Ein Samstag im Juli

alltag-001-2018

Wir wissen nicht, ob es ein Samstag war, als eine Mutter ein Spiel mit ihren zwei Töchtern spielte. Das Spiel hieß Verstecken, das Versteck war ein in die Erde gegrabener Stollen, und hoch am Himmel über dem Stollen flogen Flugzeuge, die Bomben warfen.

Wir wissen nicht, ob es ein Samstag war, als ein jüdisches Mädchen in der Ukraine, frischgebackene Absolventin eines Lyzeums, ihr Zeugnis mit anderen wichtigen Dingen in einen Koffer packte und sich zusammen mit ihren Eltern aufmachte zu dem Ort, den man ihnen angegeben hatte. Man hatte ihnen gesagt, dass alle Juden die Stadt verlassen müssten, hatte ihnen aber auch Wohnung und Arbeit an dem neuen Ort versprochen.

Wir wissen auch nicht, ob es ein Samstag war, als ein Vater seiner kleinen Tochter von einer langen Reise erzählt, die sie miteinander unternehmen würden. Eine Reise über Land und Wasser in ein besseres Land, eine Reise, die vielleicht gefährlich und mühsam scheinen mochte, aber dann doch nicht so schlimm sein würde, denn er, der Vater, wäre ja bei seinem Kind und würde es beschützen zu Wasser und zu Land.

Was wir wissen: Die Mutter und die zwei Töchter überlebten diesen Bombenangriff und noch viele weitere. Das jüdische Mädchen in der Ukraine wurde erschossen mit ihren Eltern und allen jüdischen Nachbarn aus der kleinen Stadt. Der Vater des kleinen Mädchens ertrank, wie auch das kleine Mädchen. Als man sie fand, hatte das Mädchen noch den Arm um den Nacken des Vaters gelegt.

Was wir auch wissen: Dass wir so nicht weitermachen können. Dass es viel zu viele Orte auf der Welt gibt, wo Krieg, Völkermord, Elend und Flucht Alltag sind. Dass es auch uns treffen kann (oder schon getroffen hat, je nachdem, wo Sie sich befinden, wenn Sie diesen Text lesen), und dann gnade uns Gott, wenn wir Hilfe suchen müssen bei denen, denen wir nicht geholfen haben.

Näheres hier.

 

20 Kommentare zu „Ein Samstag im Juli

  1. Dein Beitrag geht unter die Haut! Ja, all das ist Alltag, wenn auch nicht für dich und mich, aber mit den alltäglichen Nachrichten von all diesem Elend und Leiden dann wieder doch und es ist gut, all das nie zu vergessen und die Augen und Ohren offen zu halten.
    Herzlichen Dank und liebe Grüsse
    Ulli

  2. Ein besonders harter Aspekt von menschlichen Tragödien, dass Erwachsene versuchen, den Kindern die Katastrophen irgendwie erträglich zu machen

  3. Danke. Neu ist mir nicht, dass Menschen zu unterschiedlichen Zeiten Ähnliches erleben.
    Vermutlich tippte ich jetzt, wäre das Mädchen, das viel später meine Mutter ward noch auf das große Schiff gekommen, dass dann sank, die „Wilhelm Gustloff“. Karten hatten sie und ihre Mutter, standen in der Schlange, als wegen Überfüllung das Fallreep hochgezogen wurde.
    Sie kamen übers Meer mit einem anderen Schiff.
    Bezahlt hat die Passage auch für sich und ihre Findeltochter eine Freundin und Nachbarin mit Sex.
    Sie, als alte Frau, auch meine Mutter haben mir davon erzählt.
    Auch von dem Trümmern des verpassten Schiffs, durch die sie fuhren; auch von den Kindern, die in nassen Windeln in den Armen ihrer Mütter erfroren sind.
    Als Kind habe sie nicht verstanden, warum die Babys immer schlafen und nie die Brust bekommen, sagte meine Mutter neulich.

  4. Flüchten zu müssen, Schutz zu suchen und nicht zu wissen, wohin – eine unvorstellbare Not.
    Nein, wir können so nicht weitermachen. Vielleicht sollten wir aufhören, Waffen zu exportieren. Vielleicht sollten wir aufhören, aus den ärmsten Ländern den letzten Tropfen herauszupressen. Womit wir nicht aufhören dürfen ist, Ertrinkende zu retten. Ein Wort: Menschlichkeit. Ich wünsche niemandem, dass er jemals sein Leben und das seiner Kinder auf der Flucht riskieren muss (auch denjenigen nicht, die auf Pegida – Kundgebungen „absaufen“ skandieren).

  5. Pingback: Alltag -10- |

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