14. Woche

Der Efeu an der Friedhofsmauer hat schwarze Beeren. Ich lese, dass Efeu im Herbst und  erst nach ungefähr zehn Jahren blüht, und dass die Beeren ein starkes Gift enthalten. Japanerinnen pilgern auf den Nockherberg und tragen das, was sie für Dirndl halten. Wir hingegen kaufen uns einen „Kimono“ und verstehen darunter so etwas wie einen Bademantel.

Der Nachbar möchte mir eine Glasplatte mit der Aufschrift „Kochen ist Liebe“ schenken, die er nicht mehr gebrauchen kann. Leider muss ich ablehnen: meine Kochkünste würden jeden potenziellen Liebhaber in die Flucht schlagen, und man muss sie ja nicht noch mit der Nase darauf stoßen.

Das Haus meiner Träume wurde renoviert. Die früher hässliche Remise wird wohl ein Wintergarten. Ich hoffe, man lässt das kitschige Erkerfenster bleiben und streicht nur den Rahmen etwas dezenter.

Anfang der Woche tanze ich Sevillanas mit und ohne Kastagnetten, einmal als Paarchoreographie und einmal als Solo, dann improvisiere ich Galeras, und schließlich wiederhole ich die Siguiriya und die Guajira. Außerdem übe ich Fuß- und Armtechnik. Mitte der Woche reicht es nur für halbherzige Technikübungen und für eine fast ebenso halbherzige Farruca. Zuvor habe ich die Rezension eines Auftritts meines Lehrers gelesen und mich gewundert, was so ein Tanzkritiker alles sieht und was er sich dabei denkt. Ich nehme mir die Ausführungen des Kritikers zu Herzen und arbeite ein wenig an dem, was ihm an meinem Lehrer gefällt. Dadurch, aber nicht nur dadurch, verschwindet die unziemliche Härte aus meinen Bewegungen.

Am Donnerstag erhalte ich die ausführliche Einladung zu einem Seminar, auf das ich mich vergangene Woche noch gefreut habe. (Die „automatisierte Einladung“ habe ich schon vor längerer Zeit erhalten.) Unter anderem informiert man mich nun, ich dürfe gerne auch Jeans und Sneakers tragen.

Ich sehe  den ersten Schmetterling, aber er ist so schnell weg, dass ich nicht erkennen kann, was es für einer ist. Einen Tag später flattert ein Pfauenauge durch den städtischen Lehrgarten. Zum ersten Mal in diesem Jahr riecht es nach Grillkohle.

Die Schlaflosigkeit macht, dass ich mich am Morgen schon nicht mehr an die Nachrichten vom Vorabend erinnern kann. So gehen die Nächte ohne Schlaf dahin und die Tage im Nebel. (Bitte keine Tipps. Ich kann es nicht mehr hören, dieses „Du musst doch einfach nur…)

Ich höre ein bisschen Musik.  Tangos de la Repompa hört man heutzutage eher selten. Hier eine moderne Version der Gruppe Las Migas. In ihrem kurzen Leben – sie wurde nur 21 Jahre alt – kreierte La Repompa einen eigenen Gesangsstil, eben diesen Tango de la Repompa. Nach ihrem Tod hat eine ihrer jüngeren Schwestern den Namen und das Repertoire übernommen. Die Schwester lebt noch, soweit ich weiß.

Gelesen: Markus Zusak, The Book Thief (auf der Straße gefunden.)

7 Gedanken zu „14. Woche

  1. Ungefragte „gute Ratschläge“ sind die Geißel jeder Unterhaltung!
    Ich leide ja zum Glück nicht an Schlaflosigkeit. Aber es kommt selbst bei mir mal vor, dass ich ein, zwei Nächte hintereinander nicht schlafen kann. NUR ein bis zwei Nächte machen mich dann schon fertig. Und von daher habe ich da schon eine gewisse winzige Ahnung davon. Ich kann eigentlich „gut“ schlafen. Mein Körper holt sich das immer wieder von mir. Da freut sich dann auch immer wieder mein Unterbewusstsein, dass im Schlaf so alles wieder hervorholt, was ich im Wachzustand im Zaum behalten kann. Wahrscheinlich muss ich da einfach mal nur…
    In diesem Sinne, wünsche ich Ihnen mal einfach nur ein schönes Wochenende!

  2. …unziemliche Härte …
    daran blieb mein Gedankennetzchen hängen, merkwürdig, als hätte irgendwas in mir damit zu tun.
    In so ein ganz anderes Leben einzutauchen…
    Mein Kopfkino birst fast ob der Unähnlichkeiten…
    Wunderbar finde ich diese innere und äußere Beweglichkeit, von der ich da lese…
    Gruß von Sonja

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