Frau B und Fräulein A

Frau B, Mitte 50 und bis vor kurzem in einer Autobahnraststättenküche beschäftigt, ahnte nichts Böses, als sie die Küche des vage asiatischen Imbisslokals betrat. Fräulein A, vage asiatisch und irgendwo zwischen zwanzig und dreißig oder eher doch etwas darüber, ahnte sehr wohl Böses, als sie Frau B betrachtete, die  – vom Arbeitsamt gesandt – sich an diesem Tag um eine Stelle als Küchenhilfe bewerben sollte.

„Ich hoffe, Sie können wenigstens Reis kochen!“ zischte sie und deutete auf die dunkelste Ecke der Küche. „Natürlich!“ schnauzte Frau B und nahm ihren Arbeitsplatz in Augenschein. Was sie sah, gefiel ihr gar nicht: Küchengerätschaften, die sie nur vom Hörensagen kannte, Regale voller Gläser und Dosen, die auf eine Weise beschriftet waren, die sie verwirrte, und die noch dazu Dinge enthielten, die sie gar nicht kennen wollte. Und natürlich Fräulein A, die – klapperdürr und freudlos – auf keinen Fall eine fähige Köchin sein konnte. Unnötig zu sagen, dass Frau B den Reis absolut nicht zur Zufriedenheit von Fräulein A kochte. Ebenso unnötig wäre allerdings der Hinweis, dass Fräulein A mit ihrer Nörgelei sämtliche Küchenhilfen einschließlich einer schüchternen japanischen Studentin vertrieben hatte, wobei die ansonsten so schüchterne japanische Studentin zum Abschied eine Suppenkelle haarscharf am Ohr des Fräulein A vorbeisausen ließ. Auch schüchternen japanischen Studentinnen reißt irgendwann einmal der Geduldsfaden.

Einen einzigen Punkt gab es jedoch, in dem sich Frau B und Fräulein A einig waren: Sauberkeit und Ordnung. Beide betrachteten Präzision als unabdingbar für eine anständige Küche, und ohne Sauberkeit und Ordnung gab es keine Präzision. Frau B brachte eigenmächtig eine helle Lampe über ihrem Arbeitsplatz an. Fräulein A quittierte dies nur mit einer kaum hochgezogenen Augenbraue, denn sie wollte sich kein zweites Mal sagen lassen, dass man in ihrer Küche weder mit den Augen noch mit dem Hintern sehen könne. Fräulein A ließ Frau B die Schriftzeichen auf den Gläsern und Dosen mit den unabdingbaren Zutaten auswendig lernen. Um sicher zu gehen, dass Frau B sich nicht nur die Position der Behälter gemerkt hatte, mischte sie Gläser und Dosen mitunter neu, obwohl das natürlich etwas ist, was man in einer Küche besser nicht tut, denn Köchin und Küchenhilfe müssen blind ins Regal greifen  und sofort das richtige Gewürz in der Hand haben. Frau B hatte zwar Mühe, sich die laut Fräulein A einzig richtige Art des Reiskochens anzugewöhnen. Was sie aber fast sofort beherrschte, war die Verwendung der fremden Gewürze. Das wiederum war kein Wunder, denn Frau B stammte aus einer Gegend, in der Jahrhunderte zuvor zwei sehr unterschiedliche kulinarische Kulturen aufeinander getroffen waren. Aus diesem Zusammenstoß war eine gleichzeitig kräftige und raffinierte Küche entstanden, in deren Rezepten und Verfahren Frau B sich von Kindesbeinen an geübt hatte. Da Frau B Fräulein As Sprache und Schrift nicht kannte, wiederholte Fräulein A Zutaten und Rezepte immer wieder auf Deutsch, und Frau B tat gut daran, sich beides zu merken. In der Tat merkte sie sich diese Dinge so gut, dass sie Fräulein A vertreten konnte, als die wegen einer Operation mehrere Wochen ausfiel. Fräulein A hatte zwar insgeheim Albträume, denn Frau B war mitunter auf eine Art kreativ, die dem traditionsverbundenen Fräulein A gar nicht gefiel. Trotzdem waren, als Fräulein A wieder auf den Beinen war, sämtliche Stammgäste noch da. Dennoch unterband Fräulein A jegliche Freiheiten, die Frau B sich mit dem Menü herausgenommen hatte. Obwohl das Lokal nur vage asiatisch und sehr auf den Geschmack der einheimischen Bevölkerung ausgerichtet war, hatten Rindswürste dort nichts zu suchen, nicht einmal, wenn sie in hauchfeinen Streifen zu einer raffinierten Füllung verarbeitet worden waren. Nicht einmal, wenn es sich um die nachweislich besten Rindswürste des Landes handelte.

