Friedhofsrunde: Ostfriedhof

Auf dem Münchner Ostfriedhof liegt „jene Gräfin Larisch“ begraben, die Mitschuld tragen soll am erweiterten Selbstmord des österreichischen Kronprinzen Rudolf, dessen Verzweiflung oder aber Skrupellosigkeit so weit ging, dass er seine noch nicht volljährige Geliebte mit in den Tod nahm. Jemand hat eine Tafel mit dem Geburtsnamen der Gräfin Larisch, der „Mendel“ lautete, aufgestellt. Das nächste Grab in der Reihe hat ein bisschen mehr Abstand als üblich vom Grab der Gräfin, als habe man dieser auch Jahrzehnte später lieber nicht zu nahe kommen wollen.

Die Armen Schulschwestern scheinen die abseitigsten Heiligen auszugraben, um ihren Mitgliedern dann deren Namen zu verpassen. Meine heutigen Favoritinnen sind die Schwestern Udalberta und AlKantara, die in Frieden ruhen mögen. (Stellen Sie sich vor, Sie treten ins Kloster ein, ahnen nichts Böses, und dann passiert so etwas.) 

Das Grabmal eines hiesigen Friseurs und seiner Mutter ist größer als meine Wohnung, aber einziehen möchte ich trotzdem nicht. Immerhin, bei Regen kann man sich gut unterstellen. Der hiesige Hang zu Megalomanie zeigt sich auch in der Stammestracht eines noch lebenden Herrn: auf dem Hut ein Gamsbart von der Größe eines stattlichen Blumenkohls, vor Wanst und Hosenlatz ein Charivari, das allein zwei Kilo wiegen muss. Leider erlaubt es die Höflichkeit nicht, einem fremden Herrn auf Bauch und Hose zu starren, deshalb kann ich die Pracht nicht in allen Einzelheiten schildern.

Etwas entfernt finde ich den Grabstein einer Zirkusfamilie: in Ausübung ihrer Kunst verunglückte Artisten, ehemalige Artisten, eine Musikerin und ein Dekorationsmaler ruhen in dem schmalen Grab. Überhaupt ist dieser Friedhof sehr divers. Unterschiedliche Nationalitäten, Religionen und gesellschaftliche Klassen liegen nebeneinander. Selbstverständlich sind aber auch im Tod nicht alle gleich. Mancher bekommt nur ein schlichtes Holzkreuz, auf dem bestenfalls Name und Sterbedatum verzeichnet sind. Traurig stimmen wenige Jahre alte, vernachlässigte Gräber von Kleinkindern. Die Eltern fortgezogen, eine professionelle Grabpflege unerschwinglich? Man weiß es nicht. Friedhöfe erzählen eben auch nicht alle Geschichten, und wenn, dann nur in Bruchstücken. An einer anderen Stelle ist ein Grab für eine Beerdigung vorbereitet. Der Aushub lagert diskret hinter Büschen.

Das ist aber immer noch ein Friedhof, der lebt, der besucht wird. Die meisten Gräber sind gepflegt und noch einmal frisch bepflanzt vor dem Herbst. Heute ist es sonnig, der Regen der letzten Wochen hat die Bäume noch einmal grün gemacht,  und obwohl dies ein Großstadtfriedhof ist, erinnert er mich doch an einen anderen Friedhof, einen Dorffriedhof gleich neben einem Kohlfeld.

3 Gedanken zu „Friedhofsrunde: Ostfriedhof

  1. Als meine beste Freundin vor sechs Jahren verstarb, wurde der Aushub nicht diskret hinter Bäumen versteckt, sondern direkt vor der Grube aufgehäuft. Ein paar Menschenknochen ragten hie und da in die Luft. Das war nicht direkt heimelig…

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