41. Woche

Am letzten Tag des Oktoberfests fahre ich zur ungünstigsten Zeit los und gerate in einen überfüllten Bus. Keine Chance, an meiner Haltestelle auszusteigen. Ich fahre also mit den Bierdimpfln mit, bis sie aussteigen müssen und laufe dann quer durchs Viertel zurück. Vorher betrachte ich noch die Massen, wie sie  sich bayerisch kostümiert und blödgesichtig  in Richtung Theresienwiese wälzen. Nein, das ist keine Vergnügung für mich. Zopffrisuren und Blumenkränzchen im Haar bei erwachsenen Frauen finde ich übrigens auch etwas befremdlich.

Wieder zu Hause, stelle ich den Fratzenkürbis, allerdings noch ohne Beleuchtung, ins Balkonregal. Zuvor habe ich „jene Gräfen Larisch“ besucht und mich anschließend auf dem Ostfriedhof verlaufen.

Anderntags starre ich, in Gedanken versunken,  den pfeifenden Teekessel an, ohne zu begreifen. Schließlich gieße ich den Pfefferminztee auf. Ich trinke ihn auf dem Balkon und erinnere mich an meine Patin, von der ich vor vielen Jahren das Pfefferminzteetrinken gelernt habe. Den Tee trinke ich auf dem Balkon. Schaue ich nach links, habe ich das Gefühl, in einem Garten zu sitzen. Das liegt an den Bäumen, die nun doppelt so hoch sind wie die Friedhofsmauer. Rechts ist der Pfarrgarten, aber auch die Straßenkreuzung, von der auch am frühen Morgen schon  genug Lärm bis zu meinem Ausguck dringt.

Noch einen Tag später denke ich ernsthaft darüber nach, mit dem Tanzen aufzuhören. Aber dann gehe ich doch tanzen, und am nächsten Tag auch,  denn ich brauche den Ausgleich zum stundenlangen Sitzen am Schreibtisch.

In der Nachbarschaft übt ein Kind ein Weihnachtslied auf der Blockflöte, trifft ein paar Töne nicht, spielt aber erst einmal weiter. Dann das nächste, das übernächste und dann wieder das erste. Drei Lieder im Wechsel, jedes Mal sind es andere falsche Töne. Ich muss lächeln, wenn ich mich daran erinnere, welch scheinbar unüberwindbare Hürde die ersten Weihnachtslieder im „Flötenunterricht“ darstellten. Das Kind scheint ähnlich unbegabt wie ich zu sein, aber im Gegensatz zu mir damals pfeffert es die Flöte nicht in die Ecke, sondern spielt unbeirrt weiter.

Ich bedaure, dass ich Gedichte nur lese, wenn ich darüber stolpere oder mit der Nase darauf gestoßen werde.

Am Freitag reise ich, am Samstag werde ich weiterreisen. Davor Bücherkäufe und ein Missverständnis.

Im Netz gefischt:

Xeniana zum 3. Oktober.

Sibel Schick über Muttersprache und Heimat , und wie es ist, wenn man keine hat.

Juna über Jom Kippur 2019 in Halle.

Gelesen:

Friederike Manner, Die dunklen Jahre

Gehört:

Eines Abends, zur Zeit der Judenverfolgung in Spanien, ging eine Frau zur Synagoge, um dort ihren Geliebten zu treffen, aber als sie dort ankam, war die Synagoge niedergebrannt und der Geliebte tot. Seitdem zieht sie durch die Welt, um Rache zu nehmen. Davon erzählt die Petenera (hier allerdings mit einem anderen Text, aber sehr eindrucksvoll getanzt von Manuela Vargas).

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