36. Woche

In eigener Sache: Dieses Blog hat als „Siez-Blog“ begonnen, das heißt, ich habe meine Leser gesiezt und sie mich. Auf anderen Blogs wird das anders gehandhabt, und so ist das Duzen allmählich auch hierher übergeschwappt. Ich habe damit prinzipiell kein Problem, aber ich kann mir bald nicht mehr merken, mit wem ich mich sieze und mit wem ich mich duze. Vermutlich habe ich schon Leute geduzt, die ich besser gesiezt hätte und umgekehrt.  Deshalb sieze ich hier ab sofort (wieder) alle, denen ich noch nicht außerhalb des Internets persönlich begegnet bin (und eine Person, die ich außerhalb des Internets duze, sieze ich hier auf deren eigenen Wunsch).

In der 47. Woche des vorigen Jahrs habe ich mit den Wochenmäandern begonnen. Ich habe sie mir als eine Pflicht auferlegt, in der Hoffnung, mir dadurch meines Schreibens wieder sicherer zu werden. Tagebuchbloggen, was ich auch versucht habe, war mir zu mühselig und zu langweilig, vor allem zu langweilig für das verehrte Publikum, das mit Sicherheit nicht wissen will, wann ich gebügelt  (so gut wie nie) oder mir die Fußnägel geschnitten habe (das geht Sie nun wirklich nichts an). Ein Jahr Wochenmäander ist jedoch genug, deshalb wird die 46. Woche dieses Jahres die letzte Mäanderwoche sein. Was es danach hier zu lesen geben wird, weiß ich nicht. Machen Sie ruhig Vorschläge, aber erwarten Sie sich nicht zuviel davon. Es ist nicht mehr so wie in meinen frühen Zwanzigern, als meine Freundinnen mir sagten: schreib etwas zu dem und dem Thema in der und der Sprache (ich hatte einen sehr internationalen Freundinnenkreis), und ich  binnen Stunden eine Geschichte aus dem Ärmel schüttelte.

Die Ebereschen haben rote Beeren, und es gibt in meiner Nähe doch welche, nämlich zwei etwas verhutzelte Bäumchen, die aussehen, als hätten sie einmal Bonsais werden sollen, aber sich schließlich erfolgreich zu Wehr gesetzt.  Sie stehen auf dem Friedhof des ehemaligen Kapuzinerklosters, wo die Patres so schöne Namen hatten wie Wunibald und Serapion.

Ich denke darüber nach, meine Wohnzimmerwände aprikotfarben zu streichen, aber nun, wo ich es bedenke, passt das zwar zu meinen Teppichen, aber nicht zu Küche (blau) und Alkoven (gelb). Da dazwischen keine Türen sind, würde das Aprikot direkt an Blau und Gelb anstoßen, und das wäre, wie meine Cousinen sagen würden, dann doch etwas zu „buntig“.

Unerfreuliches hört man aus Brandenburg und Sachsen. (Sollten Sie hier lesen und AfD wählen, so dürfen Sie sich gerne verabschieden. Nazis sind hier unerwünscht.)

Im Netz gefischt:

Auch der Landpfarrer ist müde.

Die kluge Frau Croco schreibt, die Blogwelt habe einen Teil ihrer Unschuld verloren. Ja, das hat sie, in mehr als einer Hinsicht. Oder war/bin ich einfach nur zu naiv?

Gelesen:

Rosie Thomas, Iris & Ruby

Gehört:

Fabrizio de Andrè, Il bombarolo

15 Gedanken zu „36. Woche“

  1. Im Ernst jetzt, sind wir per Sie? D.h. der Höflichkeit halber muss ich jetzt auch Sie zu dir sagen? Hm… Sind nicht die Blogger untereinander irgendwie sowas wie Vereinsfreunde? Jedenfalls die hobbymäßigen Bloggenden.

