34. Woche

Die Sonnenblume, die sich in meinem anderen Blumenkasten, also dem ohne Erdbeeren, selbst gesät hat, ist aufgeblüht. Die Bartnelke, die nach meinem Urlaub fast vertrocknet war, hat zwei neue Knospen. Den Oregano habe ich wohl ermordet. Schade, aber wieder ein Vorwand, nach der Kräuterfrau zu sehen, die mir bei meinen letzten Besuchen gar nicht gefallen hat. (Der manchmal dörfliche Charakter eines Innenstadtviertels: man fängt an, sich Sorgen um Leute zu machen, die man eigentlich gar nicht kennt.)

Ein Tweet, über den ich mich auf Twitter sehr echauffiert habe:

(Schön, dass  er es auch schon gemerkt  hat, nicht wahr? Herr Maas muss, wie ich, Mitte der 80er Abitur gemacht haben. Zu der Zeit redeten wir in der Schule kaum noch über etwas anderes als „die Umwelt“. Ich nehme an, im Saarland war das nicht anders.)

Ich tanze fast drei Stunden am Stück. Das habe ich schon lange nicht mehr geschafft. Man sollte meinen, ich sei danach müde und schläfrig gewesen, aber nein. Immer wieder liege ich für längere Zeit wach. Die wieder aufgetretenen Hals- und Kopfschmerzen sind dem Schlaf nicht gerade zuträglich, dazu Phantomschmerzen in den seit Jahren nicht mehr vorhandenen Weisheitszähnen. Die Schmerzen strahlen in den Nacken aus und ich kann zwei Positionen auf dem Kopfkissen wählen: die erste heißt „es tut weh“, die zweite „ich ersticke“.

Als ich wieder eine Stimme habe, reklamiere ich dienstlich, was zu reklamieren ist, und das ist heutzutage nicht wenig. Auch börsennotierte Konzerne ruft man heutzutage vier Mal an, um eine korrekte E-Mail-Adresse für Reklamationen zu erhalten. Das liegt unter anderem daran, dass diese Firmen Call-Center in Weltgegenden betreiben, wo die Löhne lächerlich niedrig sind, und die Call-Center-Agent_inn_en längst nicht alle Informationen bekommen, die sie zur ordnungsgemäßen und kundenfreundlichen Abwicklung von Kundenanliegen brauchen würden. Hauptsache billig.

Ich denke darüber nach, wie es wäre, wenn einige meiner Lieblingsblogs ebenfalls erfunden/erlogen wären. Warum glauben wir, Blogs seien authentisch? Sie galten/gelten als eine Art öffentliche Tagebücher. Tagebücher schildern Geschehenes, öffentliche Tagebücher müssen notgedrungen zum Schutz der Privatsphäre Dinge auslassen und verfremden. Aber was, wenn der Bericht einer Mutter über das kurze Leben ihres Kindes reine Erfindung wäre? Ich glaube das nicht und will das auf keinen Fall unterstellen, aber was wäre, wenn? Was wäre,  wenn ich mir per Blog ein zweites Leben erfände, wo ich glücklich verheiratet und in einflussreicher Position berufstätig wäre? Wo wäre der Unterschied zu Mlle Readon?* Und wie können wir deutlicher machen, was Fiktion und was Tagebuch ist?

Nicht selten habe ich Lust, hier mehr zu fabulieren. Ein Grund, warum ich es nicht tue, ist das Wissen, dass mir jegliche Raffinesse fehlt und ich mich in meinen Lügengeschichten binnen weniger Wochen heillos verheddern würde.  Ein anderer: mein Hang zur exzessiven Betrachtung meines eigenen Bauchnabels.

Im Netz gefischt:

Der Landpfarrer über den Tagesanbruch.

Leben ging erst nicht mehr, aber dann doch wieder. (via @Thomas_Gutsche auf Twitter. Man kann da übrigens auch etwas spenden.)

Dergl über das Reha- und Intensivpflegegesetz.

Frau Fundevogel zum selben Thema, sehr eindringlich.

Fertiggelesen:

Regina Scheer, Gott wohnt im Wedding

 

*Der Unterschied bestünde natürlich im Thema „Holocaust“, mit dem man einfach keinen Unsinn treibt.

