Haltestellenblues

Sogar die örtlichen Verkehrsbetriebe wissen inzwischen, dass die an den Bushaltestellen ausgehängten Fahrpläne nicht eingehalten werden (können?). Deshalb gibt es in unserer kleinen Stadt elektrische Anzeigetafeln, auf denen die (angeblich) tatsächliche Ankunftszeit zu lesen ist. Sie erreichen also „Ihre“ Haltestelle und freuen sich, dass Ihr Bus schon in sechs Minuten kommt. Nach ungefähr zehn Minuten soll die Wartezeit nur noch drei Minuten betragen, dann eine, dann null, nach weiteren vier Minuten erhöht sich die Wartezeit wieder auf acht Minuten. Gekommen ist  in der Zwischenzeit kein Bus, nicht einmal ein unbeleuchteter  – also einer, der entweder einen Schaden hat oder unterwegs aus Zeitgründen ein paar Haltestellen auslässt – fuhr vorbei. Sie sind nun neugierig, außerdem wissen Sie ja schon, dass die angezeigte Wartezeit reine Fantasie ist, also warten Sie ab, was sonst noch passiert. Die Tafel zeigt nun gar keine Minuten mehr an, sondern schwafelt nur noch etwas von „Verkehrsaufkommen“ und „Verspätungen“. Nach weiteren zwanzig Minuten beschließen Sie, nach Hause zu laufen, was theoretisch noch einmal zwanzig Minuten dauert. Praktisch können Sie nun aber auf dem Heimweg einkaufen gehen; so hat alles sein Gutes. Es überholt Sie übrigens auf dem Heimweg kein Bus. Vielleicht sind Busse ganz abgeschafft worden? Nur die Anzeigetafeln blinken vor sich hin, und ich stelle mir vor, wie gelangweilte Angestellte in der Zentrale so etwas wie Haltestellendomino spielen, also die Anzeige an einer Haltestelle willkürlich und bewusst ändern, wodurch sich an allen Knotenpunkten ebenfalls die Anzeige ändert, was zu Verwerfungen bis in die Außenbezirke führt.

Dabei können Sie noch froh sein, dass Sie nicht mit der S-Bahn fahren müssen, wie die geschätzte Frau Blognachbarin Mitzi Irsaj.

15 Gedanken zu „Haltestellenblues

  1. Haltestellenblues, sehr schön. Und wie gut ich das kenne :-( Ich muss mal gucken, ob ich nicht tatsächlich einen Blues dazu schreibe – natürlich nicht einen neuen, sondern einen entsprechenden Text zu einem bereits existierenden – So als Frustabbau ;-)

  2. Die Minuten auf den Anzeigetafeln sind ja nie gleich lang, aber ich glaube es immer von neuem nicht, dass etwa 3 angezeigte Minuten viel länger dauern als etwa 12 …….

  3. Diese Anzeigetafeln sind Zeitfenster. Wer übt, durch sie dereinst die Ewigkeit betrachten zu wollen, erhascht vielleicht sogar einmal einen kurzen Blick in die Vergangenheit. Für Anfänger verlangsamt sich vorerst nur der Zeitenfluß. Die reale Lebenszeit läuft dagegen subjektiv schneller ab, als es in der anderen Wirklichkeit der Fall ist. So könnte man ewig leben, wenn man das will. Zumindest so lange, als es Strom gibt, also Vorsicht ;-!

      • Um Gottes Willen, nein, das lag nicht in meiner Absicht ;-) … Ich wollte lediglich den Frust, den ich gut verstehe, ganz allgemein durch ein hm…Märchen ? ein wenig auflockern. Angeblich funktionieren die Anzeigetafeln in Wien gut, sowie es auch Durchsagen gibt. Zur Qualität kann ich mich nicht äußern, ich bin Fußgänger bzw E-Roller-Fahrer, Öffis sind ein Horror für mich, da bin ich gerne Snob ;-)

  4. Vielleicht hatte GPS auch eine Störung. | Die Stuttgarter Straßenbahn ist da sehr zuverlässig; auf die Anzeige kann man sich verlassen und bei Störungen gibt es regelmäßige Lautsprecherdurchsagen. Nur die Anzeige der S-Bahn im Nordbahnhof war letztens ins Stolpern geraten: nie fuhr die S-Bahn ein, die angezeigt wurde. Dagegen funktionierten die Apps der SSB/VVS und der BAHN einwandfrei und zeigten die korrekten Bahnen in Echtzeit an.

    • Dass GPS eine Störung hatte, würde ich gerne glauben, aber es müsste dann jeden Tag um die gleiche Zeit gestört sein. Die Probleme in unserer kleinen Stadt sind wohl eher Personalmangel bei den Verkehrsbetrieben und zu viele Autos. Man könnte hier im S-Bahn-Bereich theoretisch sehr gut ohne Auto leben.

  5. Wir scheinen alle in und derselben grossen Stadt zu wohnen, was ja tatsächlich nicht so ist und trotzdem überall das gleiche. Nur eine Konstante bleibt: Die jährliche Fahrpreiserhöhung.
    Frustrierte Wartegrüsse, Ev

  6. Achja. Wie sich die Bilder gleichen … Haltestellenblues scheint übrigens gerade quer durch diverse Blogs zu herrschen. Vielleicht wird das mit zunehmendem Licht besser …

  7. Oh diese schrecklichen Anzeigen….wie gut ich es dir nachfühlen kann. Dann lieber gar keine. Oder eine ehrliche, da könnte dann stehen „Wir wissen selbst nicht ob und wann der nächste Bus fährt“. ich glaub das würde mir gefallen. Liebe Grüße und danke fürs verlinken.

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