47. Woche

Krähen malen schwarze Scherenschnitte auf den blassen Himmel. Der Herbst neigt sich dem Winter zu, am See schneit es wohl schon. Kürbisse, Hexen und Skelette weichen Engeln, Marzipankartoffeln undNikoläusen. In den Büros beginnen die Vorbereitungen für die Weihnachtsfeiern. Aufträge werden verteilt, Du machst den Glühwein, Du bringst die Weißwürste, Du die Brezen. Ich selbst habe dieses Jahr das Kollegium vor die Wahl gestellt: Rührkuchen oder Nudelsalat. Das Kollegium wählte den Nudelsalat, so kriegt jeder,was er verdient. Der Nudelsalat meiner Großmutter väterlicherseits ist eine kulinarische Bosheit, nichts schmeckt so, wie man es erwartet.

Das Tanzen habe ich dieses Jahr sehr vernachlässigt. Berufliches und Gesundheitliches standen im Weg. Nichts war ernst, aber alles war zäh, schwierig, umständlich… Mit Absicht habe ich keine neue Choreographie begonnen; das war – im Nachhinein betrachtet – ein Fehler.Vielleicht hätte ich mehr Energie für etwas Neues aufgebracht, aber das Alte schrie nach Verbesserung und Korrektur. Immerhin komme ich wieder einigermaßen mit den Kastagnetten zu Rande. Der Herr Lehrer hat sich noch nicht gemeldet wegen des nächsten Workshops. Möglich, dass er auch eine schöpferische Pause braucht. Ich jedenfalls hungere nach Inspiration, aber die will zur Zeit nicht aus dem Flamenco selbst kommen.

Museen verlocken, ein Konzert ist wohl ein neues Kleid wert, der Freund, der kein Freund ist, berichtet von Palästen, aber auch von Prekärem. Ich übernehme eine zusätzliche Notrufschicht, aber nur, weil es mich amüsiert, zuzusehen, wie der Chef freundlich sein muss. Meine Wohnung hat eine neue Bewohnerin, eine Konzertgitarre. Die gehört dem besten Ex derWelt. Er hat Verpflichtungen, aber keine musikalischen, sondern traurige,  familiäre, die eine längere Abwesenheit erforderlich machen. Seine „Braut“ lässt er nicht gerne allein, deshalb hat er sie bei mir einquartiert.

3 Gedanken zu „47. Woche

  1. Ich finde es immer wieder beruhigend, dass Menschen mit ihren Ex-Liebsten auch ein so gutes Verhältnis pflegen können, dass sie Gitarren in Obhut nehmen. (Ich kann ja nicht viel mitreden, aber meine Eltern kommunizieren seit mehr als zehn Jahren über mich, und ich bin froh, dass ich keine Hochzeit plane.)

    1. Es funktioniert nicht immer gleich gut, aber ich versuche, mit meinen „Exen“ zumindest im Gespräch zu bleiben, nachdem der größte Trennungsschmerz oder -zorn verflogen ist. Kommunizieren über Dritte belastet ja oft auch den Dritten (womit ich mir kein Urteil über Ihre Eltern erlauben möchte).

      1. Sie haben da sehr recht mit der Belastung von Dritten, und ich bin froh, dass die beiden sich erst getrennt haben, als ich aus de Haus war.

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