17 Gedanken zu „34. Woche“

  1. Puh, dieser Wochenrückblick bewegt mich…

    Zunächst die Frage nach der Echtheit von Blogs. Ich frage mich, ob das wichtig ist. Oder ob es nicht mehr zählt, was die Blogs vermitteln. So ganz echt wird keiner sein, jeder hat doch seine kleinen und großen Geheimnisse. „Aus Gründen…“ ;-)

    Dann diese Links. Von diesem Mann, der den Neuanfang hinbekam. Sehr beeindruckend. Berührt mich sehr, aber die Details möchte ich nicht öffentlich machen.
    Und dann ist da die Diskussion über die Beatmung. Eine Freundin von mir musste nach einem Schicksalsschlag beatmet werden. Ich wurde von ihrem Betreuer gefragt, ob ich einem Luftröhrenschnitt zustimmen würde. Ich tat es, damit sie später würde sprechen können. Sie kam nie wieder davon los und starb 5 Jahre später. Ihre Lebensperspektive kam über das Pflegeheim und die stationäre Beatmung nicht mehr hinaus. Geistig war sie völlig fit und verkümmerte in dem Heim. Kein Mensch hat irgendwelche Informationen gehabt, wie man die Situation ändern könnte, das Heim am allerwenigsten. Entwöhnungsversuche wurden nicht oder nur halbherzig durchgeführt. Diese aktuelle Diskussion geht in die völlig falsche Richtung. Teilhabe am Leben ist das allerwichtigste und die sollte auf jeden Fall unterstützt werden.

  2. Oh, wieder ein Link zu mir, vielen Dank! (Ich wollte mich damals auch für den zu dem Text über meinen Großvater aus den Kaparten bedanken, aber da waren die Kommentare geschlossen, ich konnte/kann mir allerdings einen Grund – der nicht stimmen muss -denken warum und kann das nachvollziehen.)

    1. Nichts zu danken. Manchmal schließe ich die Kommentare, wenn der Hintergrund eines Blogeintrags ein unschöner ist, ich mir den Text trotzdem von der Seele schreiben muss, aber die Sache nicht noch mehr Bedeutung bekommen soll.

  3. Oh, das ist ja faszinierend (oder was auch immer).

    Solche Bloggedanken (was ist echt? wer erzählt die Wahrheit? etc.) denke ich in letzter Zeit auch immer mal wieder. Und sogar: Ob andere Menschen wohl denken, dass das, was ich schrieb und schreibe, erfunden ist. Allein, mir fehlt diese Gabe, jenes Dinge, die ich als aus meinem Leben kommend sichtbar mache, zu verfremden (von minimen Überzeichnugen mal abgesehen, aber selbst da bin ich ziemlich unbegabt).

    In der Tat stelle ich mir aber auch Fragen, wie wie es denn wäre, eine literarische Figur zu kreieren und dieser eine (deklariert und bewusst fiktive) Blogstimme zu geben. Ob das für meine Gesundheit zuträglich wäre, weiß ich allerdings nicht. Ich bezweifle es.

    Danke, dass du mit deinen Texten so viel Ruhe stiftest.

    1. Stifte ich Ruhe? Das wäre eine neue Fähigkeit, denn eigentlich gelte ich von jeher als Unruhestifterin. Ich habe mich seinerzeit gefragt, ob man wohl Notizbücher und Diagramme braucht, um schlüssig erscheinendes Erlogenes über Monate und Jahre zu posten. Ich könnte es wohl auch nicht.

      1. Ich auch nicht. Viel zu anstrengend! Außerdem frage ich mich, ob das eigene Ich noch genügend Raum dabei hätte. Bei mir wohl eher nicht.

      2. Ja. Schon. Schreibenderweise schon.

        Und ja, mich würde das stressen. Ich wäre eine schlechte „verdeckte Ermittlerin“.

        (Vielleicht, wenn eine*r die pathologischen Voraussetzungen hat, ist das einfacher?)

  4. Kann es sein, dass WordPress gerade meinen nicht eben kurzen Kommentar verschluckt hat? *heul*

    Dieser Wochenrückblick hat mich sehr bewegt! Die Themen Regenwald und Echtheit der Blogs sowie die Links zum Alkoholiker, der die Kurve bekommen hat, und den Plänen von Herrn S., der rückwärtsgewandt die völlig falsche Richtung einschlägt, haben meine Gedanken und Gefühle in Wallung gebracht!

