Nöler mal wieder wach wird, darf ich mich in Dankbarkeit üben, für das, was ich habe.

    Recht haste, liebe Grüße!

  3. Die Statistik meiner Großmutter kennen Sie ja. Man ist leichter zufrieden, wenn man sich mit dem abfindet, was erreichbar ist. Geht halt nicht immer und mit manchen Dingen darf man sich auch nicht abfinden. (Mit Zuhausebleiben und Masken schon.)

  4. Ist halt einfach so.
    Von den wirklich wichtigen Dingen fehlt uns hier nichts, seit ich meine Mutter nach vielen Wochen mit einem gemeinsamen Spaziergang besuchen konnte.
    Der Urlaub am Meer bei Ihnen und uns lässt sich bestimmt irgendwann nachholen und wird dann ein noch größerer Genuss als eh schon.
    Herzlichst, Ev

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