Soll man?

Soll man, so fragt jemand auf Twitter, den Kontakt abbrechen zu den Eltern, wenn diese AfD wählen? Mein Vater lebt nicht mehr, aber er hat sein ganzes Leben nichts anderes als SPD gewählt. Bei meiner Mutter ist keine Gefahr:  sie hat nie eine rechte Partei gewählt und wird das auch auf ihre alten Tage nicht tun. Ich habe aber zwei angeheiratete Cousins, die mit der AfD zumindest sympathisieren. So entfernte Cousins, dass man sie außerhalb Nordhessens wohl nicht einmal mehr Cousins nennen würde.

Die Frage, die auf Twitter gestellt wurde, war eine rhetorische. Der Fragende, der sich betont christlich gab, war der Meinung, man müsse sich auf jeden Fall von solchen Eltern distanzieren. Er konnte das sogar mit einem Bibelzitat untermauern. Nun, wenn ich noch so bibelfest wäre wie in meinen frommen Zeiten, könnte ich sicher einen Bibelvers finden, mit dem sich das Gegenteil belegen ließe.

Obwohl ich ziemlich sicher bin, dass man es nicht mit dem Christentum vereinbaren kann, die AfD zu wählen, und obwohl ich sicher nur noch kulturell Christin bin, möchte ich doch zu bedenken geben, dass es auf keinen Fall christlich ist, Menschen zu verteufeln und zu verstoßen, weil sie einen falschen Weg gehen.

Wäre meine Großmutter katholisch gewesen, hätte man sie wahrscheinlich eine Herz-Jesu-Sozialistin nennen dürfen. Ihre zahlreichen Brüder vertraten, soweit ich weiß, sehr unterschiedliche Meinungen. Was sie nicht hinderte, miteinander und mit meinem bekanntermaßen roten  Großvater zu trinken. Eine Familienlegende erzählt von einem Gespräch zwischen meinem Großvater und seinem Schwager. Letzterer – ein NSDAP-Mitglied der ersten Stunde – tatsächlich oder nur gespielt stockbesoffen, sagte es meinem Großvater auf den Kopf zu: „Martin, du bist Schuhmacher.“  Und mein Großvater: „Nein, Martin, ich bin doch Schmied!“ „Schuhmacher“ bezog sich natürlich auf Kurt Schumacher. Der eine Martin hat den anderen Martin übrigens nicht denunziert. Familie eben. Oder vielleicht hatte der eine Martin auch nur ein bisschen Angst vor seiner Schwester.

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Wissen Sie eigentlich, wer der Apfelpfarrer war?

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Und weil man nicht nur melancholisch sein kann: Video

10 Gedanken zu „Soll man?

  1. Lebendige Musik in dem Video. Von schönen jungen Menschen, eine sogar mit Zahnspange. Herrlich zum Mitwackeln, erspart zwei Piccolöchen. Danke.
    Gruß von Sonja

  2. Ich würde wohl nicht so weit gehen, den Kontakt abzubrechen, wohl aber auf ein Mindestmaß reduzieren. Und wenn diesbezüglich Fragen auftreten sollten, würde ich den Eltern, oder auch sonstigen Verwandten oder Freunden, meine Meinung sagen. Wer sich dann von mir zurückziehen sollte, soll er.

      1. Das Problem habe ich gerade. Wenn Sie ein Video erhalten, in dem alternative Fakten verbreitet werden und in dem meine bevorzugte Blase mit „ihr ekelt mich an“ verabschiedet wird, dann überlegen Sie sich schon, was die Verwandtschaft eigentlich von Ihnen hält und warum diese Verwandtschaft noch mit Ihnen redet, wenn Sie so eklig sind …

        1. Ich denke über so was auch schon ein Weilchen nach. Gefühlt überall trauert man einer Diskussionskultur hinterher, in der Leute mit grundverschiedenen Meinungen diskutieren und sich davon abgesehen prächtig miteinander amüsieren konnten. Offenbar führte eine (Meinungs-)Verschiedenheit eben nicht zwangsläufig zu „ihr ekelt mich an“; vielleicht waren Meinungen etwas, das Menschen hatten, das sie aber nicht definierte? Oder vielleicht saß das Urteil über andere nicht gar so locker? Filterblasen gibt es ja eigentlich schon immer.

  3. Wenn man nicht mehr miteinander verkehrt, kann man auch nicht miteinander reden. Ein leichter Weg! Mein Ex-Freund (mit dem ich noch befreundet bin) ist auch afd-Sympathisant. Ich find das schrecklich; ich glaube an Gott, das findet er schrecklich. ;-)

    1. Je nachdem, wie eng das Verhältnis ist, ist es leichter oder schwerer, den Kontakt abzubrechen. Ich finde, es kommt sehr auf die Situation an. Mich hat an dem Tweet gestört, dass der Autor seine Ansicht als Maxime und Handlungsanweisung für alle Welt zu sehen schien. So etwas geht meiner Erfahrung nach nie gut.

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