    Über die Unschuld der Blogs würde ich gerne mehr Gedanken lesen. Ich denke, dass es inzwischen viel mehr Themenblogs als gibt, die so sachlich sind, dass der Spaß und der normale Alltag dazwischen verloren gehen. Was ist mit naiv gemeint?

    Müde sind momentan ganz viele. Wahrscheinlich ist es die Herbstmüdigkeit, das beobachte ich jedes Jahr wieder. Aber in der Öffentlichkeit wird immer nur über die Frühjahrsmüdigkeit geredet.

    Liebe Grüße
    die Hoffende

    1. Ist auch irgendwie blöd, das mit dem Siezen, oder? Vielleicht muss man es einfach doch nach Gefühl machen und riskieren, dass man Leuten manchmal versehentlich auf die Füße tritt.
      Ich glaube, früher haben wir eher einfach losgebloggt. Heute merkt man bei manchen Blogs sehr deutlich, dass sie eine bestimmte Absicht verfolgen, evt. eine ökonomische. Wenn das der Fall ist, sollen sie halt offen damit umgehen. Das tun manche meiner Meinung nach nicht.
      Mit „naiv“ meine ich: mir kann man alles erzählen, ich glaube alles. Ich bin halt so.

      1. Ja, ich denke, mit dem Du und dem Sie hast du recht. Es gibt kein Richtig und kein Falsch, das muss aus dem Bauch kommen. Generell ist aber die Foren- und Bloggeranrede wie auch in den sozialen Netzwerken eher das Du. Das Sie wird in erster Linie auf Homepages benutzt, wo es unpersönlicher und allgemeiner zugeht. So ist zumindest meine Beobachtung. Ausnahmen gibt es immer!

        Mit dem Einfach-Losbloggen hast du es gut getroffen. Ich denke, dass das ein Zeichen der Zeit ist. Wir alle sind doch weniger unbeschwert als früher, da braucht man sich nur mal die Nachrichten anzusehen, um zu wissen, warum.
        Mit dem Kommerz habe ich soweit kein Problem, wenn die Inhalte mir trotzdem gefallen. Wahrscheinlich mache ich um die anderen Blogs einen Bogen, dass mich das nicht so stört. Manche riechen schon so nach „Ich-bin-ein-Blog-zum-Geldverdienen“. ;-)

        Ach, das meinst du mit „naiv“! Das kann ich sooo gut nachvollziehen! Oft hilft mir die Vernunft bzw. Wissenschaft weiter, aber es gibt Bereiche, in denen man mir wirklich was vom Pferd erzählen kann und ich merke es nicht.

        Vielleicht solltest du dich (wieder?) drauf konzentrieren, dass dein Blog in erster Linie für dich ist. Follower sind welche, weil sie genau das mögen. Deine Gedankengänge, deine Formulierungen, die Atmosphäre in deinem Blog. Du musst es niemandem recht machen, du musst nur du sein. Dann kommt auch ein Stück Unbeschwertheit zurück und das Bloggen macht wieder mehr Spaß. Eine kreative Pause hat übrigens auch noch niemandem geschadet – vielleicht solltest du eine solche mal einlegen. (Hey, aber erst, wenn die 1000 Fragen fertig sind *lach)

        Ich wünsche dir ein schönes, unbeschwertes Wochenende!
        Liebe Grüße
        die Hoffende

