Ein Samstag im April

alltag-001-2018

Um drei Uhr wache ich auf. Das sind fünf Stunden Schlaf und damit schon besser als in der Nacht davor. Da habe ich nur dreieinhalb Stunden geschlafen. In den letzten zwei Jahren hatte sich eigentlich ein Rhythmus eingependelt, der so ging: erstes Einschlafen gegen 22 Uhr, aufwachen gegen drei, eine Stunde lesen,  aufräumen oder im Internet herumsandeln, dann wieder schlafen. Das erste Einschlafen geht leicht, aber der Punkt „dann wieder schlafen“ macht mir seit einiger Zeit zu schaffen. Es ist ja nicht so, dass ich um vier hellwach wäre. Ich bin quälend und nervenzerfetzend müde, kann kaum geradeaus laufen oder einen kohärenten Satz schreiben.

Ich muss doch noch eingeschlafen sein, denn der Wecker reißt mich um sieben Uhr aus wüst-schönen Träumen. Draußen ist der Himmel grau, trotzdem singen Amseln um die Wette. (Oder brüllen herum, wie meine Schwester sagen würde.) Drei Löffel Müesli, vier Löffel Joghurt, anderthalb Espressi, aufgefüllt mit Milch. Duschen mit Haarewaschen, Proviant in den Rucksack, alles hopp-hopp, der Zug wartet nicht.

Auf dem Weg zum See sehe ich noch Schneeflecken in schattigen Waldwinkeln, aber als ich am See ankomme, strahlt und wärmt bereits die Sonne. Tatsächlich habe ich den See noch nie so schön gesehen. Der Wald ist frühlingsgrün. Es blühen Veilchen, Schlüsselblumen und noch eine andere wilde oder verwilderte Primelart, außerdem ein Pflänzchen, das ich nicht kenne und das aussieht wie eine sehr kleine Anemone. In den Dörfern werfen Forsythien ihre feurig-gelbe Schönheit in den Himmel. Die ruhigeren Magnolien aber sehen aus, als habe man sie auf zartblauen Stoff gestickt. Am schönen Hof hat jemand die ehrenvolle Aufgabe, Wurzelstöcke zu zerkleinern. Das ist keine Sinekure, und mein fröhliches „Grüß Gott“ wird etwas säuerlich beantwortet. Die Berge am anderen Ufer erscheinen mir höher als im vergangenen Jahr, obwohl das ja nicht sein kann und ich meinen Aussichtspunkt nicht niedriger gewählt habe als sonst. Ich wandere kurz oder spaziere lange, je nachdem, wie Sie das sehen wollen.

Weil aber auch noch Flohmarkt ist, beeile ich mich und gehe Abkürzungen. Auf dem Flohmarkt lockt mich erst ein Emaillesieb,  aber dann entscheide ich mich für einen indischen Schal, der die ideale Größe für einen mantoncillo hat. Sollte ich noch jemals auf eine Flamenco-Bühne zurückkehren, hätte ich endlich einmal einen mantoncillo, der nicht zu kurz ist für meine 1,80 m. Ein mantoncillo ist ein kleiner, dreieckiger Schal, der über die Schultern gelegt wird und mit einer nicht zu auffälligen Brosche festgesteckt wird. Ist der Rockbund etwas zu weit, kann man den mantoncillo daran befestigen. Dann fungiert er als eine Art Hosenträger. Er kann Fransen haben oder einen kleinen Volant oder auch keines von beiden. (Diese Dame hier trägt einen sehr schönen mantoncillo.)

Am Nachmittag überfällt mich eine Gier nach Erdbeeren und Tomaten. Für beides ist es eigentlich noch zu früh im Jahr, trotzdem nehme ich den Bus zum Obst- und Gemüseladen und kaufe ein. Neben Erdbeeren und Tomaten erstehe ich noch eine Tüte italienisches Gebäck. Dann fahre ich mit der Straßenbahn ins Stadtzentrum und suche nach einem Buch, das gerade erschienen ist und das ich unbedingt lesen will. Im zweiten Geschäft finde ich es.

Auf dem Rückweg steige ich versehentlich in eine Wagen voller Polizisten und Fußballfans ein. Beide Gruppen sind ja meiner Erfahrung nach nicht für ihre guten Umgangsformen bekannt. Ich bin also froh, dass ich schon nach zwei Stationen wieder aussteigen darf.

Zu Hause angekommen, lege ich mich zum Lesen aufs Sofa, bis mir einfällt, dass ich ja noch etwas für Ulli schreiben muss.

10 Gedanken zu „Ein Samstag im April

    1. Nichts für ungut, ich habe einen Satz gelöscht. Ich verstehe, dass es sich um eine Empfehlung handelt und nicht um Werbung, aber wie Du vielleicht mitbekommen hast, habe ich mitunter großen Ärger mit einer gewissen Bloggerinnenclique. Ich möchte nicht noch weitere Angriffspunkte liefern. Das Buch wird irgendwann in einem meiner Wochenmäander erwähnt werden, Geduld!

  1. Das klingt nach einem herrlichem Frühlingssamstag mit See und Flohmarkt, das hätte mir bestimmt auch sehr gefallen!. Schön hast du das Gelb der Forsythien beschrieben und die ruhige Art der Magnolien.
    Hab herzlichen Dank für deine Aprilimpressionen zum Projekt.
    Liebe Grüße
    Ulli

  2. In der Süddeutschen Zeitung gab es vor einer Weile einen interessanten Artikel zum Thema Aufwachen und Nicht-Weiterschlafen-Können. Forschung legt den Schluss nahe, stand da geschrieben, dass der Mensch aus Urzeiten darauf programmiert ist, etwa vier Stunden zu schlafen und dann aktiv zu werden. Früher musste nach diese Zeitspanne mutmaßlich das Feuer aktiv gehalten und auf die Jagd gegangen werden. Hätte Mensch länger geschlafen, hätte das Probleme bedeutet – also wurde sozusagen in Etappen geschlafen. Dann bin ich wohl auch ein Urzeit Mensch dachte ich beim Lesen. Ich konnte immer gut in Etappen schlafen und ich bin oftmals nach vier/ fünf Stunden Schlaf hellwach. Vielleicht steckt ja auch in dir einer, dann wären wir schon zwei :)

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