Landwirt

„Sünd’ und Hölle mag sich grämen,
Tod und Teufel mag sich schämen.“ (Paul Gerhardt, 1667)

An einem Tag wie heute ist er gestorben, einer, über den ich im Vorgängerblog einmal geschrieben habe, wobei ich wohl den Eindruck erweckt habe, er sei so eine Art freundlicher Gartenzwerg gewesen. Aber das war er ganz und gar nicht. Vielmehr war er einer, der das Gewicht eines Ochsen aufs Pfund genau schätzen konnte. Ohne viel formale Bildung, aber blitzschnell im Kopf, was ihm erlaubte, mitten im „Bauernsterben“ einen nicht sehr großen Hof zu halten. Überhaupt, der Hof. Jahrhunderte alt, einmal fast zerstört, wegen einer Religion oder besser gesagt, wegen zweier Konfessionen, die sich nur in Nuancen unterschieden. Von da an soll auf dem Hof ein Geist umgegangen sein, bis eines Tages das Gebäude, in dem der Geist zu Lebzeiten gewohnt hatte, abgerissen wurde. Die Balken wurden in einem Elektrizitätswerk verbaut, und da spukt der Vorfahr bis auf den heutigen Tag.  Zweimal wurde der Hof geteilt und wieder zusammengefügt.  Ein inoffizieller Zusatz zum Familiennamen weist dem einigermaßen Kundigen einen Weg durch einen Stammbaum, der eher ein Gestrüpp zu nennen ist.  Lange Zeit war der Hof ein Unglückshof, wo die Männer starben und das Vieh fiel. Das Gerücht ging, der Hof stehe über einem Quecksilberbrunnen, und tatsächlich gibt es im ältesten Teil des Hofs eine kreisrunde Eisenplatte im Kellerboden, die niemand zu heben versucht. Was darunter ist, weiß schon lange keiner mehr. Zu seinen Lebzeiten aber prosperierte der Hof, was seiner Arbeit und der seiner überlebenden Brüder zu verdanken war. Eine Schwester gab es unter den sieben, die konnte auch arbeiten und fürchtete Tod und Teufel so wenig wie ihre Brüder. Der Quecksilberbrunnen, der jahrhundertelang an  Tod und Unglück schuld sein sollte, muss damals angesichts so viel jugendlicher Energie kampflos versiegt sein. Denn die Brüder waren jung, aus dem Krieg zurückgekehrt, wollten leben, arbeiten und ihre zerbrochene  Welt wieder zusammensetzen.  Der, von dem hier die Rede ist, hatte aus dem Krieg ein steifes Bein behalten, was ihn im Alter nicht daran hinderte, mit seinen Großnichten „Schieber“ zu tanzen. Er war ein „Apostel“, was mit Frömmigkeit nichts zu tun hatte, sondern damit, dass er und seine Brüder zu den zwölf jungen Männern des Dorfes gehörten, die den Krieg überlebt hatten. „Das rentiert sich doch nicht.“ pflegte er zu sagen, wenn man einen Vorschlag, der größere Ausgaben notwendig gemacht hätte, an ihn herantrug, und in den meisten Fällen hatte er Recht damit. Das Risiko war nicht seine Sache, lieber aß und schlief er gut. So verschwenderisch er mit seiner Zuneigung und seiner Freude am Leben  umging, so besonnen war er im Geschäftlichen.

Er starb an einem Tag wie heute, mitten in einem heißen August, mitten in der Ernte,  aus der Fülle heraus und nicht aus der Dürre. Seine Schwester, die weder Tod noch Teufel fürchtete, war meine Großmutter.

6 Gedanken zu “Landwirt

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