Armut

Ein Mann um die Sechzig, weder abgerissen noch schmutzig, aber durchaus ärmlich gekleidet, nähert sich zwei Hipstern (sagt man noch Hipster?) in der U-Bahn. Höflich fragt er, ob er die Zeitung, die zwischen den beiden auf dem Boden liegt, aufheben dürfe. Es ist nicht die Bildzeitung, es ist eine Zeitung mit viel Text und wenigen Bildern. Die Hipster starren ihn an und geben ihm die Erlaubnis. (Sie hätten die Zeitung auch aufheben und ihm reichen können, aber vielleicht sitzen ja die Zacken in ihren Kronen sowieso schon locker. Vielleicht sind sie aber auch nur jung, dumm und ungehobelt wie so viele hierzulande.)

„Ob der die wirklich liest?“  „Kannst Du sehen, was der damit macht?“

Es gibt viele Leute, die sich keine Tageszeitung leisten können, möchte ich den beiden Hipstern sagen. Leute, denen es vielleicht früher einmal ebenso gut gegangen ist wie Ihnen oder mir. Aber ich sage nichts. Es nützt ja doch nichts.

10 Gedanken zu „Armut

  1. Ich lerne grad idurch meinen vor kurzem begonnenen Nebenjod einiges über aärmere und reichere Menschen und solche mit kleineren und größeren Problemen.
    Tendenziell werden mir die Ärmeren und die mit den größeren Problemen immer sympathischer.

  2. Meist bin ich in solchen Situationen viel zu baff oder nicht schlagfertig genug um gleich was zu sagen. Hinter her ärgere ich mich dann immer, dass ich nichts gesagt habe.

  3. Solche Szenen schneiden ins Herz. Wir wissen nur, wie wir begonnen haben, aber nicht wie es weitergeht und schon gar nicht, wie wir enden. Jeder Mensch hat Respekt verdient. Vor allem solche, denen es das Schicksal nicht leicht macht.

  4. Ich muss zugeben, dass ich als befragter wahrscheinlich zu baff gewesen wäre, um die Zeitung aufzuheben und dem Fragesteller zu überreichen (so wie es sich gehören würde). Aber ich hätte mich keinesfalls auch nur ansatzweise lustig gemacht.
    Ich hatte mir auch schon mal Gedanken gemacht, wie ich ausgelesene Tageszeitungen einer sinnvollen Zweitverwertung zuführen kann. Mitinsassen im Büro mögen die Zeitung nicht haben. Einfach im ÖPNV liegen lassen ist illegale Müllentsorgung.
    Im allgemeinen bin ich mit dem Umgang der Menschen miteinander immer unzufriedener.

    1. Ich freue mich in Bahnen, so ich sie benutzen muss, immer über dicke Tageszeitungen mit viel Text. Ich hätte zwar knapp das Geld für ein Abo übrig, aber auf keinen Fall die Zeit, jeden Tag derlei zu wälzen. Und wenn die ungelesenen Zeitungen ein schlechtes Gewissen machen, ist auch nicht schön.

  5. Ich muss gestehen, dass ich mich auch einmal eines ähnlichen flegelhaften Kommentars schuldig gemacht habe. (Allerdings hatte ich den vagen Verdacht, dass die betreffende Person einen Sehfehler hat, da sie von dem bedruckten Material recht viel Abstand hielt, und es kam seeehr falsch raus.) Jedenfalls, ich habe seit fünf Sekunden nach dem blöden Kommentar immer noch ein schlechtes Gewissen. Es wird mir hoffentlich eine Lehre sein.

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