42. Woche

Auf einem Familienfest erzählt mir ein anderer Gast tolldreiste Geschichten. Mein Unbehagen ist sicherlich den Ereignissen des Sommers in Kleinbloggersdorf geschuldet. Des weiteren wird die Unerwünschtheit meiner Geburt thematisiert. Das ist nicht das erste Mal, aber das erste Mal vor so viel Publikum. Die Dinge sind, wie sie sind, sage ich mir Tage später.

Am ersten Arbeitstag der Woche beschließe ich spontan, die erste Etappe meines Arbeitswegs zu Fuß statt mit dem Bus zurückzulegen. Unterwegs werde ich nicht vom Bus überholt. Meine Entscheidung war anscheinend klüger, als mir bewusst war, denn wenn ich auf den Bus gewartet hätte, wäre ich noch später am Ausgangspunkt der zweiten Etappe angekommen. Außerdem genieße ich so die Oktobersonne über der Isarvorstadt und der Au.

Mein Bruder hat Abzüge von alten Familienfotos machen lassen: Mein sehr junger Großonkel W in Uniform und mit seelenvollem Blick. Mein Großonkel H, dem man eine Stelle als Lehrer in Ostpreußen versprochen hatte und der sich zwar durchaus in Ostpreußen, aber in einer Munitionsfabrik wieder fand. A., der „schöne Schwarze“, der den Mund und den dunklen Teint meines Bruders hat, erst fröhlich, dick und rund mit Motorrad, dann schmal, verschlagen und elegant in Anzug und Krawatte, schließlich in Uniform,  abgemagert, krank, geschoren und mit gehetztem Blick. Der starb nicht im Krieg, aber am Krieg. Noch einer, der allerjüngste, dem das alles am wenigsten auszumachen schien. Der Älteste hatte Tuberkulose, und deshalb blieb ihm der Krieg erspart.

Im Büro stauche ich einen Dienstleister zusammen, der uns seit Jahren überhöhte und nicht branchenübliche Rechnungen stellt und außerdem zu den Frauen im Büro grundsätzlich äußerst unverschämt ist. Gegen Ende des Gesprächs  wird mir klar, dass mein Gesprächspartner nicht der fiese alte Seniorchef ist, sondern dessen noch nicht ganz so widerlicher Sohn. (Da will man sich einmal für Jahre der Demütigung rächen, und dann passiert so etwas.)

Ich bin zu müde, um zu tanzen. Bücher begegnen mir, wenn die Zeit reif ist. Bisher ist sie weder für Handke noch für Tokarczuk reif. Ich werde wohl warten müssen.

Der zusammengestauchte Dienstleister schickt eine zumindest nachvollziehbare Rechnung.

Gehört:

Musikalisches Kopfkino vom Wochenende „Stoß noch mal auf, mein Schatz, ich riech die Leberwurst so gern.“ Ich erspare Ihnen die Verlinkung. Schuld ist Schwesterherz, die gerade aus der Pfalz zurückkam und mir diesen Ohrwurm verpasste.

Im Netz gefischt:

Mely Kiyak schreibt besonnen über Handke und Stanišić.

Richard C. Schneider über Antisemitismus.

Alicia Alonso ist gestorben.

Gelesen:

Linda Castillo, Brennendes Grab (besser, als der Titel vermuten lässt)

Albrecht Selge, Fliegen

und immer noch Friederike Manner, Die dunklen Jahre

(Ja, manchmal lese ich mehrere Bücher parallel.)

und eine neue Blognachbarin, deren Texte ich sehr mag: Käthe Margarete

 

 

7 Gedanken zu „42. Woche

  1. Ich will Dir gerade schreiben, weil Du Mely Kiyak aus dem Netz gefischt, deren Text ich vorher schon lesenswert fand. Dann sehe ich, Du hast mich verlinkt. Jetzt sage ich danke.

  2. Die schwierigen Umstände meiner Geburt sind – pünktlich zu jedem Geburtstag, nahezu wortwörtlich – von meiner Mutter erzählt worden. Dennoch habe ich nie erspüren können, was es mit ihr gemacht hat.
    Ich habe lange Zeit einfach keinen Geburtstag mehr gefeiert.

  3. Ach, Handke… ein guter alter Freund von mir, der St., der sich seit Anfang der 90er Jahre mit dem ehemaligen Jugoslawien, insbesondere mit den Opfern des Krieges und der Vertreibung und des Völkermords beschäftigt, hat mir und einer breiten Bekanntschaft einen Brandbrief geschickt, wo er sich über den Herrn Handke so aufregt, dass er Kommata dermaßen falsch setzt, dass es sogar mir auffällt. Man liest so viel und doch habe ich den Handke nie in den Händen gehalten. Ist er wirklich so ein guter Schrifsteller? Ist er wirklich so ein niederträchtiger, gemeiner Mensch? Kann man beides sein, oder schliesst das eine das andere aus? Letzteres möchte man (also ich) gerne glauben, aber warum sollte es so sein? Und wenn er ein großartiger Schrifsteller (ja was ist das überhaupt: ein großer/großartiger Schriftsteller?) und ein niederträchtiger Mensch gleichzeitig ist, muss man ausgerechnet ihn den Nobelpreis verleihen? Gibt es nicht genug Alternativen?
    Ich freue mich auf das nächste Wiedersehen mit dem St., vielleicht lassen sich diese Fragen klären. Mely Kiyak bringt nochmals neue Aspekte in diese Debatte in meinem Kopf ein, danke für den Link. Mir tut es leid um dem St. und darüber, dass er sich so aufregt, ich weiss, dass er ein anständiger Mensch ist und dass er vieles sehr persönlich nimmt.
    Ich fürchte, die ganze Debatte findet nur deswegen statt, weil der Nobelpreis so hochdotiert ist, dass man meint, man müsste die Entscheidungen des Nobelkomittees ehrfurchtsvoll annehmen. Die Tradition, die Medien… siewissenschon. Dabei haben sich die alten Schweden schon längst diskreditiert, und beileibe nicht nur in Sachen Literatur.

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