Am See: Abschied

Zwei Stunden länger als üblich habe ich geschlafen, denn die Nacht war keine erholsame. Deshalb nehme ich den Zug um kurz nach neun, den, mit dem die Massen zum See fahren. Und die Massen sind da, an diesem voraussichtlich letzten schönen Sonntag im Oktober und vielleicht im ganzen Herbst. Sie plappern, allesamt und ununterbrochen. Fahrradfahrer suchen ihren Platz; die böse Kommandeuse in Gestalt einer Bahnangestellten scheucht sie in einen Wagen, der ohnehin überfüllt ist.  In Holzkirchen fährt der Zug nicht mehr weiter, aber der nächste steht schon am selben Bahnsteig gegenüber. Finsterwald hat nun auch eine Bahnstation. Vor Gmund liegt noch leichter Nebel auf den Wiesen. In Tegernsee springe ich als eine der ersten aus dem Zug und bin im Wald, bevor sich die Horden auf dem Wanderweg drängeln. Der Wind kommt vom See her und trägt den Duft der Misthaufen bis tief zwischen die Bäume. Trotz allem ist das hier immer noch Bauernland. Ich weiche vom Wanderweg ab und folge einem Pfad, den ich bei einer der vorigen Wanderungen entdeckt habe. Er ist weder gekennzeichnet noch finde ich ihn in der Karte, also muss ich wohl nachsehen, wohin er führt. Er führt zum Unterstand eines Jägers, der anscheinend das Wild  anfüttert, um sich die Jagd zu erleichtern. Es ist aber kein Jäger da, und so gehe ich weiter. Der Pfad wird immer schmaler und verschwindet schließlich ganz. Auch weiter oben ist kein Pfad, nicht einmal ein Holzweg, also kehre ich um auf den regulären Wanderweg.  Der ist heute allzu gut besucht, und ich, die ich beim Wandern doch eigentlich keine Menschen sehen mag, komme aus dem Grüß-Gott-, Servus- und Hallo-Sagen nicht heraus. Der See ist metallisch-grau und ein einzelnes Segelboot kreuzt vor schwachem Wind. Keine zehn Pferde bekommen mich heute auf die Neureuth. Bei diesem Wetter und um die Uhrzeit sind alle echten Wanderer da; eine Dilettantin wie ich hält sich da besser diskret zurück. Am Hof mit dem schönen Vieh ist die Altbäuerin mit ihren Blumen beschäftigt. Ihr Haar ist nun ganz weiß geworden. Den ganzen Sommer habe ich sie nicht gesehen; und manchmal habe ich auf dem Friedhof nachgeschaut, ob da vielleicht ein frisches Grab ist. Die Altbäuerin redet nicht mit jedem, und schon gar nicht mit mir;  der Altbauer ist da anders, aber der ist nicht zu sehen. Man muss die Leute eben so nehmen, wie sie sind. Dem Vieh wächst schon ein Winterfell, vielleicht kriegen wir wirklich einen frühen Winter, auch wenn das Wetter noch nicht so aussieht. Ein Jungrind, kein Kalb mehr, aber auch noch nicht ganz ausgewachsen, liegt im Gras und hat seinen Kopf aufs Hinterteil seiner ebenfalls im Gras liegenden Mutter gestützt. Beide kauen in einer Seelenruhe, zu der nur Rinder fähig sind, wieder.  Ich gehe über Oberbuchberg, Niemandsbichl und Schwärzenbach zurück. Ältere Herren überwinden scheinbar ohne Anstrengung Steigungen mit dem Fahrrad, aber ein Surren verrät mir, dass es nicht allein Muskelkraft ist, sondern auch Elektrizität, die sie antreibt.  In Gmund strahlt die Sonne und lässt den See silbern glitzern. Auf dem Weg zum Friedhof kommt mir der örtliche Klerus entgegen, der auch zu Mittag essen will. In der Kirche Reste der Dekoration vom Erntedankfest sowie das Ergebnis eines Brainstormings der Ministranten, die sich mit dem Konzept des Dienens beschäftigt haben. Für einen Ministranten bedeutet Dienen: „da Depp sei“ (was er genau so und in genau dieser Schreibweise vermerkt hat). Seine Ministrantenzeit wird sicher für alle Seiten ein Gewinn. (Ich hege einen vagen Verdacht, wer seine Großmutter sein könnte – dieser Hang zur Respektlosigkeit und einer klaren Sprache lässt mich an eine gewisse Altbäuerin denken…)

Am Bahnhof bittet ein Skandinavier (?) mit einem Sweatshirt einer von Neonazis bevorzugten Marke und einem Hutbürgergesicht mich um Hilfe beim Fahrkartenkauf. Sein Ziel ist der Münchner Flughafen Einen Moment lang überlege ich, ihn irgendwo ans Ende der Welt zu schicken, einfach aus Prinzip, aber Fahrkarten in die Walachei verkauft der Automat nicht. Im Zug sitzt eine junge, offensichtlich geistig behinderte Frau in Begleitung ihres Vaters. Sie hat Schwierigkeiten, mehrsilbige Wörter zu bilden. Ihr Vater ignoriert sie hartnäckig, aber sie gibt nicht auf.

Zuglektüre auf der Rückfahrt: der Pfarrbrief des Katholischen Pfarrverbands Gmund-Bad Wiessee, in dem überraschenderweise eine Lanze für Asylbewerber und gegen die Abschiebung einer Schwangeren gebrochen wird.

Ein Gedanke zu „Am See: Abschied

  1. Köstliche Beschreibungen von Gegend, Rindern, Kindern; besonders die behinderte Frau mit ihrem Vater, außerdem das schöne Wort „Hutbürgergesicht“ – ganz genau kann ich mir ein solches vorstellen! Und die Lanzen im Katholischen Gemeindebrief! – Ich klaube mir auch immer ALLES Lesbare überall zusammen.
    Gruß von Sonja

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