08. Oktober 2018

Im Bus riecht es intensiv nach Liebstöckel. Eigentlich ist es zu dafür schon zu spät im Jahr, aber der Liebstöckel auf meinem Balkon hat vor zwei Wochen wieder kräftig ausgetrieben, nachdem er im Sommer fast einer Raupe Nimmersatt zum Opfer gefallen wäre. In der U-Bahn haben sich einzelne  Herren so strategisch platziert, dass sie pro Person mindestens drei Sitzplätze belegen. Die Damen tun es ihnen mit Hilfe ihrer Hand- und sonstigen Taschen nach. Man merkt, dass in der Stadt eine Fachmesse für Immobilien und Investitionen stattfindet. Wer aber so früh unterwegs ist, dass er sich die U-Bahn mit dem Akademiker- und sonstigem Proletariat teilen muss, der kann auf der Messe kein großes Licht sein.  Die kleinen Lichtlein hindert das aber nicht daran, sich zu betragen, als gehöre ihnen die Stadt. Ein ebenfalls mitreisender Flaschensammler legt hingegen großen Wert darauf, auf keinen Fall mehr als den ihm zustehenden Raum einzunehmen.

Die aus dem Urlaub zurückgekehrten  Kolleginnen sitzen wieder an ihren Schreibtischen. Auf der anderen Flurseite wird geschimpft. Bekanntermaßen sind ja in einem Büro immer die anderen die Faulpelze. Der Chef gibt sich am Mittagstisch die Ehre. Man diskutiert die kommende Wahl, aber ich halte mich zurück. Mir ist es unangenehm, wenn das werte Kollegium allzu viel über mich weiß.

Mit etwas mehr Energie als in den letzten Wochen und Monaten wiederhole ich nach der Arbeit zwei meiner eigenen Choreographien. Die Auswirkungen des täglichen Lebens auf den Ausdruck im Tanz sind erstaunlich: die Guajira ist präziser geworden, weniger ironisch als vielmehr sarkastisch, und der Tango der Málaga hat an Deutlichkeit gewonnen, aber auch an Härte. Der Flamenco erzählt, wie schon anderswo auf diesem Blog erwähnt, Geschichten vom Überleben. Überlebt haben heißt aber nicht, nicht gescheitert zu sein.

Auf dem Heimweg bleibt – ich weiß gar nicht wie und wieso – mein Blick an einem untersetzten Herrn hängen. Dieser, ganz ungeniert, sieht dies als Aufforderung zum Exhibitionismus. (Meine Mutter war übrigens schon ein würdige Matrone, als sie einmal bemerkte, wie ein Nachbar sie durch einen nicht ganz zugezogenen Vorhang beim Umziehen beobachtete. „Wenn der es so nötig hat“ sprach sie „dann sei es ihm gegönnt.“)

Am Abend schreibe ich eine Mail an eine Freundin und diesen Text.

Bevor Sie aber weiterziehen, hier noch eine Frage an das hochverehrte Publikum: Frau Sehkrank fürchtet sich vorm Schlafen. Kein Witz, sondern Schlafparalyse. Weiß jemand Rat? (Lassen Sie sich nicht von dem Warnhinweis ins Bockshorn jagen. Der Blogeintrag ist hochmoralisch.)

 

10 Gedanken zu „08. Oktober 2018

  1. Mir gefällt ja „Akademiker- und sonstigem Proletariat“ sehr. Die Meisten werfen einen ja nicht in einen Topf, wie sich das eigentlich gehört. ;-)
    Sehr schön!

    1. Ach und noch etwas fällt mir dazu ein. In der Lehre haben wir immer gesagt: Wir sind die „Ackerdemiker“!
      Ach ja, da habe ich schon lange nicht mehr dran gedacht! :-)

        1. Als Person in einem Serviceberuf ackere ich auch trotz Studium. Und im Nebenberuf selbst, wenn auch nicht ständig ohne ordentliche Ausbildung. (Aber Lektorieren und Romanschreiben: Dafür gibt’s keine rechte Ausbildung.)

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