Herrn C hatten die Teigtaschen mit der Rindswurstfüllung geschmeckt. Aber Herr C war ohnehin ein Sonderfall. Jeden dritten Tag, außer am Wochenende, sah man ihn am zweiten Tisch am Fenster zur Straße sitzen. Das Fräulein A, das er seit Jahren ebenso innig wie hoffnungslos liebte, erlaubte ihm, die Bücher des Lokals zu führen, denn der klare Kopf, den sie in der Küche bewies, ließ sie angesichts einer Reihe von Zahlen im Stich. Auch Frau B wäre, was Zahlen betraf, alles andere als eine Hilfe gewesen. Eine von LKW-Fahrern aus aller Welt frequentierte Autobahnraststätte pleitegehen zu lassen, ist keine Kleinigkeit und konnte im Falle von Frau B nur mit einem völligen Mangel an mathematischem Verständnis erklärt werden. Herr C aber lebte für Zahlen, und deshalb betrachtete er die Aufgabe, die das Fräulein A ihm übertragen hatte, nicht als eine Aufgabe, sondern als Geschenk. Teil des Geschenks, und womöglich sogar der größere Teil, war natürlich das Lächeln, mit dem Fräulein A die auf Vordermann gebrachten Geschäftsbücher in Empfang nahm. Dieses Lächeln verwandelte das scharfzüngige Fräulein A in eine blühende Rose, jedenfalls in den Augen des Herrn C. Andere hätten die etwas schief stehenden Zähne des Fräuleins bemerkt, ihr leichtes Schielen oder die scharfen Falten um ihre Mundwinkel herum, aber für Herrn C waren ohnehin nur Primzahlen vollkommen. Auf dieser Welt war Fräulein A möglicherweise das lebende Wesen, das einer Primzahl am ähnlichsten war. Aber ach, die Primzahlen genügen sich selbst, wie auch das Fräulein A. Dachte das Fräulein A.

Herr C aber dachte anders. Herr C dachte, das Fräulein A gäbe eine gute Ehefrau und liebevolle Mutter ab. Er war wohl der einzige, der das dachte. Vielleicht ahnte Frau B auch so etwas, aber sie sagte es nicht. Das schroffe und scharfzüngige Fräulein A musste jedoch erst überzeugt werden, und sie hatte nicht die Absicht, dies geschehen zu lassen. Ich weiß nicht, ob es dem Fräulein A anfangs überhaupt bewusst war, dass Herr C um sie warb. Als er schließlich deutlicher wurde, lehnte sie rundheraus ab. Sie wollte nicht Frau C werden. Tatsächlich bestand sie auch mit über dreißig Jahren darauf, „Fräulein“ genannt zu werden. Der Begriff „Fräulein“ war die Fahne ihrer Unabhängigkeit, die sie stolz vor sich her trug. Frau B, obwohl gleichermaßen unverheiratet und unabhängig, fand das albern, aber auch das sagte sie nicht.

Kurz und gut, auch wenn ich mein verehrtes Publikum enttäusche: Fräulein A und Herr C heirateten nicht. Nie. Aber sie besuchten einander regelmäßig. Herr C sorgte dafür, dass die finanziellen und juristischen Verhältnisse des vage asiatischen Lokals etwaigen Anstürmen des Geschäftslebens gewachsen waren. Frau B investierte eine kleine Erbschaft, die ihr in jenen Jahren zufiel, und aus dem vage asiatischen Imbisslokal wurde ein gut geführtes chinesisches Restaurant, eines, das sogar von den chinesischen Familien des Ortes gerne aufgesucht wurde. Als Frau B das Rentenalter erreichte, war sie stille Teilhaberin. Herr C hängte ihr Foto – als Foto der „Chefin“ – im Gastraum auf. Das war Frau B zwar ein wenig peinlich, aber sie nahm es hin. Auch Fräulein A nahm es – klug, wie sie nun einmal war – hin. Die mütterlich wirkende Frau B war ein besseres Aushängeschild für das Restaurant als das primzahlartige Fräulein A, das war allen Beteiligten bewusst.

So lebten sie, das wollen wir doch hoffen, glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute. Aber die Geschichten, das muss man wissen, sind nie die ganze Wahrheit. Nicht einmal, wenn sie von viel besseren Menschen als mir erzählt werden. Oder zumindest von solchen, die sich dafür halten.

14 Gedanken zu „Frau B und Fräulein A

    1. Ich weiß nie, was meine Figuren am Ende anstellen. Eigentlich sollten sich A und B noch mehr hassen und wo dann der C plötzlich herkam, weiß ich auch nicht. Aber wenn sie cool sind, dann bin ich ja zufrieden.

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