Sich vom See entfernen

Es muss nicht immer der Blick auf den See sein, und so breche ich auf, das Hinterland zu erkunden. Kann irgendjemand Ortsnamen wie Niemandsbichl, Jäger auf der Ebene oder Mayer in der Eck widerstehen? In Niemandsbichl erinnert der noch erhalten gebliebene Sockel eines Wegkreuzes an einen, der hinging, aber nicht mehr herkam. Abgebildet ist der heilige Stefan, was darauf hindeuten könnte, dass der Vermisste oder Verstorbene Stefan geheißen hat. Oder vielleicht hat man nur gehofft, der heilige Stefan möge ihn besonders behüten. Man wird jedenfalls Gründe gehabt haben, die ich, da mir es mir an Kenntnis der örtlichen Gebräuche fehlt, nicht nachvollziehen kann.

Der Frühsommer verschönt jede Landschaft, so auch diese. Der Blick ist hier weiter als in Seenähe. Ich bin früh losgegangen, außer mir ist kein Wanderer unterwegs. Mitten in der Gegend steht ein Feuerwehrgerätehaus herum, was nur auf den ersten Blick unlogisch ist. Tatsächlich sind ja ringsum Aussiedlerhöfe, die längst abgebrannt wären, bis die Feuerwehr aus Gmund die Brandstelle erreicht hätte. Ein Mann scheint die Aufgabe zu haben, die Geräte zu überprüfen und ist der Dritte an diesem Morgen, der mich nach dem Woher und Wohin fragt. Sein „Du“ ist nicht das vielbeschworene  „Bergsteiger-Du“, sondern kommt ganz natürlich, und deshalb ist es sogar mir, die ich mitunter Duzer frage, wann und wo wir miteinander die Schweine gehütet hätten, nicht unangenehm. Er empfiehlt mir für das nächste Mal einen landschaftlich noch schöneren Weg. Für dieses Mal richte ich mich jedoch nach den Wegweisern, denn ich bin ja bekanntermaßen ohne Orientierungssinn geboren. Hofhunde, Raubvögel, ein Storch und (möglicherweise) Kolkraben begegnen mir. Walderdbeeren wachsen am Wegrand. Ich überlege, ob es in der Gegend eigentlich Kreuzottern gibt und vertraue darauf, dass eine derart ungeschickte und unerfahrene Wanderin wie ich genug Lärm macht, dass die geräuschempfindlichen Reptilien das Weite suchen, bevor ich sie auch nur sehen könnte.

Ebenso wie die Feuerwehr ist auch die Religion dezentralisiert: der praktische Nutzen der meist etwas entfernt von den Gehöften gelegenen Kapellchen, Wegkreuzen und Bildstöcken geht mir später auf, als mir ein alter Mann entgegenkommt, für den die Pfarrkirche wohl zu weit entfernt ist und der einen der heiligen Anna selbdritt geweihten Bildstock aufsucht, um dort sein sonntägliches Gebet zu verrichten. Die heilige Anna hält in einem Arm das Jesuskind und im anderen die gleichgroße, sehr jugendliche Maria. Das schönste Wegkreuz steht aber schon an der Zufahrt zu den beiden Waldhöfen und trägt die Inschrift A. und S. St. 1946. Hat man solche Kreuze vielleicht auch anlässlich einer Hochzeit errichtet, und hat hier ein Paar vielleicht Kriegsende und Rückkehr aus der Gefangenschaft abwarten müssen, um heiraten zu können? Das Kreuz, verziert mit auf Holz gemalten Rosen, scheint jedenfalls zu jubilieren.

Grund, wo die Jägerschlacht stattfand, ist schön und immer noch unheimlich. Mir kommt dort der Gedanke, dass es vielleicht nicht klug war, allen Fragenden bereitwillig Auskunft über mein Ziel und den geplanten Weg  zu geben. Aber meine Reize halten sich inzwischen in Grenzen und wenn mir jemand gefolgt wäre, hätte ich es bemerkt. Der Rückweg führt an einer Kläranlage, einem Fischereibetrieb und einer Papierfabrik vorbei. Ich bin mir nun nicht mehr sicher, ob ich in der Gegend Fisch essen möchte. Einige Gebäude jedoch erzählen von früher Industrialisierung, die sicher dem einen oder anderen, der keinen Hof zu erben hatte, ein Auskommen bot. Die Brücke über die Mangfall wird überprüft und ist eigentlich gesperrt, was auch schon Kilometer zuvor angekündigt war. Allerdings habe ich dank meines Mangels an Ortskenntnis angenommen, eine andere Brücke sei gemeint. Ich schleiche hinter den in ihre Arbeit vertieften Männern vorbei. Wenn die Brücke deren Wagen trägt, wird sie auch unter mir nicht zusammenbrechen. Ein Radfahrer scheint ähnliche Gedanken zu haben, aber auch er wird weder aufgehalten noch zurechtgewiesen.

Wieder in Gmund angekommen, reicht die Zeit leider nicht mehr für das Nach-Wanderungs-Eis. Unter wolkigem Himmel nehme ich den Zug in Richtung München. Regnen wird es, wenn überhaupt, erst später, hier wie dort.

Wanderweg: Großer Rundwanderweg Gmund

 

2 Gedanken zu „Sich vom See entfernen

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