29. Juli 2018

Die Luft ist stumpf in der Stadt, und dabei wohne ich mehr oder weniger  im Grünen. Vorne der Friedhof, seitlich der Pfarrgarten mit großen alten Bäumen. Mein endlich einmal (fast) fertig bepflanzter Balkon lockt Hummeln, Bienen, Wespen, Meisen und Krähen an. Sogar Schmetterlinge scheinen dort ein temporäres Zuhause suchen zu wollen. Bis jetzt war der einzige Dauergast jedoch eine Raupe.

Um der Hitze der Großstadt zu entkommen, breche ich früh morgens zum See auf. Früh morgens ist relativ, aber auf jeden Fall klingelt der Wecker um fünf Uhr. Um sieben Uhr sitze ich im Zug, um halb acht fällt ein Baum auf die Gleise, weswegen die Fahrt per Schienenersatzverkehr fortgesetzt werden muss. Um halb neun bin ich am Zielbahnhof. Vorbei an einem Friedhof, auf dem ich nicht einmal begraben sein möchte, an Kuhweiden, auf die die Sonne brennt, hügelauf, hügelab, geschützt von einem roten Kopftuch. Ich begegne keiner Menschenseele, der erste Heuschnitt ist lange vorbei, die Kühe stehen schon auf der Weide, in den Wiesen ist erst einmal nichts mehr zu tun bis zum nächsten Melken. Rotschwänzchen jagen sich um die wenigen Bäume. Am Hof mit dem schönen Vieh beginnt der Waldweg. Ab da ist es kühl und schattig. Wildschweinspuren, ach nein, doch Menschen, mit einem Quad. Etwas oder jemand folgt mir, ein Reh, ein Mensch? Aus den Augenwinkeln meine ich, ein Wildschwein zu sehen, aber es ist dann doch bloß ein Baumstumpf. Das Rascheln neben mir begleitet mich bis zur nächsten Steigung. Abbiegende Waldpfade locken, aber ich habe heute nicht viel Zeit. Den Weg gehe ich sonst in umgekehrter Richtung. Der See ist blaugrün, an der Wiese, auf der in der Dämmerung sicher Rehe sein werden, bleibe ich stehen und versuche wieder einmal, mir vorzustellen, was der erste Mensch, der je in dieses Tal kam, gesehen haben mag. Die Brombeeren werden reif, noch ein, zwei Wochen und man wird sie pflücken können. Nicht ich, ich habe hier kein Heimatrecht und deshalb auch keine Brombeerstellen.

Der Wald setzt einem den Kopf zurecht, fast so wie das Meer. Schwierig nur, die Lektion im Gedächtnis zu bewahren, mitten im Großstadtalltag.

3 Gedanken zu „29. Juli 2018

  1. Während ich in der Sbahn sitze und auf den heißen Tag warte, kann ich wenigstens lesend mit dir zum See gehen.
    Die Stimmung die dich begleitete ist schön. Nicht einmal der Schienenersatzverkehr kann dir die Ruhe nehmen.

Kommentare (Bitte beachten Sie hierzu die Datenschutzerklärung)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.