  2. Das mit dem siezen und duzen ist tatsächlich diffizil. Als Spanier in Berlin war ich immer verDUtzt, wenn mich die Bäckerin mit „jungen Mann“ angeredet und gesietz hat. Da war ich gerade mal zwanzig, wenn überhaupt. Es kam mir schnippisch vor. Als ich dann älter wurde und wieder in Spanien zu Besuch war fand ich es unerhört, dass mich Kellner an der Theke beim Kaffee bestellen oder der Taxifahrer beim einsteigen geduzt haben. Das kam mir frech vor. Ich glaube, Sie haben Recht: im Zweifel lieber siezen.
    Ich habe dabei immerhin gelernt, dass sich die Gesellschaft in Spanien während meiner Abwesenheit geändert hat, und nicht zum schlechteren. Felipe González hat, trotz seiner vielen Mankos (Korruption, NATO, GAL… usw. usf.) einen frischen Wind in die spanische Gesellschaft gebracht. Dennoch: Ja, im Zweifel lieber siezen.
    Schreiben Sie bitte, was Sie wollen, wann Sie wollen. Ich komme weiter. Immer noch ohne zu abonieren, Sie sind in meinen Favoriten gespeichert und ich lasse mich gerne überraschen. Aber schreiben Sie, bitte. Ich lese Sie gerne.
    Aprikot ist nicht schlecht. Ob es zu Blau paßt, weiß ich nicht, hängt vom Blauton ab. Aber zu Gelb paßt es schon, finde ich.
    PS: Bin gespannt, unter welchen Namen ich diesmal erscheine. Habe wieder meine Cookies gelöscht, da passieren wundersame Sachen.

    1. In Spanien war ich zuerst auch verwundert, mit welcher Leichtigkeit ich geduzt wurde. Dann habe ich mich so sehr daran gewöhnt, dass ich zusammengezuckt bin, als man mich zum ersten Mal „Señora“ nannte. Da war ich zweiundvierzig. Ich sah immer jünger aus, deshalb wurde ich vermutlich sogar etwas länger geduzt als üblich.
      Ich habe mir einmal in der Firma die Anrede „junge Frau“ verbeten und deshalb eine Beschwerde von einem Berliner Kunden bekommen, der es anscheinend als sein gottgegebenes Recht ansah, mich so anzusprechen. Er fand es unverschämt, dass ich mich dagegen gewehrt hatte.
      Natürlich schreibe ich weiter, aber ich finde das Tagebuchbloggen etwas langweilig (auch wenn ich nur noch wöchentlich blogge), und hoffe auf eine neue Idee. Deshalb hatte ich um Vorschläge gebeten. Man will ja auch die geschätzte Leserschaft nicht langweilen.

  3. Das Sietzen in Blogs habe ich nie als unangenehm empfunden. Schon mal weil ich es eben nur so als halbernst empfinde. Anfang der 2000er fand ich das eben ganz witzig, dass man als Frau oder Herr „Blognamen“ angesprochen wurde. So als Herr Stardustlyricer durch die virtuelle Welt zu gehen, finde ich immer noch als angenehm. Aber ich habe mir nie Gedanken gemacht ob ich nun in einem Blog geduzt und gesiezt wurde. Beides finde ich okay. Bei Menschen die ich persönlich kenne, würde ich allerdings nicht unbedingt siezen. Ich denke man sollte es eben schon nach Gefühl machen.

  4. Ach, machen Sie sich bloß nicht zu viele Gedanken über Siezen und Duzen.

    In unserer Firma herrscht so eine Art „Zwangsduzen“, seit sich der Vorstand dafür ausgesprochen hat. Ich finde es immer noch seltsam und unpassend, Vorgesetzte zu Duzen und Geduzt zu werden. Und bei manchen Kollegen hätte ich es auch lieber beim Sie belassen.

    Im Internet ist Siezen eher selten. Ich finde es durchaus elegant, wenn es passt. Würde ich auch nach Gefühl entscheiden.

    Bloggen nach Vorgabe finde ich schwierig. Dann fällt mir meistens nichts mehr ein. Erst wenn ich eine Blogpause verkündet habe, fallen mir Dutzende Artikel ein ;-)

    Tagebuchbloggen wäre mir viel zu privat – und für den Leser zu uninteressant, auch wenn ich einige solcher Blogs im Feedreader habe.

    Machen Sie sich keinen Streß mit dem Blog. Eigentlich soll das ja Spaß machen, kein Kopfzerbrechen.

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