Der Sog

Frau Lakritze wünscht sich Geschichten. Kann sie haben, aber leider habe ich gerade keine bessere als diese hier.

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Alles rächt sich, früher oder später. Das muss man wissen, wenn man Böses tut oder Böses wünscht.

Es begann damit, dass der Wasserkessel pfiff, obwohl die Herdplatte nicht eingeschaltet war. Anderntags fiel im Bad eine Flasche mit Putzmittel um. Im Bad war niemand, und die Fläche, auf der die Flasche gestanden hatte, war vollkommen eben.

Nachts wachte ich von Schritten auf, aber außer mir war kein Mensch in der Wohnung. Mitunter hatte ich beim Einschlafen das Gefühl, jemand beuge sich über mich. Mehrmals stand ich auf und überprüfte alle Türen und Nebenräume. Ich schloss sämtliche Küchenmesser über Nacht ein.

Dinge wurden verräumt oder verlegt, aber das schrieb ich anfangs noch meiner Geistesabwesenheit oder Schlamperei zu. Anfangs. Ich begann, peinlich genau Ordnung zu halten, mir bewusst zu merken, wo ich diesen oder jenen Gegenstand abgestellt hatte. Ich führte ein Tagebuch, machte mir Notizen zu Alltagsdingen. Wann die Wäsche gewaschen, den Teppich gereinigt, die Fahrkarte gekauft? Was gehört, gesehen, gerochen?

Die Wahrnehmungen beschränkten sich schließlich nicht mehr nur auf die Nacht. Am helllichten Tag spürte ich einen Atem im Nacken, hörte jemanden sprechen, aber wenn ich mich umwandte, war niemand da. Manchmal schien jemand nach mir zu rufen, zu greifen, mich in die Tiefe ziehen zu wollen. In die Tiefe, auf die andere Seite, ins Dunkle. Einmal sah ich für einen kurzen Augenblick sogar ein Gesicht, das im Zusammenhang mit den Wahrnehmungen stand. Angezogen, angesogen, machte ich einen Schritt auf das Gesicht zu, da verschwand es.

Angst hatte ich nicht. Was geschehen musste, würde geschehen. Es wartete, wie auch ich, auf den richtigen Moment.

Es gibt Schuld durch Unterlassen. Schuld durch Wegsehen. Schuld durch Schwäche, durch Unentschlossenheit. Schuld durch den Wunsch nach Vergeltung. Die Hand, die man bewusst nicht rührt, obwohl man es könnte. Dieser Gedanke: “ So mag er fallen.“ Paul Bowles hat ihn gedacht, aber das tut nun auch nichts mehr zur Sache.

Jemand sitzt auf dem Balkon, ich weiß nicht, ob Mann oder Frau, aber wohlgesonnen ist er (oder sie) mir nicht. Ich stehe auf, gehe die wenigen Schritte und öffne die Tür.

Es ist da. Sie ist da.

13 Gedanken zu „Der Sog

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  2. Mir gefällt der Text gut, nur vermisse ich irgendeinen Hinweis darauf wer „sie“ denn nun ist oder sein könnte oder woran ihre Identität zu erkennen wäre. Allerdings müsste der Text da wahrscheinlich länger werden …

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