Wenn alle Welt stirbt

Die A und ich waren Kolleginnen, aber keine Freundinnen. Grundsätzlich kamen wir miteinander aus. Das eine oder andere Mal sind wir aneinandergerasselt. Zwei Dickschädel, zwei Arbeitstiere, zwei eher explosive Charaktere – unser Konkurrieren wurde von unseren Vorgesetzten seinerzeit nicht ungern gesehen, denn wir trieben uns gegenseitig zu Höchstleistungen an. Die A verließ die Firma vor mir. Sie begann eine Weiterbildung in einer anderen Stadt und fand dort bald eine Stelle, die ihr zu gefallen schien. Dann verlor ich sie aus den Augen und hörte nur noch gelegentlich über Dritte und Vierte von ihr. Kürzlich habe ich sie aus einer Laune heraus gegoogelt. Gefunden habe ich eine Todesanzeige, drei Jahre alt. Gestorben ist sie, als sie so alt war wie ich jetzt. Anscheinend unverheiratet und kinderlos, aber eingebunden in eine Familie von Brüdern, Schwestern, Nichten und Neffen. Nicht mehr jung, aber doch noch zu jung zum Sterben. 

Wenige Tage, bevor ich die Anzeige fand, sagte ich zu meiner Mutter, dass ich doch jetzt in das Alter käme, wo man eigentlich  einen dezenten Regenschirm für Beerdigungen braucht. Ich habe nämlich nur einen blauen mit einem Rosenmuster. Aber wenn ich es recht bedenke, hätte der der A wahrscheinlich viel besser gefallen als ein schwarzer oder grauer. 

6 Gedanken zu „Wenn alle Welt stirbt

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