Ein Samstag im März

alltag-001-2018

(nach einer Idee von Ulli / Café Weltenall)

Ich wache – für meine Verhältnisse – spät auf, also um kurz vor sieben. Es regnet. Unten an der Ampel rauscht ein Dieselmotor. Stadtbus, Linie 62.  Nicht, dass ich die Buslinien an ihrem Klang unterscheiden könnte, aber diese hier ist die einzige, die durch meine Straße fährt.  Ich ziehe die Vorhänge auf: grauer Himmel, schwarze Baumsilhouetten, heute kein Morgenrot. Der Regen malt ein Aquarell.

Über Nacht sind neue Texte in meinem Reader aufgetaucht, und so lese ich beim Kaffee, bevor ich irgendetwas anderes tue. Ich denke über das eigene Schreiben nach: dass ich dabei einerseits fast völlig ehrgeizlos bin,  mich aber andererseits über meine grammatikalischen und stilistischen Schnitzer maßlos aufregen kann (wenn ich sie denn bemerke). Dass mein Schreiben nicht mehr so ist, wie ich es will (aber vielleicht war es das nie).

Beim Einkaufen erinnere ich mich an ein Erlebnis vom Vortag. Ich wollte eine weiße Bluse kaufen, in einem dieser gediegenen Geschäfte, die Seriosität vortäuschende  Mode für Damen mittleren Alters und  Umfangs anbieten. Ich war da nicht zum ersten Mal, denn sogar ich brauche von Zeit zu Zeit biedere Bürokleidung. Leider wurde ich nicht fündig. Beim Hinausgehen traf mich der Blick einer Verkäuferin, der ziemlich deutlich sagte: Du gehörst hier nicht hin, Du bist allerhöchstens Kaufhaus-Niveau. Da ich gerade aus dem Büro gekommen war, hielt ich mich für dezent-konservativ geschminkt, gekleidet und frisiert, aber offensichtlich kann man sich da sehr irren. Zu Hause betrachtete ich mich kritisch im Spiegel, konnte aber nichts übermäßig Verwahrlostes an mir entdecken.

Später schaue ich in der Mediathek einen Spielfilm über eine französische Studentin an, die sich dem IS anschließt. Stellenweise ist er mir zu simpel, aber manche Dinge kann man in 90 Minuten einfach nicht erzählen.

Auf dem Heimweg vom Tanzen sehe ich Märzenbecher, Schneeglöckchen, Winterlinge und einen Winterschneeball blühen, auch Krokusse in allen drei Farben. Die Forsythien – aber  nicht nur die –  bekommen Knospen, und die Amseln singen sich die Seele aus dem Leib. Beim Tanzen habe ich heute fast nur improvisiert, aber die Ergebnisse waren überraschend gut. Allerdings kämpfe ich immer noch (oder schon wieder) mit meinem Gleichgewicht.

Im Obst- und Gemüseladen erwische ich noch sizilianische Blutorangen. Seit ich mit siebzehn auf Sizilien war, bin ich süchtig nach denen. Am Abend schaue ich wieder in den WordPress-Reader und finde weitere gute Texte, zum Beispiel einen über eine interessante Zeitschrift.

 

7 Gedanken zu „Ein Samstag im März

  1. Obwohl das Wetter heute anders ist, und ich in der Ferne die Geräusche der Trambahn höre, liest sich dein Morgen, wie sich der meine anfühlt. Vieles von dem du schreibst kommt mir bekannt vor. Manches nicht. Eine schöne Mischung und ein schöner Start in den Tag. Liebe Grüße

  2. Zunächst einmal herzlichen Dank für deinen Beitrag. Ich mag deine Art zu erzählen und damit auch deinen Schreibstil. Ich selbst stelle allerdings bei mir auch fest, dass meine Texte schonmal besser gewesen sind. Vielleicht gibt es ja Zeiten fürs Schreiben und Zeiten für den Tanz oder die Bilder oder …? Wenigstens versuche ich mich damit noch zu trösten, gebe also die Hoffnung nicht auf, dass es sich wieder wandeln kann.
    Verkäuferinnen sind eine Spezies für sich, manche Attitüden darf man beruhigt übersehen.
    Ich freue mich immer bei dir über den Tanz zu lesen, was ja in diesem Monat besonders passt.
    Herzliche Grüße
    Ulli

  3. Mich hat der Text dran erinnert, dass und wie ich mal mitten in einer Großstadt lebte. Die Geräusche, die Einkaufsmöglichkeiten, die Anonymität, Blicke von Verkäuferinnen, oh Douglas, oh….
    Mal Frauentausch machen? Oh, lieber nicht. Obwohl: interessanter Gedanke…
    Gruß von Sonja

  4. Die Beschreibung dieser Eindrücke sind anrührend, ohne dass ich sagen könnte warum. Dein Schreibstil ist wunderbar!
    Und Verkäufspersonal in Bekleidungsgeschäften wird manchmal überschätzt. Die wissen auch nicht alles. ;-)

  5. Pingback: Alltag 6 |

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