Am See: Nebel und Raureif

Am See herrscht Ordnung, denn der See liegt in Bayern und in Bayern herrscht die CSU. Wenn es auch so aussieht, als hätten die Grünen oder die Freien Wähler einen Lauf, so weiß man hierzulande doch aus Erfahrung, dass zuletzt immer die CSU lacht. Steht die CSU auch nicht immer für Recht, so doch stets für Ordnung (und die Fälle, in denen es die CSU auch mit der Ordnung nicht so genau nimmt, erwähnt man tunlichst nicht in der Öffentlichkeit, wo man doch nie weiß, wer sich auf ein Kleinstblog verirrt…)

Ordnung heißt am See, dass die Wanderer auf die Wege gelenkt werden, wo sie am wenigsten stören. Entweder jagt man sie gleich auf irgendeinen Berg hinauf – dann sind sie für ein paar Stunden aus dem Weg – oder man führt sie über größtenteils asphaltierte Wirtschaftswege, über die am Sonntag die teils schon sehr gereifte Jugend ohne Rücksicht auf Verluste zur Kirche brettert. Und auch die wirkliche Jugend geht im Landkreis Miesbach eifrig in den Gottesdienst, wie ich am Ausgangspunkt meiner Runde in Agatharied feststellen durfte. Ebenfalls in Richtung Kirche bewegt sich eine Blaskapelle, unter deren Mitgliedern ich den Feuerwehrmann zu erkennen glaube, der seinerzeit meine ohnehin zweifelhaften Bayerischkenntnisse auf eine so harte Probe gestellt hatte. Die Blaskapelle übrigens musiziert zart und melodisch und beschränkt sich nicht auf die übliche knallchargenmäßige Dicke-Backen-Musik mit Humtata. 

Die Wegbeschreibung sagt, man solle rechts an der Kirche vorbeigehen, aber rechts ist kein Weg. Also gehe ich über den Friedhof, dann eine lange Treppe hinunter und stelle fest, dass ich doch auf dem richtigen Weg bin. Am Fuß der Treppe begegnet mir ein sehr zierlicher älterer Herr in feinster Tracht, und in meinem Hirn taucht sofort eine Geschichte auf, eine über einen kleinwüchsigen Bauernsohn und einen reichen Hof wie den, der unmittelbar vor mir liegt. 

Wiesen und Bäume sind vom Raureif versilbert. Der Weg führt an mehreren Höfen vorbei, die gerade so in Sichtweite voneinander liegen. Kein Mensch ist unterwegs, aber mitunter hört man im Nebel in der Ferne Kuhglocken. Auf einer Anhöhe ist die Silhouette eines Fuchses mit buschigem Schweif zu sehen. Ich finde die vermutlich letzten Brombeeren. Reif sind sie nicht mehr geworden, aber ziemlich hart. In der Nacht hat es gefroren, auf den Pfützen hat sich ein dünne Eisschicht gebildet. Ein Weißdornbusch scheint zu blühen, aber das kann nicht sein. Als ich näher komme, sehe ich, dass an den Zweigen ungewöhnlich viel Raureif hängt. 

Ein Rabe sitzt auf einem Baum vor einem Gehöft, ein Lastwagen holt die Bergbauernmilch ab. Ich wundere mich über Hundehütten an der Stallwand und vor allem darüber, dass die Hunde nicht anschlagen. Beim Näherkommen sehe ich jedoch, dass es sich mitnichten um Hundehütten, sondern um eine Art Unterstände für schon etwas größere Kälber handelt. Die Wegbeschreibung erwähnt eine Haflingerweide, über die man auf eigene Gefahr gehen könne. Als ich dort ankomme, bin ich jedoch recht froh, auf einem Pfad zwischen zwei Weiden weiterwandern zu dürfen. Nicht wegen der Haflinger, mit Pferden komme ich zurecht. Allerdings habe ich Hemmungen, mit meinen Wanderstiefeln über die Ländereien fremder Leute zu stapfen.  

Schließlich stelle ich fest, dass ich auf einem Wanderweg gelandet bin, den ich schon beim letzten Mal, aber in entgegengesetzter Richtung, gehen wollte. Damals bin ich wohl irgendwo falsch abgebogen, denn schon nach kurzer Zeit war nicht nur der Weg sondern anscheinend sogar die Welt zu Ende. Heute jedoch finde ich mich ohne Schwierigkeiten zurecht. In Gmund angekommen, begegnet mir auch dieses Mal die örtliche Geistlichkeit. Allerdings ist es der lutherische Pfarrer, der genau in dem Moment, als ich an der Kirche vorbeigehe, die Türen aufreißt und mich böse anschaut. Weil ich aber nicht zu seiner Gemeinde gehöre, kann mir das egal sein. Die Katholiken sind mit Singen und Beten noch nicht fertig, so muss ich auf den Besuch bei der kleinen Schutzmantelmadonna verzichten. Keine frischen Gräber auf dem Friedhof. Wenn ich aber all die Geschichten aufschriebe, die sich mir beim Betrachten der Grabsteine aufdrängen, könnte ich mich am See nicht mehr sehen lassen. Mein Blick bleibt an einem Familiengrab hängen. Zwillingsschwestern, die eine mit gerade einmal einem Jahr, die andere in ihren Zwanzigern gestorben. Ein Sohn von einem wohlhabenden Hof, an dem ich heute vorbeigewandert bin, dem Bild nach zu urteilen lebenslustig, wenn auch nicht mehr ganz jung. Geheiratet hat er anscheinend nie, und auch dazu fiele mir  – da ich ja Dorfgemeinschaften kenne – das eine oder andere ein. Wieder einmal muss ich mich selbst daran hindern, mir Lebensgeschichten zu Grabsteinen auszudenken. 

Wanderweg. (teilweise über den Großen Rundwanderweg Schwärzenbach)

Keine Zug- und Pausenlektüre dieses Mal. 

10 Gedanken zu „Am See: Nebel und Raureif

    1. Nichts zu danken. Mal sehen, vielleicht gibt es noch die eine oder andere Geschichte. Wenn man sich allerdings von einem ländlichen Friedhof inspirieren lässt, muss man aufpassen, nicht ins Genre „Heimat(kitsch)roman“ abzurutschen, deshalb traue ich mich nicht. (Und ich habe einen Twitterbruder, der in dem Dorf mit dem geschichtenreichen Friedhof wohnt…)

  1. Mit Schülern wollte ich mal zum Friedhof gehen und Frottagen von Grabsteinschriften anfertigen lassen. Zum Glück ist es bei der Idee geblieben.
    Deine Schilderung der Wanderung ist so fein gestaltet, dass einem anschaulichste Bilder in den Kopf kommen. Dafür danke! Ich liebe so etwas, will aber nie alleine solche Wege gehen. Zu ängstlich, leider.
    Gruß von Sonja

Kommentare (Bitte beachten Sie hierzu die Datenschutzerklärung)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.