31. Woche

Marie-Sophie Hingst ist tot. Nichts Böses über die Toten.  Dennoch stelle ich mir  die Frage, inwieweit auch ein psychisch kranker Mensch für seine Handlungen verantwortlich ist. Daneben steht der irrationale Wunsch, von vier Kerzen, die ein guter Mensch angezündet hat,  sei eine – vielleicht die vierte, die für Notfälle  – für sie gewesen.

Ein Satz, den Marie-Sophie über sich selbst schrieb und den der Autor des oben verlinkten Texts zitiert, lautet „I only ever am a greedy thief, full of hunger for words.“ In Gedanken ersetze ich „words“ mit „love“, denn schreiben nicht viele von uns, um auf irgendeine Weise endlich einmal geliebt zu werden?

Bald beginnt auf meinem Balkon der Lavendel zu blühen, dessen Duft sie in ihrem Wäscheschrank nicht mochte. Sie ziehe Quitten vor, schrieb sie mir vor fast drei Jahren, und machte sich wohl auch ein bisschen über meine Vorliebe für den wenig subtilen Lavendel lustig. Während ich dies schreibe, spüre ich wieder meinen Magen,  wie so oft in den letzten zwei Jahren, und ich frage mich, ob auch ihre Vorliebe für  Quittenduft gelogen war. (Natürlich ist das völlig unwichtig, aber Sie sehen, wie der Gedanke an die Lüge sich durch alles zieht. Auch wenn sie nach allem, was ich inzwischen zu wissen glaube, gar nichts für ihre Lügen konnte.)

Nein, sie war sicher kein schlechter Mensch, aber einer, den ich bis zuletzt nicht verstanden habe. Ich fürchte, andere haben sie auch nicht verstanden, aber viel getan, um sich in ihrem Glanz sonnen zu können. Und sie vielleicht sogar angestachelt.  Ich bin die Nichte eines Boxers, ich weiß, was Publikum anrichten kann.

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