26. Woche

Das Jahr ist zur Hälfte um, und bis jetzt war es ein ganz gutes Jahr. Ob ich das in einem halben Jahr noch sagen werde?

Wie jeden Sonntag um fünf Uhr nachmittags rufe ich meine Mutter an. Ich tue das sogar, ohne dass meine Twitterblase mir das sagt; andererseits gefällt es mir, dass wir fast schon alten Weiber einander an solche Dinge erinnern. An diesem Sonntag erzählt sie mir von der Organistin aus dem Baltikum, Urte Soundso, die auf der Flucht den Verstand verloren hatte, aber dennoch wunderbar auf der Kirchenorgel spielte. Nur ihre Präludien hätten manchmal zwanzig Minuten gedauert, so dass der Herr Pfarrer laut von der Kanzel um Ruhe bitten oder im schlimmsten Fall die Orgelempore erklettern und den Musikgenuss handgreiflich unterbinden musste.

Anderswo wurde eine durchaus kluge Frage gestellt, auf die ich eine Antwort hätte, die wahrscheinlich gar nicht so dumm wäre, aber… erinnern Sie sich noch an Mutter Beimer aus der Lindenstraße? So will ich nicht enden.

Ich esse das erste Eis der Saison. Nein, ich habe dieses Jahr schon Eis gegessen, aber noch keins in der Waffel von der benachbarten Eisdiele, an der sich an heißen Tagen eine Schlange bildet bis fast zur nächsten Straßenecke. Wie jedes Jahr erklärt mir der Herr Gelataio den Unterschied zwischen sorbetto und gelato, als ob ich ihn nicht schon lange vorher gekannt hätte. (Ich bin zwar nicht die Tochter der perfekten Köchin, aber zumindest die Enkelin einer solchen, d.h. ich weiß so etwas seit meiner Kindheit.) Trotzdem sage ich wie jedes Jahr: Oh, das ist interessant!

Eigentlich will ich nicht mehr dreimal in der Woche Flamenco tanzen, aber ohne Tanzen habe ich Rückenschmerzen. Also packe ich ungefähr dreimal pro Woche ein zusätzliches T-Shirt ein und gehe a sudarme la camiseta, was bedeutet „das T-Shirt durchschwitzen“, aber besser klingt, und in Flamenco-Kreisen der gängige Ausdruck für „Tanzen üben“ zu sein scheint. Am Mittwoch bringe ich allerdings  nichts zustande, weil ich einfach zu müde bin und die Beine sich nicht bewegen wollen.

Am Donnerstag hört ein Junge mit gespielt stierem Blick laut Musik in der U-Bahn. Die Musik kommt aus einem Gerät, dass er im Arm hält wie ein Baby. Niemand spricht ihn  auf den Lärm an. Klar ist, dass er wartet, ob sich jemand provozieren lässt, aber niemand tut ihm den Gefallen.

Planen Sie zufällig eine Reise in die USA? Ich nicht, denn erstens mag ich Trump nicht, zweitens mag ich nicht fliegen und drittens keine solchen Fragen beantworten:Frage 4. Beabsichtigt der/die Reisende, sich an Terroranschlägen, Spionage, Sabotage oder Völkermord zu beteiligen oder war er/sie jemals daran beteiligt?  Och, wenn Sie schon so direkt fragen… (Quelle) Ja, ich weiß, über so etwas macht man keine Witze.

Im Netz gelesen:

Über Gaukler, die alt werden wie wir alle.

Auch eine Flucht.

Da ich jetzt ein paar neue Leser_innen habe, empfehle ich noch einmal den Herrn Schizophrenisten, den Sie unbedingt lesen sollten. Ja, manchmal ist er schwierig und sperrig, aber er kann auch Sachen, die andere Blogger nicht können.

Ansonsten gelesen: Christopher Isherwood, Leb wohl, Berlin

Gehört: Juanes, Tengo La Camisa Negra (Bei schwarzen Hemden denke ich ja an etwas anderes, aber das ist hier nicht gemeint.)

Demnächst zu hören: Anti und Semitisch, ein Podcast von Juna und Chajm. Hier schon einmal eine Kostprobe.

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