Spazieren

 (Eigentlich hatte ich diesen Text hierfür geschrieben, aber ich mochte dann doch nicht teilnehmen.)

Es ist ja kein Flanieren, kein entspanntes Gehen, wobei man mit mildem Interesse die Signale der Außenwelt aufnimmt. Denn was sind  derzeit die Signale der Außenwelt? Maske, Abstand, Vorsicht.

Es ist das, was in Jane Austens Romanen „exercise“ genannt wird und bedeutet, dass die Heldin vom Arzt den Rat bekommen hat, sich an der frischen Luft zu bewegen. Die meist auf dem Land lebende Heldin bewegt sich also, über Stock und Stein, bei Wind und Wetter, und kommt mit zerissenem Rocksaum und kleinen, abgebrochenen Zweigen in der Frisur nach Hause. Die Stadt aber ist eng und bevölkert, meine Lieblingsgärten geschlossen, und so drehe ich meine Runden frühmorgens oder zur Mittagessenszeit auf Friedhöfen.

Auf den Friedhöfen tobt das Leben: Aurora- und Zitronenfalter, schwarze und rote Eichhörnchen, Meisen, Krähen, Bienen, sogar Enten und die eine oder andere Katze. Der Flieder blüht, Kastanien und auch der stinkende Bärlauch. Die Gräber sind frühlingshaft bepflanzt, wie dem Tod zum Trotz, aber Blüten sind wohl das Vergänglichste, was man sich vorstellen kann. Kerzen werden angezündet, sozusagen außer der Reihe, denn es ist kein Feiertag und der Verstorbene hat auch nicht Geburtstag. Kerzen wie die vor dem Bild des heiligen Antonius, das am Eingang zur Kirche hängt, in der wieder Gottesdienste stattfinden, wie die zur Füßen des gusseisernen Christus auf einem anderen Friedhof. Als ob man die Toten bitten wollte, die Lebenden zu beschützen.

Der Flieder blüht, und ich denke an einen, von dem ich ein Lied über Flieder lernte und dass der Flieder anderswo lilas heißt. Das Anderswo kann ich jetzt nicht besuchen, und seine Sprache fehlt mir. Auf den Flieder freue ich mich jedes Jahr, und wie jedes Jahr suche ich den Duft des dunkelvioletten, der im Garten meiner Eltern stand. Wie jedes Jahr finde ich ihn nicht. Wie jedes Jahr finde ich andere, deren Duft  dem des einen ähneln, aber nicht gleichen. Aber etwas ist dieses Jahr anders: die Knospen welken, bevor sie aufgeblüht sind. Und auch der Wind ist anders, er lockt nicht und  ruft mich nicht auf die Landstraße. Der Wind spottet: ich geh‘ aus und du bleibst da.

 

3 Gedanken zu „Spazieren

  1. Ein sehr schöner Text. Bin noch unentschlossen, ob mir der letzte Satz oder der mit dem tobenden Leben am besten gefällt.
    Sonntagsgrüße ins Nachbarviertel!

  2. Der DDR-Sänger Gerhard Gundermann (Ihnen wahrscheinlich nicht bekannt?) hatte offenbar eine besondere Vorliebe für Flieder. In diesem Lied: https://www.youtube.com/watch?v=EaOZLMsk_6g erwähnt er ihn zweimal (Text in der Videobeschreibung). Fliedertee kommt auch noch in einem anderen Lied von ihm vor.

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