    Ich mag jetzt nur nicht alles nochmal aufschreiben, zumal ich es eh nicht wieder so formuliert bekomme…
    Also sage ich einfach mal: Danke für diesen Text! :-)

    1. Nichts zu danken. Danke fürs Lesen. Die Kommentare verschwinden in der Regel nicht. Nur habe ich die Einstellungen so geändert, dass jeder Kommentar manuell genehmigt werden muss. Seitdem habe ich weniger unangenehme Kommentare. Den Stänkerern, die ich hier einmal hatte, ist es wohl langweilig, wenn ihre Kommentare nicht erscheinen.

  5. Ich finde jede Art von Fiktion gerechtfertigt, die sich auf einen Blog beschränkt, wenn aber die fiktiven Figuren au h im realen Leben auftreten und handeln wie das bei read on der Fall war, dann ist das entweder krank oder betrügerisch. Die Faszination des Erfinders einer Kunstfigur kann ich schon nachvollziehen. Gesund ist das aber sicher nicht außer eshandelt sich um literarische Figuren, aber sogar dann…… Danke für die Aufnahme in deine bloglist. Hätte ich eine solche würdest du dort auch drauf stehen

    1. Nichts zu danken. Ich habe eine Liste meiner regelmäßig gelesenen Blogs gemacht, weil ich bei anderen durch solche Listen auch immer wieder auf schöne und interessante Blogs stoße. Ich schaffe es aber nicht immer, alles zu lesen.

  6. Danke mal wieder fürs Publikum ins Fundevogelnest locken
    Angenommen Sie spielen auf den von mir verlinkten Blog an, bin ich ziemlich sicher, dass die sehr transparent dargestellte Geschichte authentisch ist (ja, ich habe verstanden, dass Sie das nicht in Frage stellen), aber das Phänomen „erfundener“ beinderter, schwerstkranker, sterbender oder gestorbener Kinder ist gar nicht so selten..Aus beruflichem Interesse und weil ich manchmal Tipps für den Behörden- und Kitadschungel bezüglich der Fundevögel brauchen kann, bin ich seit Jahren in einem entsprechenden Internetforum registriert.
    Dramatische Schicksale, die irgendeiner wie auch immer motivierten Phantasie entsprungen sind, fliegen dort immer mal wieder auf, anzunehmen, dass es noch etliche gibt, die geschickt genug erfunden und vielleicht nicht ganz so dick aufgetragen sind.
    Noch gruseliger, wenn auch zum Glück selten, ist das Münchhausen-by-proxy-Syndrom, ein echter Schrecken der Kinderheilkunde. Mütter (wohl wirklich fast immer Frauen), die ihre Kinder krank machen, ihnen ernsthaft schaden, um sich darin zu sonnen, dass sie so tolle Mütter sind, die ihr schweres Schicksal bewundernswert meistern. Häufig sehr intelligente Frauen, oft medizinisch vorgebildet, denen die perfekte Täuschung u.U.über Jahre gelingt.
    Und wie ein , die Holocaustopfer fabuliert, denen schadet, die sich von rechtsradikaler Seite immer wieder unterstellen lassen müssen, ihre Geschichte sei nicht wahr, gibt es Kinder mit ungewöhnlichen, uneindeutigen Krankheiten, deren verzweifelten Eltern das Kind mit der Hypotheses „Münchhausen-by-proxy“ entzogen wird.
    Ich bin ja ziemlich sicher, solche Lügengeschichten haben vieldamit zu tun, dass man sich die Gründe für eigene tiefste Verzweiflung nicht anschauen mag und sich deshalb irgendwelche zumindest in manchen Kreisen honorierten Gründe aneignet.
    Auf dem Rücken anderer.

    (Und da Myriade dies’erwähnte: Wie schaffen Sie es auf Ihre Blogliste Websites zu bekommen, die nicht bei WordPress sind, daran scheitere ich regelmäßig und nehme genau wegen dieser Unvollständigkeit die Liste immer mal wieder raus..)

    Liebe Grüße
    Natalie

    1. Ich hatte ein Blog im Sinn, auf dem sehr Trauriges und Dramatisches geschildert wird. Ich halte das Blog auch für authentisch, weiß aber, dass es schon Fälle gab, in denen Ähnliches erfunden wurde.

      Zur Blogliste: ich klicke im Reader „Verwalten“ und kopiere dann die URL des Blogs, das ich verlinken möchte, in das entsprechende Feld.

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